Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 53 (29.12.1932)
- Date
- 1932-12-29
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Nr. 53__ Der Israelit __ , , , 29. Dezember 1932 OWÄreich. Demonstrationsantrag auf Schächtverbot im wiener Landtag. e i n m äj.' aufs eingehend ste alle Mö gl ich - leiten des Verbleibens aller Gruppen im Bund geprüft werden. Vorschläge hierzu wurden von Max F e u ch t w an g e r und Ari Wohlgemut!), Altona gemacht, die Durchführung der neuen 'Bundesleitung' unter Führung:, von Jonas Cohn, 1 Hamburg übertragen. ' Die Finanzlage der deutschen Großgemeinden. , Berlin, 25. Dez. Die Finanzdezernenten der jüdischen Großgemeinden kamen Ende Dezember zu einer Besprechung in Berlin zusammen, die vertraulichen Charakter trug. Daß die Finanzlage auch der Großgemeinden, trotz ihrer beträchtlichen Steuerkrast, äußerst schwierig geworden ist, dürste aber für die Oefsentlichkeit kein Geheimnis fein. Aus der Aussprache ergab sich, daß ganz besonders gefährdet die Finanzlage derjenigen Gemeinden ist, die in der guten Zeit große Neubauten vorgenommen haben. Das gilt besonders für die Jugendheime, die die Gemeinde-Etats schwer belasten.' Zunächst haben die Gemeinden die Fehlbeträge durch Flüssigmachung ihrer Vermögenssubstanz gedeckt, ein Verfahren, das natür lich nicht unbegrenzt fortgesetzt werden kann. Entscheidend wird die Steuerpolitik sein. In sämtlichen Großgemeinden wird in dieser Hinsicht die Einführung eines Zuschlags zur Reichsvermögenssteuer vorbereitet, denn wenn davon auch kein allzu erhebliches finanzielles Ergebnis zu erwarten ist, so verlangt doch das Gerechtigkeitsgefühl, daß die Kreise des Großhandels und der Großindustrie, die ihre Geschästsbilanzen ohne Gewinn abschließen, die aber im Besitze beträchtlicher Vermögen sind, nicht steuerfrei ausgehen, während der kleinste Gehaltsempfänger zu den Kosten der religiösen Gemeinschaft beitragen muß. Breslau und Königsberg, die die Vermögenssteuer bereits eingeführt haben, werden den anderen Gemeinden ihre technischen Erfahrungen bei der Durchführung der Steuer mitteilem Vertreter-Tagung der Jugendorganisation der Agudas Iisroel in Deutschland. Halber st adt, 25. Dez. In der Zeit vom 30. Dezember bis 2. Januar findet in Halberstadt ein Vertreter-Tag der Jugendorganisation der Agudas Jsiroel in Deutschland statt. Die Tagesordnung sieht die Behandlung von vornehmlich drei Themen vor: die jugendpolitische Haltung der Jugendgruppen, die gemeindepolitische Arbeit in den Iugendgruppen und die sozialen Fragen. Line neue Wendung in der Affäre des Professor . Cohn. Breslau, 28. Dez. Nunmehr fanden doch Rektor und Senat einen Vorwand, den unbequemen Professor Dr. Ernst Cohn, den sie erst pflichtgemäß vor dem akademischen Mob schützen mußten, p r e i s z ug e b en. In einer Entschließung erklären sie, daß „eine weitere Lehrtätigkeit Cohns an der Breslauer Universität im Interesse der Ausrechterhaltung der Ordnung und eines ungestörten Lehrbetriebes nicht mehr tragbar sei." Schön in dieser Formulierung liegt deutlich eine Kapitulation vor den Radaustudenten, die nicht gegen den Gelehrten, sondern einzig gegen den Namen Cohn randalierten. Aber den Vorwand zu dieser Sinnesänderung gibt eine etwas unvorsichtige Antwort, die Cohn auf die Rundfrage eines Berliner Blattes, ob es angebracht erscheine, Trotzki ein Asyl in Deutschland zu gewähren, gab. Die Anfrage bei Professor Cohn erfolgte telefonisch. Cohn meinte, die Beantwortung dieser Frage hänge von den Erfahrungen ab, die die Länder, in denen sich T. bisher aufhielt, mit ihm gemacht haben. Im übrigen halte er einen geistigen Arbeiter stets für schutzwürdig. Sofort beeilte sich die antisemitische Persse, aus dieser Aeußsrung ein Bekenntnis zu Trotzki zu machen. Neuer Krawall unter den Studenten, mit dem Erfolge, daß nunmehr Rektor und Senat sich aus ihre Seite schlugen. Das Kultusmini st erium behielt sich seinen Entschluß noch vor. Die Berliner liberale Presse sieht in dem ganzen Vorgang eine ernstliche Bedrohung der Autonomie und der Würde der deutschen Universitäten. Wien, 22. Dez.; Im Wiener Landt a g wurde von, der nationalsozialistischen Fraktion ein Antrag auf Verbot des Sch ächte ns eingebracht. Die Antragsteller fordern den Landtagspräsidenten und Landespräsidenten Wiens, den Sozialdemokraten Karl Seitz, auf, analog dem Vorgehen des Landespräsidenten von Salzburg durch eine Verordnung das Schächten nach jüdischem Ritus, gemäß den österreichischen Gesetzen, über Tierschutz, zu verbieten. Der Antrag kann derzeit bloß, als antisemitische Demonstration und als Propagandämittel in Tierschutzkreisen betrachtet werden, da der Wiener Landtag, der über eine absolute sozialdemokratische Mehrheit verfügt, ihm nicht stattgebeti wird. Tschecho-Slowakes. Die orthodoxe Landesversammlung in der Slowakei. Bratislava, 23. Dez. Unter ganz außergewöhnlichen Formen und Erregungen spielte sich am Dienstag, den 20. Dezember, während der Abendstunden im Saale des Grand Hotel in Trencianske Teplice die Delegiertenversammlung der orthodoxen Gemeinden in der Slowakei ab. Schon am Tage zuvor kamen aus allen Windrichtungen der Slowakei die Rabbiner, Gemeindevertreter und zahlreiche Gäste in dem stillen.Kurort an, um einer Pflicht zu genügen, von der nach den verschiedensten Richtungen hin das Gedeihen des orthodoxen Judentums in der Slowakei abhängt. Die ersten Sitzungen galten der Verifizierung der Delegiertenmandate, denn um jeden einzelnen Delegierten warben drei Wahlgruppen. Die eine konzentrierte, sich um den Preßburger Gemeindepräses, Herrn Isidor Pappenhelm, die andere um Herrn Oberrabbiner Spitzer in Spißke Podhradie und die dritte um Herrn Oberrabbiner Reich in Vrbove, von kleineren Splitergruppen abgesehen. Schließlich vereinigten sich die beiden letzteren zu einer gemeinsamen Wahlpartei. Die allgemeine Aufmerksamkeit wendete sich besonders dem greisen Oberrabbiner Tigermaün von Nove Zamky zu, dem als Alterspräses -eine große und schwere Ausgabe, die Versammlung, zu leiten, vevorstand. Sein erstes Wort galt natürlich dem pietätvollen Gedenken an den dahingeschiedenen ersten Präses und Schöpfer der slowakischen orthodoxen Gemeindeorganisation, Oberrabbiner Rabbi Kalman Weber s. z. l., dessen Wirken und Verdienste er mit scharfen Strichen zeichnete. Er gedachte der Unterstützung und Förderung, die das orthodoxe Judentum dem tschechoslowakischen Staate und seinen Behörden allezeit zu danken hat, und entbot dem Staatsoberhaupt, Präsidenten Maf-aryk, die ehrerbietige Huldigung der Versammlung. Von seiten der Behörden waren erschienen die Herren Dr. Josef Munka, Oberkommissar für Kultus im Landesamt, Bezirksvorsteher Dr. G a l v a n e k und Obernotar Corba. Die Herren Dr. Munka und Dr. Galvanek richteten - freundliche und gedankenreiche Begrüßungsansprachen ,an die Versammlung, in! welchen sie die Wünsche des Staates, der Landes- und Ortsbehörden überbrachten. Alsdann schritt man zu der Wahl der entscheidenden „Kandidierungskommission". Nach dem vorangegangenen heftigen und auch an Entgleisungen nicht armen Wahlkampf hatte sich die Situation derart zugespitzt, daß der Ausgang dieses ersten Wahlaktes für das Resultat der Wahlversammlung überhaupt entscheidend werden muhte. Die anwesenden Rabbiner-und Delegierten wurden einzeln vorgerufen, Um ihren - Wählzettel in die Urne zu legen. Nach einer 'beinahe einstündigen Unterbrechung, während welcher öte. Stimmenzählung vorgenommen wurde, wurde das Wahlresultat unter größter Spannung und rauschenden Beifallskundgebungen verkündet. Sie ergab eine Majorität von 109 gegen 72 für die Kandidierungsliste der Pappenheim-Part ei. Dieses Ergebnis entschied bereits ausschlaggebend die Präseswahl und. wurde auch bei seiner Verkündung durch den Vorsitzenden der Wahlkommission, Herrn Oberrabbiner Josef Abel es in Sarluhy, von der Versammlung jubelnd ausgenommen. Nach Verlauf einer weiteren Stunde konnte zur endgültigen Wahl des Präses, zu der Herr Isidor Pappenheim und zwei Zählkandidaten aus derselben Parteigruppe nostliniert warengeschritten werden. Der Wahlakt spielte sich abermals unser den gleichen Formen ab. Gegen Mitternacht wurde endlich das endgültige Resultat der Präseswahl bekannt. Herr, Isidor Pappenheim erhielt 156 .Stimmen gegen 19 zersplitterte. Damitist He rrJsidorPappen heim für die n ä ch st e sechsjährige Am t s p eriode zum P r ä s e s d e r orthodoxen La n d e s k a n z l e i und der orthodoxen jüdischen Konfesdsion in der Slowakei gewählt. Herr Pappenheim wurde noch vor der offiziellen Verkündung des Wahlresultats, die erst Mittwoch morgens erfolgte, von zahlreichen Rabbinern, Delegierten und Gästen ausgesucht und herzlichst beglückwünscht. Zum Vizepräses wurde der bisherige verdiente . Inhaber des Amtes, Herr D. E h r e n f e l d, wiedergewählt. Rutzland. Biro-Äidschan. M o s kau, 25. Dez. Der zweite Fsinfjah.resplan der Regierung der Sowjetunion enthält auch einen speziellen.Fünfjahresplan mit einem besonderen Budget für' B i r o - B i d - sch an. Die Bevölkerung des Rayons, die jetzt etwas über 60.000 Seelen zählt, soll bis zu Ende des zweiten Fünfjahresplanes, 1937, auf 300.000 Seelen gebracht werden. Die Anbaufläche ist von 28.000 ha heute auf 250.000: ha> das Hornvieh von'11.500 auf 19.000, der Pferdebestand von 10.000 auf 20.000, die Bienenstöcke von 9500 auf 20.000 zu erhöhen. 350.000 ha Boden sollen durch Melioration anbaufähig gemacht werden. Der Fünfjahresplan soll Biro-Vidschan zu einem Hauptzentrum der Industrie im Fernen Osten entwickeln. Für die Landwirtschaft werden im Fünfjahresplan 263 Millionen Rubel, für Industrien und Elektrifizierung 617 Millionen Rubel (davon für'Metallurgie, Maschinenbau und Chemie 440 Millionen Rubel),' für Volksbildung 35 Millionen Rubel zur Verfügung gestellt. Während der kommenden fünf Jahre sollen 150.000 Neusiedler nach Biro-Bidschan gebracht werden, davon allein im kommenden Jahre 25.000. Der Plan sieht auch ausgedehnten Wegebau, Einrichtung von Post- und Telegraphen-Aemtern u. a. m. vor. Die jiddische kommunistische Presse erklärt, der Plan werde genau durchgeführt werden, denn „was im Sowjetverband gesprochen wird, wird auch getan." wie kann man aus Rußland auswandern? Moskau, 20. Dez. Franz Romafchewski, Vizedirektor des „Jntourist" in Moskau, sprach sich gegenüber dem Moskauer Vertreter der ITA. über die Auswirkung der neuen Vorschriften betreffend Auswanderung aus den Ländern der Sowjetunion aus. Pässe für Auswanderer gibt die GPU. aus,. Gesuche um Paßausfolgung werden sehr liberal gehandhabt, ,90 . Proz. . aller einschlägigen Gesuche werden positiv entschieden. Nur bei Vorhandensein sehr einschneidender Politischer Motive wird ein Paßgesuch abgelehnt. Alle..Gesuche werden spätestens innerhalb 4 bis 6 Wochen erledigt. Zur Erlangung eines Passes für Uebersee-Auswanderung ist ein Affidavit des Ziellandes erforderlich. Die Paßgebühren betragen für Arbeitende 500 Rubel, für Nichtarbeitende 1000 Rubel und können auch von Verwandten der Auswandernden bei jeder ausländischen Abteilung des „Jntourist" hinterlegt werden. Vis jejtzt, sagte Romafchewski, haben sich etwa 30 Personen, in der Hauptsache Juden, zur Auswanderugn angemeldet, einige derselben haben Rußland bereits verlassen. \ Frankreich Neues Leben im französischen Judentum. Straß bürg, 27. Dez. Am Sonntag wurde in Anwesenheit fast sämtlicher interessierter Rabbiner und zahlreicher Gäste aus Elsaß- Lothringen und Frankreich überhaupt,' unter denen sich auch der Oberrabbiner von Straßburg, Rabbiner Schwarz, befand, aus Paris Rabbiner Langer, das Mitglied des Consistoire Vodenheimer, Maitre Müller u. a. eine „Bereinigung der gesetzestreuen Juden in den L ä n Ä e r n französischer Zunge" ins Leen gerufen. Die Grüße der Exekutive der „Agudas Jisroel" überbrachte Herr