Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 52 (22.12.1932)
- Date
- 1932-12-22
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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22. Dezember 1932 Der Israelit Nr. 52 Seite 3 .. animarum» zu einem Atemholen aus paradiesesseligkeit führt. „Dies ist Her Tisch» der mi Angesicht G'ttes steht»" sang einer der Rachuriin, »»wenn jetzt Ln der tempellosen» der schrecklichen Zeit kein Altar für uns Sühne bringt» dann sühnt der im Angesicht G'ttes geführte Tisch für den Menschen" . . . Leise begleitend, voll Andacht» fällt der Thor ein; jeder Blick verrät» wie hier das Irdische weihebedürftig Sühne sucht und in seiner Vergeistigung die höhere Menschennatur bestätigt. Rede und Thorawort geben dem seelischen Ge heimnis Sprache. Die Seele braucht nicht stumm zu - bleiben» jte knüpft ans ewige Wort das Erleben des Augenblicks. Und wieder schwingt» durch das Wort erlöst» die Stimmung sich im Gesang zum gemeinschaftlichen Gefühl der Jenseitigkeit. „Sehet, daß G'tt den Sabbat gegeben ..." Und wenn am Sabbat-Cnde man der Königin das Geleite gibt» wenn die Ueberseele in den Wochen tag zurückkehrt» dann wird die Tagesstunde vergessen dann wagt sich als Dank für alles Erleben die Freude hervor und feiert im ekstatischen Tanz jüdische Unbesiegbarkeit und Größe: „planet Pläne," so singen sie dabei» „planet Pläne» sie werden zu nichts» redet Reden sie werden niemals wahr» denn mit uns ist G'tt," wie es einst siegesgewiß Jesajas vorgesprochen. Pier in Lublin erfahren wir zum ersten Male die überragende Kraft der Persönlichkeit Schapira ist ein Genie; ein genialer Redner und Organisator» Lehrer und Führer. Alles dies wird aber ■ durch die Genialität seines Wesens und Charakters in den Schatten gestellt: so fromm und schlicht» so lebensfroh und stark» so ganz vergeistigt. Der Eindruck dieser Persönlichkeit ist aber deshalb so tief» weil sie völlig unkompliziert» lediglich im talmudischen Judentum» in den 4 Ellen der palacha verwurzelt ist Daß sich auf diesem absolut fixierten und umgrenzten Untergrund solch moderne» freie und sichere Individualität aufbauen und entfalten kann» daß jemand in Pallung und Führung und Gesinnung so bestimm ten chassidischen Typus trägt und dennoch sein Iu dentum universal» ohne Schranke und Zufälligkeit ist» daß jemand politischer Führer und Bewältiger der Massen ist, ohne eine Spur politischen Wesens und politischer Aeußerlichkeit, daß jemand Sejmöeputierter mit tiefster Anteilnahme an allen staatlichen und öko nomischen Aufgaben der Gegenwart sein kann» ohne einen einzigen Augenblick aufzuhören» ein Raw zu sein, daß jemand so die Menschen zu durchschauen und die Perzen zu gewinnen imstande ist» ohne je etwas andres zu wollen als Thora und Mizwah; diese weite und .Enge zugleich des seelischen Gehalts» diese Antinomie der geistigen Struktur» das ist das Ueberwältigenöe» das sich uns so faszinierend in die Seele schrieb» was wir nicht vergessen können. Dennoch ist unleugbar» daß dieser Eindruck der Persönlichkeit von ihrem Werk untrennbar ist. Aus dem pintergrunde dieser Ieschiwa» im Echo seiner Welt» .in der Resonnanz seiner begeisterten Schüler» in der Verbindung mit diesem zauberhaften Milieu steht sein Bild als des Schöpfers und Gestalters» als des Brennpunkts glühender Iugendbegeisterung und jüdischen Lebenswillens. Uns stand aber noch Grö ßeres bevor:' Menschen zu sehen „ohne alle Welt", nur im Glanz des eigenen Selbst» das doch nicht ihr Selbst ist» im reinen Glanz eines pöheren und Ewigen. Als wir durch die Sonnengluten heißer Mittagstage» durch die weiten Ebenen Kongreßpolens in endloser Gleichförmigkeit reisend» endlich in unsicheren Autos nach Polnisch-Litauen gelangten» lemten wir dort einen Menschentypus kennen» der uns dieses letzte» höchste der Seelenkultur erschließen sollte. Wir kamen nach R a d u n in die Stadt des E h o f ez E h a j i m. Wir kamen nach Wilna in die Stadt Reb E h a - j im O ser G r o öz enski's. Der Leser kennt die talmudische Erzählung» wie der blinde Raw Scheschet den persischen König erwartet» wie ein vorlauter Spötter über den augenlosen Zuschauer lacht und dennoch der Rabbi der hellsichtigere bleibt. Nicht das Geräusch und Gepränge der nahenden pofchargen» denen der vorwitzige zujubelt» bringt den erwarteten perrscher. Aber als atemlose Stille die Reihen in Bann schlägt» da ruft Raw Scheschet: das ist der König! Das ist der König! Raw Scheschet hat noch immer Recht behalten.. v , Als sollte uns das noch besonders zum Bewußtsein gebracht werden» trafen wir beide nicht in der Stadt ihres Wirkens an» sondern in der Einsamkeit des Waldes» in primitiver Sommerfrische. Cs war schon gegen Abend, als wir von Raöun aus in die polzhütte fuhren» wo der anerkannt größte rabbinische Gelehrte der Gegenwart» Rabbi Meir Iisroel pakohen, der Chofez Ehajim, wohnte. Durch einen rauchverhüllten Küchenraum des Bauernhauses traten wir in ein Stübchen ein» und nun standen wir vor dem 92jährigen Greise» der kleinen'Gestalt in schwarzem Seidenrock mit schwarzer Sommermütze auf dem Paupte» auf einem Lehnstuhle sitzend. Cr hatte schon den ganzen Tag den Gästen ungeduldig entgegengeharrt. Eine reine Freude huschte über sein Ännenanstcht der Synagoge zu Norvogrudock. Gesicht» als wir nun kamen. „Lin Scholaum Alechem Euch!"» sagte er mit stillem Glücke. Und dann traten wir heran» jeder Einzelne ihm die pand reichend. Und merkwürdig, die Gäste beugten sich jeder von neuem demütig über diese pand und küßten sie, obwohl der Alte widerwillig abwehrend sie immer wieder zu rückzog. Deutsche Bachurim in Mir. Was war es» was so andächtig uns stimmte? Wr ind gewohnt» den Kopf recht hoch zu tragen. Wie 'am es» daß inöer Nähe dieses Mannes wir alle plötzlich fo. bescheiden» so verlegen» und dennoch erhaben uns fühlten? Gewiß beeinflußte alle der Gedanke» der größten halachischen Autorität der Gegenwart gegenüberzustehen. Und doch war es noch etwas anderes» was so gewaltig wirkte. Aber es fehlte doch alles» was die Sinne gefangen nimmt; keine Suggestion der Rede» nicht einmal ein Außerordentliches )es Gedankenganges seiner Worte. Cs war eben» daß dies alles fehlte» war jene völlig einfache Menschlichkeit, die überwältigte. Die Demut der Thora» die auf alles Aeußere verzichtet» die Selbstgenügsamkeit der Großen» das war es» wovor wir uns beugten. Wir durften Tee mit dem Rabbi trinken» zu dem die Rebbezin „Eingemachtes" selbst mit herausgebracht hatte. Eine volle Stunde saßen wir an dem polztisch» in der Bretterbude» und sein Mund sprach zu uns» alle Ziele der Lehre seien eigentlich erfüllt» die umfassende Durchforschung der palacha sei Tatsache geworden seit Rif und Rambam» Rosch und Tur, Schulchan Aruch und Remo — und wir dachten uns selbst hinzu: seit Mischna Berura und Asstfas Sekenim. — Israel habe im Galuth alles das an geistigen Voraussetzungen geschaffen» was es zur Erlösung benötigt. Daher könne es nur an der Erfüllung liegen» die uns noch obliegt» an der — T f ch u w a . . . Nur e i n Gedanke, der immer wieder in anderer Form fein Sprechen erfüllte — Israels Erlösung. Die Unterhaltung mußte unterbrochen werden. Der Alte bedurfte der Ausspannung. Dann kehrten wir zurück. Und wieder sprach er vor geöffnetem Ehumosch von der Sidra R'eh, von Segen und Fluch. Im heiligen Lande da liegt Segen und Fluch auf Gerisim und Ebal» ist die Natur und Wirklichkeit mit überirdischen Kräften begabt» ist in natürlicher Unmittelbarkeit aus den realen Verhältnissen des Seins Fluch und Segen zu entnehmen. Anderwärts aber und jetzt ist Segen und Fluch: pören und nicht Pören» Lernen und nicht Lernen. Nur im Studium ist aller Segen beschlossen, aus dem Geist erwachsen die geheimnisvollen Kräfte» die uns erhalten und schützen» aus seiner Vernachlässigung die Zerstörung unserer nationalen Selbstbehauptung . . . Die Abschiedsstunde kam. Man bittet den Rabbi um eine Brocho. Aber er läßt sich nicht auf das mystische Geleise abdrängen. Cr bleibt der schlichte litauische Raw. „Wenn man Teschuwa tut» ist man von G'tt gebenscht; strebt nach Teschuwa» dann braucht ihr keine Segnung." Der Alte wollte aufstehen» als wir nochmals jeder zu ihm uns nieöerbeugten und seine weiße pand an die Lippen führten. Rückwärts schreitend» verlassen wir den Raum» in dem wir einen Strahl der Schechina erhascht hatten» jener g'ttlichen perrlichkeit» die den Menschen adelt» vergeistigt» verschönt» die von keinem äußeren Glanz den Schein borgen muß» die in dem entlegensten Winkel die Seele im Crlösungsahnen und Crlösungswonne erglühen läßt. Und als wir hinaustraten» da duftete der Kieferwald wunderbar rings um uns» da sank die Sonne golden hinter hohen Stämmen» alles mit einem Meer von sanftem Licht erfüllend. Keiner sprach ein Wort» als uns die schwerfälligen wagen in die Stadt brachten» zur Ieschiwa. der lebendigen» lebenerfüllten Stätte seines Leistens. Nur' noch eine Persönlichkeit von gleicher oder ähnlicher Mächtigkeit und Idealität stand uns noch vor Abschluß unserer Reise bevor: Reb Ehajim Groöz e n s k i» für uns Kinder der Welt und der Moderne vielleicht noch wichtiger und fruchtbarer in ihrer Eigenart, wenn der Chofez Ehajim ein Stück Jenseitigkeit, die Sabbatstille der Ewigkeit zu fühlen gab» trat uns hier ein lebensnäherer Typus entgegen, wie Olam pabo zu den Tagen des Messias» so ungefähr verhalten sich diese beiden Großen in Israel zueinander: wie das stille weltentlegene Raöun zu der pulsierenden Großstadt' w i I n a » wie Raw Iossef zu Rabba unter den Amoraiin» wie Neilah des Versöhnungstages zum Mußafgebet. Beide sind aus gleichem polz geschnitzt» ohne Pose» ohne äußere Gaben der Beredsamkeit und der Gestalt. Bei beiden die gleiche anspruchslose paltung, die gleiche Selbstlosigkeit und Ntaürlichkeit eines» der nichts sein will als nur ein Mensch, den nach außen nichts von jedem andren unterscheidet» der das ganze seelische Schwergewicht in die Sphäre der Geistigkeit» ins unsichtbare Menscheninnere verlegt. Aber hier eine wellüberlegene Klugheit» ein geistreicher Denker voll pumor und Witz» schlagfertig und icher in Rede und Antwort» jeder Gedanke gewürzt vom Salz des Talmud. Auch er spricht wenig und leise; aber jedes Wort trifft den Nagel auf den Kopf. Lin Gedankenleser» der allen bis in den Grund der Seele schaut. Seine Autorität ist unermeßlich; alle litauischen Rabbinen betrachten ihn als den höchsten Richter in allen theoretischen und praktischen Fragen der palacha und des jüdischen Lebens. Sein Umgang mit ihnen ist bezaubernd; ganz demokratisch, gänzlich 'ormlos. Seine Ueberlegenheit ist unumstritten» ist die Grundlage ihres absoluten Vertrauens. Sie brauchen nur anzuöeuten» so weiß er» was sie sinnen, was sie fragen, welchen Problemen es gilt. Sein zu-