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Der Israelit · 1933-01-12 · Heft 2 (12.1.1933) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
74 (1933)
Issue
Heft 2 (12.1.1933)
Date
1933-01-12
Page
– (sequence 9)
Language
German
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oriiiHV“. >••11', - ■■hl j!'.■ ..-. <';.?• - r-;? :vi '!i'• ’!, i -: 7; Licht aus dem Westens; Erzählung aus der Zeit der Ghettodämmerung. (Fortsetzung.) m 1 ' " - IX. - ' Auf der Fahrt nach Boskowicz? . - Den-, zwischen den weißgraueu Hügelketten der 2khön schmal aufsteigenden Weg schleppt sich schwer und ^-Mühsam ein kleines Gefährt hinauf.. Cs liegt;'in der .--tt.'Hochebem nicht «genug Schnee für, Schlittenfahrt,- aber •;» die Straße ist doch zu verharscht und,festgefroren. für das brüchige Wägelchen Jahns, des Frankfurter Fuhrmanns. Die Achsen ächzen und die Räder knarren, als wollte das ganze Gestell auseinanderreißen, . so oft es über die-kleinen Gletscher oder chartgefrorenen Hügelchenholpert.'' Die.,zwei -Klepper, die den--Wägen auf diesem Dornenweg zu ziehen haben, sind von kaum besserer Dualität als der Wagen selbst. Jahn im langen Soldatenmantel knallt mit der peitsche, .muntert seine Braunen auf und treibt -sie mit „Hü..Hott" an, aber, sie lassen sich aus ihrem Trott nicht bringen, und Jahn weiß, daß wenn sie einmal'ihre-Vorderbeine strecken und sich lang auf den glitschigen Boden Für Ruhe hinlegen, sie nicht so bald wieder aufstehen. Er läßt sich und ihnen daher Zeit. Cr weiß, eg geht aufwärts nicht forasch wie abwärts. Schließlich kommt man. doch .vorwärts. Rur - daß der Kreuzberg, den -man bereits feit, einer. Stunde steht, gar. nicht näher kommen will. Auf dem Locke-bei Jahn sitzt/T o b, der Briefträger der Frankfurter Gasse, auch Taxis genannt- Cr hat eine große Tasche aus grauem Segeltuch schief über seine verschlissene Amtsjoppe mit den Messingknöpfen wie eine Schärpe hängen, und der hohe, harte helmartige Amtshut, der etwas deplaziert auf dem jüdischen Hinterkopfe sitzt, macht alle schüttelnden Bewegungen des Wagens Mit. Botendienste führen ihn nach würzburg und noch weiter ins Bauernland hinein, und er muß Vorschlafen für einige Rächte, die er zu fahren oder zu wandern hat. Cs ist ihm so' wohl, wie einst als Kind in der Wiege, von der Mutter mit einem Liede geschüttelt, obschon er von Zeit zu Zeit fröstelnd zusammenfährt: - ^Den Hintersitz nimmt als einziger Pass agier Rabbi Rosson ein.'Cr Mt auf einciii prallen Strohsack, seine große Reisetasche liegt ihm-zü Füßen?'M Arm hält er, in Mäntel und Tücher eingehülli, seine selbstgeschriebene Thorarolle, behutsam wie ein schlafendes - Kind. Cr fährt über Bayern den böhmischen Wäldern kzu? Was . und wo Loskowic'z ist, weiß er immer'noch nicht recht. Cr hatte es verschmäht, mit der bequemeren Postkutsche zu fahren und sagte nicht warum. Alan vermutete, wegen des Polsters, auf dem zu sitzen, er, im Gegensätze zu der Meinung anderer Lehrer, religiöse Bedenken hatte. Vielleicht aber fühlte er sich mit seinem Kleinod, seiner heiligen Rolle, in einem kleinen Privatwagen sicherer und geborgener als in der stets vollgefülltcn Postkutsche unter fremden, zumeist nichtjüdischen Menschen. Rabbi Rosson iß; in tiefe Gedanken versunken, wohin und wozu ging er? War das wirklich ein gütlicher Ruf an ihn wie an Vater Abraham? Diese Frage, im Mittelpunkte vieler, bunter und krauser Gedanken, füllt jetzt seine ganze Seele aus, so daß er die schwierige holperige Fahrt durch den kalten Spätherbstnachmittag kaum verspürt. . Cr hatte sich allein aus den Weg begeben. Seine gute Rechle war zunächst daheim geblieben. Daheim! Cr ertappte sich bei diesem Worte wie bei einem Zweifel an der neuen Mission. Daheim war er doch in Frankfurt, trotz allem und allem. Die Heimat'war hinter ihm» dort, wo sein-treues Weib,- seine kostbaren Bücher, seine lieben Freunde und Schüler geblieben waren. Daheim! Cr hatte Schlimmes und Schweres in seiner Heimatstadt erfahren. : Die hinter - grauweißen Gipfeln sich senkende Sonne, der langsame Trab der Pferde, das wehmütige Knarren' der Räder, unter-, brochen vom hellen Knallen Jahns, das laute Schnarchen Tobs, all das' regte' geradezu zum Nachdenken an, zür >,Selbstrechnung der Seele-? wiees die alten Moralbücher nannten. Cr! wollte -sich sticht' schonen? nichts vertuschen und nichts beschönigen. Kleine Iugenderlebnisse kamen ihm in den Sinn, die zur Einkehr mahnten. Wer hatte nicht einmal im ®ei(!e iivi n d e stens gesündigt?-. Artch wort und Tat hätten hie und da anders-fein können. Aber wann und wo eritt Frankfurt mit seiner Person Anlaß gegeben hätte'zur Anfeindung und Verfolgung, konnte er bei allem angestrengten Rachdenken, bei aller scharfen Selbstprüsüng nicht herausbekommen. Aber 'die Schüler!. Hinter diesen wurden, wie aus einer dunklen Festung, die Pfeile gegen ihn abgefchofsen. Man sagte ihm nach, er kenne seine Schüler nicht, alle, habe zuviel stlachsicht mit ihren Verfehlungen? Ja, Verfehlungen? sagten sie, und konnten doch nichts beweisen. D,iese Iungens bildeten eine Schutztruppe umihn, weil sie ihn für so wehrlos hielten, nahm'en alle Schmähungen und Verwünschungen» die letztens ihm selber galten, willig auf sich! Ihm war es nicht gegeben,, seine Lehren und Ideen auf die Gasse zu tragendste, die Schüler, taten es, mit mehr jugendlichem Uebereifer zuweilen als gut. wür. Daß sie mehr.als das taten, konnte und wollte er .einfach nicht glauben. Denn er hatte ihm zugetragene Klagen und Anklagen, ob gegen Freund oder Widersacher, niemals bis zu- Cnde angehört Wie sagte ihm doch einst sein Freund, Rabbi pinchos: „Vater Iizch.ok konnte unter seinen eigenen Kindern den Guten von dem Lösen nicht unterscheiden. Warum? Weil, er, auf dem Altars liegend, zu hoch in den Himmel, zu sehr zu den .Engeln hinaufgeschaut hatte. Wie konnte er dann noch ein Auge haben für die Ccöe und.die Menschen darauf? Euer Blick'geht zu hoch in den Himmel und zu den Engeln, darum seid ihr blind für die Menschen und Dinge unten in eurer nächsten Rähe." Das. hatte Rabbi pinchos gesagt. Cs steht auch im Midrasch, so wird es auch währ sein. Aber auf sein en Fall angewandt, schien ihm das nicht ganz zu stimmen.? . Cs war wohl, so, däß er mit dem . Plakate an der'Türe seines Hauses, das all, sein - Eigentum als Freigut erklärte, damit sich keiner in seinem Hause des Diebstahls schuldig machen konnte, ein solch unsichtbares Plakat auch au die Pforte, seines inner e.N Lebens gehängt hatte . . Er gab .Kränkungen und sich .den' Menschen' .preis. Verunglimpfungen konnten ihm, nichts nehmen. den Cr hatte, einen eisernen Vorhang vor der Seele, er fest zusammenzog, so oft Kleinheit und Gemeinheit durch die Türe seiner' stillen Klause zu ihm dringen wollten. Sein Innerstes und Tiefstes blieben von all dem unberührt. Also hatte er keinem was zu verzeihen. ‘ - Am wenigsten seinem Freunde und dem von ihm als überlegenen Geist angesehenen Rabbi pinchos. wie herzlich und voll des tiefen ehrlichen wehes hatte er sich von ihm am Wagen verabschiedet, wo alle Freunde, aber auch viele, die er nicht für solche hielt, versammelt waren. Cs gab auch Tränen. Alle wünschten ihm laut gute Fahrt und Glück für die künftige Aufgabe. Viele riefen schluchzend: „Seid uns manche! (verzeiht), Rebbe!" was hatte er ihnen zu verzeihen? Vielleicht war es aber selbstgerecht, so zu denken. Cr hatte durch seine Absonderung Anlaß zur Verkennung gegeben und war somit an den Sünoen der anderen, hervorgegangen aus jener Verkennung, ein wenig mitschuldig ... Zur Buße hatte ihn vielleicht jetzt G'tt aus der stillen Einsamkeit heraüsgerissen und in die weite Welt geschickt, daß -er mitten unter .hen Menschen, als ihr bestellter Führer, jene passive. Schuld sühne und tilge, wird es ihm gelingen? Wie wird die Zukunft sein? Hinter den Kreuzb.erg senkte, sich die Sonne? Kalter Rebel schwamm-in der.-Luft und-verdunkelte die-Sicht. Cs war doch gut, mußte er jetzt denken, daß-Mosche Sofer in diesen unruhigen Jahren aus den wogen -des Kampfes heraus war und im ruhigen Mainz weilte, vielleicht hatte dieser Grund bei ihm unbewußt mitgewirkt, als er ihn damals fortschicktc ... Cs wurde ihm ordentlich warm ums Herz, als der Rame Mosche vorseiner Seele auftauchte. Cr zeichnete sich in Gedanken das Bild Mosches, wie er jetzt aus Mainz gekommen war: groß,- breitschultrig, achtzehnjährig, mit dünnem, schwarzem Flaum um das schöne,-helle, runde Gesicht, mit den klugen, feurigenAugen, wie er sprach und was er schon alles wußtet Und wie er in kindlicher Liebe an ihm hing! ° Cr liebte den Sofersohn, als konzentrierten sich all die Hoffnungen seines Lebens auf diesen aufblühenden jungen Menschen. Cr hatte Jahre auf seine Heimkehr gewartet, als müßte damit ein neuer Lebensabschnitt auch für ihn, -den Lehrer, beginnen. Hatte es auch Mosche gefühlt, da er sich beim Abschied mit flehenden Augen an ihn klammerte:. „Rcbbe, laßt mich mit euch-ziehen! . . ." warum gab er-seinem Wunsche nicht statt? Cr mußte jetzt -an jenen Abend im Lehrhause zurückdenken, den Vorabend des Reisetages, da jeder Schüler ein kleines Geschenk, ein erwünschtes Buch, zum Andenken erhielt.' „Und du, lieber Mosche, wonach steht dein Sinn? Siehe dich um in den Regalen." Mosche aber unter Schluchzen: „Habe nur einen Wunsch, möchte mit dem Buche all dieser Bücher beisammen bleiben . . ." . Warum gab er nicht, nach? Cr sagte ihm: „Ich habe dich deinen Cltern mit Gewalt entrissen und hatte meine guten Gründe dafür . . . Run bist du alt und groß genug, das nachzuholen, was du in zarter Kindheit versäumt hast . . . Bleibe bei Vater und Mutter." „Und wenn sie mich freigeben?" bat der Schüler. . - „Auf dein Bitten hin? Rein. Crst wenn sie dich früher oder später selber aus freien Stücken zu mir schicken, kommst du nach. Cs führen immer Wege nach Böhmen und Mähren . .?' Aber nachts in der ersten Herberge hatte er, Rabbi Rosson, einen seltsamen Traum. Cr sah einen Sonnenaufgang, so strahlend schön, wie er ihn noch nie erlebt hatte.' Merkwürdig nur, daß die Sonnenkugel nicht im Osten aufging, sondern von W c st h e r gen Osten zog. Cr schloß die Augen vor dem Wunder, und als er sic wieder öffnete, war die Sonne weg, lag alles wieder in dunkler Rächt . . . Aber jemand stand vor ihm'und drückte ihm eine Fackel in die Hand, und hell wurde es um ihn herum, wie vorhin beim Sonnenglanze. Die Fackel ward — er sah es im Traume — an jener brennenden Kugel im westen entzündet... Cr bewegte nun feine Füße, ging und schwang die Fackel und trug Licht, vom Westen her, ostwärts . . Und jetzt öffnete er die Augen, richtig, im Erwachen, und cs war noch finstere Rächt, wirkliche Rächt . . . Die Unruhe, die der Traum bei ihm geweckt hatte, verließ ihn nicht mehr. Cr hatte seine eigenen Ansichten über Träume, ihre Bedeutung und Deutung, welche seine Jünger oft mißverständlich anwandten und Weitergaben. „Im Traume leuchtet ein Funken der seit Jahrtausenden erloschenen Prophetie", heißt es im Talmud. Bei den hellen Lichtern und Geräuschen des Tages glimmt dieser Funke unter vieler Asche unsichtbar, ist tiefere Cinsicht übertönt, überstrahlt. Rachts glimmt und schimmert der Funke auf, eine innere Stimme erhebt sich, die bei Tag nicht zu Gehör kommt, verwirrt sich im Chaos der Geschehnisse, aber bleibt im Grnndtone wahr, prophetisch ... war ein Traum beunruhigend, so stimmte etwas in der Lebensrechnung nicht, eine innere Stimme, die sich nur nachts Gehör erzwingt, schreit

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