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Der Israelit · 1932-12-22 · Heft 52 (22.12.1932) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
73 (1932)
Issue
Heft 52 (22.12.1932)
Date
1932-12-22
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 10 Nr. 52 Der Israelit 22. Dezember 1932 gesehen, daß er in nächtlicher Stunde sich bestens mit Adel und Militär verstand. So wenig wie dem jungen eleganten Offizier im klube oder auf dem Exerzierplatz jemand die sonderbaren Beziehungen zum Talmud und einem seiner Jünger anmerken konnte. Beide sprachen wie auf Verabredung nichts davon. Mosche weil es sich nicht lohnte, Montfoct, weil keiner von seinen Kameraden diese seine sonderbare Passion verstanden hätte. Der französische Offizier wollte bei dem Frankfurter Jüngling deutsch lernen. War er schon einmal in Deutschland stationiert, so wollte er die Sprache des Landes erlernen. Linen höheren Zweck konnten für ihn Krieg und Okkupation nicht haben, als das Sichverstehenlernen der Völker. Cr liebte das Buch mehr als den Säbel. Aber der junge Frankfurter war kein Mann von Lehrbüchern. Die Denker und Dichter, zu denen sich iNontfort mit der Sprache den Schlüssel verschafscn wollte, waren Mosche kaum dem Rainen nach bekannt. Nichtsdestoweniger bekam ihr Sprachunterricht Sinn und Seele. Montfort las aus irgend einer deutschen Bibel. Der Lachur half nach bei allen sprachlichen Schwierigkeiten, griff aber noch intensiver ein, wenn ihm die sachliche Darstellung unzutreffend schien. Das führte oft zu weitgehenden Exkursionen über Dinge des Glaubens und Denkens, über Fragen, die G'tt, Welt und Mensch berührten. So ging es oft halbe Nächte hindurch, in Freundschaft, in gegenseitigem verstehen. Ohne zu wollen, bekam Mosche dabei auch einen Einblick in eine fremde Welt, die er bisher nicht kannte, und lernte Namen von Menschen und Werken kennen, die im Lehrhause nicht genannt wurden. Wenn er sich zuweilen Gedanken machte über Ablenkung von seinem eigentlichen wissensquell, rief er sich zu feiner Beruhigung die Worte Rabbi Rossons in Erinnerung, die ihm dieser zum Abschied vielsagend zurief: „G'tt braucht Arbeiter für seinen inner e n Dienst, abe,r auch solche für den Außenoienst. Ich bin der. Priester am inneren Eingang — „Eingang" sagte er bescheiden, obwohl seine Widersacher selbst wußten, wie tief er in die fallen eindrang — des Heiligtums, mit dir hat G'tt etwas anderes vor, — auch „Größeres", das Mosche in Gedanken unterschlug — du mußt, wie Vater Abraham, in 5 i c XD eit hinaus, um d i e Welt und d i e Menfchen zu sehen, denen deine Arbeit gehören soll . . ." Also durfte,- ja m u ß t e ec auch in fremde Welten schauen ... Es vergingen wohl zwei Jahre, in denen sich die Bande zwischen Mosche Sofer und dem französischen Offizier enger und enger spannten. Montfort hatte jetzt Einblick in die talmuöische Diktion, ins jüdische Recht, in den Geist der vielverzweigten Responsenliteratur. Cr wäre noch weiter gegangen, bis zur Ouellenliteratur der Juden, da wurde der junge Offizier plötzlich nach Paris zurückberufen. Er verabschiedete sich von Mosche kurz und heiter, mit warmem Händedruck: „Au revoir, mon ami!" Die Wärme im Tone und im Auge ließen deutlich erkennen, daß das vom „Wiedersehen" hier nicht als leere Redensart gedacht war, sondern einem Herzenswunsch, eine Hoffnung ausdrückte. Kurz darauf war aber die Mainzer Zeit auch für Mosche beendet. In einem Briefe Rabbi Rossons, den ihm Tobias (der von „Turn und Taxis" in Frankfurt) überbrachte, hieß es kurz und etwas rätselvoll: „Die Dinge verwirren sich, weil die Hirne geschwächt und die Kräfte vermindert („Mochin w'Kochin") sind. Wer mag heute noch die Wahrheit sehen? Mich aber zwingt G'tt, mich von der Falschheit abzukehren und legt mir Prüfungen auf. Run öffnet sich mir ein Weg — ein Weg in weite Ferne . . . Folge ich diesem Fingerzeig, so möchte ich bei der Minderzahl derer, die mich verstehen und meinem Herzen nahe sind, meine Kinder, will heißen, meine Schüler, zum Abschied bei mir sehen." Da packte Mosche sofort seine Sachen und fuhr mit der nächsten Post nach Frankfurt zurück. (Fortsetzung folgt.) Abraham Erlanger zum Gedächtnis. Ein Erinnerungsblatt zur 1. Iahrzeit am 23. Kislew. Ein Jahr ist vergangen, seitdem Abraham Erlanger von Luzern die Augen zum ewigen Schlummer schloß, und noch steht seine markige und aufrechte Persönlichkeit in ihrer Originalität frisch in der Erinnerung aller, die ihn und sein Haus kannten und verehrten. Wir haben seinerzeit seinen Lebensgang und seine Bedeutung eingehend gewürdigt Heute sei es uns gestattet, zu seinem Gedächtnis einige Begebenheiten und Anekdoten aus vergangenen Tagen hervorzuholen, die besser als alle schmückenden Beiworte den Mann und sein Wirten in seiner charakteristischen, zuweilen recht drastisch, und doch so prinzipienfesten Art beleuchten können. - Vor etwa 40 Jahren wurde in einem bekannten Schweizer Kurort ein neues jüdisches Gasthaus eröffnet. Wer hinter die Kulissen sah, wußte, daß es mit dem Kaschrus dort nicht ganz einwandfrei bestellt war. Eines Tages erhielt Abraham Erlanger von einem guten Freunde folgendes Telegramm: „Darf man in X. ohne Bedenken essen?" Prompt telegrafierte er zurück: ^Jawohl, Steinkohlen und Gletschereis!" Freitag Abend war es selbstverständlich, daß Abraham Erlanger alle Fremden, die in der letzten Reche der Synagoge standen, als Gäste mit nach Hause nahm. Einer seiner Söhne, damals ein etwa zwölfjähriger Knabe, kannte diesen Brauch des Vaters, trat an einem Freitag Abend an einen Fremden, der bescheiden in der letzten Reihe stand, heran und sagte: „Kommen Sie nur mit mir, Sie sind heute Abend unser Gast!" Auf die erstaunte Frage des fremden Mannes: „Wer bist Du denn, mein Junge, und was willst Du von mir?" ward ihm die Antwort: „O, mein Vater nimmt immer alle fremden Luete, die auf dieser Bank sitzen, zum Essen mit nach Hause, kommen Sie nur auch mit." Der betreffende Herr erwiderte auf diese so gut gemeinte Einladung: „Ich bin kein armer Masin, mein Kleiner, aber weil Du so nett zu mir warst, will ich Euch morgen besuchen." Es war ein bekannter, reicher Diamanthändler aus Amsterdam, der seitdem noch oft in das Erlanger'fche Haus kam und sich heute noch gern an dieses kleine Erlebnis erinnert. Während des Weltkrieges gab es plötzlich in der Schweiz keine Zizis mehr, es war auch keine Möglichkeit gegeben, sie aus dem Auslande zu beschaffen. Kürz entschlossen, kaufte Abraham Erlanger Rohwolle ein, und um diese zu verarbeiten, mußten die Hausfrau sowie die Töchter nach altväterlicher Weise sich an das Spinnrad setzen, um die Wolle zu spinnen. Allein die ungewohnte Tätigkeit ging doch nicht in der gewünschten Weise vonstatten. Daraufhin trat Abraham Erlanger mit einer Spinnerei in der Nähe von Luzern in Verbindung, übergab ihr die gekaufte Wolle und blieb selbst einen vollen Tag dort, bis die Zizis gesponnen waren. Ein ganzer Sack von Zizis wurde damals hergestellt, die ganze Schweiz wurde damit versorgt und selbst nach Deutschland wurden sie ausgeführt. Eines Nachts spät um elf Uhr schellte ein fremder Mann an der Hausglocke und verlangte zu essen. Bereitwillig wurde ihm geöffnet und ein einfaches Abendbrot vorgesetzt. Der Fremde schien jedoch nicht damit zufrieden zu sein, fragte vor allem, ob er nicht noch Fleisch, sowie dies und jenes haben könne. Die Gastgeberin erklärte ihm, daß Fleisch aus bekannten Gründen nicht so leicht zu beschaffen sei, und daß man zufrieden sein müsse, wenn man einmal in der Woche zum Sabbat welches erhalten könne. Der Fremde schien etwas ungehalten, aß aber schließlich die ihm Vorgesetzten Speisen zu Ende und verlangte dann seine Rechnung. Man kann sich sein Erstaunen vorstellen, als er zur Antwort erhielt, daß ihm die Gastfreundschaft gern gewährt sei ,daß aber eine Bezahlung nicht in Frage käme. Er entschuldigte sich natürlich und erzählte sodann, bei der Abfahrt aus seinem Heimatsorte habe ihm der Rabbiner noch gesagt, in Luzern könne er nur bei Abraham Erlanger essen. Er habe natürlich geglaubt, das sei eine Pension oder ein Gasthaus. Im August 1920 ertönte eines Abends spät die Hausglocke. Gleichzeitig hörte man vor der Haustür ein Gewirr von vielen Stimmen. Als man öffnete, stand gegenüber dem Hause ein Trupp von zwölf Menschen, große und kleine; am Randstein saß ein Kind, dort stand eine Frau, die ein Kleines auf dem Arm hatte, und alle waren mit Packen und Tüchern beladen. Es waren Emigranten. die aus der Bukowina kamen und auf der Durchreise nach Amerika begriffen waren. Sie waren halb verhungert und baten um Unterkunft. Sie kamen jetzt aus Italien und erzählten, daß sie kaum etwas zu essen und zu trinken gehabt ■ hätten. Nachdem sie zunächst einmal im Hose des Hauses die nötige Rsinigungsprozedur vollzogen hcstten, wurde ihnen gastfreundlich der Tisch gedeckt, und zum ersten Male seit 15 Tagen konnten sie sich in einem jüdischen Hause mit Speis und. Trank erquicken. Der Hausherr fragte: „Wieso habt Ihr zu so später Nachtstunde noch den Weg zu mir gefunden?" Er erhielt die Antwort: „Wir haben an der Bahn ein Fräulein gefragt, wo in dieser Stadt Juden wohnten, da sagte die Dame: „Geht nur zu Abraham Erlanger, Bruchstr. 32, dort bekommt jeder etwas. So kamen wir hierher." Aber nun war guter Rat teuer. Wo sollte man sie übernachten lassen, denn für so viele Gäste bot auch das Haus im Bruch keinen Raum. Da kam ein rettender Gedanke. Nebenan war das Lokal der Agudoh. Außer dem Lernzimmer enthielt es noch einige unbewohnte Räume. In diesen, standen zufällig Möbel und Betten zweier armer Familien, deren Angehörige mehrere Jahre vorher während der Grippeepidemie gestorben waren. Schnell waren die Schlüssel geholt, jeder mußte Mitarbeiten, und bald war für die armen Durchreisenden ein Lager bereitet, auf dem sie sich zur Ruhe betten konnten. Sie mußten schon am anderen Morgen um 6 Uhr mit dem Zuge Weiterreisen. Daher bat man sie, die Schlüssel vor ihrer Abreise wieder abzugeben. Mit innigen Dankesworten wünschten die Emigranten allen gute Nacht und schliefen bald den Schlaf des Gerechten! Am nächsten Tage stand der Hausherr wie gewohnt zu früher Stunde auf. um zur Synagoge zu gehen. Als er die Haustür öffnete, lagen auf der Treppe die Schlüssel des Agudahlokales, aber auf der Straße war von den Fremden nichts zu sehen und nichts zu hören. Drüben waren die Zimmer tadellos in Ordnung gebracht, die Gäste waren bereits weitergezogen. In der Aufregung hatte niemand daran gedacht, nach ihrem Namen zu fragen, und dies war noch lange eine besondere Genugtuung für den Gastgeber, daß er . gar nicht wußte, wem er soviel Liebes erwiesen hatte. Mehrere Monate später kam ein Brief aus Amerika, der eine Photographie mit einer Anzahl wohl aussehender und gut gekleideter Menschenkinder enthielt. Er meldete die gute Ankunft jener Emigranten in der neuen Welt. Noch einmal sprachen sie ihren Dank für die genossene Gastfreundschaft aus. - Eines Tages kam in das Kontor von Abraham Erlanger ein fremder Jude, den er bis dahin noch niemals gesehen hatte, mit folgendem Anliegen: „Herr Erlanger. Sie kennen mich nicht. Wie Sie mich hier sehen, bin ich soeben aus dem Gefängnis in X entlassen worden, wo ich zwei Jahre Strafe für dies und jenes Vergehen verbüßen mußte. Sagen Sie mir, was ich tun soll, um wieder als ehrbarer Mann in die menschliche Gesellschaft zurückkehren zu können." „Ziehen Sie sich aus und fangen Sie an zu arbeiten. Sie sind bei mir engagiert," lautete die Antwort. Der Betreffende war lange Jahre Angestellter im Erlanger'schon Geschäft, arbeitete sich empor und wurde ein Baal-Teschuwoh. Er hat dann später in einer anderen Stadt ein gut jüdisches frommes Haus gegründet. Im Jahre 1875 war Abraham Erlanger, damals noch unverheiratet, zum ersten Male über- Sukkaus in Luzern. Es gab dort 18 jüdische Familien, aber keine einzige besaß eine Sukkoh. Da verfertigte sich der junge Erlanger selbst aus den Brettern einer rohen Warenkiste eine primitive Sukkoh und holte sich aus dem nahen Buchenwalde das Laub für das Dach. Er hat später noch oft erzählt, wie vorsichtig er sein mußte, um beim Ein- und Ausgehen von dieser ersten Sukkoh nicht den ganzen Bau umzuwerfen. Man kann sich denken, daß auch seine jüdische Umgebung sich über den „Sonderling" lustig machte. Noch lange war auch in späteren Jahren die Erlanger'sche Sukkoh die einzige in Luzern, mit der dann alle Gemeindemitglieder dieser religiösen Pflicht genügten. Erst um die Jahrhundertwende bekam sie Gesellschaft. und heute stehen als Nachfolger der „Warenkisten-Sukkoh" vom Jahre 1875 29 Sukkos in Luzern. (Münzenfunde in palästinensischen Kolonien.) Aus dem Privatbriefe eines jungen geschätzten Frankfurter Siedlers in Palästina entnehmen wir folgende Sätze: Heute kann ich Dir endlich die Münze übersenden, nachdem ich sie von F. zurückerhalten habe. Es ist eine ganz große Ueberraschung. Nachdem ich schon oft derlei gefunden hatte, war es mein Wunsch, auch mal eine j ü - dische Münze zu finden. Diesmal ging mein Wunsch in Erfüllung, wenn ich auch dabei etwas - bedrückt bin. Es handelt sich hier um die Münze eines jüdischen Königs. der fein Volk vergewaltigte, dessen Regierungszeit eine der beschämendsten Epochen unserer Geschichte darstellt: Alexander Jannai 105—79 v. d. übl. Ztr. Zweitausend und etliche Jahre! Ich hätte mir lieber eine Münze gewünscht, die noch 60 Jahre zurückläge: aus der stolzen Zeit der M a k k a b ä e r>,'deren Enkel er war.. Doch, ich weiß mich zu bescheiden und freue mich mit diesem Zeichen unserer Vorfahren — wenn es Auch aus trüber Zeit stammt. Auch hoffe ich, im Laufe der Zeit noch aus so manches zu stoßen. Ich gehe niemals darauf aus. doch habe ich bei der Arbeit und beim Heimgehen ein wachsames Auge, das mechanisch arbeitet. — Das Gesagte bezieht sich auf die kleinere der beiden Münzen. Wohin die größere zu verweisen ist, hat mir F. vergessen zu schreiben. Ich fand sie schon früher und dürfte wohl aus der Zeit der römischen Besatzung vor der Zerstörung sein ...

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