Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 2 (12.1.1933)
- Date
- 1933-01-12
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Nr. 2 Der 3 s r o.e l i t 12. Januar 1933 Tradition für Tradition z u wirken! Erzieht der Csra solche Menschen, dann bedarf es ebenfalls nur einer Leistungssteigerung der eigentlichen Ortsgruppen (und keiner Ideologien!), diese wertvollen Menschen sich durch gute, die Zeit ansprechende Veranstaltungen zu sichern. vielleicht versteht inan jetzt das große: „Rührt mich nicht an!" der Jugend als jüdische Pflicht, vielleicht hört inan bald aus, diesen großen Ruf als fade Neutralität zu denunzieren. Nur wer Jugend wachsen läßt, wird sie führen können! Wcxchenrundschau. Eine Kugel kam geflogen . . . Unter diesem Titel referierten wir vor kurzem an leitender Stelle über einen R o m a n v o n A r n o l d Zweig, einen Roman des palästinensischen Lebens, der das Attentat ans Israel de Haan im Mittelpunkt bat. Wir mußten, und nicht allein wir, den Roman politisch werten, weil er schonungslos, mit dem intuitiven Spürsinn eines von keiner Opportunitäts-- fcj'fcl gehemmten Dichters einen Sumpf aufdcckt, aus dem alle jene Pflänzlinge hervorgeschossen sind, die uns in den letzten Jahren die Freude am Ausbau in Palästina so gründlich verdarben. Tin Seher zog die Bilanz. wobei cs weniger darauf ankommt, ob die kleinen, einzelnen Posten genau stimmen, als inehr auf das Schlußfazit. Dieses aber stellt sich folgendermaßen dar: Ts ist nicht erwiesen, aus welchem dunklen Versteck die Kugel gegen den in der gesetzestreuen Politik führenden Rechtsanwalt und Schriftsteller abgeschossen wurde, aber es konnte, ja es m u ß t e folgerichtig einer von denen gewesen sein, die aus der Welt der tausend Röte, bis zum Rande geladen mit Groll und Paß ins Land kommen und, jung, unreif und unberechenbar wie sie sind, in der Suche nach einer Zielscheibe für ihre entfesselte Leidenschaft, den wählen und treffen, der gerade im Momente Gegenstand der Saisonhetze ist. Damals war cs der unglückliche Israel de Haan, der gewagt hatte, Rechtsbeistanö für die in ihrem Leben bedrohte Orthodoxie im Heiligen Lande zu sein. Sie lesen die spaltenlangcn Artikel mir den dicken Ouerbalken in den Zeitungen, Papier und Druckschwärze ballen sich in den unreifen Köpfen zu einem Bilde von Rauch und Pulver zusammen, und bald ist auch ein Revolver zur Hand, der der papierenen Auseinandersetzung den Knallesekt gibt . . . Man hat es uns in der zionistischen Presse ein wenig verübelt, daß wir das jüngste Kind der Iweig'- schen Muse so beim richtigen Namen nannten, obwohl weder die „Jüdische Rundschau", noch der Autor selbst sich die Muhe nahmen, unsere Darstellung zu widerlegen. Daß unsere Auffassung schon so bald, sozusagen vor unseren Augen, eine traurige Bestätigung finden würde, konnten wir nicht ahnen. Der Schuß, der in der Nacht zuin Donnerstag der vorigen Woche i n p a in b u r g g e f a l! e n i st — und cs ist gewiß nicht das Verdienst der Attentäter, daß dieser Schuß in seinen Folgen nicht so tragisch wurde wie der vor dem Schaarc Zedek-Spital in Jerusalem — erinnert sehr lebhaft an den Fall d e v r i c n d t in der Zweig'schen Darstellung, in der Interpretation, die wir dieser Darstellung gaben. Die Tsriel Tarlebach nahestehende Presse sprach von vornherein den Verdacht und spricht auch weiter die ihr bis zur Gewißheit sich verdichtende Vermutung aus, daß der Attentäter in j ü d i s ch - k o m m u n i st i - s ch e n Kreise n zu suchen sei. Konkrete, unwiderlegliche Beweise hat man zunächst für diese Annahme nicht. Aber der Indizien gibt cs genug. Cs ist wieder so, daß wenn es auch nicht so gewesen sein sollte, es aber nach allem, was vorausging, gewesen sein könnt e. Ts soll kein Werturteil über den Kommunismus als Partei und politische Bewegung bedeuten, wenn wir feststellen, daß ein paar junge unreife Elemente mit dem unruhigen Blute der in allen Fugen krachenden Gstwelt im Blute, mit unklaren Nmsturzgedanken im Kopse, sich an die Rockschöße dieser gegen die alte Gesellschaftsordnung gerichteten Partei heften, um, ohne Parole und ohne direkten Auftrag, die Auseinandersetzung mit mißliebigen Personen mit dem Revolver fortzusetzen und zu beenden. Csriel Earlebach hat sich in letzterer Zeit bei den Sowjetfanatikcrn in Deutschland recht mißliebig gemacht. Tr hatte, als Frucht einer Rußlandreise, einiges aus der Schule ausgcplaudert, was den Herren nicht paßt. Cs wird in diesen Artikeln nichts weniger als an den Grundpfeilern des Sowjetstaates gerüttelt, nur die Einstellung des jüdischen Proletariates, richtiger: des mit Gewalt proletarisierten Mittelstandes zu den neuen Dingen in Stimmungsbilder gefaßt. Wie schlimm müßte es wohl um den Sowjetstern stehen, wenn ihn Feuilletons verdunkeln könnten. Aber ein wildes Wutgeheul erhob sich in jüdisch-kommunistischen Kreisen ob dieses gegen die heiligen Sowjets verübten Sakrilegs. Es flatterten auch uns Flugschriften auf den Redaktionstisch, deren eine in ganz besonders gehässigem Stil gegen T., seine rabbinische Abstammung und den „jüdischen Klerikalismus" herzieht und von einem „Lunde jüdischer Werktätiger in Hamburg" unterzeichnet ist. Neben groben persönlichen Verunglimpfungen sind da auch ein paar leise Drohungen enthalten. Wenn wenige Tage nach diesem papierenen Geschoß eine richtige Bleikugel geflogen kommt, die den ahnungslos daherkommenden jungen Menschen zu Boden streckt, so drängt sich der Kausalnexus zwischen den beiden Geschehnissen mit solcher Eindringlichkeit auf, daß die „Werktätigkeit" jener „werktätigen" einen beftimmtcn schauerlichen Sinn bekommt. Wir wiederholen: Es muß sich nicht unbedingt so verhalten, aber es genügt schon, wenn die Dinge diese Sachlage als möglich erscheinen lassen. Wir wünschen und hoffen, daß der getroffene junge Schriftsteller, mit dessen Ansichten und temperamentvoller Schreibweise man sich nicht identifizieren muß, um seine ungewöhnliche Begabung anzuerlenncn, einer baldigen Genesung entgegen geht. Wir alle sollten durch den Hamburger Schuß aufgerüttelt werden zu der Erkenntnis, wie notwendig es fei, unserer Jugend, der die Kriegs- und Nachkriegszeit allen materiellen und geistigen Halt genommen hat, klare jüdische Ziele zu geben, sie von Kindesbeinen auf für die positiven jüdischen Ideale, zu denen auch der Abscheu vor Gewalttaten gehört, zu erziehen und zu gewinnen. Nicht zuletzt ergeht der Warnungsruf an die Kommunistische Partei selbst, ihre jugendlichen heißspornigen Mitläufer besser im Auge und im Zaume zu halten. Der Kamps um den „Esra". Unsre Leser sind durch die in den zwei letzten Nummern veröffentlichten Berichte und durch die ergänzenden Ausführungen an der Spitze der heutigen Nummer über die in dem Iugendbund „Csra" zur Zeit herrschende Krise unterrichtet worden. Cs sind drei Richtungen auf gemeinsamem weltanschaulichem Grunde, die da miteinander ringen: eine der Zusammenarbeit mit dem Zionismus geneigte Gruppe, eine agudistisch orientierte und endlich diejenige, die — wie der Verfasser unseres heutigen Leitartikels — die „Politik", sei sie agudistisch oder zionistisch, für eine verbotene Frucht hält, die man der Jugend so lange wie irgend möglich vorenthalten soll. Die Einheit des Bundes kann natürlich nur auf zweierlei Art aufrechterhalten werden: entweder dadurch, daß man den Fliigelgruppen der Führerschaft die von ihnen für unentbehrlich gehaltene praktischpolitische Palästina-Arbeit mit ihrer unvermeidlichen ideologischen Abfärbung auf die Erziehungsarbeit selbst freigibt, oder durch die zwangsweise Durchführung der von Wohlge'muth als pädagogische Notwendigkeit hingestelltcn „Neutralität" gegenüber aller Politik. Unsrer Meinung nach liegt der Fehler der ganzen Auseinandersetzung in der nierkwiirdigen Unklarheit, die in Esra-Kreiscn über den Begriff der „Politik" und über den s u n d a m e n t a l c n U n t e r s ch i c d zwischen der Politik als T e j l b e g r i f f d e r w i s- Jakob segnet Esrajim und Menasche. Von Nabbmer Dr. M. Sewiit in Hamburg. Bedeutungsvoll heißt es in der Sidra: .nV« ■»» in«-' *pi‘> '33 n« Vx-i-’ kti „Da sah Jisrael Josefs Söhne und sprach: Wer sind die?" Schon unsern Alten siel diese Frage des Ahns auf. Oft genug sah der Patriarch seine Enkel, und eben erst hat er gesprochen: -'V vtp vynDi i2irr->2 nmui o’ics „Esrajim und Menajche sollen mir wie Reuben und Schimeon gehören." Da fragt er den Sohn, wer dann die seien, die an seiner Seite stehen? Das ist gewiß nicht zu übersehen. Und wir verstehen unsere Lehrer, wenn sie in ihrer sinnigen Art diese Frage des Stammvaters in folgender Weise deuten: O'irsv nssV T\m? rrni? v23 72 DS73i’ ntpyn vnpn mi2 i3'ns nsx „Unser Vater Jakob, er schaute es in der Schau des heiligen Geistes, der über ihn kam, daß einst ein später Nachkomme (Sfraims, Jerobeam, Unheil über Israel bringen werde." Darob befiel ihn Entsetzen, und voller Banguis war in diesenr Augenblick seine Seele, bis ihn Josef ber:chigte mir der Zusicherung: -w ’aa anv na ’ax „Mein Voier. was und wie sic auch sind, meine Söhne sinds." Vielleicht war es nicht die Schau in die Zukunft allein, die für eine Weile Jakob zaudern und schwanken ließ. Wenn etwa der Patriarch in dem Aeußern seiner Enkel, in ihrem Gebühren, in ihrer Haltung, in ihrer Kleidung Veränderungen wahrnahm, die von jüdischer Art und Sitte abwichen, könnten wir uns da noch wundern, daß Jakob in geschickter vorsichtiger Form den Sohn auf die Gefahren hinwies, die da sein Haus und durch dieses ganz Israel bedrohten? Da bedeutete die Frage vielleicht: nVs "v „Wer sind diese?" Sind dies wirklich deine Söhne noch, deine geistigen Erben, die Träger der Zukunft unseres Volkes? Ich erkenne sie kaum noch, so sehr hat ägyptischer Geist und mizraitilcke Bildung und Geartung sich ihrer bemächtgt. Josef verstand den Vater und erfaßte seine Mahnung und versicherte: ,7112 'i?Vs 'V 1713 1E7K nn '32 M eine Söhne sind öS und bleiben sie, die mir G'tt gegeben hier d'-ixm in Aegypten —, ihrem Wesen und Charakter nach, in ihren Gefühlen, Empfindungen und Bindungen sind sie die, als du sie haben willst, '32 meine Sohne, die die heiligen Ueberlieferungen der Väter treu hegen. ' Diese Worte Josefs beruhigten den Vater. >021281 'i>8 81 llNp 128'1 „Da sagte er: Nimm sie doch her zu mir, daß ich sie segne." ' Dieser Segen adelt und weiht die Enkel zu Stützen und Säulen des Jakobsvolkes. Er bindet sie mit Fesseln der Liebe und Heiligkeit an das Schicksal der Gesamtheit. T>es Vaters Segen verpflichtete aber den Sohn auch für seine Söhne. Darum bittet Jakob: turp 'Vs 83 bringe sie ja an mich heran. Du gewinnst sie doppelt für dich und dein Haus, wenn du sie mit der Gesamtheit verwurzelst und sie für diese erziehst. In den Enkeln segnet der Ahn seinen Sohn Joses noch im besonderen, indem er ihn zu Treue und Hingabe für die Zukunft der Gesamtheit anspornt. Soll Jakobs Segen an Esrajim und Manasse nicht „Schall und Rauch" werden, sondern der Verwirklichung entgegenreisen, dann muß Josef die besten Kräfte und Triebe in sich selbst entspannen. um als Vorbild und Beispiel seinen Söhnen voranzuleuchten und Wegweiser zu allem Guten und Edlen zu werden. Das ist es auch, was das G'tteswort besagt. Mitten hinein in die Erzählung, wie Jakob seine Enkel segnet, ist der Satz gestellt, der den Zusammenhang scheinbar stört: s]ov ns -ps'i „Er segnete Josef." Ja. Josef wurde gesegnet, als seine Enkel gesegnet wurden. Der Eltern höchstes Glück ist es, wenn ihre'Kinder mit Segen bedacht find. Er wurde aber auch damit gesegnet, daß der Vater vertrauensvoll in ihm die Bürgschaft suchte für das Gelingen in der Zukunft und den Erfolg des Segens durch Josefs Verhalten bedingt sah. - Das bleibt eine Mahnung an jüdische Eltern, daß sie den größten Segen für ihre Kinder erwirken, wenn sie sie der gütlichen Gnade würdig machen und sie so erziehen, daß sie mit ihrer Kraft und Fähigkeit G'tt und Judentum dienen, dann sind diese auch würdige Enkel von 820 Vsiv des Stammvaters Jakob-Jisroel, die als Stützen und Säulen der Gesamtheit angesprochen werden dürfen. Dann hat Jakob auch richtig für die Zukunft es vorausgeschaut, als er feine Enkel mit den Worten segnete: i»rr? Vkiv iia' ^2 „Mit dir soll Israel segnen, sprechend: nvroii n'issi 'pv* -p®' „Mache dich G'tt wie Esrajim und Menasche." Wo jüdische Eltern ihre Kinder wahrhaft segnen wollen, möge es ihr heiligstes Verlangen und Sehnen sein, daß an ihnen das Segenswort zur Erfüllung komme, das zuerst der Ahn über seine Enkel ausgesprochen: 'N28 DE71 '»27 0712 81p'1 Ü'1>31. ns 112' 371 V2« MS Vs37I IsVv.l '1'187I 21p2 2lV 13T1 pnX’1 D 71128 „Der Engel, der mich aus allem Uebel erlöste, segne die Knaben! Gerufen werde in ihnen mein Name und meiner Väter Name, Abraham und Jizchak, und den Fischen ähnlich mögen sie zur Menge wachsen inmitten der Erde."