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Der Israelit · 1933-01-05 · Heft 1 (5.1.1933) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
74 (1933)
Issue
Heft 1 (5.1.1933)
Date
1933-01-05
Page
– (sequence 9)
Language
German
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ßr.i IM mm Licht aus dem Westen. Erzählung aus der Zeit der Ghettodämmerung. - -; . (Fortsetzung.) . Und Iokews Hand zitterte zum ersten Male bei -einerAmtshandlung, als er w. Vorraum der Schul die.it n t mir ch u n g des Rabbinates üuf großem schönen Logen, in schöner Ctuadrätschrift, -unter MrLsten geschrieben vön Rabbi Schmuel Sofer, anbrachte,Darin war? zu lesen,- daß aus Beschluß von Rabbinat und Vorstand Rabbi Rosson Sohn Schimons? Adler u n t e r Androhung d e s <L Here m untersagt . wurde, G ' ttes - d i e n st?! n f eine m H au s e ab z u h a l t e n , daß dieses Verbot durch den zuständigen Gemeindediener Rabbi Rosson übermittelt und auch im „pinkas", dem Gemeindebuch, eingetragen wurde, daß aber besagter Rabbi Rosson ungeachtet jaff dieser, Verwarnungen und.' Androhungen nach.wie vor seine Gebetsversammlungen abhalte. Ls sei nun von der Stunde an jedermann, in der Gemeinde verboten, Rabbi Rosson Ehrungen zu erweisen.oder mit reli-' . giösen Fragen an ihn heranzutreten. Auch sei es Jedermann verboten, sich an seinen G'ttesdienstcn zu beteiligen, fremde, die, Diesem letzteren Verbotzuwiöerhandelten, hätten, keinen Anspruch aus Mchtlager und Verpflegung aus der Genreindekasse. oder. Lei. Privaten.' 'Sollte Rabbr Roffon auch dieser letzten Warnung trotzen, so seien Vorstand und Rabbinat bereit und gewillch noch sch.chrfere Maßnahmen zu treffen ... Cs war scharf.und streng, aber der von vielen, erwartete und mit.-Leidenschaft geforderte Ch e rem war es, nicht. Der große-.Adler thronte zu hoch in den Lüften, als daß ihm einfache Pfeile, — so weit ste von Rabbi pinchos kamen, mehr von der Liebe abgeschossen und getragen,— treffen konnten. Die Bekanntmachung . trug das Datum des 7. C l u 1. 5 5 5 9 (1779).: Aber an den Götzen Feiertagen wurde im. Lohrhaufe von Rabbi Rosson mit einer . Andacht und -inbrünstigen Eingebung gebetet, wie nie. zuvor. Als hätte nie eine gewisse Bekanntmachung am schwarzen Brett des S^nagogcnvorraumes die Gemüter erregt! Cs fehlten nur bei Rabbi Rosson seitdem Rabbi Salman Chossid, Rabbi Levi Schnapper und Rabbi Leser Wallau, die die Bekanntmachung schweren Herzens mit zu unterschreiben hatten, und selbstverständlich Rabbi Schmuel Sofer, der, ohne im Innern mit dem Lehrer'und Erzieher seines Kindes zu brechen, in der großen Schul die Thorarollen zu betreuen hatte . . . Cs geschah zunächst in der Gemeinde nichts. „Laßt die heiligen Tage vorüber gehen," mahnte Rabbi pinchos, der Oberrabbiner, „sie werden ihnen Cinkehr und uns Rat bringen." VIII. D i e A u s s p r a ch e. Im Zwielichte der Gellampe zwischen den hohen Bücherregalen saßen zwei Männer im ernsten Gespräche, die zwei größten Männer Frankfurts. Cs sollte eine Auseinandersetzung sein, aber auch dein 'lugen, so redegewandten Rabbi pinchos, den; Obermbbiner,, fiel es heute schwer, den Weg von den geistizen Koben, die sie im Gespräche unversehens bestiegen, chne weiteres in die Riederungen ihrer kleinen Anlegen zu finden, auf die es heute ankam. Soviel des Kemeinsamen ergab sich bei der Begegnung der zwei rrößtcn Männer, daß darüber zunächst alles Trenicnde vergessen wurde. Mit einem sonnigen Lächeln im Hellen grauumoallten Gesichte trat, ja spazierte Rabbi pinchos in ne Stille Rabbi Rossons hinein, als zöge mir ihm in Sonnenftreifcn ein, der auf Decken und Wänden n's düsteren Gemachs spielte. „Ihr kommtckricht zu mir, so muß ich zu Luch kommen, lieber Rabbi Rosson." War das eine Vorhaltung, daß er dem Ruf des Besdin keine Folge geleistet? Im Tone klang keine Spur von Vorwurf mit, es war nur Freundschaft und Sehnsucht nach dem Freunde. Und'schon waren sie mittendrin, Halachische Fragen, Responsen, die der eine und der ' andere inzwischen mit dem'und jenem gewechselt, neue Lesarten schwieriger Texte waren'zu besprechen. Cs ging so eine gute Stunde lang, angeregt und angespannt. Wo gab es hier einen Abstieg in die tiefe Ebene des Tages? Da gab sich Rabbi pinchos einen Ruck. „Ihr seht, Rabbi Rosson, wie gut und dringend nötig es ist, daß wir uns zuweilen aüssprechen. wie entsetzlich, wenn cs so weit käme, daß wir n i ch t mehr miteinander reden dürften . . ." ' Rabbi Rosson rückte, wie von einem Wespenstich' getroffens ein wenig ab. „Ihr meint, wenn einmal der Therem über mich ausgesprochen ist und keiner mehr sich um vier Cllen mir nähern dürfte?" „Cs wäre schrecklich," seufzte der Dberrabbiner. „Manwirft selten eine Brandfackel gegen; eine Festung, ohne sich selbst zu verbrennen, warum bringt ihr üns in solche Geistesnöte?" - Geistesnöte! Das war das richtige wort, danach auch der Halbgeächtete suchte. „Warum," gab er bitter zurück, „hat, man kein Gefühl für'meine Geistesnot?' Was will man eigentlich von mir? wer kann es mir verbieten, wo ich doch nicht beachtet und beöienstet bin, und keinem änderen als G'tt im Himmel für Meine Tat , Rechenschaft schuldig bin, wer kann es Mir verbieten». nach meinem Gewissen und meiner Reberzeugung. zu leben» zu lehren und zu beten? Warum kümmert mam sich überhaupt um mich?" ' . „Ihr habt, Rabbi Rosson, Schüler 'um euch, die auf euer wort hören, eine ganze Gemeinde, die zu euch hinaufsieht." " - - : „Sie kommen zu mir, ich habe sie nicht gerufen. Man kann es ihnen so wenig verargen und verbieten, wie mir selbst." „Cs sind unter euren Schülern welche, die sich unwürdig benehmen, die Leute heransfordern und eurem Hause keine Chce machen," holte Rabbi pinchos etwas stärker aus. Rabbi Rosson sah hilflos zu seinem älteren Freunde hin. „Man hat sie gereizt," sagte er. ' - Cr wußte von dem Treiben einiger seiner Jünger nicht und glaubte es einfach nicht. „Höret, Freund",'—Rabbi pinchos sprach ganz sanft, wie eim Arzt einem' schwierigen Patienten zuredet, liebgewordene Gewohnheiten zu lassen, — „ihr beruft euch auf -euer Gewissen. 'Run,- ihr wißt, woher ich komme und wißt, wie nahe ich mit meiner Gesinnung und mit meinen Gedankengängen euch bin.. Ich muß hier in Frankfurt gegen euch handeln. Glaubt ihr etwa, daß ich gegen mein Gewissen bandle?" . „Ihr seid berufener Rabbiner der Gemeinde, ich aber ..." Rabbi Pinchos ließ ihn nicht ausreöen. „So höret denn weiter. Ich fuhr, als ich nach Frankfurt berufen wurde, zu Rabbi B e e r nach Meferitsch, dein großen Maggid, der beute das heilige Erbe des Baal S ch e m T o w in Polen verwaltet, und weinte bei ihm mein Herz ans: „Ich, dessen Seele im Chassidismus wurzelt, soll weitweg ins fremde Land gehen, eine deutsche Muttergemeinde führen, die ihrer Geschichte nach allem Chassidiscken und kabbalistischen fremd und fern steht. Cine andere-Welt. Wird mein Werk gelingen, wird nicht meine Seele dort in den kalten geistigen Bezirken verdorren?" Was tut der' große Maggid von MseUtsck? Rimml mich am 7lrm und führt mich ins freie Feld hinaus, zeigt mit den Fingern auf Wcizenäeker und Kornfelder, auf. Wiesenland und Krautgärten und sagt: „Höre, pinchos, der gleiche Säemann darf den einen Äcker und den anderen bestellen, nur darf er die Saatarten nicht durcheinander werfen, darf keinem Boden, der für Weizen bestimmt ist, Korn aufzwingen oder umgekehrt. Versteht ihr, Rabbi Roffon, was der große, kluge Rabbi damit sagen wollte?" Gewiß verstand Rabbi Rosson, aber er gab nicht nach: „Wir, ich und meine Freunde, haben uns auf einem Aeckerchen gesunde n. Was wir da säen, ist der Ratnr unseres engen Bodens angcpaßt. Warum stört man uns?" Rabbi pinchos gewann sein helles Lächeln wieder. „Der Frankfurter Boden muß anders bestellt werden, als der von Meferitsch und er trägt andere Früchte, die zum geistigen Leben hier so notwendig sind, wie die anderen Früchte dort. Innerhalb d i e - s e s Lodens sind eure Pflanzungen Mischlinge, Kilajini, und verböte n." „K i l a j i m, und müssen von den zuständigen Hütern des Weinbergs mit Stumpf und Stiel ausgerottet werden," ergänzte 'Rabbi Rosson bittet., „Rein," behielt Rabbi pinchos seine gute Laune. „Cs heißt in der Mischna „Maschmiim al Hakilajim". Wir haben zunächst nur zu warnen und freundlich zu mahnen." „Und wenn wir trotz den hohen Befehlen unserem Gewissen folgen?" „Dann kommt das Unvermeidliche und der große Schmerz, über mich, über die Gemeinde, über uns alle'..." . - „Ich soll," beharrte Rabbi Rosson, „um von Anderen. Schmerz abzuwenöen, mir den größten bereiten, meine Seele in mir verdorren, die Stimme meines Gewissens zum Schweigen bringen ..." „Gewissen', Rabbi Rosson»"— der Dberrabbiner wurde wieder ganz ernst, — „das Gewissen hielt die Lehrer der Mjfchnö und' der Grmoro in älter Zeit nicht davon ab,, sich unter Hintanstellung ihrer eigenen Meinung der Majorität zu fügen." ' "„Das Gewissen," gab der Andere zurück». „gab einem Äkabia die'Worte in den Mund wie die: „will lieber als Rarr mein Lebenlang gelten, als nur eine Stunde Frevler vor G'tt zu fein." „Ja, Akabia»" griff Rabbi pinchos den Ramen auf, „er wurde ebenfalls in den großen Bgnn getan. Rein," verbesserte er stch, bevor der andere noch Zeit fand, einzugreifen, „nicht er,. Akabia, berichtet der Talmud im Traktat Lerachoth, wurde in den Bann getan, sondern ein Anderer an seiner statt. Denn unter den Hunderttausendcn, die die Hallen des Heiligtums betraten, war keiner, der frommer, gelehrter, gerechter und heiliger war als Akabia. Aber ein Anderer ..." „Wir sprechen als Freunde, Rabbi Rosson," fuhr Rabbi pinchosnach kurzem Schweigen fort. „Ihr seid uns ein Akabia, und wir Wissens, daß keinen Größeren die Tore unserer Gasse cinschließen'. Darum wagten wir cs bis jetzt nicht, obwohl es an Drängern und Treibern nicht gefehlt hat... Aber ein Anderer könnte, es bald sein, etwa Löb Emmerich oder Mosche Hollischau oder sonst wer aus eurem Kreis, und treffen würde es doch e u ch , uns alle. Was sollte dann geschehen?" „Richts wird geschehen. Ist der Cherem gegen mich oder einen anderen meines Hauses ausgesprochen, so nehme ich ihn ans mich und stelle all meinen Freunden und Schülern frei, mein Hans zu meiden. Wer freiwillig bleiben will, nimmt ja ebenfalls den Bann auf sich, und wir können zusammen bleiben, ohne uns zu meiden. Eine Gemeinde der Geächteten."' „Und der Friede in der Gemeinde?" „ I ch störe ihn nicht und ich bin auch nicht bestellt. den Frieden in der Gemeinde zu hüten," blieb Rabbi Roffon unerbittlich. Rabbi pinchos gab nickt nach. Cr batte noch einen letzte,? Trumps, und es war jetzt an der Zeit, ihn auszufpieien. .Klickt bestellt seid ihr. das ist .der Fehler, die Cw.elle allen Unglücks. Ihr m ü ß t als Rabbiner bestellt und beamtet fein. Wißr ihr. was der gleiche Ateferitfcker mir sagte, als ich mich weigern wollte, ein Rabbineramt anzunehmen? Der Geist muß in F e f f e l n g c f ck l a g e u w e r d e n . in die .fesseln des 'Amtes, damit er im Hochfluge fick nickt über-!

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