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Der Israelit · 1932-12-15 · Heft 51 (15.12.1932) · page 13

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Journal
Der Israelit
Volume
73 (1932)
Issue
Heft 51 (15.12.1932)
Date
1932-12-15
Page
– (sequence 13)
Language
German
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ßr.si i-rr Feuilleio» Licht aus dem Westen. lifiä Erzählung aus der Zeit der Ghettodämmerung. (Fortsetzung.) Indes sah Rabbi Rosson» wie immer in der-Donnerstagnacht» mit seinem Schüler und pslegesohn Mosche im inneren Gemache vor offenen Büchern» bei einem Geistesaustausch» den sie allein» Meister und Schüler» um diese ^bestimmte Stunde zu üben pflegten. Der Lärm von unten drang durch die von den beschimpften Jüngern geöffnete Türe zum Lehrhause auch bis in diesen inneren Raum. Rabbi Rosson hielt eine weile ein. Mosche sagte: »»wie d i e schreien!" „Die Stimme ist die Stimme Iakows," zitierte Rabbi Rosson sanft. »»Aber die Hände» Hände von . . ." wollte der dicke Emmerich ergänzen» der jetzt ganz bestürzt ins Zimmer des Meisters vordrang. Rabbi Rosson wehrte mit der Hand ab. »»Gemach» Kinder. Es sind jüdische Söhne» wollen nicht gleich verdammen." »»Aber»" wollte der lange Hollischau seine Erfahrungen unten erzählen. Cr schluckte» fuhr mit den langen spitzen Händen aus und brachte vor Aufregung keine runden Worte heraus. „Ihr seid ihnen vielleicht zu hart» zu aufgeregt gekommen»" beruhigte Rabbi Rosson» „wenn ein Gelehrtenschüler zürnt» so ist es die Flamme der Thora» die in ihm brennt»" heißt es im Talmud, was wissen die unten von der Flamme der Thora? Man muß sänftiglich mit ihnen umgehen. Ls sind jüdische Kinder, sie werden der Thora den Respekt nicht versagen» wenn man es ihnen richtig beibringt." Rabbi Rosson sah dabei vielsagend Mosche an. Dieser hatte es längst gelernt» jedes Wort des Meisters zu verstehen» bevor es noch auf dessen Lippen kam. Schon erhob er sich. Löb Emmerich wollte ihn zurückhalten» wollte etwas warnend einwenden» sah hilflos zum Rabbi hin und suchte mit der Hand den Knaben zu erfassen. Aber schon war Mosche behende und leichten Fußes» getrieben von einem höheren . willen, die Stiege hinuntergejagt. Unten in der Halle hatte sich die Versammlung . inzwischen etwas gelichtet. Vielen schien doch die Sache» als die Beschimpfungen und Drohungen gar Rabbi Rosson selbst berührten», ungeheuersich und sie machten sich unbemerkt» in der Angst vor einem dösen Ende», davon. : Die um Löb Drach zurückgeblieben waren» lärmten um so lauter» als wollten sie die Lücken ausfüllen. Sie hatten auch die von den anderen im Stiche gelassenen Becher und Krüge zu leeren und waren nicht mehr ganz in dem sicheren Besitz ihres Körpers, ihres Geistes und ihrer Sprache. Sie hatten sich in Mut und Wut hineingeschrieen. Dieser kleine Junge kam ihnen jetzt gerade recht. An dem wollten sie nun ihre ganze Wut» die bis dahin kein richtiges Ziel und darum keinen rechten Sinn hatte» auslassen. „Der Rebbe läßt bitten . . ." weiter kam. Mosche nicht. Schon hatten ihn die mächtigen Fäuste des. Fleischergesellen gepackt. Löb Drach ' und ändere faßten mit zu. Der sich mit Händen und Füßen wehrende Knabe wurde auf den Tisch gehoben. Cm Cxempel wollten sie dem Rabengezücht da oben und dem Rabenkönig selbst geben . . . Schon klatschten Schläge» als zur Tür der lange Hollischau und der dicke Emmerich mit noch einigen handfesten Kameraden hereinstürzten. Cs begann eine lustige Keilerei» wobei auch Glas klirrte. Als das erste Blut floß — es war zum Glück nur aus der Rase des Chozef, die in all zu enge Berührung mit der Faust Emmerichs gekommen war —, ließen sie alle erschrocken ab» die Kameraden trugen Mosche zur Treppe hinauf. „Sie haben dich geschlagen," empfing ihn oben Rabbi Rosson. Mosche schwieg. Cr wollte nicht klagen noch anklagen. Dafür aber erzählten Hollischau und Emmerich um so mehr» übertrieben sogar ein wenig, wußten sie doch» daß eine Mißhandlung des Lieblingschülers den ganzen.Zorn des Rabbi entfesseln würde. Rabbi Rosson schüttelte nur sorgenschwer und voller Kummer das Haupt: „Sie würden, diese widerspenstigen Söhne» nach altem talmudischem Rechte den großen Ban n verdienen» wie er für Verächter der Thora» der Lehrer und Jünger vorgesehen und üblich war." Sprach nicht weiter und zog sich in sein Zimmer zurück. Unten hatte sich die Gesellschaft inzwischen wieder gefaßt. Der Lärm wuchs sich zu einem Orkane aus. Ls war nicht feststellbar» wie viel dabei jugendlicher Leichtsinn» hannlose Radaulust war, wie viel aber auch bewußte Opposition gegen den. stillen abgeschiedenen Kreis der „Ueberfrommen", gegen die sie in der Gasse und in den Familien oft genug herziehen hörten. Oben faßen die Jünger beisammen und horchten. Hatten sie unten nur eine Störung und eine Ablenkung beabsichtigt» so war das Ziel erreicht. An ein ernstes Studium war in dieser Rächt» nach den überstandenen Aufregungen und bei diesem Höllenspektakel» nicht zu denken. Ein paar kleine Steinlein flogen» gutgeztelt» zum Fenster hinauf. Line Scheibe klirrte. Beschimpfungen der Jünger und auch Rabbi Rossons trugen sich durch die klare Luft der Sommernacht bis oben hinauf. „was ist mit dem Bann» mit dem Cherem?" begann einer der Jünger und hielt das Wort wie einen Panzer gegen die Steinwürfe. „Hatte der Rebbe nicht davon gesprochen?" „Ja» er sprach wohl das Wort aus» tat aber nichts." „Cs wäre aber jetzt wohl an der Zeit» etwas zu tun»" drängten welche. „wir wollen hinein» ihn fragen." Als sie aber die Türe aufdrückten» war Rabbi Rosson nicht mehr drinnen. Das Licht war ausgemacht. Ihm zu dieser Stunde in sein Privatgemach zu folgen» wagte keiner. Jetzt flog ein Stein durch die zerbrochene Scheibe ins Lehrhaus und ging um ein Haar am Kopfe Emmerichs vorbei. „wir werden selbst den großen Bann aussprechen. Rabbi Rosson hat es uns erlaubt, ja sogar befohlen." „Cr hat ihn sogar schon selbst so gut wie ausgesprochen» wir brauchen ihn nur noch zu verkünden . . ."■ ' ».Freunde»" suchte Mosche etwas ZU dämpfen. Man ließ ihn als Jüngsten nicht zu Wort kommen. Im ' Ru waren Gebetmäntel da»' man wußte - nicht» wer sie gebracht hatte. Löb Emmerich hatte ein Schofar nt der Hand. Ein .anderer schwang» als wäre sie "vom Himmel zur rechten'Stunde in seine Hand gefallen» eine Pergamenturkunde» darauf die alte Formel des Cherem geschrieben war. Mosche schloß die Augen» wandte sich ab» flüchtete ins dunkle Zimmer des Meisters» wollte nicht Zeuge einer Handlung sein» von der er nichts Gutes erwartete. Schon hatten zehn ältere Jünger Gebetmantel um. Man öffnete alle Fenster» damit unten kein Wort verloren ging. Mosche Hollischau» der Aelteste» stieß all die Flüche des dritte?! und fünften Buches in die dunkle Rächt hinaus. Schaurig klang seine dumpfe Stimme, von dem Schreichore unten mehr begleitet als gestört. Der Rame Löb Drach» als Hauptträger dieser Flüche» tauchte iinrner und immer wieder auf. Dumpf rollte die Stimme» als käine sie aus nächtlichen Tiefen und würde aus dem Höllenlärm unten geboren. Aus dreißig Kehlen drang ein lautes Omen» und Löb Emmerich blies aus voller Brust in die Posaune» wandelte alle Töne ab wie am Rösch Haschono. Unten war eg schon vor dem Schofarblasen merklich stille geworden. Cs waren wohl nur noch wenige da» die Haupträdelsführer und solche» die dem Kruge zu viel zugesprochen hatten» um die Flucht zu ergreifen. Stockfinster lag kurz vordem ersten Morgengrauen die enge schmale Gasse zwischen Chassunohaus und Lehrstube. Löb Drach wankte unsicher» betäubt vom wein und vom Gesang» aufgewühlt durch Gelage und Gelärm, ausgehöhlt und übernächtig» auf die pechschwarze enge Gasse hinaus. Der Chozef» selber etwas unsicher in der Haltung» stützte ihn. Cng und düster war die Gasse» daß man Luft von Gemäuer nicht unterscheiden konnte. Oben am Himmel hatte sich der letzte Stern hinter einer Bleidecke verzogen» um Platz für den nahenden Morgen zu machen. Eine ägyptische Finsternis, tastbar. Sie tasteten wirklich» aber die Hände griffen ins Leere» wenn sie die wand suchten» der Kopf stieß an die Mauer» wenn er sich aufrichten wollte. Die Getränke waren irach oben und nach unten gegangen» hatten sich oben im Kopf in einem Hebel ausgelöst und unten in den Knien in Blei verwandelt. „Richt fallen!" mahnte der Fleischergeselle und wankte selber» suchte sich an die Mauer zu halten» ergriff aber statt ihrer die hängenden Schultern des Freundes» die unter der Wucht der schweren Fäuste sich beugten. „Ra, der schwarzen Bande da oben» der haben wir's heute gegeben . . ." lallte Löb. „Das Rabengekreisch zum Fenster hinaus, hörst du? . . ." Da erscholl plötzlich» schrill und unvermutet» schneidend und durchdringend» wie vom schwarzen Rachthimmel herunter» die Stimme der Posaune. Löb Drach fiel der ganzen Länge nach» schlug den Kopf mit voller wacht an die Mauer und kollerte die Vertiefung hinunter» die zum Geflügelschächthause führte. „Halt!" wollte ihn der Freund stützen» aber schon war er seinen Händen entglitten. „Mach keine Dummheiten," lallte der Chozef» schon halb nüchtern. Ein grauer Strahl huschte über den schwarzen Himmel, legte sich quer wie ein matter Scheinwerfer über den Horizont und zeigte die Gasse in aschfahlem Lichte. Löb Drachs Füße ragten zu den Kellerstufen hinauf, der Kopf bau???elte unten. Blutspuren auf der grauen Erde zeigten den weg an» den der fallende Körper genommen hatte. Ber Chozef» jetzt ganz nüchtern, trug den Freund nach Hause, viele» viele Leute erwachten in der zweiten Hälfte dieser Rächt in der Frankfurter Iudengasse und blieben schon bis zum hellen Tage wach. Iechiel» der Gemindearzt» war» bei all seiner Kunst und Geschicklichkeit» nicht im Stande» mit Sicherheit herauszufinden» ob das versagende Herz den Fall verursacht oder umgekehrt» infolge des Falles das Herz versagt hatte ... Cs war Freitag nwrgen. Roch vor Sabbatanbruch war die ganze Gemeinde auf dem Friedhofe vor dem Allerheiligentor versammelt, wo das Unglück 6eü; Rächt mit einem frischen Grabe seinen Abschluß fand ... Im Hause von Jonas Sichel? schrie ein junges Weib in Schmerz und Verzweiflung. Rösle» die Geliebte und Verlobte Löbs» schrie und weinte so lange, bis das weinen in wahnsinniges Lachen überging. In so^stiller» dumpfer Bestürzung war noch selten eine Erauergemeinöe auf dem Friedhof versam-?nelt. Die Vorgänge der Rächt, vor dem Lehrhause Rabbi Rossons hatten sich rasch herumgereöet, erhielten von Mund zu Mund immer neue Einlagen und standen nun in ihren phantastischen Uebertleibungen ungeheuerlich da. So weit mußte es kommen ... Ihr Cherem hat einen Menschen getötet . . . Aber hier, an weh- und weihevoller Stätte, sprach man kein Wort davon. Cs konnte aber keinem entgehen» daß Rabbi Rosson» der als Kohen vor dem Tore blieb» ganz isoliert» in schwere Gedanken versunken» dastand» Zielscheibe für Blicke» die aus der Menge wie giftige Pfeile schossen. Als der Oberrabbincr» Rabbi pinchos Hurwitz» Rabbi Rossons gewahr wurde, ging er schweigend auf ihn zu und wich nicht mehr von seiner Seite. Schweigend zogen sie durch die Gasse hei?n. Mit dem Gewichte seiner Persönlichkeit und der Klugheit seines Herzens hatte Rabbi pinchos» ohne ein einziges Wort zu verlieren» seinen Freund und die Unbesonnenen in der Gemeinde selbst vor Schlimmem bewahrt. Schon lange hatte Frankfurt keinen, solchen unruhigen Sabbat erlebt. Die Gemüter kochten über»

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