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Der Israelit · 1932-12-22 · Heft 52 (22.12.1932) · page 14

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
73 (1932)
Issue
Heft 52 (22.12.1932)
Date
1932-12-22
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Seite 2 Nr. 52 nach Galizien schlug, Hier roar schon im Jahre 153V •6 i e erste jüdische Druckerei, und hier ist der erste Tur und der erste Schaare Auro gedruckt worden. Die geschmackvollen Synagogen sind z. T. über 400 Jahre alt und die meisten auch Zeugnisse des Wohlwollens der alten polnischen Regenten. Und wenn wir in der alten Universität, Ln der Köpernikus gelehrt hat, Umschau hielten, dann erzählte man uns, daß 1650 die Juden einen feindlichen Ueberfall der Studenten damit beantworteten, daß sie freiwillig für die armen Schüler der Universität eine Iahressteuer, ein pidjon Uefefch zahlten. D er Israelit 22. Dezember 1932 Diese alte Universitätsstadt ist auch die Stadt jüdischen Geistes. Sie ist. an Krakau und Lublin gemessen, die Stadt modernen Judentums, infolgedessen auch der Kampfplatz der Geister in der jüdischen Gegenwart. Der ganze Ernst aber in der gegenwäreigen Lage des polnischen Judentums kam uns an den großen Zentren Kongreßpolens zum Bewußtsein.. Der Schreckbegciff des Anstedlungsrayons mit der Zusammenpferchung unendlicher jüdischer Massen, die tausend wirtschaftlichen und hygienischen Röte, die hier noch zu bewältigen sind, konnten uns 'natürlich nicht ver- Cs war ein glücklicher Griff, in diese Stadt urborgen bleiben. Besonders TV a r s ch a u ist das ausalter pädagogischer Tradition das neue Lehrerseminar j gesprochene, fast unlösbare Massenproblem. von Bes Jakob zu legen. Aeußerlich weniger schön, aber an Traditionen aus der jüdischen Geschichte nicht minder reich, ist Lublin, das Städtchen an der Bistriz, dessen Iudenviertel leider ein Bild schwerster Galuthnot, der Armut und des Verfalls, nur die Synagogen in ihrer Mitte Wahrzeichen der alten Größe der Stadt, die einen TN a h a c s ch o , einen Jakob pollak und Scholaum S ch a ch n o und vor allem den Mhar - schal und den Maram zu ihren Rabbinen gezählt hat, die Stadt, die einstens als TNerkas der Arba Arozaus, als der Mittelpunkt der rabbinischen Versammlungen des Vierländerreichs, maßgebende Entscheidungen für die ganze Welt abgab. Die Synagoge des TNHarfchal, eine der ältesten, faßt 3000 Personen, aber an Schönheit können sich ihr die andern, die des TNahrscho und Rabbi Awrohom parnoß, die „Dukaterschul", und vor allem die in einem oberen Stockwerk liegende des Maharam wohl an die Seite stellen. Eine Synagoge erinnert noch an den jüdischen Eintagskönig Polens, Rabbi Saul Wahl. Ein wahres TNufeum jüdischer Geschichte ist der auf einer Anhöhe über der Stadt liegende jüdische Friedhof, der von der 400jährigen glänzenden Vergangenheit in stummer Beredsamkeit kündet. Krone aber aller jüdischen Städte ist Wilna, die Stadt Elija Gaons, dessen Siddur und Lehre noch bis heute in der Gaons-Klaus maßgeblich sind. Sie nannten es das Jerusalem Litauens, und es hat, wie die Aionsstaöt, einen heiligen Bezirk, den Schulhof, eine Welt von Synagogen und Klausen, aus der die Wilnaer Staötschul in ragender architektonischer Schönheit sich abhcbt, der auch eine der schönsten jüdischen Bibliotheken mitumfaßt. Wilna war wirklich Herz und Hirn der litauischen Iudenheit. Rur Wilna konnte eine solche Drukkerei wie die der Witwe und Brüder Roms schaffen, wo jeder Setzer ein Lamdon war, aus der der kulturell bedeutendste Druck aller Zeiten hervorgegangen ist: das Wilnaer Schaß. Roch heute ist Wilna die Stadt der Thora, obwohl seine Ieschiwaus, vor allem die mit einem Internat verbundene, Ramailes Ieschiwa, nur relativ klein sind, weil in der ganzen jüdischen Bevölkerung ein außerordentlich hohes Niveau der Thoragelehrsamkeit herrscht und weil durch die Persönlichkeit ihres großen Führers, Reb Chaim Esser, sich hier der TN e r k a s hajeschiwaüs als organisatorischer TNittelpunkt für die Verwaltung und Zusammenarbeit aller litauischen Ieschiwaus gebildet hat. Die ganze jüdische Bevölkerung ist ein besonders sympathischer, freier, starker Menschenschlag, regsam und innerlich reif. Hier trafen wir ein Ausdruck der Versöhnung und der Synthese des Einst und Jetzt, eine fromme Studentenverbindung v. I. A., die uns festlich begrüßte. Von hier aus ist die Schöpfung eines jüdischen Lehrerseminars in Groöno ausgegangen, hier waren die ersten Chadorim meßukonim, Talmud Thora-Anstalten, die sich die pädagogischen Errungenschaften der Neuzeit zu eigen machten. Hierwie in keiner Stadt ist die hebräische Sprache inwort und Schriftlebendig ist eine jüdisch wertvolle, aus den letzten Tiefen des Judentums sich speisende Haskala weit verbreitet. An diesem Problem der TNasse gehen alle Bestrebunmei Lublin" für die dortige Welt vollführt hat, was es bedeutet, daß er in seiner Gründung dem Thorastudium, dem Ieschiwagedanken eine so eindmcksvolle, eine so prächtige äußere Gestalt gegeben hat, als- Gegengewicht gegen die äußerlich nrederdrückenöen Rotformen, wie sie sonst hier angetrosfen werden. Sie zeigt, wie eine stille Sehnsucht nach Schönheit die Gemüter hier erfüllt Hatz ein Wunsch nach Harmonie des Aeußeren und Inneren. Diese Ieschiwa ist daher das Wahrzeichen Kongreßpolens, der Beweis, daß wenn die Schmach des Hungers.und das Joch des Elends von unsren Brüdern dort weichen wird, wir noch erstaunliche Schöpfungen ihres Lebenswillens zu gewärtigen haben. Ein wunder ist es fast zu nennen, wie sich die Schapiro vorschwebende Idee verwirklicht hat. In Amerika fand sein Gedanke begeisterten Widerhall. Ein Lubliner Verehrer stiftete das mächtige Grundstück, dasden Sau' mit großem Hintergelänöe und weiträumigen Vorgarten trägt. Die Riefenkosten des Laues aufzubringen, wäre jedem anderen eine Unmöglichkeit gewesen. Sie sind zum Hauptteil dennoch zusammengebracht worden. Die laufenden Ausgaben werden ganz und gar durch Büchsensammlungen im nächsten Umkreis der jüdischen Gemeinden, also durch Pfennigspenden einer armen Bevölkerung aufgebracht, ein sprechender Beweis für die Popularität des Werks. Run steht es ragend da, überraschend, beglückend für jeden, der es erblickt. Auf breiter Treppe aufsteigend, tritt man durch das säulengetragene Mrttelportal in den weiten Korridor des Erdgeschosses. Hier liegen die Haupträume des Ganzen: der stolze Iefchiwalernsaal, von dem wir bereits gesprochen haben, der gemeinsame große Eßraum, die Räume des Rosch Ieschiwa und der Verwaltung. Und noch eine Ueberraschung birgt das parterre: den Ausstellungsraum für ein T e m p e l m o d e l l. Dies dürfte das größte seiner Art sein; zusammengestellt mit unglaublicher Sachkunde, mit Benutzung aller, Angaben der Bibel und der talmudischen Zeugnisse, zugleich eine Rechtfertigung und Beleuchtung ihrer Darstellung und unserer großen Erklärer. Endlich liegt hier die herrliche Bibliothek der Anstalt, die alle rabbinisch bedeutenden Werke, aber auch nur diese enthält, so daß die Aufnahme eines Luches zugleich ein Werturteil enthält. Der Souterrain enthält Bade- und Waschräume, eine Wäscherei, eine Riesenküche und einen zweiten mächtigen Cßsaal für die Hörerschaft. Die höheren Stockwerke sind die- Schlaf- und Wohnräume für die Schüler. . Der Eindruck dieser ganzen Welt ist ein unbeschreiblicher. Wan atmet auf in ihr, weil sie Auge und Herz, Geist und Gemüt, Himmel und Erde gleichzeitig gerecht wird. Aber doch ist alles das nicht das Entscheidende. Entscheidend ist die seelische Atmosphäre. In diesen heiligen Hallen kennt I Warschauer Institutionen, ob es sich um Kranken-1 man die Cröenschwere nicht; hier weht der Edem der Kinder der Agudas Disroel-Kolonie in Rabka. gen zu Grunde, zerbrechen alle Gemeindeverwaltungen. Wollte man z. B. alle jüdischen Kinder einschulen, so müßten so viele Talmud Thora-Lehranstalten gebaut, werden, daß keine Illnanzverwaltung dem gewachsen ist. So ist Üeberfüllung mit allen schwierigen Begleiterscheinungen die charakteristische Erscheinung in allen Lubliner Juden erwarten vor der Jeschiwah die Gäste. Häuser oder um irgendwelche Fürsorge handelt, immer wieder ist die Zahl derer, die darauf Anspruch erheben, so unermeßlich, so unbezwinglich, daß sie nicht zu meistern ist. Selbst ein 16gliedrrges Rabbinat kann den schwierigen Kaschrus- und Ritualverhältnissen keine solche Regelung geben, wie man es wünschte. Auch in den Ieschiwaus von Warschau macht sich das geltend. Hunderte müssen abgewiesen werden bei jeder Semestereröffnung, und die Raumfrage zur Unterbringung der vielen ist unlösbar. Ohne tiefes Mitleid wird niemand an diese Welt der Enge und der Rot zurückdenken können. II. Persönlichkeit e n. Im Herzen -dieser Welt des Elends erhebt sich die Lubliner Ieschiwa. Erst wer das Niederdrückende der jüdischen Massenquartiere erlebt hat, der begreift die geniale und großartige Leistung, die der Lubliner Raw Rabbi Meir Schapira, mit der Ieschiwa „Ehach- Liebe, der Lebensfreude, der Wenfchenwürde. Es kann nirgends fröhlichere, glücklichere, in sich befriedetere Jugend geben als die, die wir hier getroffen haben. Am Sabbat war unsere Gesellschaft beim Lubliner Raw zu Gast. Die Tafel vereinte. uns mit den unzähligen Schülern und mit noch vielen Verehrern, die aus Rachbarstädten zur Feiendes Schabbos herübergekommen waren. Da faß er nun an der Spitze des Tisches, im feierlichen Seidenmantel, die mächtige Pelzmütze auf dem Haupt. Dreihundert Menschen, Talmide Ehachomim, alle geistig reife Menschen, um ihn. Die Sprache versagt den Dienst, wenn man die Stimmung dieser Stunden beschreiben wollte: Die Worte des Kidöufch, der mystische vörspruch, der die Engel lädt, der die Weihe herabflehtz, die heiüge Selbstprüfung zum Empfang der Himmelsbraut, alles durchbricht die Schranke des Irdischen; es ist die weihe höheren Menschentums, die hier zu einem nexus

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