Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 2 (12.1.1933)
- Date
- 1933-01-12
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 Nr. 2 Der Israelit 12. Januar 1933 nach Korrektur. Alan kommt diesem Aus nach: durch das „Fasten für den Trau m " , wie es die Weifen vorgesehen. 'Habbi Rosson hielt viel auf solches Traumfasteitz zum Zwecke der Cinkehr, des seelischen Reimnachens . . . Reim Fasten nach d Lese m Traume konnte er nur eine in Gedanken nachspüren: Warum hatte er Mosche zurückgewiesen, zurückgelassen? Wie anders wäre seine Stimmung jetzt, wenn er aus dieser trüben Fahrt den Jungen bei sich hätte, mit ihm von Mainz, von Rabbi Schiss und vielen, vielen Dingen, die ihn beschäftigten, bedrückten, sprechen könnte! Cs schien ihm schon beinahe Sünde, nur aus Ligenlicbe jetzt au den jungen Freund zu denken.- Oberhalb des Holzgrabens stieg der weg so mächtig an, das; der wagen auf dem glitschigen, halbgefrorenen, halb schlammigen Roden mehr nach hinten rutschte als vorwärts kam. Die Räder hakten sich in den aufgewühlten Schlannnhaufen fest und Jahns müde Gäule standen mit der „Nachgiebigkeit des klügeren" still, machten gar keine 'Anstalten, den Kampf gegen die Tücken der Natur aufzunchmen. Jahn, die peitsche im Gürtel, stieg ab, schob an dem. Wagen herum, zerrte an den Tieren, versuchte in Güte und in Strenge mit ihnen zu verhandeln, stieß die saftigsten Flüche aus, die das Frankfurter Fuhrmannsdeutsch aufzuweisen hatte, und nun er einsah, daß weder Flüche, noch Gebete die verfahrene Situation retten konnten, weckte er den Schlafenden auf dem Bocke. „Re, Tobl Hörst du nicht, Taxis? Ich gehe ins Dorf und hole mir Hilfe, Menschen oder Gäule. Wir bekommen allein den Karren nimmer aus dem Dreck und sind zum Advent noch nicht in Würzburg." Tob nickte stumm, verstehend, bejahend oder in Visionen des Traumes. Jahn ging. Ls dauerte etwas lange, denn es war inzwischen ganz Rächt geworden, das Dorf lag etwas weitab, und überdies war auch eine Wirtschaft am Platze. Von brummigem '„Muh Muh" begleitet, kam nach einer Stunde Jahn angetrabt. An der Laterne des Fuhrmanns erkannte Rabbi Rosson zu seinem Schrecken K ü h e. Cr hatte, berichtete Jahn, keine Gäule im Dorfe auftreibcn können, glaube aber, daß es der Ochse und die Kuh als Vorspann zusammen mit den Gäulen ebenfalls packen. „Haiti", bat Rabbi Rosson, „ich muß erst aussicigcn." „Ihr könnt ruhig sitzen bleiben," sagte Jahn entgegcnkonm'.end, „die vier Tiere packen es schon und das Gewicht eines kleinen Iudenrabbi macht nicht viel aus." Aber Rabbi Rosfon war, die heilige Rolle in der Hand, schon unten. „Ich komme euch zu Fuß nach," sagte er, „wenn wir oben sind und der Vorspann abgekoppelt ist." „Wie ihr wollt" fügte sich der Fuhrmann und dachte sich sein Teil über den dummen Indenrabbi, der durch die finstere Rächt über die holperigen Steine und den gefrorenen Schlamin tappen wollte, statt sich bequem im weichen Wagen tragen zu lassen. Rabbi Rosfon stieg aber noch' eimnal auf die Achse des Wagens und rüttelte Tob, den Bricfboten, aus dem Schlummer: „Aust Reb Tobias, steigt ab!" Der Briefträger, der nicht gewöhnt war, mit „Rabbi", auch nicht einmal bei seinem richtigen Kamen, sondern zumeist spöttisch mit „Taxis" angeredet zu werden, sah verwirrt und schlaftrunken auf. „Was ist, warum, wieso." „Cs kommen Ochs und Kuh zu den Pferden, Reb Tobias." „Und was dann?" „Seid ihr kein Jude, Heb Tobias?" wunderte sich Rabbi Rosfon mit einem milden verweis. „Aber ihr seid sehr müde und verschlafen, darum fragt ihr so. Gewiß wißt auch ihr von dem Verbote der Thora, Pferd und Ochse zusammenzuspannen. Freilich sollte es ein Jude auch im Schlafe wissen," konnte Rabbi Rosfon den leisen Vorwurf doch nicht unterdrücken. „Wo spanne ich d e n n was vor?" brummte Tob zwischen Gähnen und Schnarchen. „Ich spann' ja nicht, ich schlafe und kann doch nicht im Schlafe ein Gebot der Thora übertreten." „verboten für jede Rutznießung, lieber Reb Tobias. Wenn der Wagen mit R'tischtieren bespannt ist, dürft ihr darin weder sitzen, noch fahren, noch schlafen. Ich darf als Jude, der für die Tat des jüdischen Bruders mit verantwortlich ist, auch euch nicht schlafen lassen. Kommt, ich helfe euch." Cr drückte ihm seinen Reisesack in die Hand. Cr selbst trug die heilige Rolle. Cin wenig schmeichelte dem daheim in die unterste Reihe gehörenden Alaun doch der „Reb Tobias" und der „Bruder". Cr stieg unwillig und schwerfällig ab. Der helmartige Amtshnt auf dem Kopfe wackelte imn'.er noch ein wenig in den letzten Ausläufern der süßen Träume. Jahn hatte es endlich so weit, daß die vier Tiere mir gemein saurer Kraft seinen Wagen in Beweguirg setzten. Cr rollte sehr langsam und schwerfällig den Berg hinauf. Rabbi Rosfon und der Briefträger gingen Schulter an Schulter, tappten durch die Rächt, stolperten über Steine, Baumstämme und gefrorene Kothaufcn. Tob fror, rieb sich die Hände und stammelte etwas von einer Schinderei, bei der Kälte sich die Füße wund zu laufen, wenn man den Wagen mit gutein Gelbe bezahlt hat. Rabbi Rosson nahm ihn an der Hand: „Wißt ihr, Rabbi Tobias, ich bin so froh und glücklich, mir ist cs so wohl und warm zumute, daß ich singe n und tanze n könnte! . . ." Tob sah, so weit es die Dunkelheit zuließ, seinen Begleiter groß an. Tanzen! Cs fiel ihm ein, daß er schon einmal im Leben, sogar öfters, getanzt hatte. Anders als es der Rabbi meinte. Zum Beispiel dort im Kruge zur „Roten Rase" im Frankenlande, und so . . . 'Aber er wagte gar nicht, weiter daran zu denken in der Rähe dieses heiligen Alannes. Cs war gut, daß die Rächt so dunkel war, er hätte sich gewiß geschänrt, ihm ins Gesicht zu schauen. Warum sollte aber dieser sonderbare Heilige singen ustd tanzen, da sic frierend und stolpernd mit wankenden Knieen und wunden Füßen durch die dunkle Rächt hinter dem Pferde- und Ochsenkarren von Jahn hergingen? '„Höret, Rabbi Tobias," — Rabbi Rosson hielt ihn fest an der Hand und seine Füße bewegten sich dabei so leicht, als tänzelte er wirklich, tanzte mit der Thora in der Hand, wie am Feste der Thorafreude, -— „höret, wie ich so allein auf dem Hintersitze döste, dachte ich daran, wie viele Ge- und Verbote es doch gibt, die für uns Stubengelehrte in der stillen Klause gar nie in Frage kommen. Fast beneidete ich euch, Reb Tobias, daß ihr so viel herumkommt und auch immer von neuem Gelegenheit habt, an Sünden vorbeizugehen, die unsereinem gar nie in den Weg treten." Tob schämte sich ein .wenig der guten Meinung, die der Rabbi von ihm hatte, und nahm sich etwas vor ... „Ra ja, das Tanzen," dachte Tob widerwillig und sah weg. Aber Rabbi Rossons Rede war nicht zu Cnde. „Seht ihr, Reb Tobias,'da steht in der Thora geschrieben, man solle nicht Ochse und Cscl oder sonst verschiedene Tiere zusammenspannen. Wann hätte ich in meiner Klause in der Frankfurter Iudengasse Gelegenheit gehabt, ein solches verbot zu beachten? Run kann ich 5 u in c r st e rr M a l i n meine m Lebe n auch dieses Gebot erfüllen. Ich sage euch, Reb Tobias, jeder Schritt eine Wonne, ein Aufstieg zu den fünfzehn Stufen des Altares. Ich könnte dabei tanzen, die Stufenlieder singen." Und wirklich sang Rabbi Rosson, die Thorarolle hochgehoben, die Psalmlieder Dawids, für die fünfzehn Stufen des Altarcs bestimmt, Wie ein Lewite, nein wie ein Priester, cin Hoherpriester sang er mit wohllautender Stimme. „Cin Stufenaesang! Ich erhebe ineine Augen zu den Bergen, wo kommt mir Hilfe her? Meine Hilfe kommt von G'tt, dem Schöpfer von Himmel und Crde. . . . wie freue ich mich, da sic zu mir sprechen, ins Haus G'ttes wallen wir . . . Cin Stufengesang von David! Siehe, es loben G'tt alle Diener G'ttes, die da stehen im Hause G'ttes in den Rächten. Cs segnet dich G'tt aus Zion.-" Aus verschütteten Gründen frühester Chederjugend hatte sich bei dem Briefträger etwas losgerisscn. Cr hielt die Hand des Rabbi fest und sang mit, sang mit rauher, lauter Stimme, denn viel Staub und Kruste mußten sich lösen und abfallen von jenen reinen Ouellcn der goldenen frommen Kinöcrzcit . . . Zwei Männer, nach Abstammung, Bildung und Denkart wcltenweit voneinander entfernt, gehen Hand in Hand durch die finstere Rächt, einen Reisesack hält Ich bitte meine werten Kunden mir für das Geschäftsjahr 1933 ihr Vertrauen weiter z:i erhalten! Alten und neuen Kunden stehe ich für Aufgabe von Anzeigen aller Art zu Originalpreisen für Tages- und Wochenzeitungen ■ gern zur Verfügung, wofür ich auf Wunsch kostenlose Entwürfe anfertige JULIUS SCHMIDT ANNONCEN-BÜRO Frankfurt a. M., Ostendstrasse 83 Telefon 45866 der eine, der andere schwingt die Thorarolle, und beide singen Psalmen; hinter einenr Karren, der, mit Pferden und Kühen bespannt, sich schwer und langsam den Bcrg hinaufschleppt. (Fortsetzung folgt.) Zwischen Zeilen und Welten. Am Rhein hinunter ging die Fahrt. Ein srostklarer Ianuarmorgen 'gab weite Sicht. Zum Fenster herein leuchtete Rauhfrost, und eine'leichte Schneedecke schützte wohltätig' die Rebhügel. Vereinzelt trieben Eisschollen auf dem Strom, den da und dort ein Fischernachen mit großem Geschick querte. Ich saß im angenehm durchwärmten Abteil ganz allein. Da hatte ich so recht Muße, über den schönen Abend nachzudenken, den im Hause des Herrn ... zu verleben mir gegönnt gewesen. Ich war in einen Kreis von Männern gekommen, den Thorawissen und Thoratreue zu inniger Freundschaft verbanden. So muß es, sagte ich mir, in jener Runde gewesen sein, welche um Samson Raphael Hirsch sich sammelte. Das jüdische Frankfurt, wie es geschichtlich eine uralte Gemeinde ist. besitzt Tradition. Immer, wenn die Zeltlage es erforderte, farrdte ihm der Ewige Persönlichkeiten, welche das Judentum mit dem fließenden Leben zu vereinbaren verstanden. Die Herren unseres Abends nun arbeiteten an der Lösung einer großen Frage; das war die der Vorbereitungen zu Agudas Jisroel: es handeltezich um die Gründung einer Weltorganisation, welche geeignet sei. fußend auf dem Boden der Thora eine Lösung der der gesamten Judenheit gemeinsamen idealen und sozialen Aufgaben herbeizuführen. Das Talmudstudium in den Schiurim schärft den Denkensablauf, es übt in der Diskussion und übt den Geist für das rasche Erfassen von Rede und Gegenrede. Noch heute sind die Weisen die Lehrmeister in der Dialektik; das erkannte ich an dem Abend. Die damals gestellte Aufgabe reifte zur Lösung. Im Jahre 1912 konnte Agudas Jisroel gegründet werden. Zwanzig arbeitsreiche Jahre hat sie jetzt hinter sich. Manches treue Gründungsmitglied ist inzwischen heimgegangen zum ewigen Frieden, und neue Männer traten in die Reihen, das Werk fortzuführen und aufzubauen . . . Vorbei an Koblenz mit dem Deutschen Eck, an Siebengebirge und Bonn, dann fuhren wir in Köln ein. Ich stieg um nach Düsseldorf und landete schließlich bei meinem lieben Freunde Judäus. Ihm konnte ich gleich von mer. Anderntags beschaute ich mir zwischen hinein die Stadt, fand ehrwürdige alte Bauten und neuzeitliche Anlagen. Nach Düsseldorf ging es zurück. Bei einem braven Speisewirt, den Judäus kannte, kehrten wir ein. Wir wurde gut verpflegt. Nebenbei bemerkt: auf Anweisung von Judäus bekam ich köstliche Gerichte, die mir fremdartig, angenehm von der durchschnittlichen Hotelküche sich unterschieden: sie paßten gut zu dem lieblichen rheinischen Wein, den wir tranken.. Und nun kam ein Erlebnis, interessant für mich wie selbst für Judäus. Als wir nach Tisch bei Kaffee und Zigarre saßen, frug der Wirt, ob er uns einen Herrn vorstellen dürfe, der seit einigen Tagen bei ilnn wqhnte. Es war ein Rabbi aus Rußland. Seine untersetzte Figur kleidete vorteilhaft ein talarähnliches Gewand mit Seiüengürtel: auf dem Haupte mit dem dichten weißgrauen Haar saß eine hohe schwarze Mütze; das scharf gezeichnete Gesicht umrahmten Schläfelocken und ein 'langer weißer Bart. Alles an dem Mann zeigte Sauberkeit und Gepflegtheit. Er sprach gutes Deutscksimit etwas fremdartigem Tonfall. In Verfolg des Auftrages eines Verbandes seiner Heimatstudierte er die westlichen Verhältnisse. Ueber sein Land erzählte er von viel Leid und Not; aber auch Lichtblicke gab es, neben manchem Abfall rührende Beispiele bester Emuna. Uns beiden war unbegreiflich, wie noch in unserer Zeit ein ReligionsbekenntillS die Quelle fein kann für solch schwere Bedrückung, Rayonzwang, sogar blutige Verfolgung der Bekenner. Wir sahen es dem Rabbi an und empfanden mit ihm, wie wohltuend es ihn berührte, bei uns in Deutschland ungestört Jude sein zu dürfen ... I. W. j dem prächtigen Abend in Frankfurt erzählen. Das ergab! anaeregte Unterhaltung in dem traulichen Studierzim¬