Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 51 (15.12.1932)
- Date
- 1932-12-15
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite Nr. 51 Der Israelit 15. Dezember 1932 erhitzten sich bis zur Weißglut. Jungvolk jenseits öes Lehrhauses rottete sich zusammen, machte Miene, das Lehrhaus Rabbi Rossons zu stürmen. In der Altneusthul waren die Gebetspausen mit Murren und Murmeln, Tuscheln und Flüstern ausgesüllt. Cs wirkte wie verhaltenes Donnergrollen. Bald mußte das Gewitter losbrechen. Bei den jungen Stürmern vor dem Lehrhause Rabbi Rossons erschien plötzlich Iokew Schammes, im Aufrage des Obecrabbiners. Sie möchten sich beeilen, in die Schul zu kommen, der Dberrabbiner wolle von der Kanzel zur Sache etwas sagen und ohne sie gehe es doch nicht . . . Nicht ohne Ironie brachte es Iokew Schammes heraus. Diese Jugend, sie tut immer so, als hätte sie die Welt erfunden und das Leben entdeckt! Unsereiner war auch einmal jung. Cr hatte in seinem Leben und in seinem Amte soviel erfahren, daß nichts, rein gar nichts, ihm imponieren konnte, am allerwenigsten der Tod. Der Tod hatte seine Technik, wie jede andere Einrichtung in der Welt, und er, der Schammes, der diese Technik zu meistern hatte, wußte, wie glatt und natürlich das alles vor sich ging . . . Wundern müßte man sich höchstens über das Leben, über den Tod ganz gewiß nicht . . . Und wenn man mit eigenen Augen die Flammen beim großen Ghettobranö gesehen hat, dann wundert man sich überhaupt über nichts mehr... vielleicht war es weniger der Raine öes Dberrabbiners, der in diesem Augenblicke auf die Jungen so wirkte, als die Erwartung, aus seinem Munde etwas über die Sache zu hören. Cs mußte etwas geschehen, etwas gesagt werden, wenn nicht Fensterscheiben klirren und Rasen bluten sollten, mitten am heiligen Sabbat ... In Reih und Glied zogen sie in die Schul und postierten sich in den zwei unteren Reihen, den „ploitebänken". Rabbi pinchos stand schon aus der Kanzel, als hätte er auf sie gewartet. Er fing auch gleich an: „Rabaussai, ein Unglück ist in unserer Gemeinde geschehen, ein junges Leben mußte daran glauben. Wir wollen nicht fragen und nicht prüfen, Haben die jungen Menschen gesündigt, so haben sie ihre Sünde, wie Ahrons Söhne ihr „fremdes Feuer", — nach Midraschwort durch Wein verursacht — mit einem Todesopfer gesühnt. Vielleicht aber haben auch die Alten gefehlt, wir alle mit, die wir wohl sagen können: „Unsere Hände haben dieses Blut nicht vergossen," aber nicht: „unsere Augen haben es nicht gesehen ..." Wir haben nicht mit offenem Auge gesehen, wo wir zu sehen und zu wachen hatten. Eine Sühne ist uns auferlegt, sie mahnt zur Einkehr und Umkehr. Wehe aber über'die, die Schuld durch weitere Schuld tilgen wollten! „Sage und sage weiter," heißt es zu Beginn der V^iesterlehre in der Thora. Will heißen: Die Alten warnen die Jungen. Ich beschwöre die Alten und beschwöre die Jungen, daß sie sich sernhalten von Gewalttaten und auch von übler Nachrede. Ich, euer Rabbi und Führer, verspreche euch, daß ich den Fall, der uns, G'tt verzeih cs uns, den heiligen Sabbat verstört, genau prü/en und alles unternehmen werde, um die eine wie die andere Seite zu mahnen, daß derartiges in der altehrwürdigen Gemeinde Frankfurt nicht mehr vorkomme. Er aber, der, vielleicht in jugendlicher Verirrung, aber gereinigt von all seinen Sünden, nun mit lauterer Seele dahingegangen ist, auch von dem Manne gesegnet, — ihr habt ihn gestern in Trauer und Bestürzung vor dem Friedhöfe gesehen, — den sie in ihrem jugendlichen Rebermut zu kränken suchten, er, der für sie alle büßte, er sei uns ein Fürsprecher vor dem Throne G'ttes, daß „keine Bresche geschlagen werde, kein Wehegeschrei sich erhebe und kein Ausfall vorkomme in unseren Gassen ..." In einer der untersten Ecke, wohin er sich heute als Trauernder verkrochen hatte, weinte ein Rlänn laut auf. Cs war Josef Drach, der Vater. Tränen des Schmerzes. Tränen der Versöhnung. Oben in der Schul schluchzten laut die Frauen . . . Der Sabbat, stürmisch in schwergeladener Lust begonnen, nahm einen ruhigen Verlauf und friedlichen Ausgang was Rabbi pinchos nach Sabbatausgang im Lernzimmer öes Dberrabbiners bis lange nach Mitternacht mit Rabbi Rosson unter vier Augen sprach, darüber konnte man wohl Vermutungen anstellen. Sicheres konnte keiner über die Aussprache erfahren. (Fortsetzung folgt.) Historische Tempelschähe in einem Londoner Auktionssaal. Von Egon Michael Salzer. Von allen Seiten kamen sie und drängten sich am Tor des dunklen, alten Hauses in der Kingstreet. Bärtige Männer in schwarzseidenen Kaftanen, einfache, dabei soigniert gekleidete Herren, jüdische Bürger und Adlige. Arme und Reiche. Sie schritten ernst, schweigend, feierlich, wie auf dem Wege zum G'ttesdienst. Die meisten kannten einander, grüßten sich und verstanden einander, ohne Worte zu wechseln. Man wollte in aller Ruhe die kommende Stunde erwarten. Man mußte ausgeruht sein, um nicht verwirrt zu werden und genau die Grenzen einzuhalten, die man sich selbst gesteckt hat. Eine der berühmtesten jüdischen Sammlungen sollte versteigert werden, llnter den zweihundertsiebzig Objekten hatte man viele gesunden, deren unschätzbare Bedeutung durch keinen Geldespreis aufzuwiegen ist. Nun aber die Kollektion zerfallen soll, mußte man verhüten, daß den heiligen Stücken ein Unrecht geschieht, daß die Preise nicht zu niedrig blieben, die Gegenstände nicht für einen Pappenstiel in unberufene Hände kamen. So bot der Auktionssaal im Hanse Ehristie diesen Nachmittag einen einzigartigen Anblick. Oft hatte man das Gefühl, daß nicht der Wert der ausgerufenen Objekte, sondern einzig und allein die Sehnsucht nach ihrem Besitz den atemraubenden Kampf weit über das gesteckte Maß hinaustoben ließen. Einer wollte die halbzerfallene, nur schwer lesbare Haggadah den anderen nicht gönnen, weil er sich für würdiger hielt, sie in seinem Schatzkästchen mit den Gebetbüchern auszubewahren. Und am nächsten Sederabend würde er dann aus dem geweihten Buche des gebenedeiten Rabbis die Geschichte vom Auszug aus Aegypten verkünden ganz im Sinne des großen Mannes, mit Rücksicht auf die Randbemerkungen und Erläuterungen des Weisen. Der andere würde die Schrift vielleicht nur erwerben, um sie in einer Vitrine allen neugierigen Gästen zu zeigen, die Worte des Rabbis zu profanieren, um sich mit dem Besitz zu brüsten. Die Sammlung Artur Howitts war in ihrer Art und Gräße einzigartig in der Welt. Abgesehen von dem religionshistorischen Wert der einzelnen Gegenstände, formt die Kollektion auch ein Panorama Mischer Kunst im Laufe der Jahrhunderte, in verschiedenen Ländern zu verschiedenen Zeiten. Ein Kunsthistoriker nannte sie einen „semitischen Kommentar zur europäischen Kunst". In Silber, Kupfer, Messing, Seide und Papier spiegeln sich die Grundideen jüdischen Glaubens in immer wiederkehrenden ornamentalen Motiven. Der Löwe als Symbol des Stammes Juda, die Gesetzestafeln vom.Berge Sinai, der siebenarmige Leuchter, die Menorah, die Säulen des Tempels Salomo und die verschlungenen Dreiecke als Symbol des Schildes von David beherrschen mit der im weltlichen und geistigen Sinne als Zeichen der überragenden Macht geltenden Krone die in Metall getriebenen oder auf Seide gestickten Bilder. Konterfeis menschlicher Figuren sind weniger häufig, aber doch bemerkenswert oft wahrnehmbar. Ehanukahlampen, deren Kerzen zur Erinnerung an den Sieg der Makkabäer angezündet werden, aus Deutschland, Polen, Holland, England und Osteuropa, die aus dem 17. und'18. Jahrhundert stammen, fanden besonderes. Interesse unter den in so reicher Zahl und Buntheit erschienenen Käufern. Ein aus Frankreich stammendes Stück mit den Initialen Baron M. de Rothschilds, aus dessen Besitz es stammt, wurde um achtzehn Pftlnd von S. I. Philips erworben, der übrigens die meisten Stücke der Sammlung an sich bringen und die Kollektion dadurch vor dem gänzlichen Zerfall bewahren konnte. Unter den Anwesenden befand sich auch der Inhaber des Hauses Wartski von Llandudno, einer der Juweliere der Königin, der ein Paar wundervoll ausgearbeiteter silberner Verzierungen für Dhorarollen um siebenunddreißig Pfund erwarb. Goldene Unzen mit hebräischen Zistern und Symbolen, ein Satz von zehn Fingerschalen mit orientalischen Gravuren und Inschriften aus dem Texte der Genesis erreichten relativ niedrige Preise. Für eine silberne Waschschüssel, ein Unikum jüdisch-ritueller Kunst aus dem 17. Jahrhundert, wurden bis zu fünfundsechzig Pfund geboten. Eine wundervoll illustrierte Haggadah, handgeschrieben und reichfarbig, verziert mit hebräischem und j ü - difch-deutschem Text, die Abraham, der Schreiber von Eiringen (Alt-Breisach), im Jahre 1650 fertiggestellt hat. in Kalbleder gebunden und in einer dunkelblauen Schachtel aufbewahrt, ging um dreiundzwangig Pfund an Philip über. Eine „Rolle Esther", wie sie am Purim in der Synagoge gelesen wird, mit der englischen Randschrift, daß sie im Jahre 1729 vom Hohepriester aus Jerusalem erworben wurde, eine andere aus Norditalien, vermutlich aus der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts, und eine aus dem Jahre 1637 stammende, die übrigens auch in der Encyclopaedia Judaica erwähnt wird, erzielten je zwanzig Pfund. Großes Interesse fanden auch die oft prachtvoll gemalten Heiratskontrakte jüdischer Ehepaare aus Nord- und Süditalien. Ein solcher Kontrakt stammte von den Eltern des eminenten Rabbis Menahem Navarra und ist vom 12. Adar (1709) in Verona datiert. Ein anderes Dokument vom 12. Tischri (1685), das die Heirat von Moses und Sarah Jessurun bestätigt, erwähnt unter anderem auch die Kontis des Ehegatten bei der Banco del Giro in Venedig und gewinnt durch verschiedene Klauseln wirtschaftsgefchichtliche Bedeutung. Außer den zahlreichen Thorarollen, rituellen Gefäßen und Gebetbüchern sind noch verschiedene Amulette, Münzen und Medaillen von großem Interesse.. Die Amulette stammen meist aus dem Orient und aus Norüafrika und sind als Talisman gegen Krankheiten und böse Gedanken bestimmt. Sehr wertvoll sind die altpalästinensischen Münzen, unter denen sich einige halbe und ganze Schekel aus den Jahren 143 bis 139 v. d. übl. Ztr., der Zeit «imon Makkabis befinden, ferner mehrere Silberdenare aus der Regierungsperiode Neros, Bespasians, Domitians, Trajans und Hadrians. Bronzemünzen aus der Zeit Herodes Agrippas I., aus der ersten und zweiten Revolution, ein Sechstel eines Schekels und verschiedene andere Geldstücke aus der Epoche Alexanders des Großen und vor- und nachchristlicher Zeit .erreichten mit den erwähnten Silberstücken beinahe hundert Pfund. Manuskripte aus dem 18. Jahrhundert, Gedichte zu Ehren großer Feiern, zur Erinnerung an die Hochzeit des Raphael Recanati und seiner Cousine Buona, ein paar Verse von Aaron de Castro anläßlich der Barmitzvah des Abraham Modigliano und ein geschriebener Talisman zur Verhütung von Unglück, wurden um 21 Pfund verkauft. Der bekannte englische Gelehrte Duschinsky hat einige der interessanten Gemälde jüdischer Maler erworben, von denen eines von Henriquez de Souza (1882) das „Innere der portugiesischen Synagoge von Amsterdam", ein anderes, aus der flämischen Schule, den „Tanz um das Goldene Kalb" darstellt. Jedes einzelne Stück atmete die Weihe geheiligter Bräuche und festlicher Zeiten. Und diese Feierlichkeit der Gegenstände schien in die Gedanken der Versammelten einzndringen. So wurde diese Auktion zu einem ganz ungewohnten Schauspiel, das weniger die Transaktion der 270 Stücke in 2670 Pfund zum Mittelpunkt zu haben schien, als vielmehr die demütige Verehrung des Gütlichen. Auch Nichtjuden mußten sich der gemeinsamen Ehrfurcht, die alle Anwesenden ergriffen hate, beugen und einbekennen, daß gerade der G'ttesglauben der Juden, der sich hier wieder so deutlich manifestiert hatte, die Größe der in alle Welt zerstreuten Nation verewigen muh. (Ozar Hachajim.) Die bekannte hebräische Zeitschrift „ O z a r Hachajim", herausgegeben von Rabbiner Ch. I. Ehrenreich in Hürnene, legt mit der Tischri-Cheschwän-Nummer das erste Heft ihres 9. Jahrganges vor. Es ist eingeleitet mit einem Appell des Herausgebers an die Bezieher der Zeitschrift, sich doch ihrer finanziellen Pflichten bewußt zu werden, damit, der Herausgeber fein mühevolles Werk fortsetzen und die Zeitschrift auf der Höhe, erhalten kann. Der einleitende Aufsatz des HerausgeUrs bietet ein recht interessantes Bild der in der letzten^Zeit auf dem Gebiete der talmudischen Wissenschaft erschienenen Neuerscheinungen, wobei beklagt wird, daß del große Plan einer neuen mit kritisch-wifsenschaftlichem Apparat ansgestatteten Talmudausgabe noch immer der Verwirklichung harre. Das Heft enthält auch sonst eine reiche Fülle interessanter Abhandlungen und Bemerkungen zur Talmudwissenschaft, meist allerdings auf die äußere Form und die Lesarten bezüglich. Eine größere Arbeit von I. L. Fleischer aus Temesvar über Jbn Esra und feine wissenschaftliche Arbeit in Rom wird fortgesetzt. Eine Reihe Tschuwos des Herausgebers und diverse Besprechungen bilden den Schluß. (Die verräterische Zarenkrone.) Beim Moskauer antireligiösen Museum wurde eine jüdische Abteilung eröffnet/deren Zweck es — so erklären die Gründer — sein soll, das „ausnutzerische Wesen der jüdischen Religion und die einstigen nahen Beziehungen des jüdischen Klerus zur zaristischen Polizei den breiten Massen vor Augen zu führen." In der Abteilung sind Dokumente betreffend angebliche Beziehungen zwischen Rabbinern und Melamdim (religiöse Lehrer) zur früheren zaristischen Geheimpolizei, ein Thora-Mäntelchen der jüdischen Gemeinde Berditschew, in das die Zarenkrone eingewirkt ist (ein Geschenk des letzten Zaren an .die Gemeinde aus dem Jahre 1914) Aufrufe -von Rabbinern zu religiöser Führung und zum Kamps gegen Revolutionäre u. a. m. zu: sehen. Wie armselig muß doch diese antireligiöse Propaganda sein, wenn sie schon zu solchen Mittelchen und Fälschungen greift. Das „Hanossen Teschuah" in den alten Gebetbüchern Äs Dokument für die Zarsntrene der Juden von früher! ... (Die heißen Quellen von Liberias eröffnet.) Am 8. Dezember wurden die heilkräftigen Heißen Quellen von Tiberias nach Beendigung eines Teils der modernen Anlage der Benutzung übergeben. Dem Weiheakt wohnte der Difttiktskommifsar von Tiberias bei. Die Konzession zur Ausnutzung der Quellen erhielt eine jüdische Gesellschaft für eine 40jährige Frist. Die Gesellschaft investiert in die Anlagen 55 000 Pfund und hofft, Tiberias zu einem modernen Kurort ähnlich Karlsbad und Wiesbaden auszugestalten und den Heißen Quellen den Ruf zu verschaffen. den sie schon in der römischen Zeit genossen. ■ —