Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 2 (12.1.1933)
- Date
- 1933-01-12
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 Nr. 2 Der Israelit 12. Januar 19A3 Frage der auswärtigen Politik geworden war, wurde auch in unserem Auswärtigen Amt ein Referat geschaffen, das die hier liegenden Probleme dauernd beobachten sollte. Auf dieses Referat wurde Sobernheim im Jahre 1918 (nicht erst in der Rathenau-Zeit) berufen, da man hier einen Sachkenner des Orients und der europäischamerikanischen Judenschaft brauchte, der zugleich ein Mann von Welt war. Damit wurde aus dem freien Gelehrten ein Beamter des Auswärtigen Amtes, der Legationsrat-Professor hat aber beide Aufgaben miteinander zu verbinden gewußt." Ronservative Reichskonfcrenz zum Reichsverband der deutschen Juden. Berlin, 10. Jan. Mitte Dezember fand in Frankfurt a. M. unter Vorsitz des Führers der Konservativen im Preuhenverband, Rechtsanwalt Abraham Horooitz, eine von zahlreichen Persönlichkeiten besuchte Konferenz konservativer Vertreter in den verschiedenen Gemeinden und Landesverbänden des deutschen Reiches statt. Allseitig kam der Wille zum Ausdruck, die für ein gesetzestreues Leben im kommenden Reichsverband notwendigen Mindestforderungen durchzusetzen. Der letzte vorliegende Reichsverbandsentwurf wurde abgelehnt. Man hofft jedoch, daß die Vorstellungen aller Beteiligten zu einer wesentlichen Verbesserung des Entwurfs noch führen werden, vor allem, daß es gelingen wird, eine ständige Reichstagung zu schaffen, Hauptgegenstand der Besprechung war daneben die Führung aller Anstalten und Einrichtungen des Reichsverbandes in ritueller und überlieferter Form, damit sie von allen deutschen Juden bedenkenlos in Anspruch genommen werden können. Die Konservativen wünschen die Schaffung getrennter Unterrichtsanstalten für die religiösen Hauptrichtungen, auch zwecks Wahrung es Eigenlebens für die Minderheiten. Der Rabbiner- und Lehrerstand soll, mit Rücksicht auf den religiös-kulturellen Charakter der kommenden Gesamtorganisation, in der Leitung des Reichsverbandes stark vertreten sein. Auch bei den Wahlen soll durch Verrechnung der Reststimmen die angemessene Vertretung der Minderheiten gewährleistet werden. Die Unterrichts- und Kultusausschüsse sollen eine weitergehende Autonomie, als jetzt vorgesehen, erhalten. Verfassungsänderungen betreffend Minderheitenschutzbsstimmungen sollen in besonderem Maße erschwert werden. Bedenken wurden dagegen geäußert, daß nach den Vorschlägen mancher maßgebenden Persönlichkeiten der Reichsverband nur provisorischen Charakter tragen solle. Immer wieder kam der Wunsch in der Versammlung zum Ausdruck, daß ein Reichsverband der deutschen Juden geschaffen werden, aber eine Form abgelehnt werden soll, die das jüdische Leben nach Gesetz und Ueberlieferung hemmen oder gar ersticken würde. Abschließend wurde eine engere Fühlungnahme der einzelnen konservativen Vertreter und Fraktionen der verschiedenen Landesverbände miteinander vereinbart. - (ITA.). Die Entlarvung der Rastenburger Ritualmordhetze der Nationalsozialisten schreitet fort. Königsberg i. Pr., 6. Jan. Aus Rastenburg wird gemeldet: Der Fleifchermeister Popp wurde wegen des dringenden Verdachts der wiederholten Brandstiftung und des Mordes an dein achtjährigen Knaben Benno Haffke verhaftet. Der Knabe wurde am 7. Dezember mit durchschnittener Kehle auf einem Feldwege tot aufgefunden. Die in Königsberg i. Pr. erscheinende nationalsozialistische „Preußische Zeitung" hatte dieses an einem Kinde begangene Verbrechen dazu benutzt, in einem „Ritualmord in Rastenburg?" überschriebenen Artikel die Ritualmordlüge aufzufrischen. Der jüdische Händler A. wurde von interessierter Seite des Mordes verdächtigt und amtlich' vernommen. Der „Central-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" hat durch seinen Landesverband Ostpreußen und seine Ortsgruppe Rastenburg alles unternommen, was zur Aufklärung und Beruhigung der Bevölkerung dienen konnte. Schon damals war bekannt geworden, daß vor der Ermordung des kleinen Haffke im Hause, in dem seine Eltern wohnen, es in kurzer Zeit zweimal brannte, daß es am 18. Dezember daselbst zum drittenmal brannte. In Rastenburg wußte man, daß der kleine Haffke einmal die Aeußerung habe fallen lassen, daß er wüßte, wer die Brandstiftungen verübt habe. Man nahm an, daß die Brandstifter einen unbequemen Mitwisser aus dem Wege schafften. Polen. Das Oodzer Budget. Lodz, 3. Jan. Die Budgetverhandlungen wurden mit großer Lebhaftigkeit geführt. Die zionistische Opposition tobte gegen einzelne Posten für religiöse Zwecke. Während, ein Misrachiredner sich teilweise der Opposition anschließt, treten die „Unparteiischen", deren Wortführer W o y d isla o s k i, zu den Alexanderer Chassidim gehörend, ist, voll und ganz für die Forderungen der Agudasraktion ein. Für diese Fraktion spricht in überzeugender Weise Ratmann Friedensohn. Er verliest zum Schlüsse eine Erklärung der Aguda, in dem Sinne, daß das Budget nicht Interessen der Aguda dient, sondern darauf eingestellt ist, den religiösen Charakter der Gemeinde in ihrer Ganzheit und Einheit zu wahren. Einstimmig wird auch ein Vorschlag angenommen, einen Generalsekretär für das Rabbinat anzustellen, damit die vielfachen Geschäfte des Rabbinates ordnungsmäßig geführt werden können. Das Budget wird in zweiter und dritter Lesung unter Abwesenheit der Oppositionellen angenommen. Die Poale Agudas Jisroel stellten mehrere Anträge, die nicht angenommen werden konnten. Ohne grundsätzlich von ihren Forderungen zurückzutreten, stimmten sie für das Budget. - Die Aehiüawahlen in Bialystok. Bialystok, 9. Jan. Die am letzten Sonntag stattgehabten Gemeindewahlen erbrachten einen Sieg der Aguda auf der ganzen Linie. Die Parteispaltung war so groß, daß 16 Listen ausgestellt waren, bei einer Gesamtzahl von 4600 Wahlberechtigten. Die 3 i o n i ft e n erhielten öant vielfacher Listenverbindung 4 bis 5 Mandate (das fünfte ist noch strittig). Die Unparteiischen verloren ein Mandat und werden nun, da sie gesinnungsgemäß zur Orthodoxie gehören, mit drei Mandaten die Aguda unterstützen. M i s r a ch i konnte, trotz der teilweisen Wahlhilse der Revisionisten, kein Mandat erringen. Die Schomre Schabbos, die eine eigene Liste ausstellten, erhielten durch Vrebindung mit der Agudas Jisroel e i n Mandat. Die Augda verzichtete dieses Mal auf überlaute Propaganda und ließ den Gedanken des lebendigen Judentum für sich selbst werben. Ihr Sieg besteht nicht allein in der Zahl der Kandidaten (fünf), sondern auch in den Namen der Gewählten, die eine Gewähr für eine ersprießliche jüdische Arbeit bieten. An der Spitze ihrer Liste stand der bekannte Rabbi Samuel R i w k i n d. Weiter wurden gewählt Israel R o t g a r t, Pinchas E i s e n st a d t, CH. L. Silkes und der bekannte Rabbi Eisik Grajewski. Die „Zeiirei Agudas Jisroel" haben zu ihrem Teile an den Erfolgen der Aguda kräftig mitgewirkt. - Ruhland. Das jüdische Siedlungswerk in der Sowjetunion. Moskau, 5. Jan. Die Zentralverwaltungen von Komzet und Ozet arbeiten an der Vorbereitung des jüdischen Siedlungswerkes für das Jahr 1933. Laut dem bestehenden Plan 'ollen i. I. 1933 25 000 jüdische Seelen in Biro-Bidchan, 2400 jüdische Familien mit 6000 Seelen in der Ukraine und 1500 Familien in der Krim, insgesamt etwa 9900 jdüische Familien mit 41 000 Seelen in den jüdischen Rayonen neu angesiedelt werden. Heute sind die Aufnahmebedingungen für den neuen Siedler, mit Ausnahme der Krim, nicht günstig, man hofft aber, die noch bestehenden Wohnungs- und Ernährungsschwierigkeiten in absehbarer Zeit zu überwinden. Frankreich. Tagung des Verbandes jüdischer Gesellschaften Frankreichs. Paris, 9. Jan. Am 7., 8. und 9. Januar tagte auf Anregung des „Verbandes jüdischer Gesellschaften Frankreichs" eins Vertreterkonferenz jüdischer Vereine aus Paris und der Provinz, deren Ziel es war, sich über die Interessen, die kulturellen udn materiellen Bedürfnisse der in den letzten Jahren nach Frankreich eingewanderten Juden zu unterrichten. Es wurden Berichte über die Lage in Paris und in der Provinz erstattet und Vorschläge betreffend Unterstützung der Einwanderer, gegenseitige Hilfe unter den Einwanderern, medizinische Hilfe und Schaffung kultureller Institutionen gemacht bezw. zu Vefchlüfsen erhoben. Rumänien. Orthodoxer Wahlsieg in Großwardein. Oradea-Mare, 27. Dez. Die am Sonntag hier stattgehabten Wahlen zur Gemeinderepräsentanz ergaben einen starken Wahlsieg der agudistischen Liste, die 36 neue Mandate und damit die Majorität in der Gemeinde erlangte. Die prvminetttsstöN zionistischen Führer unterlagen. Dabei hatte tuan von Seiten der bisherigen zionistischen Gemeindeverwaltung einer großen Zahl angesehener Gemeindemitglieder mit dem Hinweis auf rückständige Steuern das Wahlrecht entzogen, während dieses Hunderten von zionistischen jungen Leuten eingeräumt wurde. Die Zionisten haben natürlich Beschwerde gegen die Wahl eingereicht und verlangen. deren Annullierung. PnLästinn. Erfreuliches aus Erez Israel. Tel-Awiw, 6. Jan. Die neue orthodoxe Einwanderung macht sich bereits in einem Aufleben des Thorastudiums bemerkbar. Die früher in Jaffa, jetzt in Tel-Awiw domizilierende Jechiwa „Or Soreach" entwickelt sich unter der Führung des früheren Leiters der Sluzker Jeschiwa, Rabbi Ofcher S a n d o m i r s k i, in günstiger Weise. Der Jeschiwa wurde eine Unterstufe, eine mcp m’t?’ angegliedert, wodurch sie Zuzug auch aus Jerusalem und den Kolonien bekam. Die bestens geleitete Mensa wird von einem freiwilligen Komitee edler Männer und Frauen, das die Gelder in T.-A. aufbringt, ausgehalten. Die Schüler erhalten auch angemessene Wohnungen. Die auf Mussar aufgebaute Jeschiwa erfreut sich größter Beliebtheit. Ihre Filiale in der Kolonie B n e B r a k entwickelt sich in ganz gleichem Maße. Jüngsthin erhielt die Jeschiwa 30 Zertifikate für neueinwandernde Schüler, von denen 20 aus Tel-Awiw und 10 auf Bne Brak kommen. In P e t a ch T i k w a h hat vor etwa fünf Jahren der Begründer der Lomschaer Jeschiwa, Rabbi Elieser S ch i l o w i c z, seine Lehranstalt ausgemacht. Nach vielen Kämpfen hat sie mit dem neuen Rabbiner von P.-T., Rabbi Rüben K a tz, einen wesentlichen Aufschwung erfahren. Die Kolonisten bringen freudigen Herzens' die Kosten sowohl für die Erhaltung des Hauses wie für die Mensa auf. Haifa, die Stadt der Zukunft, ist hinter den anderen Städten in dieser Beziehung etwas zurückgeblieben. Immerhin steht die Talmud Thora-Schule „Thorath Emeth" auf einem hohen Niveau. Die noch junge Jeschiwa „Tiftereth Israel" ist in der Entwicklung begriffen. Sie ist jetzt daran, sich aus dem Karmel ein eigenes Haus zu errichten, und es ist zn hoffen, Laß mit der zunehmenden Konjunktur in der Stadt auch das geistige Leben und fein Zentrum in der Jeschiwa neuen Auftrieb erhält. Amerika. Jeschiwoth-Hilfsaktion der Standard Oil Company in Newyork. New York, 29. Dez. Die Standard Oil Company in Newyork führt zwecks Schaffung eines Fonds zur ^Erhaltung der Jejchiwoth und Talmud Thora-Schulen von Groß Newyork eine Stempelsteuer auf alle Produkte, die für Jahrzeit-Lampen und Bethaus-Wachskerzen gebraucht werden, ein. Die Steuer beträgt für jede Jahrzeit-Lampe 2 Cent und für Kerzen und Pakete je nach Größe 1 bis 10 Cent. Der gesamte Stcuercrtrag wird zur Erhaltung der Jeschiwoth und Talmud-Thora-Schulen verwendet. Raschruth-System unter Schutz des Staatsgesetzes in Newyork. Newyork, 6. Jan. Am 1. Januar 1933 trat das neue Kaschruth- S y st e m in Groß-Newyork in Wirksamkeit, das eine umfassende Kontrolle der Produktion und des Verkaufs von Koscherfleisch, Koscher-Geflügel und anderen Nahrungsmitteln vorsieht. Bekanntlich besteht im Staate Newyork ein Gesetz, wonach das Feilbieten von nichtkoscheren Lebensmitteln als „koscher" unter Strafe fällt. Das neue Kafchruth-Syftem wird durch die verstärkte Anwendung dieses Gesetzes sehr unterstützt werden. Sämtliche Koscher-Waren feilbietende Geschäfte und Restaurationen werden nunmehr unter strenger Kontrolle stehen und ein „Koscher"-Zeichen erhalten.