Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 2 (12.1.1933)
- Date
- 1933-01-12
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Nr. 2 Der Israelit, PÄtunAder Breslauer Universitätsbehördenf. erbaut sind» ’ in einer gemeinsamen AussprachkFn Merlin Rektor und Senat ihre Erklärung sogar ssochHinmal „interpretiert" hätten. Sie sei nur so "gemeint gewesen^-daß--Lohn - mitseiner Stellungnahme in-Sachen Trötzki ihre Maßnahmen zur Beruhigung des!studentischen Gemüter und zum Schutze Lohns erschwert hätten. Cs kann feirt, daß Dom Ministerium aus die Sache Lohn noch irgendwie zur Rot eingerenkt wird. Beneiden möchte man ihn auf diesem heißen Pflaster nichts aber noch weniger den 'Rektor und die Herren Senatoren, die beim Lavieren und Bälanzieress jauf! dem schmalen Seil zwischen rechts und links ganz! gewiß keine peldenfiguven abgeben. ' Das Grundübel scheint uns in dem veralstten System zu liegen, das der pochschul-eigene,'der Polizeigewalt entrückte Rechte' verleiht, sodaß sie j sich zu einer Pochburg entfesselter Leidenschaften entwickeln kann, ohne von den allgemeinen, in den Gesetzbüchern niedergelegten Rechtsbegriffen daran gehindert zu werden. Cs ist eine mutige und höchst begrüßenswerte Tat der p o l n i s ch e n R e g i e r u n g , die, wie in letzter Rümmer kurz berichtet, angestchts der letzten; Vorgänge an der Warschauer Universität diese A uck onomie der p o ch s ch ulen kurzerhand a u f h e b t oder so ein schränkt, daß dem Toben der Lildungshuljgans zu jeder Zeit mit den gewöhnlichen Brachiaimitteln ein Ende gesetzt werden kann. Es wird auch an allen anderen Universitäten Vst- und Mitteleuropas nicht eher Ruhe geben, als bis ihre Staaten dem polnischen Beispiel folgen. Cine Erlösung wäre es, .wenn Reichskommissar, Regierung und Landtag als einzige Antwort auf die „großen" und - „kleinen" Anfragen und Interpellationen von rechts und links zum Falle Breslau eine Aufhebung oder Einschränkung der studentischen Privilegien anordneten. ,, Modernes Sadduzäerkum. wir waren in der letzten Zeit zu wiederholten Malen gezwungen, uns mit den literarischen Veröffentlichungen des perrn Arnold w i e n e r in B e ut h en zu beschäftigen, eines Perm, den wir nicht persönlich zu kennen die Ehre haben, der aber einer in der deutschen gesetzestreuen Indenhett angesehenen Familie angehört und auch persönlich als gesetzestreuer, will sagen glaubenstreuer, Jude und dabei als ein Stückchen Talmid Chochom galt. Dieser perrn Wiener anhaftende Rimbus war die einzige Veranlassung, die ein gesetzestreues Blatt verpflichtete, von den wiener'schen Ausflügen in das Gebiet der höheren üonjekturalkritik zu Ehren der sa d d u z ä i s ch e n Gchwuosfest - Theorie und von seinen noch unglückseligeren, aus mangelndem religiösen und wissenschaftlichen Verantwortungsbewusstsein geborenen p i l e g e s ch-p h a n t asieen Rotiz zu nehmen.;; Aber die Lorbeeren, die Herr Wiener als sadöuzäischer Reformator -in den Sommermonaten-gepflückt zu haben glaubt, lassen ihn. auch im Winter nicht ruhen — er entwickelt sich allmählich zum'..ständigen geistlichen Festprediger der zionistischen Blätter, die die Offenbarungen seines antitraditionellen Geistes natürlich mit ganz besonderem Behagen abdrucken. Willkommeneres kann der in das Kostüm des nationalen pistorizismus gehüllten Reformlust nicht passieren, als wenn ein sogenannter „Konservativer" die dogmatischen Grundlagen der jüdischen Religion — und dami zugleich alle lästigen Konsequenzen dieser dogmatischen Gebundenheit für den Aufbau des neuen Palästina — aus der Welt schafft und das ganze Judentum, so wie es sich heute präsentiert, als nachträgliche, späte religiöse Verfälschung ursprünglich rein nationaler Werte hinstellt. Das versucht perr Wiener nun jetzt mit Pilse mehr oder minder phantastischer Einfälle auch an unsrem E h a n u k a h s e st mit seinem Jahrtausende hindurch für Millionen jüdischer Seelen zur inneren Erhebung und Erleuchtung gewordenen und als wahrhaftige Wirklichkeit empfundenen nsun dj- Mit leichtem Achselzucken — ohne sich bei Selbstverständlichkeiten lange aufzuhalten — schiebt der „konservative" perr Wiener zunächst die Kindergeschichte vom Velkrüglein als „Legende" beiseite — wer wird denn auch einem modernen Menschen zu-l muten, solche Dinge, dfe^ssa allen physikalisch^ wieneistAüch dcks 'dutch vielfache Tradi^lvnbn-gewährleistete. ^2^v-N2vL---das.pc nmr nocch.em-paar-.Iahrtaüsenöe-höher hrnaufgeht- und-das den gleichen physikalischen Gesetzen — und merkwürdiger Weise aus der gleichen transzendenten Sphäre heraus —- widerspricht,' ein Kindermärchen, das vor den kritischen Augen, des modernen Rationalismus nicht stand? zu halten vermag.' ‘ :: C Daß man dem Gymnasiasten Wiener in der Religionsstunde diese „Legende" . vom Wunderkrüglein vorerzählt hat, daran trägt, wie der Talmid Chacham Wiener nun miL Schrecken erkennt, „ d u e G e m a r a u.n w is s e wt l ich ■■ d i e Schul d."-. Sie weiß nämlich keine andere Antwort aus die Frage: ,pW a s ist Ehanukah"? als den-Bericht über die wunderbare Erneuerung des ewigen Westlichtes im Ol. Die Frage . selbstaber!' -„Was ist. Ehanukah?" erscheintperrn Wiener -„rätselhaft" man ha.be - doch damals schon 600Jahre .lang Ebanukahlichter entzündet, wie kann der; da fragen: „Was ist Ehanukah"! Daß die -.Form von Frage und Antwort auch bei gar nicht wunderbaren oder rätselhaften Dingen das nun einmal Fm ganzen Talmud übliche Darstellungsprinzip ist, stört perrn wiener nicht.. Ec braucht ein „Rätsel", um es durch, den grotesken' Einfalt lösen zu können, die Frage der „Gemara"ssei in Wirklichkeit eine an die Juden gerichtete Frage der g r i e ch i s ch e n B e v ö! k e r u n g von Byzanz, Alexandrien usw., ölehen. Sinn der Ebanukah-IUnmistation zu erkunden wünscht. Und um. nun den Griechen um den Mund zu reden,, gewissermaßen aus einer Art von Zenträlvereins-Iöeologie heraus, Hat die „Gemarä" die Geschichte vom Oelwunder aus politi sch e n R ü ck s i ch t e n erfunden und den. wahren, den n a t i o n a len Sinn der Lhanukah-Illuminätion in die Tasche, gesteckt. Man weiß wirklich nicht, ob man sich mehr entrüsten soll über die Verunglimpfung des heiligen Andenkens, des sittlichen Charakters, der großen Träger der G'tteslehre, oder über -die spielerische Torheit, mit der hier eine zügellose Phantasie durch Erfindung nicht vorhandener Schwierigkeiten über die elementarsten logischen Gesetze bei der Lektüre eines Talmud- Textes hrnw'egschreitet. Zwar muß perr Wiener gleich darauf bekennen, daß die böse „Gemara" die Geschichte nicht erfunden, sondern sie der 300 Jahre älteren „Megillath Taanith" entnommen hat -— aber das tut nichts, das Problem: „Wie sag' ichs den Griechen?" muß dann eben schon 500 Jahre früher bestanden und bei der Geburt der „Legende" Pate gestanden haben. ...... Daß die Makkabäerbücher von dem Wunder-Erlebnis im Tempelheiligtum nichts zu melden wissen, ist für Perm Wiener eine Stütze seiner 'das Wunder leugnenden Theorie, für uns dagegen nur zu natürlich. Die Makkabäer-Bücher tragen eben einen rein profangeschichtlichen Charakter; sie haften an den äußeren Dingen und können für die Erkenntnis? der lüöischen W i r k l i ch k e i t in jenen Tagen , nurmit den gleichen Vorbehalten benutzt werden wie . des Flavins Iosephus spätere Berichte über jüdisches Wesen und jüdisches Geschehen. Der konservative perr Wiener natürlich fühlt sich zu den Verfassern der Makkabüerbncher ebenso hingezogen wie zu philo und Iosephus — sie sind seine Autoritäten, während die nbnpn '»vn-die Tannoim und Amauroim, deren ganzes Leben ein Dienst an dcm.G'tte der Wahrheit und an der Lehre seiner Wahrheit war, sich zu ebenso skrupellosen Diplomaten und Politikern wie zu verdummten Wundergläubigen erniedrigen lasten müssen. Zweihundert Jahre später haben dann — nach Perrn Wiener die Gaonim in Babylon, als sie das ^N-Gebet verfaßten, starke'"Worte gegen die „schurkische griechische Herrschaft" gesunden und dabei „an d i e V e l k a n n e des p o h e n p v-i e st e r s inzwischen ganz vergessen." Soll man lachen oder weinen? Die ganze europäische Erhabenheit des modernen Perrn Wiener über die legenöengläubige orientalische Gedankenwelt bricht in dieser burschikosen „Velkanne des Pohenpriesters" durch — wer so etwas in solchem Zusammenhang schreiben kann, muß zuvor jede Spur von Ehrfurcht, -von eingebüßt haben. . 12. Januar 1933 Zum Lachen aberHWA^NDHMÄorstellung,, daß die Gaonim, öle Eoch ^'Wahrscheinlich.: -den baby- - ssdnischen Talmud ebensogut - wie xpexpAviener im- Ropfe hatten, nun plötzlich e r g e s s.L.w" - haben,. ssQllLN.^.Füv weniger..mißwauischL Ge- - müter dürfte die Annahme wohl näher liegen, daß sie das im ganzen jüdischen Volke Kess verwurzelte Bewußtsein von jener gewaltigen GfsenbUrnng .der gütlichen Wund errvaltung für viel zu lebendig erachteten, -aA.dgß. steFeine nochjussssge ^eimaljZe.kCxwyhnung in fyättcn. V e'rge'ssss e n " der GaoyM :^ I r-q'N. issch,Meinest und diesen treuesten InterpreLender' talmndischen 'Ueberlieferung unkerstessen wollen, daß auchste' däs c>2 g e I eugn e t und es für eine politische Erfindung zur Beruhigung der griechischen Umweit gehalten hätten? Das trauen wir nicht einmal der Kühnheit der Wiener'schen Phantasie zu. Nachdem -die Gaonim' und die „Gemara" genügend verkleinert und abgesertigt sind, kommt die Mischna mnd ihr Redakteur, Rabbi Iehudo hannost, unter. daS: Messer - der Wiener'schen Kritik/ , perr Wiener behauptet mit apodiktischer Gewißheit'— an sich ist der Einfall nicht vollkommen neu —, Ehanukah habe in der Mischna gegenüber dem purimfest mit seinem ganzen Traktat Megilla nur deshalb eine „ss ch.l e-ch t e B e H a n d l u n g " (sic!) - erfahren, weil -ä- :der Patriarch Rabbi- Iehuda ein Sproß des Davidischen Königshauses war, der natürlich die Königswürde der Makkabäer für eine ungesetzliche Usurpation Zer dem Davidsstamm allein zustehenden Rechte hielt. Linen solchen Schmaus kann sich perr Wiener natürlich nicht entgehen lassen. Man entkleidet auf diesem nicht mehr ungewöhnlichen Wege den Mann, dem seine Zeitgenossen das Prädikat des „peiligen" zuerkannt Haben, seiner ganzen sittlichen'Würde und^ unterstellt ihm die bewußte Unterschlagung des gesamten religionsgesetzlichen Traditionsgutes, das sich an den unter sichtbaren wundern erstrittenen Sieg der ersten unschuldigen Makkabäer knüpft, nur weil-ihre Nachkommen, allerdings entgegen dem Willen des g'ttlichen Gesetzgebers, nach der — inzwischen ja längst verlorenen — Königskrone griffen. Für eine weniger tendenziöse Geschichtsforschung: ist der Gegensatz der Behandlung von Ehanukah und Purim in der Mischna einer der glänzendsten Beweise für die. durch Izchok Cstk p alevy vielfältig erhärtete Tatsache,- daß der gesamte Tradit-ionsstoff der U r - M iss ch n a spätestens zur Zeit der nv22 'tm bereits mehr oder minder g e o rdnet vorlag, so-daß zwar noch die in jene r Z ei t erlassenen halachischen Vorschriften zur Begehung des Pu -. r i m f e st e s in einem besonderen Traktat der Mischna beigefügt werden, nicht aber die fast vierhundert Jahre jüngeren - Lhanukah-Ereignisse, ihren - halachischen Rie-- decschlag -in. der .Mischna finden: konnten. Das -hätte nicht einmal da^ Schwert der. Makkabäer dürchzusetzen vermocht. Die -nach der Zerstörung des zweiten Tempels .in Iawne noch hinzugefügten Teile zur Festhaltungder -sonst verloren, gehenden Tempel-Tradition tragen, wie bei Palevy nachzulesen, einen besonderen Charakter. Was perr Wiener in seinem Lhanukah-Artikel .noch weiter än geistreichen Pypothesen vorbringt, um — mit Ä)ellhausen — Ehanukah als ein Fest der w i n t er s o n n e n w e n ö e zu erweisen, lassen wir vorerst unbesprochen, denn es hat, abgesehen von einzelnen -Wendungen, keine so unmittelbare religiöse Bedeutung wie die vorangehenden Attacken auf die. Tradition. Auf die wiener'schen Lhanukah- und Schewuosphantasieen, deren ganz natürliche juristische Fruchk sein verantwortungsloses Umspringen mit der^palacha in der Pilcgesch-Thcorie ist, könnte man mit 'Füg die bitteren Worte anwenöen, die Samson Raphael pirsch einst seinem abgefallcnen Schüler Heinrich G r ä tz entgegenschleuderte, als er dessen tendenziöse Geschichtsdichtung des talmndischen Zeitalters zu zerpflücken sich anschickte, perr wiener eifert mit offensichtlichem Erfolge Grätz nach. Aber es wird niemandem einfallen, Grätz als Vertreter des orthodoxen Judentums anzusehen. Mehr ist zur Klarstellung auch gegenüber perrn Wiener nicht vonnöten.