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Der Israelit · 1933-01-05 · Heft 1 (5.1.1933) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
74 (1933)
Issue
Heft 1 (5.1.1933)
Date
1933-01-05
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 4 Nr. 1 Erscheinungsformen und Auswirkungen des . tzetzbo^fofts, vor allem außerhalb Berlins. Alan könne sich nicht vorstellen, unter welchen furchtbaren Bedingungen jüdische Kaufleute und Arbeitnehmer vielfach in der Provinz zu leben gezwungen seien. Bisher verhielten sich die Behörden vielfach gleichgültig und erst jetzt erkennen sie die Gefahr dieser wirtschaftsfeindtichcn Einflüsse für die gesamte deutsche Volkswirtschaft. Pier wie überall greift die soziale Arbeit der Gemeinde ein, häufig im Zusammenwirken mit den zur Abwehr berufenen Stellen. Das Arbeitsamt der Gemeinde hat 1928 9090, 1951 15 000 Eintragungen gehabt und 1928 4000 und noch 1951 6000 Arbeitsstellen vermittelt. Das Arbeitsamt be-' arbeitete systematisch Arbeitgeber, um sie zur Aufgabe ihrer Vorurteile gegen jüdische Arbeitnehmer zu bewegen und jüdische Arbeitgeber zu einer stärkeren Bezeugung ihrer Solidarität anzuregen. Die Jugendfürsorge hat im letzten Sommer 2500 Kinder verschickt. Die Zahl der Wohlfahrtsempfänger der Jüdischen Gemeinde -ist schon fast ebenso hoch wie die der Steuerzahler, ein Zeichen für die wirtschaftliche Katastrophe des deutschen Judentums. Immer mehr wird produktive Fürsorge durch Berufsumschichtung, Siedlung, freiwilligen Arbeitsdienst und Begründung neuer Existenzen,.betrieben. Um auch nur einen Teil des Rotwendigen zu leisten, bedarf das Wohlfahrtsamt der tätigen pilfe jedes noch im Wirtschaftsleben stehenden Juden. * * * ■'•■■■ Unter dem Titel „Unser Recht auf Arbeit" gibt die Vereinigte Zentrale f ü r j ü d iss ch e Arbeitsnachweise in Deutschland in diesen Tagen eine äufklarende Schrift heraus.- wir entnehmen ihr folgende Angaben: Das wärchen vom, Reichtum der Juden, wenn es überhaupt jemals zutraf, ist durch die wirtschaftliche Entwicklung restlos zerstört worden. 'Die Ju^en sind wie alle anderen Teile der Bevölkerung vom Riedergang der Wirtschaft mit betroffen, darüber hinaus aber infolge ihrer eigenartigen beruflichen und sozialen Gliederung in weit größere Rot geraten als ihre nichtjüdischen Mitbürger. Die früher selbständigen üaufleute. sind jetzt als nicht mehr konkurrenzfähige Arbeitskräfte auf den Arbeitsmarkt geworfen, ihre Söhne und Töchter, denen früher der Aufstieg zu den freien und akademischen Berufen offen stand, mußten sich ebenfalls in das Peer der Arbeitsuchenden einreihen. Dieser vermehrten jüdischen Arbeitnehmerschaft steht ein durch besondere Umstände eingeengter Arbeitsmarkt gegenüber. Eine große Zahl von Positionen sind den Juden von vornherein versperrt. Die Petze gegen die Juden in der Wirtschaft droht bereits zu einer schweren Gefahr für die wirtschaftliche Existenz des deutschen Judentums.zu werden. Cs gibt fast keine Sparte der Wirtschaft mehr, in der die Juden nicht bedrängt, nicht mit den verwerflichsten Mitteln des Boykotts bekämpft werden. Ls begann mit dein angeblichen Kampf gegen Warenhäuser und Konzerne, die fälschlich zu jüdischen Machtpositionen gestempelt wurden. Es folgte die Parole „Kauft nicht bei Juden!". Mit allen Mitteln einer raffinierten Propaganda, die auch vor brutaler Gewalt nicht zurückfchrcckt, wird gegen jüdische Firmen gehetzt, werden Posten vor jüdischen Geschäften ausgestellt, um nichtjüdische Käufer am Besuch dieser Geschäfte zu hindern. In der antisemitischen Presse werden die Rarncn der in jüdischen Geschäften kaufetiden Personen veröffentlicht, oft die Bilder von Personen, die gerade ein jüdisches Geschäft betreten oder verlassen. In den kleineren Städten inußtcn jüdische Geschäftsinhaber vielfach ihre Geschäfte schließen rund die Orte Verlagen, in denen sic jahrzehntelang an der wirtschaftlichen lFnl Wicklung mitgewirkt batten. Gleiche Formen nimmt der Kampf gegen das jüdische Pandw erk an. Geradezu trag sch ist die Lage der jüdischen! Ocmiier und Techniker, denn hier bar der Boykott faß alle großen Betriebe erfaßt. Juden werden in diesen Industrien raum noch befchäfiigt. Dort, wo mau auf ihre Leistungen noch nicht verzichten kann, werden sie gesellfchaf-ich geächtet. Der Kampf gegen jüdische Aerzic und Rechtsanwälte nmmr Fs groteske Formen an. In den 'Anwalts- und Oierrickanrinern oeiteben Raxnellen. In den kleineren Städten wird' _Der Israelit _, den jüdischen Akademikern die Ausübung ihrech Berufes. fast unmöglich gemacht. FF ' In den heiligen Pallen der Literatur, Presse, bildenden Kunst und Musik macht sich, das Vordringen des Antisemitismus, immek stärker bemerkbar. Bedeutende Verlage, die einen großen Teil-ihrer Erfolge und ihres Ansehens ihren jüdischen Mitarbeitern oder Autoren zu verdanken haben, „säubern" ihre Redaktionen und Unternehmungen von Inden. In den Theatern werden jüdische Bühnenkünstler aus dem Engagement ausgeschaltet. Aehnlich .liegen die Verhältnisse bei den Mustkern, vom Rundfunk ganz zu schweigen. - F - Schlimmer als überall wirkt jedoch die'-Verdrängung der Juden als eingestellte, Arbeiter und sonstige Arbeitnehmer; denn hier befindet sich die antisemitische Petze auf der Linie des schwächsten Widerstandes. Angestellte und Arbeiter werden geradezu zum pungertoöe verurteilt, wenn sie über die allgemeinen wirtschaftlichen Gründe hinaus noch als Juden verfolgt und aus dem Wirtschaftsprozeß ausgeschaltet werden. -In, den Direktionsbüros großer Konzerne sorgt immer jemand dafür, daß jüdische Angestellte bei Kündigungen und Entlassungen nicht übersehen und bei Einstellungen nicht beachtet werden, und zwar oft auch dann, wenn die Inhaber selbst Juden sind. Die langandauernde Arbeitslosigkeit mit all ihren traurigen Folgen von Rot und Verzweiflung zeitigen in den Massen der jüdischen Familien Zustände, die .man noch vor.' wenigen Jahren für völlig unmöglich gehalten hätte. Junge Menschen werden zu einer Last für ihre alten Eltern, für die sie einmal sorgen-sollten. Sie sind nicht mehr -in der Lage, zu heiraten und einen pausstand zu gründen. Die. Zahl der jüdischen Geburten wird ständig geringer, die/Sterbefälle überwiegen bereits in erheblichem Maße. Die Selbstmorde aus wirtschaftlichen Gründen häufen sich. In einem erschreckenden Umfange, setzt eine Flucht aus dem Judentum als., letzte vermeintliche .Rettung vor wirtschaftlichem Riedergange ein. .... Pie .Zahl der jüdischen Arbeitslosen läßt sich nicht ermitteln, da die öffentlichen Arbeitsämter keine konfessionelle Statistik führen,- die jüdischen Arbeitsnachweise aber nur..einen Teil der gesamten jüdischen Arbeitslosigkeit erfassen. Allein beim jüdischen Arbeitsnachweis Berlin waren i. I. 1951 ca. 15 000 jüdische Arbeitslose gemeldet, also fast ein Drittel aller jüdischen Arbeitnehmer Berlins. Aber diese Zahl kommt der Wirklichkeit nicht nahe; h-inzuzuzählen sind die zahlreichen Agenten, Vermittler, Vertreter, früher selbstänöigeu Kaufleute und Intellektuellen, die alle erwerbslos im traurigsten Sinne des Wortes sind, Reichs- und Staatsbehörden haben angesichts der immer wachsenden Petze im besten Fall einige beruhigende Worte; auf irgendein Eingreifen gegen den Boykott in der Wirtschaft wartet man vergeblich; auch die wirtschaftsverbände, die Vereinigungen der Arbeitgeber, selbst die Gewerkschaften schweigen. Im Interesse der deutschen Gesamtwirtschaft, aber auch im Interesse der in ihrer Existenz bedrohten jüdischen Gemeinschaft richtet die Zentrale für jüdische Arbeitsnachweise an die Öffentlichkeit, an Reichs- und Staatsbehörden die entschiedene Forderung, mit allen Mitteln gegen die wirtschaftsschädliche Boykotthetze einzuschreiten, von den wirtschaftsverbänden der Arbeitgeber, von den Gewerkschaften der Arbeituchmer erwartet die Zentrale, daß sic auch die Interessen ihrer jüdischen Mitglieder wahrnehmcn und sie durch Bekämpfung des Wirtschaftsboykotts vor der Verdrängung aus dem Wirtschaftsleben .schützen. Das deutsche Judentum hat erkannt, daß es verpflichtet ist, eigene Maßnahmen zur Linderung feiner spezifischen Rotlage zu treffen, wirtschaftliche Rotftände können nur auf dem Wege einer produktiven Gestaltung der j ü d i s ch e n Sozi a! a r b c i i bekämpft werden. Diese umfaßt heute bereits: Darlehenskassen und Genossenschaften, Berufsberatung und Berufsfürsorge, Einrichtungen zur Fortbildung und Unterbringung langfristig Arbeitsloser und schließlich als wichtigste Maßnahme: jüdische Olrbeitsnachweifc. Die Erfolge der j ü d i f ch e n A r b e i t s n a ch w eise in Berlin. Breslau.. Frankfurt a. M. usw. zeigen deutlich, daß es auch heute noch möglich ist, jüdische wen sch cn vor dauernder 2lrbcilslofigfcn zu bewahren. Eine besondere Ausgabe ist die It nterbringu n g d c r A r beit n e b in c i\ _5. Januar 1933 di e um S a b b a td-nF ch tmckrchie rt e n. In Gemeinschaft mit der Ärbeitsgemeinschäst für Wirtschaftsfragen der Juden in Deutschland hat es die Vereinigte Zentr all ef u r j ul 6 if ch e Ar - b.e i ts n a ch w e i f e.. übernommen, überall für den. Ausbau des. jüdischen .Arbrsitsnachweiswesens, für Ärbeits- und Crwerbs'befchäffung zu werben. Diese Werbung kann aber nur von Erfolg begleitet sein, wenn sich die gesamte jüdische Defsentlichkeit,, Cinzelpersönlichkeiten und Organisationen, mit allen ihren Kräften, für .die. Durchführungdieser wichtigen Aufgaben einsetzen. Korrespondenzen « ßacbricMen. Deutsches Reich. ."-V- Der Delegiertentag des Esra. - . , - B erlin, 1. Jan. Herr Erich Rofenblüth in Berlin schreibt uns: Der Bericht über den Delegiertentag des Esra, der in der vorigen Nummer des „Israelit" erschien, hat den Standpunkt der Gruppe Erich Rofenblüth völlig einseitig wiedergegeben. Es hat sich hierbei' nicht um die Frage einer Zusammenarbeit'mit den zionistischen Ortsgruppen gehandelt, vielmehr wurde von dieser Gruppe -die Notwendigkeit einer Distanz zum Zionismus, in der Erziehungsarbeit besonders betont. Sie will aber, einen Teil ihrer Menschen bewußt zu Trägern unserer Aufgaben in Erez Jisroel erziehen. Der einzige religiöse Kreis^ der für sie in Frage komtnt, sind die. Gruppen in Geringshof und Kibbuz Rodges. Es ist nun . eine Tatsache^ daß diese Kreise vom Esra als Bund bisher so gut wie gar nicht erfaßt wurden und daß — im Zusammenhang damit — ihre jüdische Haltung und Ausbildung viel zw wünschen ließen? Gerade von dieser Gruppe, des Esra wurde die heutige- Erziehungsmethode in den misrachistischen Jugendbünden schärf kritisiert und schon üus diesem Grunde die Erhaltung des Esra gefordert.' Sie kann daher nur dann die Verantwortung für den jüdischen Weg ihrer Ehaluzim übernehmen, wenn sie zugleich in enger Zusammenarbeit mit -den Menschen in Rodges und mit dem Brith Ehaluzim Dathiim ihren Einfluß weitgehend geltend macht. Ferner ist es nach ihrer Auffassung auf die. Dauer unmöglich, daß die meisten der älteren Esräer sich der Mitarbeit an den größeren Gruppierungen der Orthodoxie verschließen. Vielmehr haben beide Richtungen ein Anrecht daraus, daß diese — für sie gerade wertvollsten — Menschen Mitarbeiten und die Jüngeren für die heute so drängenden Aufgaben bereitstellen. Es geht nicht an, daß man heute, wo es mehr als sonst auf die Erhaltung und den Ausbau unserer letzten Positionen in Erez Jisroel und der Golah ankommt, an einem veralteten reinen Neutralitätsprinzip festhält, das in -der Praxis durchlöchert wurde und angesichts unserer Situation immer durchlöchert werden muß. Diese Gruppe forderte daher, daß der Esra beiden Richtungen in einer beschränkten Hinsicht Raum für ihre Sonderarbeit geben muß. Darin waren sich die meisten misrachistischen und ein Teil der agudistischen Führer, die zusammen eine Mehrheit, nicht aber die nötige Zweidrittelmehrheit aufbrachten, einig. Von fast allen wurde aber die weitere.Erhaltung des Esra gewünscht, da ihnen ungeachtet der Verschiedenheiten gegenüber allen anderen jüdischen Brüdern gemeinsam ist der ernste Wille zur jüdischen Vertiefung, zur konsequenten Erfüllung des Gesetzes und der Primat der persönlichen jüdischen Arbeit, und da nur starke jüdische Menschen das Eigene des Esra gegenüber den Andern werden zur Geltung bringen können. Aus dem Nachrichtenblatt des Weltverbandes Schomre Schabbos. Berlin, 1. Jan. Die neueste Nummer des Nachrichtenblattes des Schomre Schabbos-Verbandes berichtet, daß am 8. Januar in Berlin eine engere Sitzung des Zentralkomitees tattfindet. Ans dem weiteren Inhalt ist folgendes hervorzuheben: In Sachen der 5 Tagewoche erwartet der Verband, daß die Bestrebungen zur internationalen Ein-

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