Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 52 (22.12.1932)
- Date
- 1932-12-22
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Der Israelit Nr. 52 Seite 3 22. Dezember 1932_■ Fortsetzung, mit den ausfterbenöen Samaritanern und karäern gehen seine letzten Akte rühmlos zu Ende. Soll das Spiel mit neuen Richtlinien, mit neuem Programm, mit Sammlung der Abseitigen um neue religiöse Theorien und Uebungen, mit neuen Fanfaren, Sendboten und „Propheten", wie wir sie aus früheren Zeiten wohl kennen, von neuem aufleben?! Wir fürchten nicht den Einbruch in die Orthodoxie. Unsere Heiligtümer sind im Schreine unserer Bet- und Lehrhäuser, im Schreine unserer Herzen viel zu gut verwahrt, als daß wir um sie bangten. Aber wenn die Herren in ein uns angrenzendes, heute noch brachliegendes Feld eindringen, das wix keineswegs verloren gaben, auf dem wir schon sogar hie und da versprechende Zukunftssaaten aufkeimen sehen, eindringen und fremde Saatkörner darin senken, es mit N7 irni»T fremden Pflanzen bebauen, so nennen wir das, ob uns die Herren das Wort übel nehmen oder nicht, weiter noch „Einbruch!" Der jüdische Krieg?) Ein historischer Roman aus dem ersten Jahrhundert, in dem geschossen, telegrafiert, stenografiert und auf der Börse spekuliert wird, in dem die Menschen sich mit „Sie" und „meine Herren" anredcn, in dem die Großgrundbesitzer völkische Agrarier, die Minister und Generäle Hakenkreuzler und die jüdischen Rabbis Doktoren und Professoren sind. Lin Roman ans der Zeit von Rero bis Titus, in dem kein Wort und keine Silbe von der damals ins Leben getretenen und durch Martyrium vorwärtsdrängenden Bewegung, dem E h r i st e n t u m , enthalten ist. Ein moderner Roman ohne einen Helden im Zentrum, der in seiner Person, in seinen Schicksalen, in seinen Erlebnissen und Seelenkämpfen Kulminationspunkt all der Gedanken, Ideen und Geschehnisse, wäre. Und dennoch: Es ist ein Feuchtwanger- Luch, was soviel heißen soll, wie: das Werk eines Meisters, eines Meisters, der seine eigenen Wege geht und doch das Ziel nie aus den Augen verliert. Bisweilen unwirtliche, holprige Wege, durch Wüste und Wildnis, öde und versandet, aber es lohnt, dem Dichter zu folgen; der einzelnen herrlichen Blumen wegen, die hie und da rechts und links am Wege aufblühcn, des letzten Zieles wegen, vor dem man schließlich mit dem Dichter steht, beschenkt, bereichert, wissend um viele Dinge, die man früher nur dunkel geahnt hat. *) Der Jüdische Krieg von Lion Feuchtwanger. Roman. Propyläen-Verlag, Berlin, 478 h Seiten. i Das versöhnt ein wenig mit dem gewollten, ja gesuchten Aktualismus in der Darstellung, der auf den ersten Blättern wie Entgleisung anmutet, später aber schon als Manie erkannt wird. Uebrigens: Wenn man im Buch und auf der Bühne Vergangenes und Fremdes in der uns geläufigen Zunge darstellen darf, warum nicht auch in der Sprache, in Wort und Bild unserer lebendigen Gegenwart? vorausgesetzt, daß die historische Grundlinie dadurch nicht verwischt und zerstört wird. Oft genug steht dieses bei Feuchtwanger zu befürchten, doch am Ende sieht die Grundlinie glatt und gerade, ohne Krümmungen und Biegungen da. Man könnte das Luch einen historischen S t ä d t e r o m a n nennen; vier Romane unter den Titeln „Rom", „Jerusalem", „Läsarea" und „Alexandrien". Man fährt durch die Straßen dieser Weltstädte und sicht die Physiognomien ihrer Menschen, wie man die Häuser und die Menschen von Berlin, Paris, Wien und L o n d o n erlebt (alle Häuser in Alexandrien haben fließendes Wasser). Und dennoch sieht und erkennt man das Gesicht dieser Zentren jüdischer, jüdisch-griechischer und jüdischrömischer Kultur zu Beginn der christlichen Aera, kurz vor und während unserer letzten nationalen Katastrophe, von Grund auf und vollkommen. Wenn von einem Mittelpunkt in diesem Buche die Rede sein kann, so höchstens die Person und das Leben von F l a v i u s I o f e f. u s. was wissen wir von Iosefus? Ein Historiker und römischer Schriftsteller, der Rom nach dem Munde spricht und schreibt und es dennoch nicht verhindern kann, daß hie und da aus dem römisch gepanzerten Herzen schwache Liebesgluten zum angestammten jüdischen Volke durchlodern. Hier indiesem Buche ist Iosefus beinahe ein Symbol der Unergründlichkcit und Unerforschlichkeit seiner Zeit. Cr ist ein Mann, der Rom und Jerusalem zugleich, Jesajas und Epikur in eine m will, und er scheitert — ein Präzedenzfall für hundert spätere in der Geschichte, —- innerlich an dieser Kombination, wie viele andere am Zwiste ihrer Seele scheiterten. Cr ist Priester der vierten Reihe, im Besitze des goldenen Priestergürtels, aber Fesseln binden ihn, einmal richtige eiserne Sklavcnketten, ein anderes Mal die goldenen Fesseln der Gunst und der Liebe, an die Hallen Roms. Cr ist der Homer des vespasian und des Titus, aber vielleicht nicht so blind wie jener, keineswegs für die Tapferkeit und die Tragik seines Volkes. Ohne eigentliche Dämonie, wird er gerüttelt und geworfen von Leidenschaft zu Leidenschaft: Priester und Römling, kaiserlicher Kommissar und Rebell, Leibeigener, schon mit dem Holz der Kreuzigung auf dem Rücken, und Günstling des neuen Kaisers. Cr wälzt durch freigcwählte Geißelung eine schwere Sünde von sich, um sich, eben gerade durch diese Geißelung, den weg zu einer noch schwereren zu bahnen. Iosefus ist, mit einem Worte, die Zerrissenheit, die Verworrenheit, die Tragik seiner Zeit; er ist der dichte, undurchdringliche Rebel am Abend vor dem Untergänge des jüdischen Staates. Ja, dieser Untergang! Kein Dichter, wir wollen es ehrlich aussprechen, hat ihn tiefer empfunden, erlebt und beschrieben, wie dieser so kalte, reservierte, von seiner Materie distanzierte Dichter Lion Feuchtwanger im letzten Teile seines Buches, der wiederum „Jerusalem" überschrieben ist. Wie er da, um nur c j n Exempcl hcrauszugreisen, die ganze Rot der Zeit, einer Ration ganzen Jammer, den wir aus Talmud und Midrasch kennen, mit einem Rainen, mit dem R a ch u m den R a ch m a n n s , des Spießbürgers und Glasbläsers, bis zur tiefsten Erschütterung uns nahe bringt. Allein die talmudischen Berichte! Hier haben wir dem Dichter mancherlei zu verübeln. Er kennt die talmudischen Uebcrlieferungen über die einzelnen Phasen der Zerstörung allesamt und verarbeitet sie hie und da im Dialog und Geschehen mit bestem Nutzen. Aber einen kennt er ganz und gar nicht: Rabbi I o cha n a n den S a - k a i, unseren Rabbi Iochanan in seiner Bedeutung und Geschichte. Der kurze Bericht in Talmud Gittin über den Rabbi, der sich im Totensarge zum Feldherrn hinausschmuggelt und ihm als erster die Botschaft seiner Ausrufung zum Kaiser überbringt, hat in seiner präzis schlichten Darstellung u n g l t i cb mehr dramatische W u ch, als alle Stellen im Buche, in denen Juden etwas vom „Adir" vespasian ins Ohr flüstern, das in diefemZufammenhange unmotiviert, sinnlos und einzig als Heuchelei und Lobcshudelel wirkt. Dieser Rabbi Iochanan, für uns eine Kraftnatur, die im Mittelpunkte der Friedcnspartei steht, der Jeremias des zweiten Tempels — er ist hier ein kleiner, schwächlicher, verwachsener Rabbi mit gelbem, welkem Gesicht und matter Stimme, dessen Wort wohl einiges Gewicht hat, aber im Gerassel und Getümmel der inneren und äußeren Schlachten vollkommen verhallt. Aus diesem Rabbi Iochanan hätte ein Lion Feuchtwanger ganz etwas anderes machen können. Dieser Starke, Gerade, Durchsichtige, hätte eher verdient, in den Mittelpunkt vorzurücken, als der unberechenbare und vieldeutige Iosefus. Die Geschichte selbst hat gerade ihn so sehr in den Vordergrund gestellt, daß hinter ihn: Rero, vespasian und Titus, ja das ganze römische Reich mit seinen Legionen verschwinden . . . Aber noch ein Wort zum Ganzen: Lion Feuchtwanger hat uns ein Iosefuswcrk gegeben, ein solches auch vollbracht. Cr kommt von entgegengesetzter Richtung. Flavius Iosefus sucht uns den letzten jüdischen Krieg von R o m her zu erklären, Lion Feuchtwanger denselben Krieg und seinen unglücklichen Ausgang von Judäa aus zu deuten. die schwere, dornenvolle Aufgabe der Großen jener Tage, Wächter und Wärter der ewigen Wahrheit zu sein, und wie an mwa bleibt cs mn mu, Pflicht, offenen Auges Schein und Schimmer, Tünche und Tusche, Farbe und Firnis zu scheiden von Mehrheit und Wirklichkeit. Zweierlei Licht. Bon Jacob Letzter in Nürnberg. „Und' G'tt sprach zu Jakob: kehre zurück nach dem Lande deiner Väter" (1. B. M. 31, 3). Dazu im Midrasch Tanchuma folgender Ausspruch: „Belehre uns unser Meister: Ein Licht, das dem Götzen gehörte, darf ein Jude daran sein Licht entzünden?" „So lehren unsere Weisen: an einem Lichte, das Götzen gewidmet war. darf ein Jude sein Licht nicht entzünden". Welche Bewandtnis hat es mit dieser Frage und Antwort, in welchem Zusammenhang steht diese halachische Frage mit der Rückkehr Jakobs nach dem Lande seiner Väter? Vielleicht wird uns diese Midraschstelle durch folgende Betrachtung besser verständlich. Licht ist das köstlichste Gut, das wir Menschen besitzen.' Was wäre das Universum ohne Licht? Was der, Mensch ohne Augenlicht? Was die ganze Vegetation «ohne Sonnenlicht? Daß wir Juden eine besondere Neigung für Licht jeglicher Art haben, geht schon daraus hervor, daß unsere Weisen spezielle Segensprüche über Licht mannigfacher Art anvrdneten und daß wir bei verschiedenen religiösen und sonstigen Anläffen dem Akte die Weihe durch Lichtent- .jünden verleihen. Wir empfangen mit Licht Sabbat- und Festtag und nehmen mit Licht Abschied von ihnen. Selbst das Andenken unserer Hingeschiedenen ehren wir durch ein sogenanntes „Seelenlicht". Als wollten wir mit diesem Entzünden eine Lichtverbindung des Irdischen mit dem Himmlischen schaffen. Nichtsdestoweniger werten wir das Licht menschlicher Wissenschaft, der Bildung und der Zivilisation, dessen Pflege und Förderung zwar Aufgabe der Gesamtmenschheit ist, an der wir aber hervorragenden Anteil haben. Ein einziges Licht wurde aber speziell unsrer Obhut anvertraut, worüber wir überall und zu allen Zeiten zu wachen haben. Es ist dies das Licht der G'tteslehre; ’va 1121 jra '12, „Mein Licht ist in deiner Hand und dein Licht ist in meiner Hand!" 112 in lawa ■’JK '12 irr ms® orr — „Hast du mein Licht gehütet, so hüte ich das Deine" (Rabbot, 5, Abschn. 4, 4). In der allzugroßen Begeisterung für jegliches Licht ging vielen unter uns der Blick und das Verständnis, das g'ttliche Licht von Menschenlicht streng zu unterscheiden, leider völlig verloren. Von Irrlicht geblendet, übersah Israel schon als es noch auf heimatlicher Scholle war, des öfteren das eigene Licht. Heidnische Weltanschauung, hellenistische Philosophie und Sadduzäergeist — all diese Irrlichter wollten manche über das G'tteslicht stellen, was zum Zerfall führte. Allein, das verkannte und verschmähte G'tteslicht, unsere Thora, zog mit uns ins Exil, leuchtete uns voran und war uns treue Beschützerin. Aber auch im Golus machen sich Strömungen bemerkbar, das G'tteslicht hinter das Menschenlicht zu stellen, jenes nach diesem zu formen, sprechend: lass? ik 'rwai *>35 „Gehe du. G'tteslicht, und werde kleiner". Man sucht Anpassung und Anschluß in Wort und Schrift, daheim und draußen, in Schule und Synagoge! . . . Ob man mit diesem verlockenden Sirenengesang das gewünschte Ziel erreichen und dem Golus ein Ende machen könne? Darauf gibt die angeführte Midraschstelle Antwort. Unser Stammvater Jakob, der Golustyp und das Musterbild unseres Volkes, suchte bekanntlich, bevor er nach Haran ging, die Lehrhäuser von Sem und Eber auf, wo er 14 Jahre lang ausschließlich dem Lichte G'ttes diente. Daraus nahm er.zwanzigjährigen Aufenthalt in einem Hause, das anderes Licht, das der Ther a p h i m, hütete. Jakob verschmähte es, sein g'ttliches Licht an dem Labans zu entzünden. Weil er — wpa btm ns iipyV — das Theraphimlicht seines Schwiegervaters ganz durchschaute und erkannt hatte, als ein Licht, das verheerend und verzehrend, und G'tt entfremdend wirkte. Erst nach treuem und bewährtem Standhalten Jakobs erging an ihn der Ruf G'ttes: „Kehre zurstck in das Land deiner Väter!" Und — d’23^ im iwsa*** Die g'ttliche Aufforderung: „Kehret zurück in das Land eurer Väter," wird nur dann erfolgen, wenn wir unser Licht rein halten, rein von allen Mischungen des >'»y* Lichtes. Jakob kehrt auf G'ttes Geheiß' heim — da denken unsere Midraschweisen an Israels Heimkehr, die nur fern von ry bv 12, mir im Lichte G'ttes erfolgen kann. An diesem Lichte finden sich letztens auch die Völker heim: im 1225 D’ai>ai 111N& D12 i3i>ii- Wochenkalender. vom 84. - 31. Dez. 1982 25. Kislew bis 3. Debet 5693 'av 24 ii>Da 1'221 13211 'K 'W 3W'1 Samstag 25 33 Will i’3iaa Sonntag 25 26 23 Mauled: Dienstag abends 9 Uhr 58-7.1 M. Montag 26 - 27 13 Dienstag Dez. 21 28 13 >13 2 3 Mittwoch 28 29 13 Donnerstag 29 30 73 Wli WR11 'K Freitag 30 13D 1 13 win wtni '2 Samstag 31 2 133 i37ai 1321 fpa