Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 3 (19.1.1933)
- Date
- 1933-01-19
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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19. Januar 1933 Frankfurt a. M„ Len 21. Tebet 5S9, Begründet von Dr. Lehmann in Mainz. a es Abonnement ab Juli 1929: Deutschland ILO Mark monatlich: Ausland: Viertel» tahrpreise (entsprechend dem deutschen Inlandspreis zuzüglich Kosten »es Streifband-Versandes) Deutsch-Q ^erreich: Schilling 8.—; Amerika 1 Dollar; England 8 sh>; ab 1 Juli Frankreich 25 Fr.; Belgien ab 1.7.87. BelgaS. Holland 3fl.; Italien ab 1.1.88.18 Lire; Iugoslavien 55 Din.; Litauen 7L0 Ltt.; Rumänien ab 1. 7. 27. 150 Lei; Polen 4 deutsche Gold» mark zum Tageskurs oder 7 Zloty: Schweiz 5 Fr.; Tschecho-Slowakei 25 Kronen; Ungarn Pengo 5 ab 1. Juli 1927; Dänemark 8.50 Krön.; Norwegen 3.80 Krön.; Schweden 3.50 Krön. Einzelnummer vierzig Toldpfennige. Der Israelit erscheint jeven Donnerstag. Inserate SO Golvpf. für die flebengespalten» Nonpareille-Zeile. Abonnenten zahlen bei Stellengesuchen und Familienanzergen nur 40 Pf. 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M. SB a» Ost und West im Ringen um jüdische Erziehung. Von Dir. Dr. IR. Elias in Frankfurt a. IN. l. Die vorkriegslage. In einem Aufsatz über das jüdische Crziehungsuvesen des Ostens hatte De. Weinberg im Ieschurun 1914 beachtenswerte Ausführungen gemacht, an denen .auch die jüdischen Schulmänner des Westens nicht Vorübergehen konnten. Der Westen hat, wie er mit Aecht betonte, alles Interesse daran, über die Versuche .zur Reform des Schulwesens im Osten, über ihr Ergebnis oder ihr Scheitern, ihre Aussichten oder ihre Hemmungen sich zu orientieren. Im Mittelpunkt der Reformversuche standen Fragen, die uns vielleicht nicht so wichtig erscheinen, dort aber bedeutsam sind, wie die der Unterrichtssprache, ob sie hebräisch, polnisch oder jiddisch sein soll, oder des profanen Unterrichts in den Elementen der Volksschulbildung. Für die Maskilim und die Polen mosaischer Konzession (entsprechend unseren Liberalen) existierte die ganze Frage nicht. Sic wollten das Eheder nicht reformieren, sondern verschwinden lassen. Aber für die Gesetzestreuen war die Frage um so schwerer, als der Blick auf die änderen Richtungen, ihre Erziehungsziele und Erziehungsergebnrsse notwendig auch das Urteil über ihre moderneren Unterrichts- und Erziehungsmethoden bestürmte. Im alten Eheder, dem einfachen und erst recht dem Talmudcheder, war der profane Unterricht ganz ausgeschaltel. Die Unterrichtssprache war jiddisch. Heber Methoden zerbrach man sich nicht lange den Kops. Die 'Methodenlosigkeit war offensichtlich die beste Methode, über die am wenigsten geklagt werden konnte. Denn .alle Methoden waren in ihr enthalten. Auch der Melamedvirtuose erhielt seinen Ruf auf Grund von'Erfolgen und nicht auf Grund von Methoden. Routinierte Kräfte waren allenthalben zu finden, aber nicht .geschulte. Wer Melamed sein wollte, wurde es. Darüber ging das Ansehen zuerst des Talmudcheders, dann auch des anderen Eheders immer mehr zurück. Ueber die Frage öes weltlichen Unterrichts, der sich als notwendig erwies, herrschte zuletzt, besonders in den Großstädten Polens und Litauens, die 'größte Verwirrung. Reformchedorim konnten sich gegen den widerstand der Rabbiner und Ehassibim nicht halten. Die hygienischen und pädagogischen Mängel -des alten Eheders machten stch immer mehr fühlbar. 'Der Unterricht lag schließlich in den Händen von .'privatmelamdim. Die Gesetzestreuen sahen sich vor unlösbaren Problemen. Aber auch diejenigen, die über manche Bedenken der Gesetzestreuen hätten hinwegsehen und an eine Reformierung herantreten wollen, mußten sich die Schwierigkeiten eingestehen, wie sollten brauchbare Melamdim für den Dienst in modernen Ehedorim Herkommen? was sollte mit den Massen brotlos werdender Melamdim vom alten Schlage werden? wie sollte der Gegensatz zwischen heiligen und profanen Wissensfächern ausgeglichen werden? Sollte und konnte man es wagen, Ehedorim öffentlich zu machen (vergemeindlichen)? In dem erwähnten Aufsatz unterstrich Weinberg die Problematik der Versuche, setzte sich aber schließlich für eine gemäßigte, vorsichtige, allmählich erweiterte Reform ein. profane Wissensfächer sollten, soweit es das Leben und die pamosso verlangt, zugeführt werden, aber dabei grundsätzlich andere Wege cmgoschlagcn und andere Ziele verfolgt werden wie im Westen. Den Wesensunterschicd zwischen „Bildung" und Iüdischkeit hielt er für fundamental, das Fundament jüdischer Erziehung im Osten für viel zu fest, um nicht in der westlichen Basis eine unnötige Schwächung zu sehen. Dr. wohlgemuth bat damals im einzelnen mau-\ chcs an den Ausführungen Weinbergs auszusetzen; gehabt, vor allem ‘ konnte ec die Selbststcherhcit der - östlichen Führer mit Bezug aus ihr (niederes) Schulj wesen nicht billigen und die Festigkeit ihrer Funda-! mente nicht zugeben. Darin gab er ihm recht: Der! westliche weg ist für den Osten nicht ohne weiteres! gangbar. Im Prinzip aber hielt er die Rotwendigkeit J der Berührung mit Lildungselementen der Umwelt: überall für notwendig, nicht nur aus dein Zwang der Verhältnisse, sondern auch zur Erhaltung der Iüdischkeit. profane Bildung hielt er für den Osten so notwendig wie für den Westen eine engere Verknüpfung mit der Thora. Die Auseinandersetzung fand natürlich auch im Osten ihren Widerhall, aber ein praktischer Erfolg war ihr nicht beschieden. Die Burg schien uneinnehmbar. Klan tröstete sich schließlich über die unleugbaren Klänge! des alten Eheder mit dem Gedanken, daß es noch immer auch viele Vorzüge habe. Um diese nicht zu gefährden, ließ man alles beim alten. H. O e st l i ch e Erziehung von heute. Der Weltkrieg ging über die Bedenklichkeiten der Vorkriegsgeneration hinweg, überflutete die Länder und Gemeinden und stellte ihrer Erziehungsarbeit so gewaltige Aufgaben, daß man verstand: Außerordentliches ist zu tun, denn Außerordentliches steht auf dem Spiel. Längst ist der Stein ins Rollen gekommen, eine tiefe Bewegung hat Führer und Massen ergriffen. Drei Schriftstücke sollen davon zeugen. Du ist zuerst das Programm für Ehedorim und Talmudthoraschulen, das vor Jahresfrist im Auftrag des „Keren Hathora" der „Agudas Iisrocl" von A. S. Friedman n herausgegeben wurde. „Ordnung und Programm bestimmen den lebendigen Geist des Crziehungsgebäudes". Dieser Satz aus der Einleitung darf nicht nach hiesigen Erfahrungen gewürdigt werden. Hierzulande sind Schulordnungen vielfach zu bloßen Blättern Papiers geworden, die von der Behörde diktiert und für sie frisiert werden; um Leere und Armut zu verdecken. Dort ist es anders. Klan merkt bald: hier ist ein starkes Streben am werk, eine ursprüngliche Lehrerschaft, eine allem Jüdischen mit Selbstverständlichkeit hingegebene Elternschaft, die sich mühen, die Fülle und den Reichtum des Gebotenen in Form zu bringen, und der Aufnahmefähigkeit der einzelnen Klassen entsprechend darzubicten. Reben den heiligen Lildungsgütern wird in 12 Stunden profaner Unterricht vorgesehen; letzterer wird polnisch, hebräische Sprache und Schrift hebräisch, alles andere jiddisch erteilt. Reben Siddur, Pentateuch und Talmud kommt auch TK'nack. und nachbiblische Geschichte zu ibrcm Recht. ' ' ' Auf der untersten Stufe wird alles noch kindergartenmäßig behandelt: Klan erzählt schöne Geschichten aus Talmud und Midrasch, spielt und unterhält sich mit den Kindern über die Dinge und Menschen ihrer Umgebung. Der Geist pädagogischer Reform, pädagogischer, echt jüdischer Liebe zum Kind und zur Zukunft leuchtet aber am schönsten aus den letzen beiden Kapiteln des Programms hervor. Richt die Menge soll fürder den wert des Unterrichtes und die Form des Zöglings bestimmen, sondern der Geist, in dem er gegeben wird, und zu dem er führt. Die pflege der Diktion wird mit Rachdruck allem Unterricht zur Pflicht gemacht. Spontaneität und geistiges Interesse soll gepflegt und geweckt werden, Pünktlichkeit und Sauberkeit anerzogen, Schläge verpönt, auf äußere Erscheinung vor Eltern und Kindern besonderes Gewicht gelegt, die pünktliche Einhaltung der Zeiten und Stunden für Unterrichtsbeginn und -Ende kontrolliert, die Vorbereitung des Lehrers für jede Stunde gewissenhaft vorgenommen und der Lehrer nicht nur nach seinem Wissen, sondern vor allem nach seiner Persönlichkeit gewertet werden. Aller-Unterricht und jede Prüfung muß planmäßig aufgezogen werden.