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Der Israelit · 1932-12-29 · Heft 53 (29.12.1932) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
73 (1932)
Issue
Heft 53 (29.12.1932)
Date
1932-12-29
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
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Sette 2 m. 53 Der Israelit 29. Dezember 1932 Tier unmittelbar nach dem Schnitte volle Bewegungsfreiheit bat, kann man bis zum (Eintritt öes Todes drei Stadien beobachten. Zuerst liegt das Tier 15 bis 20 Sekunden vollständig regungslos da, dann bcginnt cs sich zu bewegen, es macht Geh-- und Strampelbcwegungen mit vorder- und Hinterbeinen, hebt den Uopf, krümmt den Rumpf, manchmal kommt es sogar zu wälz- und Drehbewegungen; dieser Zustand dauert 3—4 Minuten. Ls werden dann die Bewegungen atllllählich immer seltener und hören schließlich ganz auf. Im dritten Stadium, das l—2 Minuten anhält, liegt das Tier wieder regungslos und rnan sieht nur zahlreiche Mnskelkrämpfe an den verschiedensten Stellen des Körpers. Das erste und dritte Stadium macht auf jeden Beobachter zweifellos den Eindruck vollständiger Bewußtlosigkeit. Im ersten Ruhestadium handelt es sich wohl um eine 2lrt Schock- Zeichenerklärung zu Figur 2: 1 — Gehirn; 2— Empfindunqszeirtrum; 3 — Bewegungszentrum an der Hirnrinde; 4 — Rüücnma'k; 5 — Empfindungsbahn im Rückenmark und Gehirn; 6 — Bwegungsbahn im Gehirn und Rückenmark; 7 —Berzwergte Austäufer der Nervenzellen, welche die Verbindung Herstellen; 8 — Empfindungsleiterider Nero; 9 — Bewegungslettender Nerv; 10 — Muskel und Haut der Hand. wirkuug, deren letzte physiologische Ursache nicht ganz klar ist. Das zweite Stadium aber erweckt bei jedem Laien die Meinung, daß das Tier jetzt bei Bewußtsein ist, bewußte Bewegungen ausführt und sich in qualvollen Schmerzen windet. Tatsächlich kann das Tier aber, wie im ersten Teile bewiesen wurde (wenigstens, wenn man von den ersten paar Sekunden 'des Gehirnes gleich auf die bewegungsleitende absieht) kein Bewußtsein und keine Schinerzempfindung haben; die scheinbar bewußten Bewegungen sind in Wirklichkeit Reflexe. - Um diese Tatsache zu erklären, muß erst der'Unterschied zwischen einer bewußten Bewegung und einer Reflexbewegung auseinandergesetzt werden, wie komnit eine bewußte Bewegung zustande? Folgendes Beispiel wird die Verhältnisse vielleicht gut illustrieren! A findet am Tische ein Gefäß, dessen Inhalt er wegen der vorhandenen Dunkelheit nicht sehen kann; er greift hinein und seine Fingerspitzen bekommen eine bestimmte Tastempfindung. Diese Empfindung wird von den Nervenendigungen der Fingerspitzen ausgenommen und von den empfindungsleitenden Nerven der Hand und des Armes ins Rückenmark geleitet. Dort endet dieser Nerv, steht aber durch Ausläufer in Verbindung mit einer neuen Nervenfaser, die im Rückenmark verläuft und die Tastempfindung zum Gehirn führt, wo sie (nach nochmaliger Umschaltung) an die Hirnrinde gelangt. Jetzt wird sich A erst bewußt, welcher Art die Tastempfindungen waren, stellt fest, daß das, was er fühlen konnte, mittelweich war, glatt, von ovaler Gestalt usw. Dann'beginnt er nachzudenken und in seiner Erinnerung zu forschen, welche Dinge es sein könnten, die solche Tastbefunde ermöglichen und kommt schließlich zu dem Schluß, daß in dem Gefäße Pflaumen sind. Nun muß A erst überlegen, ob er von den Pflaumen essen darf und soll; er beschließt zu essen; dieser Beschluß wird zum willen und der Befehl gelangt wieder zur Hirnrinde, aber jetzt zum Bewegungszentrum. von hier wird der Reiz längs einer Nervenfaser ins Rückenmark geleitet und dort durch Ansläufer einer neuen bewegungsleitenden Nervenfaser übergeben, die zu den Fingermuskeln läuft; die Finger krümmen sich, umklammern die Pflaume und führen sie schließlich zum wund. Das Durchlaufen dieser verschiedenen Etappen von der Aufnahme der Tastempfindung bis zur Ausführung der gewollten Bewegung benötigt eine bestimmte, meßbare Zeit. Ganz anders verläuft der Vorgang aber, wenn in dem Gefäße nicht Pflaumen, sondern Brennesseln sind. Diesmal wird A nicht erst die Tastempfindung analysieren und Nachdenken, was er mit der Hand machen soll, sondern im womente, da die Hand mit den Brennesseln in Berührung kommt, wird sie auch schon draußen fein. Das geschieht ganz automatisch und unbewußt und erst nachher kommt ihm zum Bewußtsein, daß da Brennesseln drinnen waren, welche brannten, so daß er die Hand zurückziehen mußte. Solche unwillkürliche und unbewußte Bewegungen; nennt man Reflexbewegungen. Sie kommen dadurch - zustande, daß die Empfindung, die durch die empfindungsleitenden Nerven ins Rückenmark geleitet wurde,! dort über verbindende Ausläufer mit Umgehung Bahn überspringt und eine Bewegung auslöst. Nebenbei geht wohl die Empfindung noch weiter zum. Gehirn, doch i st d i e B e w e g u n g schon längst a u s g e f ü h r t, w e n n die C m p f indun g z u m Bewußtsein g e l a n g t. Aus diesem Beispiel einer Reflexbewegung kann man aber noch etwas sehen: Wenn die Reflexbewegung nicht zustande gekommen wäre und A Zeit gehabt, hätte, die Tastempfindung zu analysieren und zu überlegen, was er tun soll, dann hätte er mit Bewußtsein und Absicht sicherlich dieselbe Bewegung ausgeführt, die er in unserem Falle unbewußt vollzog. Cs ergibt sich also daraus die wichtige Folgerung: Reflexbewegungen können zweckmäßig sein und ebenso ablaufen, wie bewußte und gewollte Bewegungen, man kann daher aus d e m A b l a u f e einer Bewegung allein nicht e r k e n n e n , o b s i e mit Bewußtsein au sg ef üh r t wurde o6er nicht. Zeichenerklärung zu Figur 3: 1 — Luftröhre; 2 - lmke Halsschlagader; 3 — Wirbelsäule 4 — Speiseröhre; ö — Wirbc-lschlagader; <-> Der Pfcil bezeichnet die Grenze, wie tief der Sch ächtschnitt mindest, gehen mutz Kehr deutlich kann man auch aus den Vorgängen bei der gewöhnlichen Aether- oder Ehloroformnarköse erkennen, daß auch nach Ausschaltung der Gehirntätigkeit unbewußte Bewegungen ausgeführt werden können; denn bei der Narkose kann man die Gehirntätigkoit (mit Ausnahme der niederen Zentren, welche mit Bewußtsein nichts zu schaffen haben) ausschalten, dm Menschen ohne Gehirntätigkett beobachten, dann kann man das Bewußtsein wieder einschalten und den Menschen über seine Empfindungen ausfragen, wenn man den Patienten das Betäubungsmittel langsam einatmen läßt und so die Narkose immer tiefer wird, kann man feststellen, daß zuerst die Schmerzempfin- «Line Schriftdeutung R. Akibas." Von Rabbiner fi. Lhameides in Katowice. Herr Rabbiner Dr. Kaatz, Hindenburg, versucht in einer der letzten Nummern des „Israelit" den Trostspruch R. Akibas am Ende des Traktates Makkot zu deuten. Seiner Ansicht nach führt R. Akiba deshalb gerade den Vers (Sech. 8, 4) „noch werben Greise und Greisinnen auf den Plätzen Jerusalems sitzen" an, weil dieser mit dem defektiv geschriebenen Worte o d beginnt. Dieses Wort könne dem Konsonantentexte zufolge auch e d „Zeuge" gelesen werden, wodurch sich eine Beziehung zum Verse Jes. 8, 2 — e ö im — ergibt. Diese Erklärung stimmt m. E. mit der von R. Akiba sonst vertretenen Ansicht oa v-> nicht überein. So sehr R. Akiba stets bestrebt war, jedes Pünktchen und Kränchen der Thora zu deuten, so war für ihn — nach Sanh. 4a — nicht der Konsonantentext, sondern der überlieferungstreu vokalisierte Text von Bedeutung, den er zur Grundlage und zum Ausgangspunkt seiner Lehren und Deutungen zu machen pflegte? Auffallenderweise findet sich im Talmud noch eine Stelle, wo uns R. Akiba ebenfalls als Tröster entgegentritt und wo er ebenfalls von seiner Gepflogenheit abweichend seinen Trost auf eine Deutung des Konsonantentextes stützt. Im Zusammenhang mit dem zwischen R. Gamaliel und R. Jehoschua entstandenen Konflikt bezüglich der Festsetzung des Versöhnungstages beschwichtigt R. Akiba seinen Lehrer und führt ihm die Pflicht des unbedingten Gehorsams dem Beth-Din gegenüber zu Bewußtsein, indem er ihm die Deutung von =3™, die in der nid» und nicht in Kip» verankert ist, ins Gedächtnis ruft (Rosch-Haschono 25a.) Die . Schwierigkeit, die in dieser Inkonsequenz R. Akibas liegt, läßt sich freilich mit Leichtigkeit durch die Ansicht der moom beseitigen, die R. Akiba in Fällen, wo sops und mbn in Einklang.zu bringen sind, auch den Konsonantentext deuten lassen (Toss. Sukko 6b). Allein in der angeführten Stelle am Ende von Makkot bedarf es keiner weiteren gezwungenen Erklärungen, da die Wahl des Verses (Sech. 8, 4) ihren Grund in dem eigenartigen Verhalten R. Akibas hatte. Beim Anblick des zerstörten Heiligtums können sich die Gelehrten der Tränen nicht enthalten. R. Akiba aber lacht. Hätte es nicht genügt, wenn R. Akiba, um seine Zuversicht und Hoffnung zum Ausdruck zu bringen, einfach sich ruhig und gefaßt verhalten hätte? Warum mußte er lachen, wo andere weinten? Der Schluß des von ihm angeführten Verses (Sech. 8, 4—5) gibt uns darauf die Antwort: „Noch werden Greise und Greisinnen auf den Plätzen Jerusalems sitzen ... die Straßen der Stadt werden voll sein von Knaben und Mädchen, die auf den Straßen lachen (spielen)." R. Akiba wollte durch sein Lachen seine Zuversicht und sein festes Vertrauen zur Verwirklichung der frohen Botschaft des Propheten bekunden, daß nämlich in den Straßen Jerusalems dereinst helles, sorgloses Kinderlachen erklingen wird. (Rabbinische Texte.) Der bekannte Tübinger Professor, Gerhard Kittel, bereitet seit Jahren unter tatkräftiger Förderung der Notgemeinschaft für die deutsche Wissenschaft Bearbeitung von Texten des älteren rabbinischen Judentums vor. In erster Linie eine Herausgabe der tannaitischen Midraschim und der Tosefta. Dem- I nächst ist mit dem Erscheinen der Tosefta Seder Na- . schim, herausgegeben von Privatdozent Karl Heinrich Nengstorf in Tübingen, Seder Toharot von Prof. D. jDr. Walter Winüfuhr in Hamburg zu rechnen. Alsdann j soll Sifre zu Deuteronomium erscheinen. Das ganze Werk soll in Lieferungen von 5—6 Bogen erscheinen, jährlich 20—30 Bogen. Der Subskriptionspreis beträgt Mk. 1.— für den Bogen mit lediglich deutschem Text, Mk. 2.— für den Bogen mit hebräischem Text. Subskriptionen nehmen alle Buchhandlungen sowie der Verlag von W. Kohlhammer in Stuttgart entgegen. (Die Propaganda für Ausschaltung des Alten Testaments aus der evangelischen Kirche.) Die Nationalsozialisten betreiben bekanntlich eine energische Propaganda für Abschaffung des Alten Testaments aus dem evangelischen Kirchendienst und aus dem Religionsunterricht in der Schule. Bei den letzten Kirchenwahlen gab die Partei der Deutschen Christen (Nationalsozialisten) die Parole aus: „Stimmet für die Abschaffung der Judenbibel!" Gegen diese Propaganda wendet sich der Alttestamentler an der Berliner Universität, Prof. D Dr. Sellin in einer Schrift „Abschaffung des Alten Testaments?" (Heft I einer Schriftenreihe „Der Weg der Kirche", Verlag Walter de Gruyter). Sellin zeigt, daß die Frage der Abschaffung des Alten Testaments keines wegs neu ist — sie hat wie ein Schatten die Geschichtc der christlichen Kirche begleitet. Sellin legt dar wie das Alte Testament auch für den christlichen Gläubeu eine Urkunde der g'ttlichen Offenbarung fei. So ist auch das Neue Testament ohne das Alte Testament unverständlich und von ihm nicht zu trennen. Im Krieg und im Zusammenbruch haben unzählige Deutsche gerade aus den Kernstücken des Alten Testaments Kraft und Trost geschöpft. Sellin kommt zu -dem Ergebnis, daß ein' Abschaffung des Alten Testaments für die evangelische Kirche eine einfache Unmöglichkeit darstellt.

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