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Der Israelit · 1933-01-05 · Heft 1 (5.1.1933) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
74 (1933)
Issue
Heft 1 (5.1.1933)
Date
1933-01-05
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 1 Seite 3 5. Januar 1933 Der Israelit weniger nach öem wissenschaftlichen, als mehr nach dem vor- und Nachnamen, weniger nach Ruf als nach Rasse fragt. Große Verlegenheit unter den Herren, die in dem jungen Professor erst gestern den besten aller möglichen gesehen hatten. Sie mußten zunächst ihren Standpunkt verteidigen. So schwach es auch geschah, sie wahrten, die alten Herren an der Verantwortung, doch noch einen Schimmer von der Tradition der freien Republik der Wissenschaft, in der es eine Grenze nach Ruf- und Familiennamen nie gab. praktisch war diese Haltung nicht von großer Bedeutung, da die Herren Studenten keine Ruhe gaben und den wann mit dem ominösen Rainen, der an einen Priester des Lichtes im Tempel des Herrn erinnert, gar nicht zu Worte kommen ließen. Run ist den verlegenen Herren im Senat und Rektorat doch Glück widerfahren, von einer Seite, aus der sie es kaum erwarten konnten. T r o tz k i, der große russische Revolutionär, kam ihnen zur Hilfe, und ein etwas auf Sensation abgestelltes Berliner Montagblatt. Trotzki wandert, seitdem er bei den bolschewistischen Zaren in Rußland in Ungnade gefallen ist, immer noch heimatlos heruin und sucht ein (Obdach. Die Staaten Europas fcmttcn von dem ideellen Gewinn dieses Zuzuges bis jetzt nicht überzeugt werden. Besagtes Wontagblatt konnte dem Wanderer zwar ebenfalls kein Asyl schaffen, aber eine Rundfrage bei prominenten Persönlichkeiten veranstalten, wie sie über das Asylrecht Trotzkis in Deutschland dächten. Echt berlinerisch-amerikanisch gleich mittels des Telcfonapparatcs! Bei Lohn in Breslau klingelt das Telefon: „Hier Berlin uftv. . . . Was halten Sie von einem Wohnrecht Trotzkis in Deutschland?" wäre der verhältnismäßig noch junge Professor ebenso klug, wie er gescheit ist, er hätte sich vielleicht gesagt: „Sitze ich einmal auf einem Pulverfaß, so stehe ich nicht auf, um am Telefon auf solche verfängliche Fragen zu antworten." Ls spricht aber für seine Ehrlichkeit und Unbefangenheit, daß er gleich die 'Antwort zur Hand batte: Wan müsse prüfen, welche Erfahrungen die Länder, in denen sich T. bisher aufhielt, mit diesem eigenartigen Gaste gemacht hatten. Wan habe bisher Klagen über ihn nicht gehört. Im übrigen glaube er, daß man geistigen Kämpfern, sofern sie dem Wirtslande keine Schwierigkeiten machen, das Gastrecht nicht verweigern könne. Ts dürfte kaum einen vernünftigen, rochtdom kenden wenschen geben, der eine solche Meinung nicht Wort für Wort unterschreiben könnte. Aber für die vergiftete Atmosphäre an der Breslauer Hochschule genügt das. „Ein Bekenntnis zu Trotzki!" heult und gröhlt die weutc. „Run raus mit Trust Lohn", stimmen Senat und Rektor in den Lhorus mit ein und fühlen sich ungemein erlöst. Ls lebe Trotzki, es lebe der „wontag worgen!" Ls ist dies heute kein Linzelfall in unserem lieben Deutschland. Der Fall ist typisch für hundert andere, auf der Geist ihres Vaters Jakob." Was hat diese Aenderung in der Auffassung der Sachlage herbeigeführt? Jakob vernahm ausführlich und wörtlich, was Joseph ihm sagen ließ. Er erkannte an dem Zeichen, das er ihm gesandt, spi' nVt? mw — das waren ganz sonderariig» Wagen, die der Sohn dem Vater geschickt, um ihn auszunebmcn. ihn aus alten seinen Zweifeln zu erheben — daß Joseph auch durch die Reihe der Jahre nicht vergessen, mit welcher Lehre sie sich beschäftigt, als sie von einander schieden, daß er also in allem und jeden', noch sein Sohn war, der sich selbst nicht von jeder Schuld und Verantwortung frei sprach für. das, was geschehen und soviel Herzeleid und Seelsnkurmner über den Vater gebracht. Nachdem ihm dies zu vollem Bewußtsein gekommen, w t]ov Ts» 2-1 bx->V' nnrr'1. sprach (voller Beseligung und Erhebung) Jisrael! „Genug, inein Sohn Joseph lebt noch." Unsere Weisen sagen, nachdem Jakob ein Menschenalter hindurch in dumpfer Trauer erstarrt war, vbv rn-it? erhob sich jetzt der Patriarch wieder zii jener Kraft, die ihm immer seine G'ttverbundenheit in früheren Zeiten verliehen und ihn voller. Hoffnung und Zuversicht in die Zukunft schauen ließ. Sein Sohn Joseph lebt, das war für ihn entscheidend. Die langjährige Trennung von der Heimat, der Wandel seiner äußeren Schicksale haben an seiner Art und Gesinnung nichts geändert. Er ist, wie er war in den Stunden der Gefahr und Not, ^ov p'-ixn der Gerechte und Fromme . . . Das war ein glückliches Wiedererkennen eines Sohnes, noch ehe der Vater ihn von Angesicht zu Angesicht schauen konnte. Heil den'. Vater, heil den Eltern, die ihre Kinder so heimkehren sehen, daß sie diese voll als die Ihren wiedererkennen. von öenen man weniger spricht. Die Säuberungsaktion im Rundfunk und in den staatlichen Theatern, die eine Reihe von jüdischen Künstlern aus das Wetter des Hungerkünstlertums verweist, gehört auch in dieses Kapitel. Lin Direktor der Siedlungs- Treu ha n d g e s e l I s ch a f t, der auf seinem Gebiete Hervorragendes geleistet hat, aber das Unglück hat, Salomon Dyk zu heißen, muß gehen, angeblich nicht des Ramens wegen an sich, sondern weil der Rame in einem polnischem paß zu lesen ist (vor 5000 Jahren hatte man im engherzigen und fremdfeindlichen Aegypten in Jahren der Rot die Siedlnngspolitik in die Hand eines wannes mit einein cbräischen Paß gelegt und war dabei nicht schlecht gefahren), was die Staatsangehörigkeit anbelangt, so hat man in einem anderen Falle schon einmal gehört, daß ein Ausländer oder Staatenloser durch Bekleidung eines Staatsamtes automatisch zum Staatsbürger wird. Zn jenem Falle hieß aber der gute wann Adolf, und gedient hatte er dem Staat erst als Soldat und später als Regierungsrat in Braunschweig.. Dieser Siedlungsdirektor mit dem Vornamen Salomon hat aber bis jetzt nur 25 Jahre de m preußischen Staat in verschiedenen Aemtem und zuletzt in dem wichtigen Siedlungsamte gedient. Lr hat, wie berichtet wird, in diesem seinem Amte allein im letzten Jahre 200 Siedlern in Preußen zu einer Existenz verholfen. Sich selbst konnte er scheinbar im preußenlande nicht ansiedeln, denn er heißt Salomon Dyk.- Wer aber glaubt, daß Rektor und Senat in Breslau sich mit diesem Umsall rehabilitieren könnten, wird ans dem „völkischen Beobachter" eines Besseren belehrt. Brockel m a n n , so heißt der Rektor, muß Lohn felgen, wird hier gefordert. Die Schwenkung komme zu spät, sei erzwungen und daher wertlos. Zwar haben 700 alte Akademiker aus Breslau einen Protest gegen die unwürdige Haltung der Breslauer Universitätsbehördeu und den unerhörten Terror gegen die Lehrfreiheit an der Universität beim Reichskommissar eingelegt. Diese 700 Stimmen der Vernunft werden aber von den frischen studentischen Kehlen übertönt werden. Der tiefe Laß von Rektor und Senat gibt zwar diesem Thorus keine Harmonie, aber, wenn nicht das Ministerium in Berlin doch noch die Dinge ein bißchen zurechtrückt, den nötigen Rachklang. wir hätten nicht den leisesten Grund, uns für die Lex Cohn einzusetzen, wenn nicht der Fall zu einem j ü d i s ch e n Fall gemacht worden wäre, obwohl er in Wahrheit ein „Fall Breslau" und im weiieren Sinne ein „Fall Deutschland" ist. Für Körper ünd Füsse riu r DIAL9N -Pu der „BsLh Jacob" vor neuem Ausstieg. wie an anderer Stelle berichtet, hat in den letzten Tagen des abgelaufcnen bürgerlichen Jahres im K r ak a u e r B e t h Zacob - Le h r e r i n n e n s e m i - n a r die Lntlassungsprüfnng der jungen wädchcn staitgefunden, die im Verlaufe eines Lehrganges von 2—-5 Zähren ihre Ausbildung als Beth -Zacob-Lehrerinnen von Beth Zacob-Schulen oder Lehrerinnen an solchen in den verschiedenen Städten und Städtchen Polens beziehen sollen. R e u n ü n d f ü n f z i g K a n d i d a t i n n e n haben die Prüfung bestanden, von diesen sind — sicherlich eine Erscheinung, die in unserer.Zeit des Ueberangebotes und der Llrbeitslosigkeit seiten ist — für vierzig bereits Stellen vorhanden, ans deren Besetzung d'nrch die abgehenden Seminariftiitnen mit Sehnsucht gewartet wird und die übrigen neunzehn dürften ebenfalls in den nächsten Wochen in die Praxis übergehen. Die verhältnisinäßig hohe Ziffer der Seminar- 'Abiturientinnen braucht nicht zu verwundern, wenn man sich vor Angen hält, daß in Polen heute ftbon etwa 200 Beth Zacob-Schulen existieren, die mit der Zentrale in Krakau im engsten Konnex stehen und die mehr oder minder alle zugleich Zentren der Bnos 'Agndas Zisroel - B e w e g n n g darstellen, die so ziemlich alte Schichten der orthodox gerichteten Frauenwelt Polens ergriffen hat. Die diesmalige Entlassungsfeier, die mit einem njuin auf die fünf Bücher der Thora verknüpft war und besonders feierlichen und weihevollen Charakter trug, bezeichnet insofern einen Wendepunkt in der Geschichte der Beth Zacob-Bewegung, als nunmehr die Leitung des Krakauer Seminars in die Hände eines neuen Direktors, des Herrn Z. L. (Orte a n aus Warschau, übergeht. Diese ganz aus dem chassidischen Milieu emporgewachsene Persönlichkeit, die sich alls den verschiedensten Gebieten des öffentlichen Lebens bewährt hat, nicht nur als Pädagoge und Schulmann im engeren Sinne, sondern auch volkserzieherisch an der Spitze der poale Agndas Zisroel-cOrganisation, wird nach dem Urteile aller Sachverständigen berufen sein, der mit dem Erstarken der Bewegung naturgemäß sich mehr und mehr von innen heraus entwickelnden Problematik der höheren jüdisch-polnischen Mädchcnerziehung gerecht zu werden. Diese Problematik besteht darin, den wissensdurstigen und auf geistigem Gebiete außergewöhnlich strebsamen jungen Mädchen, die logischen und ästhetischen werte des europäischen Geisteslebens in solchen Formen und in solcher Dosierung darzubieten, daß ihnen nicht nur ihre reine, natürliche Glaubenstreue erhalten bleibt, sondern daß sie darüber hinaus auch ihrer Verwurzelung in öem spezifisch östlich-chassidischen Milieu ihrer Clteruhäuscr und ihrer künftigen Gatten nicht verlustig gehen. Das; dies prinzipiell möglich, vielleicht sogar relativ leichter möglich ist als die Lösung der Aufgabe, vor die sich im Westen, inmitten eines rationalisier-- ten, der Blutleere anhelmgefallenen Judentums, Samson Raphael Hirsch s. 21. gestellt sah, wird jeder zugebcn, der auch nur aus zweiter und dritter Hand eine Ahnung von der Kraft der Gefühlswerte hat, die in der chassidischen Welt geborgen liegen. Man darf jedenfalls vom jüdischen Standpunkt aus sowohl wie vom allgemein kulturellen außerordentlich gespannt sein auf die Ergebnisse, die diese synthetische Erziehungsarbeit im Laufe des nächsten Zahrzehnts erzielen wird, wir versprechen uns davon j auf alle Fälle eine B e r e i ch e r u n g des jüdischen! Geisteslebens. j Pflicht der jüdischen, insbesondere der agudistii schen (Oeffentlichkeit, aber ist es, an diesem wende- 'punft in tiefer Dankbarkeit der Männer und Frauen zu gedenken, denen das Hauptverdienst an dem bischerigen glänzenden Lntwicklungsverlaufc der Beth Jacob-Bewegung zukommt: der bis zum heutigen Tage j mit unermüdlichem Enthusiasmus wirkenden Frau jS ch e n i r e r; des Mannes, der die ganze Bewegung laus dem Dilettantischen ins wissenschaftliche empor- I gehoben und sie auf solide Grundlagen gestellt hat,!des Keren Haihora-Direklors Dr. Leo Deutsch- II ä n b e r; der Männer, die in Krakau vom Morgen bis zum Abend an der äußeren Fürsorge für Hans und Haushalt arbeiten. Deuts ch e r und S pst r a iund alter der deutschen und polnischen Lehrerinnen! endlich, die in der Ausbildung der jungen Mädchen ihre Lebensaufgabe und ihr Lebensglück gefunden haben. Möchte,es weiter gelingen, auf dem bisherigen Wege fortzuschrciten und vor allen Dingen auch die schweren Sorgen zu überwinden, d i e tz e u t e d i e w eiie r e f i n a nzrell e F u n d i e r u n g des TO e r k e s allen Beteiligten b e r c i t c t. Rian sollte glauben, daß cin Unternehmeil, dessen geradezu lebenrettendcr Charakter für Generatiocnn jüdischer Seelen sich jedem Unbefangenen offenbart, selbst in unserer schweren Zeit keinen Mangel haben dürfte an der erforderlichen finanziellen Förderung in allen Ländern der jüdischen Diaspora. Der jüdische Bezirk im Reiche der allgemeinen Rot. Der Vorstand der Berlin e r Z n d i s ch e n G c m e r n d e sprach ficn in einem G e nt c i n d e - a b c n d vor 1000 Menschen offen über die „Krise in der Gemeinde" ans. Es ist eine innere und äußere Krisis. Ein trübes Bild entwirft Heinrich Stab l, Dezernent für die Wohlfahrt und Zugendfürsorge im Geineindevorstand. Cr zeigt den Rückgang des jüdisiben Einflusses in der Wirtschaft am Beispiel des

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