Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 52 (22.12.1932)
- Date
- 1932-12-22
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Licht aus dAn Äesten Erzählung aus der Zeit der Ghettodämmerung., (Fortsetzung.) - - Zu seinem- Lieblingsschüler und Pflegesohn sagte aber Rabbi Rosson folgenden Tages:; . „Höre, Dlofcbc, ich fürchte, die Luft hier, ist zur Zeit nicht rein genug und wenig zuträglichifüx das, was wir von dir^erh'dffen. Cs herrMt der (ßcxffc der . Verwirrung in dep Gemeinde. Auch..rnlt Rgbbi/Pin-, chos sprach ich.darüber, /öhwohl noch andere' Dinge uns beschäftigten. In diesem Punkte waren wir uns einig. Du bist ohne dein Verschulden in die. Sache mitverwickelt und zu dem, was G'tt mit dir vor bat, bedarf es. klaren. Kopfes-ustö^reiner Gedanken. Ich messt ' nM, daß bei als den.^re!tzerAen,^ 'Lrie'.nun,L-egM mich und . mein Haus offen oder insgeheim/unternommen werden/ dein Rame genannt wird." . „ „Was befiehlt mir der Rabbi?" -. Ohne es gleich zu sagen, fetzte Rabbi Rosson fort:' „Cs ist zudem nicht gut, immer nur.hei e i.n e in Lehrer und in einer Stadt zu lernen." wenn die Mischna lehrt: „Wandere nach der Stätte der Thora," so meint sie das ganz wörtlich und ist hierbei die Betonung ebenso auf das „Wände r e " wie. auf die „Thorastätte" zu legen. Du mußt einmal auch andere Thoraluft ematmen." „Ich soll euch, geliebter Rabbi, verlassen?" „Dicht ganz, du gehst für einige Zeit mach Mainz. In der Schule von Rabbi Dawid Tewle Schiff, der auch mein Lehrer war, hast du mich im Geiste Tag für Tag vor Augen. Ich habe ihm bereits geschrieben und dir alle Wege: geebnet. Lr erwartet dich."; (; : I Die Litern waren einverstanden. Rabbi pinchos Hurwitz, der Oberrabbiner, mit dem der Sofer sich auf alle Fälle noch einmal besprach, sagte: „Wenn Rabbi Rosson euren Sohn nach Mainzschickt, so hat er möglicherweise noch tiefere Gründe dafür. Lr sieht, weit, dieser Rabbi Rosson, und nicht alle verstehen ihn, gleich . .. ." .; . Diese Meinung des' Oberrab'biners über Rabbi 'Rosson fiel in diesen Tagen d^r schiveren' Spannungen besonders auf. , : vom Segen seiner Lehrer . begleitet, fuhr der setzt Fünfzehnjährige nach Mainz und wurde dort von .Rabbi Schiff, dem greisen Lehrer, mit der Liebe ausgenommen, die ihm der Rame Rabbi Rossons, das größte Aktivum im Leben Rabbi Schiffs, dort von vornherein sicherte. Der Frankfurter Bachur durfte an der Ouelle sitzen, aus der sein Lehrer selbst geschöpft hatte. VI. In Mainz. Im patrizierhause „Zum Hahn" in Mainz, in dem seit.Generationen, die Hahns ein Weingeschäft betrieben und dem jetzt der gelehrte und fromme Jakob Hahn Vorstand, fand der Frankfurter Bachur auf Empfehlung Rabbi David Tewle Schiffs ein gastliches Heim. Lr hatte in Rabbi Schiffs Schule alles, was er in Frankfurt in vollen Zügen genossen, an der Ouelle wieder, und aus dem Munde des greisen Lehrers schien ihm oft Rabbi Rosson zu sprechen. Lehrmethode und Lebensweise waren da wie dort so ähnlich, daß sich der fünfzehnjährige Mosche oft fragte, was Rabbi Rosson wohl dazu bestimmt haben konnte, ihn über den Rhein zu schicken. mer. Der Hausherr, ein vielbeschäftigter Kaufmann, zog ihn zur Teilnahme an seinen abendlichen und sabbatlichen Studien heran. Schon in der zweiten Lernstunde nannte Jakob Hahn seinen Bachur seinen- Lehrer und'-Meister.! °- Mosche war mit der Methode und Lehrweise RabbL Schiffs durch Rabbi Rosson so vertraut/daß er auch/das niir halb, ja das unausgesprochene Wort ' des "Greises, erriet und weit'ergab. Cr wurde Interpret des uralten, etwas gebrechlichen Rabbi David' Tewle Schiff, in noch höherem Grade,' als er es bei dem jüngeren Rabbi., Rosson "in der gewohnten Umgebung seiner Jugendfreunde war. Sein Ansehen 'lw der Schule wuchs, um.'so mehr, als er, unauffällig' und 'üNaufdringlich, allen Auszeichnungen aus ■ dem Wege ging.; _ t . ’ '7 . , Mainz war von den Franzosen besetzt/ -.In den Straßen der . Stadt leuchteten die bunten.und goldgestickten Uniformen in der Sonne. Cin Bild, das dem Frankfurter Jüngling neu war. Sogar in seine nächste Rähe war das Franzosen- Km gerückt. Wenn Mosche äus seiner Kammer durch den Korridor-ging/'fiel ihm an einer Zimmertüre eine Messtngtafel ins Auge, die den Damen trug „ p ü U'l i d e M o n t'fo v t ". /7„ Unser /Leutnant," .gab Hahn ,seinem .jungen Gaste Auskunft,, „französischer Offizier/von. hoher adeliger, Herkunft und hoher Bildung. Ist. bei uns einqüärtiert und "wir'stehen gut mit einander."' So ganz nebenbei; denn was interessierte den Frankfurter Bachur der adelige junge Offizier aus Toulouse?; Aber eines Tages ließ Jakob Hahn das Wort fallen:/ ' - „Unser Franzose, Monsieur de Montfort, interessiert sich lebhaft für euch" — er hatte nach der ersten Lernstunde seinem Bachur gegenüber das Du verloren und nicht wieder gefunden.—, „möchte euch kennen lernen. Könnt ihr französisch?" „Dicht gerade viel." „Cin wenig spricht er deutsch, für den Rest machen es die Hände. Zufammengenommcn, wird es schon langen für das, was ihr miteinander zu sprechen' habt", : scherzte Hahn, im Gedanken ein wenig belustigt über dieses sonderbare Zusammentreffen von Säbel und Gmoro. - . / .Darin hatte sichaber Herr Jakob Hahn.gründlich getauscht, Stand auch der junge Frankfurter,, dem Metier feines französischen Hausgenossen' völlig fremd uNdTverständnislos gegenüber, so lag doch die innere Welt de Montforts gar nicht so weitab von der des jungen ^Talmudisten. Montsort gab sich mehr als Jünger hes höheren Rechtes, das er an der Sorbonne in' Paris studierte, denn als Marsjünger. Lr hatte nach den Traditionen des französischen Hochadels seine Studien unterbrochen, um dem vaterlande zu dienen und sich einige Erfahrungen im militärischen und Kriegsrechte zu erwerben, wohin der Kurs seiner Karriere wies. Schon am ersten Abend ihrer Zusammenkunft im bescheidenen Zimmer Mosches zeigte der Franzose lebhaftes Interesse für den jungen Juden, dessen Studium und geistige Cinstellung. Montfort batte in Mainz!.bereits deutsch genug gelernt, um den Frankfurter zu verstehen und sich ihm verständlich zu machen. Durch seinen Verkehr mit seinem Hausherrn waren, auch einige Spezialausdrücke des Mainzer und Frankfurter Ghetto seinem Ohre nicht ganz fremd. Das Interesse wandelte sich rasch in Dichtung, in Zuneigung. Was der junge Frankfurter da aus riesengroßen Folianten und Standardwerken las und lernte, war eigentlich auch nichts anderes als Juristerei, jüdisches oder kanonisches Recht, ergo war der junge Frankfurter, wie er selbst, Student der Rechte, und sie waren Kommilitonen . . . „Wollen wohl ebenfalls Richter oder Advokat werden?", fragte der Franzose. „Muß nicht gerade sein," belehrte Mosche, „unser Recht ist die heilige Lebre, die zu kennen, wir Juden alles amt verpflichtet sind. Sie ist, wie :bii. Lehre selber sagt, als Moseserbc ans uns 'nberkommen. Wer sie einem anderen vorenthält, bringt diesen Anderen um seinen Rechtsanteil, wer sie nicht mag, bringt sich selbst um das heilige Vätererbe." Das verstand Montfort wieder nicht ganz, aber das mit dem „Vätererbe" interessierte ihn. ‘ „väte r erbe!" sagte er, „Unsereiner hat keinen Zutritt zu', den Hallen eurer Lehre." / „,Gewiß, ein. Crbe des Vaters," interpretierte der .Talmudjünger, „aber da unsere Lehre als „Licht" bezeichnet wird, so darf sie Licht weithin verbreiten. Auch dürfen sich viele - andere Lichter .an ihr entzünden, ohne Schaden für unser jüdisches Licht . . . Die Propheten sehen es voraus, wie die Völker alle zum Hause Jakob wallen und im Lichte G'ttes wandeln . . ." „So macheü rbir denn für-Uns gleich'den kleinen Anfang," lachte der Franzose vergnügt und steckte eine neue dicke Stearinkerze an, da die alte abgebrannt war. Cr zündete sie am Lichte Mosches an und sang dabei in' seiner heiteren Art auf französisch „Haus Jakob auf, laßt uns wandeln im Lichte G'ttes!.. . ." Dann aber wurde er ernst, gelehrig. „Ja, die Propheten, die alte Lehre selbst, die mögen schon so etwas gelehrf, haben. Aber was sagt der Talmud zu all den Pingen? Hat er uns nicht mit eigem Aufwand von Tüfteleien und Grüöeleien den- Weg zum Lichte wieder versperrt? verzeihe, junger Freund, ich las so verschiedenes darüber, freilich aus Büchern, die euch nicht wohlgeneigt sind." ' „Im Talmud steht," zitierte der Jünger fast wörtlich: „Dies, das ö e r Mensch mache, daß er lebe." Cs heißt nicht Mensch, sondern der Mensch. Will besagen: Auch/der Richtjude, der sich mit der Thora'Gefaßt, kann sich einen Grad der Achtung wie ein Hoherpricster erwerben. „Cin großes Wort," bestätigte der Franzose. „Allein ich las in jenen euch feindlichen Büchern noch andere Zitate aus dem Talmud, die weniger liebevoll klingen. Cr führte öine ganze Reihe von Aussprüchen an, richtige und falsche, sinngerecht und in schiefer Deutung..-Cr sprach ohne. Haß, ohne Vorurteil, sachlich, gelehrig.. Mosche gab Antwort, widerlegte, stellte richtig, erklärte und deutete. Wie ganz anders standen die Dinge, mit jüdischen' wissenden Augen gesehen, da. Montfort war ethisch und ästhetisch angerührt von. diesen altgereiften Weisheiten aus weichem Knabenmunde. „Gut gesagt," lobte der Franzose'. „Warum klärt ihr die Welt nicht auf? Warum sperrt ihr euch in eure Lehrhäuser ein und nehmet alle Verleumdungen wehrlos hin?" „Cs sind deren zu viel. Und es ist besser, statt gegen Stürme anzurcnnen, sich in. seinem Häuschen bei mildem Lichte wohlzutun und gegen die Stürme innerlich zu festigen. Cinmal halten die Stürme den Atem ein und unser Licht wird gesehen." „Ihr seid Optimisten. Gut so! Die Geschichte, scheint euch bis jetzt recht gegeben zu haben, so wird sie es wohl auch weiter tun. Da w i r uns einmal gefunden haben, könnten w i r auf alle Fälle den Anfang machen." Sie taten es auch. Bei Tag gingen ihre Wege weit auseinander. Ins Lehrhaus ging der eine, der andere in Kaserne und Kasino. Wer hätte es dem Frankfurter Bachur im Lehrhause Rabbi Schiffs an-