Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 51 (15.12.1932)
- Date
- 1932-12-15
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Nr. 51 D s r 3 5 t a « 1 i i 15. Dszembsr 1932 Art der Verteidigung der, drei Professoren hat in weiten Kreisen der Unioersttätslehrerschaft großes Befremden " hervorgerufen. verband der Rabbiner Oberschlesiens. . Hindenburg, 5. Dez. 2lm 22. November fand in Hindenburg eine Tagung des oberfchiefifchen Nabbinerverbandes statt. Der Vorsitzende G o l i n s k i, Beuthen O.-S., gab zunächst Kenntnis von einem ihm zugegangenen Schreiben, das die schwere Notlage der'drei deutschen Rabbinerbildungs anstalten betraf. Er setzte sich mit wärmen Worten für die Stützung dieser Anstalten ein, welche die wesentlich sten Pflanzstätten der jüdischen Wissenschaft seien, und berichtete, daß nach einer Mitteilung, die Professor E l bogen in der Mainzer Generalversammlung des deut fchen Rabbineroerbandes gemacht habe, die drei Anstalten eine Notgemeinschaft gebildet hätten, unk eine gemeinsame Aktion zur Linderung und Hebung der Notlage zu unternehmen In der darauf folgenden Aussprache kommt die Meinung zum Ausdruck, daß eine wirksame Hilfe nur durch die Landesverbände geleistet werden könne Es wird ferner ein Antrag angenommen, daß der Arbeitsgemeinschaft anheimgegeben werden solle, Redner in die einzelnen Gemeinden zu senden, um durch propagandistische Vorträge für die Förderung dieser wissenschaftlichen Pflanzstätten, zu wirken. Darauf wurde im Anschluß an eine Anfrage, die der Vorstand des Synagogengemeinde-Verbandes an den Rabbinerverband gerichtet hatte, über die Abgrenzung des Bezirksrabbinats verhandelt und beschlossen, die bisherige Einteilung der Gemeinden üeizubehalten. Den Hauptteil der Tagung bildete ein Referat über Ehesragen, das von Melchior, Beuthen, erstattet wurde. Der Referent legte unter Bezugnahme auf eine von ihm in Zusammenhang mit einem Aufsatz Arnold W i e n e r' s veröffentlichten Artikel und eine daran sich anknüpfende öffentliche Polemik die schweren seelischen Bedrängnisse und' die das Religionsgesetz bedrohenden Gefahren dar, welche durch die eine Wiederverheiratung verwitweter oder geschiedener Ehefrauen verhindernden Komplikationen entstehen. Es seien das Probleme von größter Wucht, an denen man nicht achtlos vorübergehen dürfe. Da die Bestimmungen des überlieferten Religionsgesetzes für ihn unantastbar seien, so könne es sich nur darum handeln, nach rettenden Maßnahmen zu forschen, bei denen das Religionsgesetz gewahrt bleibe. An der Hand eines weitschichtigen halachischen Materials legte er dar, daß das überlieferte Gesetz mannigfache Handhaben biete, durch deren Anwendung Abhilfe geschaffen werden könne. Es sei ein Gebot der Stunde, mit Mut und Vertrauen die Sache ins Werk zu setzen. Es komme ihm nicht darauf an, daß geräde die von ihm gemachten Vorschläge angenommen würden. Wenn bessere und geeignetere gefunden würden, so würde er sie mit Freuden begrüßen. Das Wesentlichste sei, daß mit Hilfe des Religionsgesetzes ein geeigneter Weg zur Abhilfe gesucht und beschritten werde. An das Referat schloß sich eine längere Debatte, an der K a a tz, Hindenburg' CHameides, Kattowitz,- Ochs, Gleiwitz; Vogelmann, Kattowitz, teilnahmen. Eine Resolution wurde nicht gefaßt, vielmehr wurde den Mitgliedern ausgetragen, sich weiter in das Thema zu vertiefen, welches in der nächsten Sitzung noch einmal behandelt werden solle. Darauf folgten Berichte des Vorsitzenden über eine Ausschußsitzung des oberschlesischen Gemeindeverbandes und über die Generalversammlung des deutschen Rabbinerverbandes in Mainz. An die Sitzung schloß sich ein geselliges Beisammensein im Victor'schen Hause, das durch den Austausch von Thoraworten und durch die Gastlichkeit der Frau Rabbiner D . Victor verschönt wurde. Voten. Lemberg. Warschau, 12. Dez. Die Unruhen in Polen wie in Lemberg selbst sind im Abflauen. Das Nachbeben der blutigen Tage von Lemberg, die wie eine Naturkatastrophe im ganzen Lande wirkten, wird noch lange anhalten. Im Sejm kamen die Vorgänge bereits am 8. Dezember zur Sprache. In der Interpellation des jüdischen Klub wird sestgestellt, daß die Ausschreitungen eine volle Woche dauerten und daß sich die Lemberger Unterwelt dabei brüderlich mit der akademischen Jugend vereinigte. Bisherige Feststellungen ergaben, daß 61 jüdische Männer und Frauen Die Woche. Berlin: Die Kommunisten brachten einen Antrag im Reichstage ein, wonach. Reich und. Länder alle Verbindungen und alle Zahlungen an Kirchen und Religionsgemeinschaften sofort -instellen mögen. Es ist nicht anzunehmen, daß dieser Antrag eine Mehrheit im Reichs-, tage findet. — Der Berliner Magistrat legt sein Statistisches Jahrbuch für 1932 vor. Ihm ist zu entnehmen, daß Berlin laut Zählung 1932 4.287.000'' Einwohner hat, von denen 76 Proz. evangelisch, 10 Proz. katholisch, 4,3 Proz. jüdisch sind. 1,9 Proz. gehören sonstigen Religionsgesellschaften an, während 7,2 Proz. religionslos sind. Köln. Die Ortsgruppe Köln des Reich sbundes jü di scher Frontsoldaten hatte Kardinal Schulte, Erzbischof von Köln, ein Exemplar des Gedenkbuches für die jüdischen Gefallenen des deutschen Heeres, der deutschen Marine und der deutschen Schutztruppen zugehen lassen. Kardinal Schulte bestätigte den Empfang in einem Schreiben, in dem es u. a. heißt: „Das Buch gibt unwiderleglich Zeugnis von den schmerzlichen Opfern, die auch die deutsche Judenschaft im Kriege für das Vaterland gebracht hat. Möge das mehr und mehr erkannt lind anerkannt werden." Königsberg. Vom Sondergericht wurden zwei Burschen, Mitglieder der S. A., die am 1. August drei große Schaufenster in jüdischen Warenhäusern eingeworfen haben, zu fünf bzw. vier Monaten Gefängnis verurteilt. — Das Sondergericht in Osterode verurteilte drei Nationalsozialisten, die am 9. August Bomben gegen das jüdische Kaufhaus L o n k y warfen, zu Gefängnisstrafen von je zwei Jahren. Eine Anzahl weiterer Angeklagter (im ganzen standen 13 Nationalsozialisten vor Gericht), erhielten ganz geringe Strafen oder wurden sreigesprochen. Die Herren Bombenwerser haben sehr milde Richter gefunden. Weimar. Der thüringische Minister Sauckel hielt rm Mitteldeutschen Rundfunk einen Vortrag, in dem er zu einem Boykott der jüdischen Geschäfte aufforderte. Vom Landesverband Mitteldeutschland des C. V. sind die notwendigen Protestschritte eingeleitet. Danzig. In T i g e n h o s bei Danzig hatten mehrere Nationalsozialisten kurz vor Rasch Hafchono die innere Einrichtung der Synagoge in schändlichster Weise besudelt. Einer der Mittäter erhielt nunmehr wegen G'tteslästerung einen Monat Gefängnis. Die Haupttäter sind flüchtig. Wien. In Wiener Nazikreisen ist eine Revolte gegen den Wiener Gauleiter Alfred E. Frauen - feld ausgebrochen als Folge einer Enthüllung in der Presse, daß Frauenfeld noch im Jahre 1929 wochenlang als Patient im Rothschild-Spital der Israelitischen Kultusgemeinde Wiens untergebracht war und sich nur von jüdischen Aerzten behandeln ließ. Frauenfeld rechtfertigt sich damit, daß er von der Krankenkasse ins jüdische Spital gewiesen wurde. Was eine boshafte Krankenkasse! Paris. Hillel Z l a t o p o l s k i. ein bekannter Zionistenführer von konservativer Gesinnung, Vater der auch in Deutschland bekannten Frau Dr. Persitz in Tel-Awiw, wurde von einem früheren Teilhaber, einem Franzosen, im Verlauf einer geschäftlichen Auseinandersetzung n i e d e r g e s ch o s s e n. Er starb nach einigen Tagen an den Verletzungen. Der Mörder beging Selbstmord. Der Fall hat in Paris und besonders in den zionistischen Kreisen größte Bestürzung hervorgerufen. — Die französische L i g a zur Bekämpfung des Antisemitismus hat zu einer Prote st Versammlung gegen die antisemitischen Unruhen in Polen eingeladen, die von ewa 5000 Personen besucht war. Ansprachen hielten Henri Barbusse, Bernard L e c a ch e, der Deputierte B e r g e r y, Pierre B o n a r d, der Neger-Deputierte M o n n e r - ville, Rabbi Louis Germain-Levy, Pastor M o n o d und Pater Maingold. Französische Royalisten und Anhänger der vom Parfüm-Fabrikanten Coty geführten antisemitischen Gruppe versuchten, die Redner zu stören, sie wurden aber zum Schweigen gebracht. Warschau. In dem Städtchen S c z e r p z überfiel eine Bande Huligans zu nächtlicher Stunde eine Gruppe jüdischer Männer und Frauen und schlug unbarmherzig auf sie ein. Alle Mitglieder der jüdischen Gruppe erhielten schwere Verletzungen. Budapest. Die Generalversamm-' lung des Budapester Munizipalausschusses wählte in ihrer letzten Sitzung vier Mitglieder des ungarischen Herrenhauses, unter ihnen den populären jüdischen Politiker Dr. Samuel Glücksthal, der schon in früheren Perioden die Stadt Budapest im Herrenhaus vertreten hatte. , in Lömberg sich in ärztliche Behandlung begeben muß- >!ten. All die Verletzten werden in der Interpellation mit; Namen genannt. Protestresolutionen langen aus allen;i größeren Gemeinden ein, eine solche kam auch vom R e g i e r u n g s b l o ck der politischen Parteien im Wilna er Bezirk. Datz alles kann nicht. verhindern, daß sowohl in der Hauptstadt wie in, der Provinz, so besonders in Czenstochau, sich die Ueberfälle in kleineren Maßstäben täglich wiederholen. In L e m b erg explodierte in der Nacht zu Donnerstag vor der Synagoge Dziulkiewskagafse eine Bombe, die sämtliche Fenster des G'tteshauses und 'der benachbarten Wohnungen in Trümmer schlug. Eine andere Bombe platzte auf dem jüdischen F r i e d h o f. Menschen sind dabei nicht zu Schaden gekommen. Die Lemberger jüdischen Zeitungen, die jetzt wieder erscheinen dürfen, erheben, bei aller gebotenen Vorsicht, schwere Anklag e u gegen die Polizei. Die Sache begann mit einer harmlosen Schlägerei, angezettelt von sechsbetrunkenen Studenten. Es wäre für die Polizei ein leichtes gewesen, die Unruhen im Keime zu ersticken, später war sie kaum noch der -Lage ^gewachsen. Es wird ihr noch vorgeworfen, daß sie, wo sie den Ernst der Situation erfaßte, die Angreifer nur auseinanderjegte, die sich zur Wehr setzenden Juden aber a u s n a h m s I o s v e r h a s t e t e. Dadurch wurden die Angreifer noch ermutigt. Zeugen bekunden, daß in vielen Fällen Polizisten Juden die 'angesuchte Hilfe verweigerten, ja sogar sie selber zuschlugen. Einen besonderen Auftrieb bekam die Hetze dadurch, daß das gesamte Professorenkollegium mitsamt den Spitzen der Behörden sich in feierlichem Zuge an der Bestattung des im Kampfe gefallenen yationaldemokratifchen Studenten Grotkowski beteiligten. Eine eigene Intervention unternahmen die Deputierten des A g u d i st i s ch e n P a r kamen tsblocks unter Führung von Oberrabbiner Lewin. Sie übergaben dem Innenminister P i erack i ein ausführliches Memorandum über die Vorkommnisse und verlangten die Bestrafung auch der intellektuellen Urheber, sowie Sicherungen für den Schutz jüdischen Lebens in der Zukunft. Der Innenminister erklärte, es seren bereits weitgehende Verfügungen nach dieser Richtung getroffen worden. Aehnliche Zusicherungen gab der Minister für Arbeit und sozialen Schutz, H u b i ck ä. Die Deputierten waren vom Generalsekretär der Lemberger jüdischen Gemeinde, Herrn Feuerstein, begleitet. In Lemberg ist die Ruhe noch "nicht vollständig eingekehrt. Kleine Plänkeleien auf der Straße und in öffentlichen Lokalen finden dauernd statt. Posten passen auf, daß Polen keine jüdischen Geschäfte betreten. Wo sie es tun, werden sie schwer beschimpft. Der Nationaldemokratische Klub versucht sogar, gegen die Verhaftung einiger seiner Mitglieder mit einem Streik zu protestieren. Jeschiwothkonferenz in Wilna. Wilna, 14, Dez. Eine große Konferenz unter Anteilnahme bedeutender Rabbinen und Jeschiwaleiter aus Polen, Litauen und Palästina fand hier anläßlich der Anwesenheit von Rabbiner Teitelbaum vom Central Relief m Newyork statt. Die Verhandlungen wurde mit folgenden Resolutionen gekrönt. - 1. Es soll ein Appell ans Z e n t r a l - R e l i e f gerichtet werden, daß seine Hlifsarbeit für die Jeschiwoth fortgesetzt werde, zur Rettung der Thoraanstalten und religiösen Erziehungsinstitute in allen Ländern. 2. Ferner wird die Agudath Harabanim gebeten, Central Relief dahin zu beeinflussen, daß seine Tätigkeit zur Rettung der Thora fortgesetzt wird. 3. Warme Anerkennung wird dem Joint ausge drückt, insbesondere den Herren Marburg, Dr. Adler und Bierwald für die uneigennützige Tätigkeit, die sie in den letzten achtzehn Jahren zu Gunsten der jüdischen Kriegsopfer, zur Erhaltung der Jeschiwoth und Erziehungsanstalten ausgeübt haben. Mit dem Danke wird die Bitte verbunden, diese rettende Arbeit fortzusetzen. Das Rehillabudget der Warschauer Gemeinde.! Warschau, 13. De§. Das Kehillabudget wurde mit einer Mehrheit von 23 gegen 5 Stimmen endgültig angenommen. An Zwischenfällen und Provokationen fehlte es in den Verhandlungen nicht. Eine große umfassende Rede von Ratmann I. M- Lew in, in der die ganze Materie in erschöpfender