Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 2 (12.1.1933)
- Date
- 1933-01-12
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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12. Januar 1933 Der Israelit Nr. 2 Seite 3 7pe n s ch K f t l i ch e 11 Ethik und der Politik als einer praktischen 'Kunst i in Leben der V ö l k e r besteht. Der „Esra" ist von der AgudasIisroel- Iugend Organisation zu dem ausgesprochenen Zwecke ins Leben gerufen worden, um schon der Heranwachsenden jüdischen Jugend die Identität des A g u d o -,G e d a n k e n s mit dem historischen Sinn des jüdischen Volksbegriffs ins Bewußtsein zu rufen. Cr sollte gewiß eine reine Crziehungsorganisatiou sein und nicht etwa Kinder und Jugendliche in die Parteikämpfe inmitten den Gemeinden und (Organisationen hineinzerren. Aber die Gründer waren sich noch der selbstverständlichen, heute vielfach verschütteten Wahrheit bewußt, daß es ein Unding ist, den f r u ch l b a r st e n und triebkräftigsten Faktor des sittlich-religiösen Lebens, den G e m einschaftsgedankcn, aus der jüdischen Erziehung ausschalten zu wollen. Man kann aber den jüdischen Gemeinschaftsgedanken auch in seiner elementarsten Form gar nicht entwickeln, ohne ehrlich herauszusagen, ob die Gemeinschaft auf dem offenbarten p f l i ch t b e g r 1 s s des •’ro *in iqj/d oder lediglich a u f B l u t g c m e i n s a m k e i t und geschichtl i ch e s C r l e b n i s sich gründet. Ist ersteres der Fall, dann kann es für das jüdische Volk im Golus keine andere legitime (Organisationsform geben wie diejenige der „A g u d a s I i s r o e l " , und es bedarf gar keines Eingehens auf die aktuelle politische K u n st der „Aguöo", auf ihre Erfolge und Mißerfolge, die Unzulänglichkeit oder die Vorzüge ihrer aktuellen Führung, um die A ii c r - f e n ii u n g desAgudo - Ged a n k e n s als unentbehrlichen Bestandteils der jüdisch-religiösen Weltanschauung jedem Kinde begreiflich zu m ache ii. Das sollte von Anbeginn die Aufgabe des „Esra" sein und das könnte sie noch heute sein, wenn nicht Parteileidenschaft'den Blick trübte. Die Superklughcit einiger wohlmeinender jugendlicher „Führer" zerriß aber kurz nach der Gründung das' Band, das das Lsca-Kind an seine Mutter knüpfte, und wenn je, so hat sich in diesem Falle das heute auch in orthodoxen Kreisen höchst unbeliebte 'Lrfahrungswort der weisen bewährt, daß D'izli pn sehr häufig rrrno sei. Man glaubte, durch die organisatorische Trennung von der Muttcr-(Organisation — unter ausdrücklicher Beibehaltung ihrer ideologischen Grundlagen — moralische Eroberungen für das orthodoxe Judentum in den Kreisen derjenigen machen zu können, denen die praktisch-politische Tagestätigkcit der „Agudas Iisroel" verhaßt war, insbesondere in den zum „Klisrachi" gehörenden oder neigenden Gruppierungen, vergaß aber dabei, daß mit dieser Konzession an die Gegner nur dem allmählichen verblassen der eigenen Grundideen und zugleich einer .Aushöhlung und ideellen Schwächung der agudistischen Jugendbewegung als eines Ganzen der weg geebnet war. Die aktuelle Krise hat sich freilich an der Palästina-Arbeit entzündet. Line Jugend, die man aus den in dem wohlgemuth'scheu Artikel dargestellten Gründen gewöhnt hat, das (Organisatorisch-Politische als peripher zu betrachten und in seiner ewigen Verbundenheit mit der Tiefe der reinen Idee zu unterschätzen, sie ist naturgemäß seelisch nicht stark genug, um in einer Lage wie der heutigen den Lockungen der um so viel leichteren und crsolgverheißenderen Crez Iisroel-Jlrbeit im zionistischen Rahme n Widerstand zu leisten. ,,'Agudas Iisroel" vermag leider in einem Augenblick, in dem Erez Iisroel Tausenden als einziger Ans-- weg aus Erwerbslosigkeit und wirtschaftlicher Verelendung erscheint, ihren jugendlichen Anhängern keine kolonisatorische und keine organisatorische Basis im Lande zu bieten, ja nicht einmal — in Deutschland wenigstens — ein eigenes Lehrgut zur pachschoro auf landwirtschaftlichem Gebiete. Als gelle es, der gesctzestreuen Jugend mit der Wucht des Selbsterlebnisses I das nb DK ■»mwa ib'N 13018 lvvb' entgegenzuhalten, war es der agudistischen (Organisation trotz aller Vorausschau der Entwicklung, trotz aller jahrelangen hingebungsvollen Arbeit. ihrer Palästina-Zentrale, trotz größter Geldopfcr einzelner begeisterter Männer nicht beschieden, gegenüber der zionistischen „Konkurrenz" die gewaltigen Kapitalien aufzubriiigen, die allein vermocht hätten, die überall unvermeidlichen ^Lehrgelder für kolonisatorische Experimente zu bezahlen und darüber hinaus für erfolg r c i ch e 2lrbe.it noch etwas übrig zu lassen. was wunder, daß nun weite Kreise der Lsra- Iugend ii i ch t poaa Lv-wlp sind! wer darf einen Stein auf sie werfen, daß sie die — nach wie vor vom „Rabbinischen Rat der Ägudas Iisroel" reffortierende — Esra- Ideologie genügend gewahrt glauben, wenn sie bei immer intimerem Zusammenwirken mit zionistischen Iugendbiinden eine lendenlahme, das eigene Gewissen betäubende Deklaration über ihre weltanschauliche Selbständigkeit abgcben. Solck.e Deklarationen gibt auch der „Misrachi" in voller Ehrlichkeit ab, ohne leider verhindern zu können, daß ein großer Teil seiner Jugend den ganz bewußt antiorthodoxen nationalen Idcologicen der Herren Lcibowitz und wolffsberg huldigt. Das gleiche Schicksal d r o h t auch dem linken Flügel des „Esra", obgleich er h e u t e weltanschaulich noch intakt ist. denn dieses Schicksal ist nur die naturnotwendige Rache des bagatellisierten Drganisationsgedankens an denen, die seine Bedeutung für: ihr eigenes Innenleben unterschätzen.! Pflicht der „Agudas Iisroel" ist es jedenfalls» den ihrem Geiste treu gebliebenen Csräern den Kampf mit sich selbst so leicht wie möglich zu gestalten; —• zum mindesten — und dies liegt im Bereiche des Möglichen — für eine ausreichende pachschoro in agudistischem Geiste zu sorgen und in Erez Iisroel selbst für das Wiedererstehen einer poalc Agudas IisroeI-(Organifation als moralischen und wirtschaftlichen palt für die neuen Aulim. Erst wenn diese äußerlichen, den Kampf der Ideen trübenden Momente ausgeschaltet, und Möglichkeiten der Erez Iisroel-Vorbereitung und -Einwanderung auch auf agudistischer Seite geschaffen sind, kann das geistige Ringen um die Seele derer weitergehen, die ihre Meinungen und Vorurteile über „Politik" im allgemeinen und über agudistische Politik im besonderen ans thorafremden (Ouellen oder aus der — ihnen oft selber unbewußten — unjugendlichcii Furcht vor der rauhen Wirklichkeit der Geschichte mit ihren Kämpfen und sittlichen Konflikten schöpfen. Viele Anfragen und eine Antwort. Die S o z i a l d e m okratische Fraktion geißelt in einer „Großen 2lnfragc" im p c c u - ß i s ch e ii Landtag die unmännliche und unwürdige Haltung von Rektor und Senat in Breslau als Feigheit und Kapitulation vor (Kr Gasse und stellt an das Staalsministerinm die klare Frage, was cs zu tun gedenke, um die Lehrfreiheit in Deutschland, die Ehre und die Selbständigkeit der deutschen pochschulen zu schützen. Zur gleichen Zeit fordern die Rationalsozialisten mit Interpellationen und Anträgen, die im Falle Breslau erzwungene Säuberungsaktion auch auf andere Universitäten auszudehnen, da sich sonst, — hier kommt die übliche Drohung, — die Breslauer Vorgänge in erhöhtem Maße auch dort wiederholen müßten. Die R. S. haben in Erfahrung gebracht, daß die Berliner T c ch Ii i s ch e p o ch - schul e einem Dr. Schwerin einen Lehrauftrag für Statik erteilte. Das dürfe nicht sein, denn Schwerin sei, wie der Breslauer Cohn, Jude, und pwfessor Dr. R e i ß n e r, der die Berufung Schwerins befürwortet, sei ebenfalls Jude, „sicherem vernehmen nach". Die Rainen Schwerin und Reißner sind an sich nicht so aufreizend wie Lohn. 2lbcr mittels dieser Interpellation und der rührigen Parteipresse wird der lieben akademischen Jugend schon verraten, daß auch hinter diesen deutschklingenden Rainen sich Judentum verstecke, „dem sicheren vernehmen nach". Ls kann los gehen! . . . ° Die Frage der Sozialdemokraten ans Ministerium, was es zu tun gedenke nsw., ist zunächst noch ein Kreuzworträtsel, an dessen Lösung man ein wenig seinen Geist erproben kann. Man hört, daß die höchsten Stellen im Kultusministerium keineswegs von der Noch einmal „eine Schriftdeutung R. Akibas." Von Rabbiner Dr. Kaatz in Hiidenburg O. S. Bei der Polemik, die Herr Rabbiner Chaineides, Aattowitz, in Nr. 53 des „Israelit" unter obigem Titel gegen meinen Aufsatz in Nr. 50 führt, ist ihm ein Irrtum unterlaufen, der richtig gestellt werden muh. Er hat das Wesen der Kontroverse, ob x->j?a dn f’ oder mimb mißverstanden. Sie hat nichts mit haggadischen Deutungen zu tun. sondern bezieht sich auf halachische Auslegungen, und auch dort nicht auf das gesamte Gebiet, sondern lediglich aus einen begrenzten Kreis. Das geht nicht bloß aus der vom Herrn Verfasser zitierten Stelle Roschhaschana 25a, die von ihm als vermeintliche „Inkonsequenz" R, Akibas bezeichnet wird, hervor, sondern auch aus zahlreichen anderen Auslegungen dieses Tanna. Ich zitiere einige Beispiele: 1. Nedarim 87b nav’ — man w?'- 2. Kritot 3a 33fd 3. Sank). 65b piy» — nny- 4. Mechilta 2 M. 14, 29 ’riooi> — viff- 5. Sota 11b (vgl. Jalkut Ezechiel 354) D'-ny nrn — D’-ny- 6. Berachot 54a -ps» S>33i m» eine Deutung, die nach Jalkut 3 M. 6, 3 R. Akiba angehört. 7. Historisch geworden ist die auf 4 M. 24, 13 sich beziehende Deutung Bar Kochba — Bar Kosiba. Diese Beispiele dürften genügen, um zu zeigen, daß die These des Herrn Rabbiner Ehameides auf einer irrigen Voraussetzung beruht. Ergänzend sei noch auf die besonders interessante Stelle Ehagiga 16a hingewiesen, wo hinsichtlich eines Verhaltens R. Akibas gefragt wird em ’s» „Was hat er gedeutet?", und geantwortet wird, er habe nnw gedeutet als das aramäische s'« Zeichen bezw. inv» als Das aramäische ttwi-r Merkmal. Es ist daher m. E. nicht ausgeschlossen, daß R. Akiba vielleicht auch an unserer Stelle Makkot 24b auf den Satz Micha 3, 12 einen solchen Drasch angewandt und möglicherweise das Wort 'if in Beziehung gebracht hat zu dem aramäischen *nnp Zeuge. Kleines Feuilleton. Lhannkkah in der Lubliner Zeschiwa. - Ehauukah hat in der Lubliner Jeschiwa eine eigene Note. Die 200 Bachurim entzünden mit dem Rabbi zugleich im großen Saale, der in einem wahren Qidjtmecv erstrahlt. Zwischen hoiachischen und agadischen Vorträgen wird gesungen und getanzt. Die Tische sind festlich gedeckt. Es ist in Wahrheit ein Fest des Lichtes. Am Nüstetag zu Chamrkah war im größten Geschäfte Lublins der ganze Vorrat an Olivenöl aus P a l n st i n a a u s v e r k a u f t. Die Lubliner konnten nichts mehr davon haben. Ein Faß von 27 Kilo hatten die Jefchiwaleute rasch geleert. Dieses Oel, das nicht mehr zu haben war, war vielleicht das größte kö’J Mrcns, Das man sich denken kann, denn im ganzem Lande wird davon gesprochen. Seit einiger Zeit hat die Jeschiwa, ähnlich wie Telsch und Mir, neben dem Leiter auch einen M a s ch g i a ch. Es ist Rabbi S ch i.m e l e S ch e l i ch o v e r , von dem mau sich in Lublin so mancherlei erzählt, was an ti'ic „alten Lubliner" erinnert ... Er fei ein Gaon großer Prägung, dem die ganze offeiie Lehre vertraut ist, aber darüber hinaus sollen ihm noch andere Lehren zugänglich sein. Der ganze Mensch ist eine zündende Flamme. Sitzt den ganzen Tag in Talith gehüllt. mit Tesillin geschmückt und reißt die jungen Menschen mit feinem Lernen und Beten förmlich hin. Er hält auch zweimal in der Woche einen Schiur in Rambam für die älteren Bachnrim und zwei Mnssarstnnden in der Woche für die gesamte Jeschiwa. Diese „Schmuessen" (Aussprachen) haben hier ihre eigene Nuance. Zu der Gedankentiefe des litauischen Mussar kommt noch das gemütsreiche chassidische Colorit hinzu. Chanukah ist das Fest der Lubliner I e s ch i w a.' In finsterer Nacht erstrahlt ein Licht, und das Licht wächst und wächst . . . (Das jüdische Verlagswesen in der Sowjetunion.) In Charkow, der Hauptstadt der Ukraine, tagt gegenwärtig eine Konferenz van Vertretern des jüdischen Verlagswesens in der gesamten «Sowjetunion. Vertreten sind die jiddische Abteilung des „Verlags für nationale Minderheiten", der Verlag „Emeß". der weißrussische Staatsverlao. der Verlag „Literatur und .Kunst", der ukrainische „Bücher-Palast", der jiddische Schriststellerverband, die ukrainische Staatsbibliothek, die Redaktionen der jiddischen Zeitungen u. v. a. Beraten wird über die Koordinierung der Arbeit sämtlicher jiddischer Berlage, Vereinheitlichung des jiddischen Lehrbuchwesens, Bereinheitlichung der jiddischen Orthographie, Schaffung eines jiddischen bibliographischen Journals, schließlich Festlegung eines Fünfsahrplans für die jiddische Bücherpraduktion. Der Staatsverlag für den Fernen Osten schuf eine Abteilung für jiddisches Buchwesen, das die jüdischen Einwohner von Biro-Bidschan mit Lehrbüchern und anderer Literatur versorgen soll. Verantwortlich für den allacmeincn Teil und das Feuilleton S. Schachriowth, Frankfurt a. M r Inserate ii B.: S Scha chn ow itz, ebenda. — ^ür die padacioqtsche Beilane: Lehrer L. Kaufmann, in Sprendlingen (Kr. Offenbach). — Verlag oes Israelit und ©ermou ffi. m. b. ©., Frankfurt a. M. — Druck Heriuou Druckerei, Frankfurt a. M.