Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 52 (22.12.1932)
- Date
- 1932-12-22
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Nr. 52 Der Israelit 22. Dezember 1932 Wochenrundschau. ÜiS Das „Berliner Tageblatt", ein Aenlralorgan der Orthodoxie. Wer das „Berliner Tageblatt" kennt, hält wohl die Ueberschrift dieser Betrachtung für einen verfrühten Faschingsscherz zur Weihnachtszeit. Dem ist ganz und gar nicht so. Unsere Feinde und Widersacher im nationalsozialistischen Lager, die bekanntlich uns Juden so gut kennen, unsere alten Schriften noch besser zu lesen verstehen, als wir selbst, Gebote und Gesetze unserer Lehre der Welt verkünden und deuten, von denen wir selber in unserer Ignoranz keinen Dunst haben, diese Männer, die so ungeheuer viel um uns und von uns wissen, haben es endlich herausgefunden, daß das „Berliner Tageblatt" das Z e n - t r a l o r g a n d e s o r t h o d o x e n W e l t j u d e nt u m s ist. Warum auch nicht? Wenn aus Talmud und Sohar, was uns Juden vollkommen entgangen ist, das Gebot des Fremdenhasses und die schönsten Blutmärchen herausgelesen werden, warum sollte nicht aus der Geheimschrift des Rudolf Mosse'schen Weltblattes auch seine unwiderstehliche Reigung zur Orthodoxie herausgedeutet werden? Zwar ist das „Berliner Tageblatt" in einer Sprache gehalten, zu deren Erschließung -die Herren der Vermittlung von Eisenmenger, Rohling und Bischofs nicht brauchen. Aber, wer kanns wissen, was sich hinter dem Deutsch der Juden versteckt? . . . Was hier vorgebt, ist kurz folgendes: Es wogt ein kleiner Iournalistenstreit zwischen „Berliner Tageblatt" und der „Berliner Börsenzeitung". Es geht um 'Alfred Kerc, den bekannten Theaterkritiker des B. T., den Herr S. Rast, der Schriftleiter der „Berliner Börsenzeitung", nicht mag, wegen seines Stiles, wegen seines Kunstgeschmackes, wegen seiner Parteilichkeit, wegen seiner Rase, und so . . . Was geht uns das an? veilleicht auch ein bißchen Brotneid. Die beiden Blätter bewerfen sich gegenseitig mit Liebenswürdigkeiten, Kcrr und Rast bleiben sich gegenseitig nichts schuldig. Es regnet Ausdrücke, die eher in den Marktbericht der Blätter hineingehörten. Der lachende Dritte — und hier beginnt erst unser Interesse an der Sache — ist aber „Der Deutsche", eines der vielen nationalsozialistischen Organe, wie sie heute überall, gleich den Giftpflanzen aus dem Sumpfe, herauswachsen. Und dieser sonderbare „Deutsche" ist es, der aus dem Bruderstreit der beiden Blätter einen Streit des orthodoxen gegen das liberale Judentum macht, wobei das B. T. zum Sprachrohr der Orthodoxie avanciert! Damit man uns das Unglaubliche glaubt, sei hier aus dem Deutsch des „Deutschen" einiges zitiert: „Der Schriftsteller S. N a st veröffentlicht einen längeren Artikel in der „Berliner Börfen-Zeitung", in dem er eine gewisse sensationslüsterne Presse glossiert. Um den Artikel von Nast besser verstehen zu können, muß man einiges vorausschicken. In der Judenschaft bestehen schon längere Zeit Spaltungen. Es gibt mehrere Gruppen, die sich aus ihrer weltanschaulichen Haltung heraus bekämpfen. Die eine Gruppe ist das orthodoxe Judentum, deren Sprachrohr in erster Linie das große Weltblatt, das „Berliner Tageblatt" i st, das feit Monaten gegen einen rechtsgerichteten Kulturbolschewismus vom Leder zieht, aber einem linksgerichteten Kulturbolschewismus feine Spalten öffnet. Besonders die Schreibweise eines Alfred K e r r, des bekannten Theaterkritikers, hat schon längst den Widerspruch und die Gegnerschaft eines Teiles der Judenschaft herausgefordert. In Nast, der selbst Jude ist, und von dem man annehmen muß, daß er seine Glaubensgenossen am besten kennt, hat nun das „B. T." einen Gegner gefunden, der in geschickter und bissiger Weise die Kulturpolitik des „B. T." und insbesondere die Auffassungen Kerrs glossiert und bekämpft. Diese Auseinandersetzung ist interessant genug, um ein paar Stichproben zu rechtfertigen." Es folgen Zitate. Wie hoch muß die Fieberkurve bei dem armen „Deutschen" hinaufgeschnellt sein, wenn er schon Wahnvorstellungen wie die von der Orthodoxie des B. T. in Druckschwärze von sich geben muß. Der Versuchung, bei dieser Gelegenheit gerade dem „Berliner Tageblatt" zu sagen,' was es, wicht nur der jüdischen Orthodoxie, sondern überhaupt dem Judentum schuldig geblieben ist, und was es, wie die ihm verwandte presse, uns durch seine radikale Haltung in der Politik und in Dingen der Weltanschauung zuweilen angetan hat — dieser Versuchung wollen wir im Momente, da man groteskerwcifc im B. T. das Judentum zu treffen sucht, widerstehen. Schon daß diese mehr oder weniger radikalen politischen Tageszeitungen als „Iudenpresse" verschrieen werden, ist einender perfidesten Verleumdungen unserer Zeit. B. T. gar zum.Organ des orthodoxen Judentums zu stempeln, dazu gehört schon ein Maß von Unkenntnis des politischen Lebens, wie es selbst in diesen Kreisen nicht alltäglich ist. „Der Deutsche" hat einen Rekord geschlagen. Der „Einbruch." Daß wir in den jüngsten Rummern von einem „Einbruch des liberalen Judentums in Holland, Oesterreich und Ungarn" sprachen, nimmt uns die Berliner „Jüdisch-Liberale Zeitung" in ihrer Rümmer vom 16. Rovember sehr krumm. Sie nimmt das Wort kriminalistisch und wehrt sich dagegen, daß wir die Herren Elaude Montefiore, Lilly Montague, den Prediger Lehmann und weiter rechts bis hinauf zu Herren Rabbiner Dr. Baek als „Einbrecher" bezeichnet chätlen. So naiv, wie sie tun, Find die-Advokaten und Iustizräte des Liberalismus gar nicht. Sie wissen, ganz gewiß, daß es auch im Geistigen einen Einbruch gibt, wie etwa, sagen wir, den Einbruch der neuen Zeit in das altgewohnte, von Tradition und Konvention altgeweihte Leben, oder den Einbruch der neuen Geschmacksrichtung in Kunst und Literatur. Klammern sich aber einmal die Herren, in Ermangelung von Argumenten gegen Sinn und Inhalt unserer Betrachtungen, an das Wort, so sei ihnen dieses Wort definiert und gesagt, wie wir es auf dem Loden der geistigen Auseinandersetzung meinen. Wenn jemand im Gewöhnlichen einen Einbruch begeht, so tut er es, um unter dem Schutze der Rächt aus fremdem Besitze etwas zu holen. Die Propagatoren der „Liberalismus" genannten Reform wollen etwas bringen, dahin etwas bringen und verpflanzen, wo der Boden ganz öde und bar aller jüdischen Keime ist. Das sei zum Verständnis und, bis zum gewissen Grade, sogar zur Anerkennung, ihrer guten Absicht ehrlich und gern zugegeben. Und dennoch ist es Einbruch, weil durch diesen Einfall jüdische Möglichkeiten und Perspektiven genommen, Terrain für Zukunftsaaten verwüstet werden. Deutlicher gesprochen: Wo in Ländern wie Holland und Oesterreich, die Struktur der Gemeinde als solche noch jüdisch, der Rahmen mit Verwaltung und Institution noch ganz und intakt ist, da können uns wohl die einzelnen abgesplitterten oder sich indolent fern haltenden Elemente Sorgen und Schmerzen bereiten, wir geben sie aber nicht verloren. Sie werden sich, so hoffen wir, ins allgemeine große Sammelbecken finden, vielleicht einmal von äußeren Stürmen gepeitscht, vielleicht auch einer inneren Rot gehorchend. Innerhalb des im waren neben den ö'i?m und o’aira die trsMtn immer, auch in den ältesten Blütezeiten, mit dabei und mit dazugehörig. Sie wurden im Strome mitgetragen. Wo aber eine Gemeinschaft von Abseitigen sich um ein System, um ein bestimmtes Programm des Abfalles sammelt, so daß bei dom Einzelnen Scham und Schuldbewusstsein ersetzt werden von einem gewissen Gemeinschaftsgefühle, die Anklage des^ Gewissens mit der Doktrin des „Andcrsjudeseins" beschwichtigt wird, da beginnt erst die Spaltung, der „Eherem", den ein solches Konventikel selbst und freiwillig auf sich nimmt. Die lauten Fanfaren, die diese neuen Offenbarungen künden, sind nur die Posaunen, die jenen freiwilligen Bann bekräftigen und in der Geschichte stabilisieren. Mit den Sadduzäern hat dieses Spiel begonnen, mit den Hellenisten fand es seine Nur eine Glasscheibe dazwischen. Chanukahbelrachkung von A. Mannheimer in Dettelbach. Draußen dunkle Nacht, eisige Luft und Schneegestöber, drinnen im Zimmer angenehme Wärme, Heller Lichterschein. Nur eine dünne, zerbrechliche Glasscheibe scheidet die krassen Gegensätze, nur eine schwache Glasscheibe ist dazwischen. Ist sie nicht symbolhaft für so Vieles in Israels bewegter Vergangenheit und Gegenwart, für unser geschichtliches Dasein, Kämpfen und Ringen, Leben und Leiden?! Nur eine Glasscheibe dazwischen! Spärlich dringt der Lichtschein der Menauro in das Dunkel der Winternacht. Er ist zu schwach, sie auf weite Entfernungen zu erhellen. Und doch ist es ein Licht, auf das der verirrte, frierende Wanderer hoffnungsvoll zugeht wie auf einen Rettung und Leben verheißenden Anker. Wäre die Scheibe nicht, längst hätten Sturm und Schnee den Lichtschein zum Erlöschen gebracht; wäre sie nicht durchsichtig, nie würde der tief besorgte Wandersmann mit frohgeschwellter Brust den Weg finden zur ersehnten schützenden Hütte. Was doch alles eine Glasscheibe vermag! Hat es nicht schon oft gestürmt und geschneit in der dunklen Nacht der Menschheits- und Völkergeschichte? Und ist es heute da draußen schon warm und Helle? Begreift man da draußen schon die wuchtigen Worte: „Stehle nicht, morde nicht, begehre nicht, lüge nicht, hasse nicht nnd ähnliches? Rauh und roh gehts her außerhalb der Glasscheibe; drinnen aber singen jüdische Menschen froh ihr Moaus zur jeschuosi — nach dem Grundmotiv: -o'vVii-rriv' pa tcnp pa Manchmal blicken Kindesaugen vom Zimmer aus in die Scheiben, in denen sich die Lichter spiegeln. In ihrer naiven Betrachtungsweise wähnen sie auch draußen eine warme, gemütliche Chanukahstube. Das spätere Leben zerstört mit rauher Hand diese Illusion. Sie finden es z. B. heraus, daß zwischen randalierenden Bauernburschen und Stallknechten auf der Vierbank und buntbemützten Studenten, die in den Hörsälen der Universitäten das bekannte „Deutschland erwache" hinausgröhlen, im Grunde kein Unterschied ist. Nur eine dünne Glasscheibe ist dazwischen. Nach Coudenhove-Kalergi genießt Deutschland den „Ruhm", das antisemitischste Land der Erde zu sein. Nach der Statistik, ja nach der Geschichte ist Deutschland das Land der Friedhofsschändungen. Und dennoch, der ständig wiederkehrende Hinweis auf Rußland, Rumänien, Serbien und anders Länder der „Unkultur". Wir möchten glauben, daß hier eine recht dünne Glasscheibe die Kulturen scheidet. Jüdische Jünglinge und jüdische Männer haben seit einigen Jährchen herausgebracht, daß es besser und vernünftiger sei, im Hause ohne Kopfbedeckung zu weilen und auf der Straße mit dem Hut in der Hand zu gehen. Warum? Ueberflüssig, das Kunterbunt all der weisen „Gründe" für diese neuzeitliche Errungenschaft hier zusammenzustellen. Jv>rwn 8ND7I, Einmal in solchen Gedankengängen befangen, was hindert daran, die letzten Konsequenzen zu ziehen und auch für das Beten, für die Synagoge die Barhäuptigkeit zu verlangen, wie das weiland die Reform erstrebte? Nur eine Glasscheibe scheidet hier beide Argumentationen. In diesem Zusammenhangs möchten wir eine Unterhaltung wiedergeben, die wir einst über den Gegenstand mit einem durchaus jovialen Regierungsrat geführt. Der Herr sprach sein Erstaunen darüber aus, daß wir gerade bei feierlichen und heiligen Akten zur Kopfbedeckung greifen, im Gegensatz zur christlichen Einstellung. Als wir entgegneten, auf der andern Seite gebe es ganz ähnliches, das hier in Parallele zu stellen sei, wurde er stutzig und bemerkte, das fei kaum denkbar. Wir wiesen den Herrn darauf hin, daß ein Hauptmann oder gemeiner Soldat schön einginge, 'wollte er seinen Kaiser, König oder Vorgesetzten durch Abnehmen des Helmes grüßen. Ein Gendarm ist kein Gendarm ohne seine Dienstmütze, ein Richter kein Richter zur feierlichen Eidesabnahme ohne sein Barett, Bischof und Kardinal tragen ihre Kopfbedeckung als Wahrzeichen ihrer Würde, an den Bahnhöfen sieht man die rote Mütze des Bahnhofsvorstandes, Zugführers usw. usw. So lasse man uns Juden doch auch unsere alte Dienstmütze bei ernsten und feierlichen Gelegenheiten und nicht nur bei diesen. Der Herr Regierungsrat. begriff und meinte, daran habe er noch nie gedacht. Man sieht, was vielen als Absurdität und Lächerlichkeit erscheinen möchte, nimmt sich doch ganz anders aus, wenn man Dinge des täglichen Lebens klaren Auges und ohne vorgefaßte- Meinung betrachtet. Es ist oft nur eine dünne Glasscheibe dazwischen. j War es nicht so zur Makkabäerzeit? Man erkannse nicht und wollte nicht erkennen, daß beim jüdisch-hellenischen Kulturkonflikt die hohe und heilige Sittenreiü heit unserer Thora nur durch eine zerbrechliche Glasscheibe getrennt war von der blendenden, sinnenbestrickenden Welt der Griechen, die doch einmal durch ihre innere Hohlheit und Haltlosigkeit dem Untergang zueilen muhte. Die Gefahr wiederholte sich so oft im Laufe der Jahrhunderte und ist heute nicht gebannt. Es war