Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 1 (5.1.1933)
- Date
- 1933-01-05
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 Nr. 1 Der Israelit 5. Januar 1933 schlägt und die Orientierung verliert. Ihr m ii f| t Rabbiner einer Gemeinde sein, Rabbi Rosson!" Rabbi Rosson sab ihn stumm fragend an. „Ja, Rabbiner einer Gemeinde,"^ wiederholte Rabbi P.inchos und kramte aus seiner lasche einige Schriftstücke hervor. „Ls trifft sich gut, das; die Gemeinde ln ZZ o s k o w i c 5 in währen sich vor Wochen an mich wandte, ob ich nicht für sie einen geeigneten Führer wüsste. Ich nannte euren Rainen. Heute kam ein Rries vom Vorstande, die Gemeinde dort würde sich glücklich schätzen, den großen Adler in ihr Rest einzufangen. Haben gleich einen Lerufungsbrief mitgesandt, hier ist er. Ihr werdet Rabbiner von Boskowrcz!" Zuerst etwas betäubt, erwachte Rabbi Rosson nach einigem Rachdenken. „Ich soll Frankfurt, mein Lehrhaus, meine Schüler, verlassen? wo ist Loskowicz?" „Cure Schüler werden euch entfliehen, wenn die Sache bis aufs Aeußerste getrieben wird. Frankfurt befehdet euch. Dort, in der Stadt in währen, ist, um mit dem Msel'ilschev ZN sprechen, vielleicht der richtige Loden für die "Aussaat, wie ihr sie hier streut und hier Mischlinge hervortreibt. Ich schreibe heute nach Loskowicz und sage für euch zu." „Die Sache müsste noch überlegt werden," suchte Rabbi Rosson Zeit zu gewinnen, aber es klang schon halb wie Zustirnrnung. „Es ist leider nicht viel Zeit zur Ueberlegurig. wird heute noch in Frankfurt bekannt, daß ihr die Stelle angenommen habt, so verwandelt sich alle Abneigung in Liebe, alle Widersacher werden Freunde. Rein hartes Wort fällt mehr gegen euch und ihr werdet in Ehren und mit den besten wünschen hinausgeleitet. Romiist diese Entscheidung nicht und werden die Dinge auf die Spitze getrieben, bis zum Ehcrem, was G'tt verhüten möge, dann ists zu spät, dann wäre auch der weg nach Loskowiez versperrt. Ich schreibe heute noch hin und sage zu." Rabbi Rosson sagte'nichts, aber protestierte auch nicht.- Damals war es, als Rabbi Rofsons Lrief Mosche Sofer in Riainz erreichte, worin er von großen Entscheidungen sprach, bei denen er den geliebten Schüler nicht missen lnöge. Mosche kam gerade recht, um von der Welle der Verehrung, die seinen Meister jetzt umflutete, ebenfalls ein wenig erfasst zu werden. „Seht doch einmal diesen Prachtjüngling an. Geist von seinem Geiste, wie groß und stämnüg er daherkonrmt, mit rosig blühendem Gesichte und 'Augen wie Sterne. Eine Stinnne bat er, so rein wie Glockcnklang. Es ist ihm gegeben, das, was fein Lehrer nur mit halben Worten andcntcte, so klar und einprägsam darzuiun, daß alles wie in Hellem Lichte erstrahlt." So begeisterten sich die Leute über den Sofersohtt, und wollten damit den il'leister loben. Der wind hatte rasch zugunsten Rabbi Rossons nmgeschlagen. „Rabbi Roston geht!" Selbst diejemgen, die es als Entspannung empfanden, sprachen es nicht ohne Wehmut aus. Miau hatte solchen Großen und Heiligen in Frani'furls Mauern und maßte ihn gehen sehen . . . warum? wer war schuld? . . . Rlan erwartete keilte Antwort, ntan wußte schon. Reine anderen, als seine eigenen Freunde . . . Diese aber waren voller Erregung und Genugtuung zugleich. „Er gehl!" Sie sprachen es im Evne einer Sirafvcrheißung aus. Geschieht Frankfurt schon recht ... RiosÄe Halle, wie er scherzend sagte, seine .Französische Zeit" hinter sich, war so sehe int alten Milieu wieder, daß der Lrief, den er eine Woche nach seiner Heimkehr aus Paris von Pauli de Montfort erhielt, ihm ordentlich fremd vorkain. wie Erinnerung au einen kölnischen Traum, der ihn durch fremde Welten sühne. Ilit Soferbause herrschte gehobene Feststimmuitg bei Flnwesenbcit des Sohnes, der so herrlich aufgeblübt ins Elternhaus kam, daß Reife! sich förmlich'ängstigte. wenn ihn fremde Menschen bewundernd anschauten, wegen des „bösen Auges" nämlich . . , Mosche aber hatte jetzt wenig Zeit für das Elternhaus. Er war. wie die anderen Schüler, ganz im Laune der Vorbereitungen für die Ausreise des Meisters. (Fortsetzung folgt.) Der Segen des Rabbi. Von 3. Weigl. Winterstürme brausten über die Landschaft. Sie warfen dickes Schneegesiock in den Part. Früh schon zog heute die Dämmerung heran. Dunkelviolett schimmerte im Licht der großen Bogenlampen eine Spiegelung auf dem weiten Platz. Da sah es sich um so behaglicher in der Ecke des Hotelsaales, den eine geschickte Heizanlage mollig durchwärmte. Der kleine Kreis von Männern der verschiedensten Berufe, der seit nunmehr acht Tagen sich zusammengefunden, war bei dem Wetter vollzählig versammelt. Der würzige Duft des Kaffees mischte sich mit dem Aroma edler Zigarren. Es kam zu einer Stimmung. die lebhafte Unterhaltung auslöste. Wir sprachen von Kriegserlebnissen. „Meine Herren!", sagte Oberst Freiherr von K., „ein Vorkommnis besonderer Art möchte ich Ihnen jetzt erzählen." Er war Kommandeur eines kaiserlich-österreichischen Reiterregimentes gewesen. Auf unser aller Ersuchen antwortete er mit der ihm eigenen verbindlichen Geste: „Im Frühjahr 1915 war es. Unter Führung des Bayerischen Generals Graf von Bothmer hatten deutsche, österreichische, ungarische Truppen die Karpaten durchstoßen. Wir marschierten gegen Stryi. Sie wissen, wie unzuverlässig, schon mehr feindselig die ruthenischen Bauern uns gegenüber sich verhielten; daher die häufigen Rückschläge seit Kriegsbeginn in Galizien für uns. Die Juden' standen trotz allem Elend zu Oesterreich; darob hatten sie gar oft hart zu leiden, wenn der Russe einen Ort nahm. Eines Tages mußten denn auch wir zurück; in die geräumte Dorfschaft marschierten Russen 'ein. Jedoch schon in der Nacht kam für uns Verstärkung. Gegen zwei Uhr morgens im Schutze dicken Nebels nahmen wieder -wir das Dorf. Wir säuberten es planmäßig. Aber wie hatte der Feind gewütet! Greulich sah es in einer Gasse aus, die zumeist von Juden bewohnt war. Plötzlich stand einer meiner Zugführer vor inir — ich war damals Rittmeister — und meldete, im zweiten Haus rechts hänge am Fensterstock ein Jude, dessen Leute lägen erschlagen in der Stube. Wir eilten hin. Ja, gefesselt mit Pferdeleinen an Händen und Füßen hing der Mann, Blut färbte den grauen Bart. Wir schnitten vorsichtig los; schwache Lebenszeichen waren noch vorhanden. Die Sanitäter kamen rasch und trugen den Mann in ein Nachbarhaus. Mit der nächsten Möglichkeit kehrte ich zurück, um nachzuschauen. Er lag sorgfältig gebettet. Ein Sanitäter saß bei ihm; Abtransport hatte der inzwischen dagewesene Arzt verboten. Nie werde ich den klaren Blick vergessen, mit dem er zu mir aussah. Nie auch jene heilige Ergebenheit, mit der er die Schicksalsschläge der vergangenen Stunden trug. Kein böses Wart gegen seine Peiniger und die Mörder seiner Familie. Er war Rabbiner, seiner Gemeinde der treue Führer, seinem Vaterland der unentwegte Diener. Immer hatte er zur Loyalität gegen Oesterreich und den Kaiser gemahnt und folgsame Gemeindemitglieder gefunden. Dos mußte er jetzt so hart büßen. Zunächst waren er und seine Glaubensgenossen in Sicherheit. Wir hielten das Dorf fest in der Hand. Unsere Reiter und Ungarn sorgten für Ruhe und Ordnung. Als wir dann vorwärts mußten, feinen Honved zur Besatzung. Bevor wir aufsaßen, nahm ich Abschied von dem Greise. Die Augen wurden ihm feucht; statt nichtssagender Abschiedsworte gab er mir seinen Segen. Glauben Sie mir, daß ich diesen mit ganzem Ernste nahm. Dem Major von den Honved empfahl ich den Rabbiner in besondere Obhut; sie haben ihn wirklich mit Aufmerksamkeit gepflegt. Aber, wie ich später erfuhr, löschte dieses Lebeuslichtlein trotzdem aus. Ein treues Herz war müde geworden des Erdenleides . . . Den Segen? Den habe ich erlebt! Wir gingen im Feuergefecht gegen die feindlichen Linien. Granaten flogen uns entgegen in Haufen aller Größen. Eine warf neben mir den Leutnant. zwei Zugführer, zehn Mann nieder. Mir riß ein Splitter nur den Aermel auf. Ein anderes Mal: aus der Dachluke einer'Feldscheune streiftedie .Kugel des Scharfschützen mir die Mütze, den Mann hinter mir durchbohrte sie: und die zweite pfiff mir am linken Ohr vorbei. Dann drunten der welsche Flieger! Auf hundert Meier knapp fehlte er uns. Aber fetzt das Merkwürdigste: Seit acht Tagen faßen wir auf Bergeshöh in einem Unterstand; die Klause hießen wir ihn. In einer Nacht weckte mich etwas. Wors ein Traum? Waren es die überreizten Nerven? Doch, ich wurde munter, und deutlich sah ich vor mir'den galizischen Rabbi. Er winkte, ihm zu folgen. Ich zögerte. Da war es. als packte er mich am Arm und zöge mich fort. Ich stand auf. weckte meine Leute. Wir verließen die Klause, nahmen weitweg davon hinter Feilen Deckung, äugten zu den Italienern hinunter. Jetzt schaute ich durchs Fernglas Mündungsfeuer. Dann kam es herangesaust. Als ob die Erdberste, krachte es in der Klause; zu uns noch spritzten Brocken herüber. Am anderen Margen sahen wir den kunstvollen Unterstund als einziges Trümmerfeld. Dort wäre keiner von^uns am Leben geblieben . . Tiefe Nacht draußen. Schneeflocken wirbelten an die Fenster. Der Sturm heulte durch die Bäume. Tiefes Schweigen bei uns. Jeder hatte zu tun, des Obersten Erzählung innerlch zu verarbeiten . . . Dann kam es von unseres würdigen Geheimrates Mund: „Segen ... Es ist etwas Großes um eines Frommen, wes Glaubens er sei, Segen . . . Das leitet den Schutz des Ewigen aus uns . Selig, die daran glauben ..." Geschichte der Zuden in Deutschland. Der deutsche Bezirk im Reiche der jüdischen Geschichte ist in Dunkel gehüllt. Es ist noch nicht einmal mit voller Sicherheit festgestellt, wann, wo und wie sich die ersten jüdischen Niederlassungen in Deutschland gebildet haben. Bei den schweren Verfolgungen im frühen und späteren Mittelalter stand den Juden wenig der Kopf nach historischen Festlegungen. Die sprechendsten Dokumente sind die Slichaus und die Klagelieder, die aber in den Zeitangaben nicht ganz klar und im Texte oft deutbar sind. Es ist eine große Tat des P h i l 0 - V e r l a g e s (Berlin W. 15), daß er seit drei Jahren mit einer Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland in dieses dunkle Gebiet hineinzuleuchten sucht. Als Herausgeber der Zeitschrift zeichnen Jsmar E l b 0 g e n, Berlin, Aron Freimann , Frankfurt und Max F r ende n t h a l, Nürnberg. .Unter den Mitarbeitern sind einige Namen von wissenschaftlichem Ruf. Einige Beiträge, aufs geratewohl aus den letzten Heften genannt, zeigen die in der bunten Fülle des Stoffes verfolgte Hc.uptten.denz der Zeitschrift deutlich an. Es wird referiert über die hebräische Sprachwissenschaft in Deutschland im Zeitalter des Humanismus, über den Handel der westeuropäischen Juden mit der Stadt 51 i e w, die 0 st j ü d i s ch e Einwanderung in Preußen seit 1648. Haßdokumente aus der Zeit Pfefferkorns im' 16. Jahrhundert, die Haltung der Bischöfe zur Zeit der Kreuzzüge. (Sie standen zum guten Teil nicht nur den Metzeleien fern, sondern traten diesen, wie Bischof Johannes in Speyer, sogar mit starker Hand entgegen und boten alles auf, die Juden vor den Horden in Schutz zu nehmen.) Bon besonderem Interesse für die gesetzestreue Judenhsit ist ein im zweiten Hefte dieses Jahrganges enthaltenes, bisher ungekanntes Gutachten von Samson Raphael Hirsch zur Israelitischen Kirch e n v e r s a s s u n g in Bayern, das mit dazu beitrug, daß der Plan der Kirchenverfassung mit oberbehördlicher Spitze endgültig begraben wurde. An deren Stelle kam 1863 die Verordnung in Kraft, die heute noch in Bayern als Grundlage der Gemeindeverfassung dient. Miszellen. Bücherbesprechungen und dergleichen mehr sind in jedem Hefte in großer Zahl enthalten. West ausgedehnte bibliographische Notizen werden von Heinrich Löwe veröffentlicht. Aus dieser kleinen Inhaltsangabe ist schon zu ersehen, mit welchem Ernst und welcher Fachkenntnis die Herausgeber an ihr Werk Herangehen. Auch unter apologetischen Gesichtspunkten ist die Zeitschrift sehr zu begrüßen. Bietet sie doch in jedem Hefte eine Fülle von geschichtlichem Stoff, aus dem sich die beste Waffe schmieden läßt zur Abwehr von Geschichtslügen illl Kampfe gegen die deutschen Juden. Die deutsche Judenheit sollte das Unternehmen als ihre eigene Sache unterstützen. (Schießen und Schächten.) Schon vor Jahren brachten die Schächtgegner ein Bild heraus, dasein Stück Großvieh darstellt, wie es nad) dem Schachtschnitt noch daoonläuft. Obwohl s. Z. auf die Tatsache hingewissen wurde, daß -dieser „Schächtschnitt" nur ein plumper Schwindel sein kann, um Unkundigen ein Gruseln vor dem jüdischen Schächten beizubringen, dient das Bild heute noch zur Hetzpropaganda der sogenannten „Tierschützler". Wir sind nun in der Lage, ein Gegenstück zu bringen,, das sich in der Gegend von Schweinfurt (Unterfranken) bei einer Jagd zugeiragen hat. Der „Würzburger General- Anzeiger" meldet in seiner Nr. 294 vom 22. Dezember 1932 folgendes Jagderl-.'bnis: „Schweinfurt, 21. Dezember 1932. Mehrere Jäger fuhren im Auto zur Treibjagd, als sie am Ausgange von Gädheim einen Jäger trafen, der soeben einen Hasen geschossen hatte. Da der Weidmann ebenfalls nach dem nahen Ockendorf strebte, nahmen sie ihn, der den regungslos auf dem Felde liegenden Hasen geholt hatte, im Auto mit. Als der Wagen in Ottsndorf hielt und die Türe geöffnet wurde, setzte der totgealnubte Hase mit einem Sprung aus die Straße und wollte das Weite suchen. — Nur dein Umstande, daß zwei Jagdhunde sich fw'ort auf die Verfolgung machten, war es zu danken, daß der Ausreißer eiitgefangen werden konnte. Er hatte nur einen Prellschuß am Kopse, der ikm nur für ktirze Zeit bewußtlos gemacht hatte." Soweit der Bericht. Was der arme Lampe wohl in seiner „Bewußtlosigkeit" gefühlt haben möge? Und bei der Hetze der ihn verfolgenden Hunde? Schade, daß die Szene nicht gefilmt werden konnte! So was, wenn beim Schächten vorkämc! Aber Schießen und Schächten sind bekanntlich zweierlei. Verantwortlich für den allaeineinen Teil und das Feuilleton S. Schachnowitz, Frankfurt a. M.; Inserate i. V.: S. S ch a chnowitz, ebenda. — Für die pädagogische Beilage: Lehrer L. Kaufmann, in Sprendlingen (Kr. Offenbach). — Verlag oes Israelit und Herman G. m. b H., Frankfurt a. M. — Druck Hermon Druckerei, Manlfurt a. M>