Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 1 (5.1.1933)
- Date
- 1933-01-05
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Serie 2 Nr. 1 Der Israelit ö. Januar 1933 und des Alters, der Männer und der Frauen, des Ostens und des Westens. Ohne Kampf, ohne prinzipiellen Zwang, ohne seelische Erschütterung, nichts Aufgepfropftes, sondern ein Öelbaumspröstling, nur dem Gesetz des eigenen Wachstums gehorchend. In Polen, Galizien und jetzt auch in der Tschechoslowakei hat 'sich ein Ketz von Bes-Iakob-Schulen gebildet, an denen fast 20 000 Kinder von Lehrern unterrichtet werden. Ts gibt der ganzen weiblichen Jugend Hcimatz innere Verwurzelung sittlich-religiöse und praktische Kräfte, hier ist ein Blühen und ein Wachsen, ein Leben und ein Ouellcn, nur daraus verständlich, weil es aus den ganzen Bedingungen von Milieu und Umwelt, von Geschichte und Tradition herausgcwachsen ist. U n d das ist erste Forderung aller Pädagogik, den Menschen i ft seincWclt zu st e ll e n u n d n i ch t aus fein e l* XD eit herausz u r e i st e n , d e n Kl e n s ch e n aus dem letzte n Z e n t r um sei neseigenen Sein shcra u s zur S e l b st e n t f a l t u n g zu bringen und n i di t i n d i c Peripherie ä u st e r e r Wirklichkeit a b z u d r ä n g c n. Ts war natürlich unmöglich, dast wir alle einzelnen Schulgcündungen des Bes Jakob an allen Fleckchen und Städten in Augenschein nahinen. Aber an die beiden Ouellpunkte dieses Lebensstromes wurden wir geführt, an das jüdische Lehrcrinnenseminar nach K r a k a u und in das Sommerheim des Wiener Lehrerinnenkurses in S o b o r bei Ueutra. In Krakau ist die ältere Zentrale. Sie hat sich hier jetzt ein eigenes Heim geschaffen, ein vielstöckiges paus, in dessen Dachterrassen man über die weite Landschaft der Weichsel und des fernen Karpatenlandes blicken kann, ein symbolisches Zeichen, dast dieses paus hinauswcist in die ganze Weite der galizischpolnischen Welt. Koch sind nicht alle Räume fertiggestellt, aber aus dem Vorhandenen ergibt sich der Ueberblick über das ganze paus. Dieses Seminar, ebenso aber auch die Schwesteranstalt, sind Intern a t e. Aus einer vollen Lebensgemeinschaft heraus must sich die zukünftige Lehrerin für ihren Berns ertüchtigen. Sic soll ja zukünftig Milieuschöpferin sein, nicht nur Vermittlerin von Kenntnissen. Darum must ein kraftvolles, einheitliches, blutdurchströmtes Wicken in all seinen unsichtbaren und unnennbaren Anordnungen und Kräften auf sie einwirken und ihre Seele formen. Pier wird die Lehre gelebt und Leben gelehrt. Pier wird der gesamte Unterricht nur ein Bestandteil, ein Stück des Tagewerks, das den ganzen Menschen unter die Verantwortung einer künftigen Erzieherin stellt. Die Lebensgemeinschaft, das Ineinandcrwachscn der Schülerinnen und Lehrpersonen hat eine Voraussetzung: das völlige Aufgehcn der Lehrenden in das Werk. Wo die Menschen ihre Halbheit nicht ausziehen können, da müssen sie die zutrauliche und vertrauliche Nähe der kritisch wachen Jugend von sich fernhalten. Kur wo völlige Selbstvergessenheit den Lehrenden über sich selbst emporhebt, da wird Ideal Katur, da wird die moralische Ueberlegenheii Selbstverständlichkeit. Der Keren patorah hatte das Glück, für seine beiden Seminarien solche Kräfte zu finden. Die reine Begeisterung, mit welcher Leo Deutschl ä n d e r, der Direktor des- Keren -patorah, den grandiosen Plan, eine geeignete Mädchcncrzichung zu schaffen, ergriffen hat, hat auch diejenigen erfasst, die sich der Durchführung zur Verfügung gestellt haben, vor allem die beiden Seminarleiterinnen Frl. Dr. Judith K osenba um und Frl. Cva L a n d s b e r g. Der Unterricht umfasst, abgesehen vom pädagogischen, hauptsächlich jüdische Fächer, in Deutschland würde man von einem Ueligiönslehrerinnenseminar sprechen, weil wir uns entwöhnt haben, die jüdische Lehre in ihrer die gesamte Erziehung umfassenden Bedeutung als wirkliches Mitte! zur Bildung von Welt- und Lebensanschauung, der mannigfachsten Formalbildung, der Schärfung des Intellekts, des Sprachgefühls und als Anknüpfungspunkt für alle möglichen Realien geographischer und geschichtlicher, naturwissenschaftlicher und kulturgeschichtlicher Kenntnisse zu betrachten. Uns wurde in beiden Anstalten eine Prüfung vorgeführt. Ich bin ein alter Schulmann, gewöhnt, den Begriff einer Prüfung ernst zu nehmen; es waren noch mit unter den Reifegenossen genügend Sachverständige und pädagogische Fachleute. Wir waren so überrascht von der Fülle der von den Hörerinnen an den Tag gelegten Kenntnisse, von dem austerordentlichen Erfolg, das; wir zuerst mit grösster Skepsis an eine Schaustellung glauben mochten. Wir griffen deshalb selbst in die Prüfung ein mit absichtlich schweren und abliegenden Fragen und mussten jedesmal erkennen, dast unser Angriff siegreich abgeschlagen wurde, dast die Kenntnisse tief fundiert, aufs sorgfältigste bis in die elementarsten Grundlagen durchgearbeitet waren. Es ist eben ein Schülerinnenmaterial, das aus einer von Thorakultur gesättigten Atmosphäre kommt, aber es war auch ein herrliches Zeichen, dast man das Verantwortungsbewusstsein des heiligen Zukunftsberufes so energisch zu wecken gewusst hatte, das; eine Selbsttäuschung und Oberflächlichkeit den Schülerinnen selbst verhasst gewesen wäre. Die Eindrücke der Bes-Iakob-Seminarien waren der eigcnllichc Auftakt der Reife, sic waren cs zuerst, die uns in' den Taumelzustand der Begeisterung versetzt haben. Und dazu trug noch die Einheitlichkeit des ganzen Milieus, die naturfreudigc Schlichtheit des Lebens in diesem Kreise in erheblicher Weise bei. Dieser Anblick und diese Erfahrung mussten auf uns um so nachhaltiger wirken, als sie uns letztlich auch wieder das schöne Bewußtsein gaben von der hoben Bedeutung des deutschen Judentums für den Osten. Die Pädagogik als Kunst, die Erziehung als Wissenschaft, das ist ihre Ueberlegenheii. wenn das polnische Judentum sich heute erzieherisch stark fühlt, so ist das, wie man wohl ohne Ueberheblichkeit behaupten darf, das Verdienst deutscher Männer und Frauen. Mein sei. Bruder Emanuel E a r l e b a ch war der erste, der die Kulturbercchtigung des E h e d e r, die tragenden Kräfte seiner Entwicklung in den Kriegsjahren beim Beginn der politischen Emanzipation der polnischen Iudenheit in den Gemeinden und Lehrern wiederverstehcn lehrte. Leo D e u t s ch l ä n d e r war es, der das gesamte Mädchenschulerziehungswesen aus der Uiedrigkeit emporgehoben und zu solch starker Entfaltung gebracht hat. Kein gcösterer Dienst aber kann im Bunde der Gcsetzcstreuen der einzelnen Gruppe geleistet werden, als indem man die Kräfe beflügelt und ansenert, die ihr die Jugenderziehung sichern. Wie es eine in Deutschland lebende Persönlichkeit war, durch welche sich all die verschiedenen Landsmannschaften zum Bunde zusammenschließen konnten, so waren es jene hervorragenden Vertreter jüdischer Pädagogik aus Deutschland, die durch ihre Leistung bewiesen haben, wieviel wir einander zu geben haben, wie und in welcher 2lvt einer dem andern helfend und fördernd in den grundlegenden Angelegenheiten des Judentums beistehen kann. Wochenrundschau. Der Amfall der Breslauer Aniverfilülsbehörden. Man kann die Packung von Rektor und Senat an der Breslauer Universität menschlich verstehen. Peldenhaft und würdig ist sie nicht. Sie hatten unter den vielen Kandidaten für den juristischen Lehrstuhl an ihrer Universität den bevorzugt, der kraft seines Ramens in der juristisch wissenschaftlichen Welt und seiner bisherigen Lehrerfolge die beste Gewähr für die juristische Ertüchtigung der Rechtbeflissenen in der Hauptstadt Schlesiens bot. Sie hatte es unterlassen, den U a m c n des Kandidaten sich genauer zu merken und wurden erst durch die Krawalle bei den Vorlesungen, da es bereits Beschimpfungen regnete und Stöcke drohend in die Luft geschwungen wurden, daran erinnert, daß man es heute nicht wagen darf, der deutschen akademischen.. Jugend einen „Cohn" zu präsentieren, das; nian heute in der wett der deutschen Musen — es gebt in den Kunststätten genau wie aus der Universität — - Joseph gibt sich zu erkennen. Von Rabbiner Dr. M. Lewin in Hamburg. „Nicht durch Macht und nicht durch Kraft, sondern durch meinen Geist." Dieses Prophetenwort von der Umwertung aller Werte kann förmlich als Motto für das Lebensbild des Patriarchensohnes Joseph angesprochen werden. Joseph geht aus allen Fährnissen seines Lebens siegreich hervor und überwindet alle Gefahren, die ihn bedrohen, weil von ihm das Schriftwort gilt, das sein Leben uns deutet: in 'pbx rm iv8 rs 7172 rrxvm „Kann wohl wie dieser gesunden werden ein Mann, in dem der Geist G'ttes waltet?" Wo andere an seiner Stelle längst verzweifeln würden, bleibt er fest und voll Vertrauens, und als sich ihm neues Glück verkündigt und er am Königsthrone steht, wankt er nicht und. ohne in lähmende Ohnmacht zu versinken, wahrt er seine edle Männlichkeit und verweist den König auf den, der im Himmel thront und aller Menschen Schicksale in seinen Här .'N hält. Der G'ttesgeist, von dem Joseph getragen ist, läßt ihn triumphieren und krönt sein Dasein, daß er schließlich -psn by wb-w s-n das Irdische beherrscht pan ay b-b i'2von sin und mit Zehrung versieht — in den Jahren der Dürre und Not — das ganze Volk des Landes, aber auch allen Menschen reiches Himmelsmanna bieten kann. In dieser Verfassung sieht er sich seinen Brüdern gegenüber, die er, der kluge, geistvolle Sohn seines Vaters, sogleich erkennt. Die Brüder, die einst ihn und seine Wesensart verkannt, vernahmen auch jetzt nicht die Stimme des Blutes und erkennen ihn nicht bis zu dem Augenblicke, da Joseph, übermannt von den inniglichen Gefühlen kindlicher Pietät und brüderlicher Liebe, die Scheidewände niederreißt, die zwischen ihm und seinen Brüdern errichtet sind. Er findet das rechte Wort zur rechten Zeit. Kraftvoll hat Jehudo das Wort geführt und Joseph den Beweis erbracht, daß die Brüder in der langen Zeit, dis seit dem von ihnen an ihm verübten Treubruch verstrichen, ganz andere geworden, würdige Jakobssprossen, die alles daran setzten, um Binjamin w i ed e r dem Vater zurückzubringen. Josephs Zunge lösten die Worte Jehudos: '28 ns 8s»' -hpn jra nsis -p 'ns -nrs -mm '28 brr vbyrr y8 „Wie könnte ich hinaufgehen zu meinem Vater, während der Knabe nicht mit mir ist, ich würde doch das Unheil schauen, das da meinen Vater träfe! . . ." „Mein Vater," das ist der Schlüssel zur Pforte der Vereinigung und Versöhnung zwischen den Söhnen Jakobs, die sich in Liebe und Verehrung, in Pietät und Hingebung um den Vater scharen und sich schließlich nach Jahren der Prüfung und Läuterung als Brüder wiedersinden. Vergessen ist der Hader und überwunden aller Zweifel, als Joseph das erlösende Wort nun spricht: 'N '28 nyn c]ov ^8, „Ich bin Joseph. Lebt mein Vater auch noch?" Eben hat es Joseph aus Judas Munde Derifommen, daß Jakob noch am Leben ist. Gleichwohl aber, wo er als Bruder zu den Brüdern spricht, will er, sich vor allem dessen vergewissern, daß sein Hoffen und' Sehnen der Erfüllung entgegenreift, und er glaubt au^ mit seiner Frage am besten den Bann zu brechen, in dem das plötzliche unerwartete Erlebnis des Wiedersehens so leicht die Brüder versetzen konnte. Nachdem ihm 'dies gelungen. kommt ihm alles darauf an, so schnell als nur möglich auch den Vater zu verständigen. Wie dies Joseph zu bewerkstelligen sucht, wie er trotz der Ferne sich dem Vater als seinen Sohn zu erkennen gibt, auch das zeugt von seinem weisen Sinn, von dem G'ttesgeist, der in ihm lebt. '28 brr ibyi non „Eilt und zieht hinauf zu meinem; Vater D/mm und bringt ihm Kunde!" schärft er wiederholt den Brüdern ein. Zur Unterstützung seiner Worte, die dem Vater gemeldet werden sollen, schickt er nicht nur reiche Gaben mit. Er kennt seinen Vater und weih, daß ihn nur der eine Gedanke noch beschäftigen werde; ob wohl Joseph noch die Traditionen seines Vaterhauses pflege oder ob er etwa vom Schein und Glanz des ägyptischen Königshauses geblendet mit seiner Vergangenheit gebrochen. Da galt es; den rechten Weg zu finden, um den Vater vor Schmerz und Enttäuschung zu bewahren. Mit der Mahnung: 1022 itj-iti „Verzürnt euch nicht unterwegs" — entließ Joseph die Brüder. Bleibt vor allem eines Sinnes: npbaa ipvyTw bx. Befasset euch nicht damit, daß ihr noch einmal das Vergangene überdenkt und. über 7i2bn über lneine Trennung von euch in Erörterungen euch ergehet. So kehren sie frohen Mutes heim und berichten dem Vater, was sie erlebt. .D'ixa fi8 i>22 bvm 81N '21 ’n noi' 2iy I»8b ib 12'2'1 Und sie berichteten ihm und sprachen: Joseph lebt noch. Ja Herrscher ist er im ganzen Lande Aegypten. 12b- 22'i anb porrn 8b '2 „Sein Herz aber ward starr, denn er glaubte ihnen nicht." Dem Vater kam es nicht in den Sinn, daß Joseph, wenn er wirklich lebte, ans das Aeuhere, aus die Erlangung von Macht und Würde solchen Nachdruck legen könnte. Diese seine Ueberzeugung ließ manchen Zweifel in ihm aufkommen. 1D8 Tubzyn 718 8V1 07lb8 12-7 1V8 t]D1’ '12-7 b2 718 l'brü 1-12-7-1 ,1718 Tirrvb tjoi' nbiy „Da redeten sie zu ihm alle Worte Josephs, die er zu ihnen geredet hatte, er sah die Wagen, von Joseph gesandt, ihn hinzuführen." ow28 2py mn ’tith „Jetzt lebte | i i