Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 53 (29.12.1932)
- Date
- 1932-12-29
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Der Israelit ■ 29. Dezember 1932 Ifrnng erlischt, schon in einem Zeitpunkte, ba der patiettt fast bei vollem Bewußtsein ist. Dann kommt das sogenannte Stadium der Cxcitation, in dem der Patient lebhafte Bewegungen mit Händen'und Füßen culsfübrt, er hebt den Kopf, wälzt sich herum, will aus dem Bette springen (ganz ähnlich, wie das geschächtete Tier im 2. Stadium) und erst allmählich bei weiterem Vertiefen der Narkose kommt der Patient in einen schlafähnlichen Zustand, wenn man aber den Kranken nach dem Erwachen aus der Narkose fragt, erfahrt man, daß er g a r n i ch t s gespürt hat, daß er von all den Abwehrbewegnngen und seinem widerstand gegen Arzt und Pflegepersonen keine Ahnung h,rt, ja vielleicht nur von einem schönen Traum zu berichten weiß. Man kann also znsainmenfassend sagen: Aus dem Vorhandensein von A b w e h r b e w e g u n g c n kann man nicht schließen, daß Bewußtsein vorhanden -ist, auch nicht, wenn die Bewegungen noch so sehrbewußten Abwehrreaktionen ähnlich sehen. Man kann allerdings auch nicht das Gegenteil behaupten, so lange man nur die Bewegungen im Auge hat, doch wurde für unseren Fall schon gezeigt, daß durch den ^chächtschnitt die Lltuversorgung des Gehirnes unmöglich gemacht wird, daß es aber ohne Blutversorqung keine Hirntätigkeit und kein Bewußtsein gibt. Hl. AU das wird von Wissenschaftlern, die ernst genommen werden wollen, heute kaum mehr bestritten. Es wird schwerlich ein Naturforscher die Behauptung wagen, daß ein. Tier, dessen Hirntätigkeit ausgeschaltct ist, noch Bewußtsein haben könnte. Dagegen wird von manchen Tierärzten geleugnet, daß die Hirntätigkeit sofort nach dem Schächtschnitte ausgeschaltet wird, weil das Gehirn auch nach Durchschneidung der Halsschlagadern ausreichend mit Blut versorgt werden könne.' Tatsächlich ist das Schema in Fig. 21 unvollständig geblieben und muß jetzt ergänzt werden. Ls gibt nämlich neben der Wirbelsäule beiderseits noch ein kleines Blutgefäß (siehe die fchemat. Abbildg. in Fig. 5), welches Blut in das Schädelinnere führt, die sogenannte wirbelschlagaöer. Und dieses Gefäß ist so gelegen, daß es beim Schächtschnitte nicht getroffen werden kann. Diese vier Arterien (zwei Halsschlagadern und zwei Wirbelschlagadern) münden nun im Schädelinneren in ein Arteriengeflecht, ähnlich wie in ein Reservoir und von hier aus erst wird das Blut dem Gehirne zugeführt (Fig. 4), so daß, wenn die Blutzufuhr von zwei Zuflüssen her behindert ist, das Geflecht noch von den zwei anderen Schlagadern hergefüllt werden kann und dies um so leichter, wenn man bedenkt, daß ja der lebende Organismus sehr anpassungsfähig ist und das ursprünglich verhältnismäßig kleine Kaliber des Wirbelarterienrohres durch Dehnung, vermehre Herzarbeit usw. kompensiert werden kann. Für die Richtigkeit dieser Auffassung konnte ein scheinbar schlagender Beweis erbracht werden. (Dr. Hoffmann, Berlin): Man hat einem Pferde beide Halsschlagadern abgebunden, d. h. zugeschnürt und es zeigte sich dabei, daß das Tier wohl momentan zusammenstürzte, aber nach wenigen Sekunden, nachdem sich der Organismus den neuen Verhältnissen angepäßt hatte, erholte es sich, stand auf und war vollständig frisch. Dadurch ist einwandfrei bewiesen, daß — wenigstens beim Pferde — die Wirbelschlagadern zur Aufrechterhaltung der Hirntätigkeit ausreichen. . ' Aber der Beweis hat einen Fehler: Cs ist ein großer Unterschied, ob man die Halsschlagadern u n - t e r b L n d e t oder. ob man sie d u r ch s ch n e i d e t. wenn z. B. ein Wasserreservoire durch zwei Röhren von einer Pumpe gefüllt werden soll, so kann man das eine Rohr absperren und das Reservoir wird auch durch das zweite Rohr allein gefüllt werden können. Wenn aber das eine Rohr nicht abgesperrt wird, sondern abbricht, so wird das gesamte Wasser, welches durch das unbeschädigte Rohr in das Reservoir gepumpt wird, nach dem Orte des kleinsten Widerstandes ausweichen und durch das Loch des geborstenen Rohres abfließen, so daß das Reservoir nicht gefüllt werden kann. (Fig. 5.) Dr. Lieben (Prag) hat durch eine geradezu geniale Methode uachgewiesen, daß auch das Blut beim geschachteten Tiere ähnliche Wege einschlägt. Cr machte sich aus fein pulverisierter Holzkohle eine Aufschwemmung irr physiologischer Kochsalzlösung und spritzte diese Aufschwemmung mit Hilfe einer Injektionsspritze in die Wirbelschlagader eines Rindes. Dann wurde das Tier geschlachtet und das Gehirn untersucht. Man fand im Gehirnb Kohlekörnchen, Zeichenerklärung zu Figur 4: 1 — Reservoirartiges Arterieng flecht; 2 — Einmündung der Wirbelschlagadern; 3 — Einmündung der Halsschlagadern; 4 — Abgang der Blutgefäße für das Gehirn; < — > Die Pfeile bezeichnen die Stromrtchtung des Blutes. welche vom Blute mitgeschwemmt worden wareil und in den ganz kleinen Gefäßchen des Gehirnes stecken blieben, wenn man aber die Injektion ganz wellige Sekunden nach Ausführung des 5 ch ä ch t f ch n i t t e s m a ch t e, konnte man im Gehirne keine Ko h l e k ö r n ch e n f i n - d e n , — es war n a ch d e m S ch n i t t e fei n Blut mehr aus der wirdclfchlagader ins Gehirn gelangt — dagegen konnte man sehen, wie Kohlepulver, welches in die wirbelfchlggadcr eingespritzt worden war, aus dem kopfwärts gelegenen Ende der durchschnittenen Kopfschlagader zurückströmte. Zeicheneekläeung zu Figur S: 1 — Wasserreservoire (Sinnbild für das Arteriengeflecht im Schädelinnern); 2 — Zuflußrohr (Sinnbild für die Wtibelfchlagadern); 3 — Gebrochenes Zuflußrohr (Sinnbild für die durchschnittenen Halsschlagadern); 4 Pumve (Sinnbild für das Herz); < — > Die Pfeile bezeichnen die Richtung des ein- und ausströmendeii Wassers. Als Endergebnis kann man daher feststellen: N a ch Vollzug des Sch ächtschnitt es erhält das Gehirn v o n k e i n e r S e i t e h e r B l u t» auch nicht durch die wirbelfchlagüdem; das Tier m u ß deshalb nach wenigen Sekunden bewußtlos werden^) und kann keine Schmerzen empfinden, es wird durch den Schächtfchnitt allein schon betäubt. Bewegungen, die das geschächtete Tier ausführt, können nur als Reflexe gedeutet werden and nicht als Bewußtseinsäußerungen. - 2l n h a n g : Der Vollständigkeit halber muß noch ein Thema kurz gestreift werden, obwohl es nicht direkt zur Physiologie des Schächtfchnittes gehört, weil es doch als 2lrgument bei der 2lntifchächtpropaganda eine große Rolle spielt. Cs wird nämlich behauptet, daß schon das Niederlegen zum Zwecke der Schlichtung ein sehr roher und für das Tier qualvoller Vorgang fei. Der ver- 3) Nach weniger als 35 Sekunden; der größte Teil dieser kurzonZeit wird aber von dem erste» Ruhestadium eingenommen, in welchem sicher Bewußtlosigkeit vorhanden ist. faffer dieses 2lufsatzes hatte Gelegenheit» c 1 - schade neu österreichischen Schlachthöfen schachte,. zu seben. Die Methode des Niederlegens war nicht überall die gleiche, aber nirgends so, wie die Sache in jenem tendenziösen Fragebogen des Berliner und Münchner Tierschutzvereines dargestellt wird. Daß es unsinnig ist, wenn ein Münchner Tieranatom behauptet, „daß Knochenbrüche und ausgeschlagene Zähne" beim Niederlegen die Regel wären, geht ja schon daraus hervor, daß das Tier durch solche Verletzungen religionsgesetzlich zum Genüsse ungeeignet würde. Heute kann man jedenfalls schon behaupten, daß das Niederlegen in keiner weise qualvoll zu sein braucht, weil es durch die neuesten technischen Fortschritte gelungen ist, eine Methode zu finden, bei deren Anwendung — nach Erklärung eines nichtjüdischen Schlachthofleiters — gar niemand mehr behaupten kann, daß das Tier irgendwelche Schmerzen empfindet. Wochenrundschau. il Die Amnestie. Cs mag sein, daß mit der 21 m n c )t i e nicht gerade die bravsten und liebsten Kinder vom Vater Staat zu Weihnachten beschenkt wurden, politische Delikte, Ausschreitungen im Wahl- und Parteikampfe sind, wo sie nicht gerade zu Mord und Totschlag geführt haben, getilgt, und auch für Bluttaten ist die Strafe bis zu einem Minimum herabgesetzt. Das Wort „politische vergeben" klingt stark nach klirrendem Glas jüdischer Schaufenster, nach „Juden raus!" ans frischen studentischen Kehlen, nach dem Knall von Träncngas- und anderen Bomben in jüdischen Kaufhäusern. Line Reihe von Notverordnungen werden aufgehoben, womit der weg für' weitere Exzesse ähnlicher oder noch schlimmerer 2lrt freigelegt wird. Und -dennoch dürfen wir Juden uns im Ganzen mit dem Kurs der Negierung Schleicher und der Linie ihrer Innenpolitik, auf der jene radikale Toleranz liegt, einverstanden erklären. Gerade diese weitgehende Milde kann ein 2lusfluß der Kraft und des Selbstvertrauens fein, wie wir sie von dem General an der Spitze der Regierung zur Sanierung der Lage vom ersten Augenblick an erwarteten. Dr. 2llfred H i r f ch b e r g hat schon recht, wenn er im „T. v.-pressedienst" u. a. schreibt: „Den deutschen Juden kann nur daran gelegen fein, auch ihre Gleichberechtigung und ihre Ruhe und Sicherheit nicht von der Stärke der polizie und der Einsatzbereitschaft der Reichswehr abhängig zu wissen. Das achtungs- und verständnisvolle Grundgefühl der Massen uns gegenüber ist eine stärkere Gewähr unserer Gleichberechtigung als Polizei uitd Reichswehr. Die deutschen Juden teilen also für ihr Spezialgebiet den Standpunkt des Kanzlers, der sich nicht durch Bajonette, sondern durch die Zustimmung breiter Volksschichten sichern will. Die Geschichte des letzten Jahrzehnts hat immer von neuem gezeigt, daß alle Zuspitzungen,im politischen und alle Verschlechterungen im wirtschaftlichen mit der Folgerichtigkeit physikalischer Gesetze sich letzten Endes gegen uns deutsche Juden answirkten. Ein Regierungsprogramm, dag politische Gegensätze mildern und wirtschaftliche Schwierigkeiten lindern will, führt mit Selbstverständlichkeit zu einer Entlastung der Volksseele, die für uns bedeutungsvoll wird, wir sehen uns dadurch in eine fruchtbare. Situation hineingcstellt, deren Zeichen wir verstehen und nützen müssen. Denn cs scheint, als ob sich endlich wirklich die breite Front aus allen Schichten bildet, die „Front der Anständigen". Die geistigen, seelischen und wirtschaftlichen Voraussetzungen, unter denen die Menschen dieser Front zu arbeiten bereit sind, unterscheiden sich durch nichts von der Tat — und Mitarbeiterschaft der überwiegenden Mehrzahl der deutschen Juden, wenn es endlich dazu kommt, daß hier nicht mehr jede Gruppe für sich arbeitet, ^57448