Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 51 (15.12.1932)
- Date
- 1932-12-15
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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1.5. Dezember 1932 Der I s r a e l. i t Nr. 51 Seite 5 von den radikalen oder halb zum Kompromiß mit der Welt bereiten Feinden der Tradition. Die einzige Sicherheit des frommen Lebens, der Schwerpunkt -des Systems und seine Garantie ist die geistige Aeberlegenheit der Thoragrößen. Die Macht der Ieschiwa, 'das Vorbild, der Führer ist alles. Keine Bindungen durch Brauch und Abrede, keine äußere Form der Gemeinsamkeit der Gleichgesinnten. Bis an die äußerste Grenze des halachisch Geforderten läßt man das Leben sich frei entfalten. Dennoch zittert man Nicht. Aus innerer Gewißheit. Starker Individualismus freier Persönlichkeiten macht sich geltend. Riemanö bevormundet den Andren. Keine äußere Organisattonöform zwingt, kein' weiches Liebesband lockt, kerne Autorität gilt als a priori. Stark ist daher auch der Abstand an religiöser Konsequenz und Geschlossenheit zwischen der Ieschiwa und der Masse, zwischen der rabbinischen ,unö baalebätischen Tvelt. Stark ist die Polemik auf der Gasse und um die Gasse. Frei regt sich der Widerspruch. Dennoch ist das vertrauen in die innere Tragkraft der Thora unerschüttert; sie steht .ohne Pfeiler, ohne Stützen, ohne Schutzbauten. Litauen hat keine Reform im Religiösen, wenn auch die Schule nur noch z. T. der Tradition gehört. Im polnischen Litauen hat die Stoßkraft des Lernens sich besonders siegreich bewährt. Ungarns Traditionstreue wurde durch äußere Organisation, poleü durch die innere Verbundenheit der chassidischen -Gemeinschaft, Litauen allein durch Thoralernen und Thorameisterschaft fähig, sich unversehrt durch die Vergangenheit zu behaupten und in die Kampfzone des Gegenwartslebens nrit ungebrochenem Mut einzutreten. (Weitere Artikel folgen.) Korrespondenzen « Nachrichten. Deutsches Reich. Die Winterhilfe, der Berliner Jüdischen Gemeinde. Berlin, 9. Dez. Der Bericht über die Winterhilfe der Jüdischen Gemeinde wirkt niederdrückenü und erhebend zugleich, niederdrückend wegen der ungeheuer unwachsenden Zahl der Hilfsbedürftigen, aber es ist erhebend, zu sehen, wie der jüdische Wohltätigkeissinn den oft aussichtslos erscheinenden und doch immer neue Positionen nehmenden Kampf gegen Not und Elend führt. 35 000 Zentner Ko h l e n kamen zur Verteilung. Verbilligte B r o t verso r gu n g kam erwerbslosen Familien zugute. In vielen W ä r m ehallen finden die Armen nicht nur warmen Aufenthalt, sondern erhalten auch ein warmes Getränk und "kleinen Imbiß. In den Mittelstands- und Volksküchen, 14 an der Zahl, speisen.täglich 2000 Menschen. Neue Küchen werden demnächst in verschiedenen Stadtteilen noch eröffnen Von privater Seite werden Hunderte von Portionen außerdem gestiftet. In der Mensa academica werden täglich 200 Studierende versorgt. Einige Heime, so das Altersheim, verabreichen unentgeltlich Mittagessen an Arme, die nicht zu ihren Insassen gehören, aber in der Nähe wohnen. Gut funktionieren auch die- K indersp e i sumge.n. Vom Vorstande sind für die Aufgaben der Winterhilfe 200.000 Mark bewilligt worden. -Ein wenig zur Linderung der Not trägt auch der Freiwillige Arbeitsdienst bei. An all diesen Aufgaben arbeitet auch der Jüdische F r a u e n b u n d tapfer mit Zu Chanuka sollen 2500 Kinder und 400 Erwachsene -mit Kleidern und Wäsche versorgt, werden, außer den 2000 Erwachsenen und Kindern, die in verschiedenen Vereinen dieses' Chanükageschsnk erhalten. Das Reichsgesundheitsamt erklärt neuerdings das Schächten als nicht tierquälerisch. ' - Verl in, 12. Dez. Das Reichsgesundheitsamt, die oberste Veterinärbehörde des - Deutschen Reist/es, hat anläßlich der Verhandlungen im Strafrechtsausschuh des Reichstages bereits im Februar 1930 durch den Direktor der Veterinärabteilung die Erklärung abgegeben, „daß es unter Verücksichligung der wssenschaftlichen Forschung, bei objektiver Beurteilung der vorliegenden Aueßerungen und aus eigenem Urteil zu dem Ergebnis gekommen fei, daß'! das Schächten nach jüdisch-religiösem Ritus, wenn es vorschriftsmäßig ausgeführt werde, als Tierquälerei nicht^u erachten sei. Das beziehe sich lediglich auf den Schächtschnitt und das Entbluten. Bei der Vorbereitung''zum Schächten könnten allerdings Tierquälereien unterlaufen, gegen die mit allen Mitteln eingeschritten werden müsse." — Aus dem letzten Satz ist inzwischen irrtümlich abgeleitet worden, das Reichsgesundheitsamt habe nur den Schächtschnitt selbst und das darasist.folgende Entbluten als nicht tierquälerisch erklärt, wühl aber das vorangehende Niederlegen. - Das Reichsgesundheitsamt wurde vom derzeitigen „Büro für Schächtangelegenheiten" ersucht, mitzuteilen, ob die Auslegung obiger Erklärung seines Vertreters im Strafrechtsausschuß zutreffend sei. Zu diesem Zweck wurden dem Reichsgesundheitsamt die fügenden drei Fragen zur Beantwortung vorgelegt: 1.! Ist mit. Rücksicht auf das Niederlegenerfahren eine .Betäubung der Schlachttiere vor dem Halsschnitt als Bedingung erachtet worden, ohne deren' Erfüllung das Schächiverfahren'als tierquälerisch..zu bezeichnen sei? , v, 2 Ist mit Rücksicht auf Vorkommnisse, die beim Niederlegen unterlaufen können, die Einführung der Betäubung anempfohlen worden? 3. Darf aus dem Schreiben des Reichsgesundheitsamts mit Recht gefolgert werden, daß Unregelmäßigkeiten, die dem Tiere Qualen bereiten, nur ' beim Schächten und nicht auch bei anderen gegenwärtig in den Schlachthöfen angewendeten Tötungsmethoden, wie Kopfschlag, Bolzenschuß, beobachtet worden seien? Auf diese Fragen hat der Präsident des Reichsgesundheitsamts mit Schreiben III 1654/30 vom 17. Juni 1930 geantwortet, in welchem es heißt: „ . . . Aus diesen Erklärungen geht die Stellungnahme des Reichsgesundheitsamts eindeutig hervor. Wenn in der neueren Literatur zur Schächtfrage aus dieser Mitteilung des Reichsgesundheitsamtes an den Berliner Tierschutzverein Schlußfolgerungen gezogen werden, die sich aus dem Wortlaut und dem^Sinn der Erklärungen nicht ergeben, so sind sie als irrig zu bezeichnen. Unter diesen Umständen möchte ich auf die von dem Büro für Schächtangelegenheiten hierher gerichteten Fragen, die alle drei kurzweg mit „nein" zu beantworten sind, nicht näher eingehen." Auf mündlichen Antrag wurde neuerdings der Wortlaut der drei Fragen, die in obigem Schreiben wicht ausdrücklich genannt sind, in einem der Reichszentrale für Schächtangelegenheiten (Berlin N. 24, Artilleriestr. 31) vorliegenden Ergänzungsschreiben III 2681 vom 8. November 1932 bestätigt. — Das Reichsgesundheitsamt, dessen Veterinärabteilung von Männern geleitet wird, die aus der Schlachthofpraxis hervorgegangen sind, hat demnach als höchste Fachbehörde des Reiches ^ausdrücklich sowohl den Schächtschnitt und /das Entbluten als auch das N i e d e r l e g e n,! d. h. dkN S ch ä chtungsaktinallens einen T.e ihe n, als nicht tierquälerisch erklärt. Breslauer Nachspiele. " * Breslau, 12. Dez. Der Senat der Breslauer Universität hat an neun Urheber der Unruhen im Zusammenhang mit Professor Cohn einen „ernstlichen Verweis" ergehen lassen. Die schwerste.Strafe wurde nur in einem Fälle mit der. „Nichtanrechnung des Semesters" ausgesprochen.'-Das ist alles. Unter den Erstbestraften befindet sich auch ein jübischer Student, der von seinen Kommilitonen schwer mißhandelt wurde. Angreifer und Angegriffene werden scheinbar vom Senat mit gleichem Maße behandelt. Wie man erfahrt, entstanden von dem Disziplinargericht aus der Reihe der Professoren! warme Verteidiger für die Radausiudenten, so die Professoren Helsritz,^ Wegener und Vornhausen. Professor Helfritz suchte die maßlose Verbitterung der Studenten mit „der langjährigen Mihwirschaft in Preußen" zu erklären. Professor Bornhausen beschwerte sich sogar gegen die Universitätsüehörden, „die dem heutigen studentischen Empfinden fremd gegenüberständen." Er versuchte ferner gegen den jüdischen Professor Dr. Marck, Ordinarius der Philosophie, zu Hetzen, um dessen Lehrtätigkeit in den Augn der „nationalen Studenten" herabzufetzen. Pros. Bornhausen, der heute in der Ablehnung eines jüdischen Professors durch die Studentenschaft nur nationale Begeisterung sieht, hat sich vor noch nicht allzulanger Zeit in einer öffentlichen Versammlung in Breslau mit Begeisterung als Schüler des jüdischen Philosophen Hermann Cohen in Marburg bekannt, dessen Größe „als Mensch und Universitätslehrer" er in lauten Worten pries. Die öV* . VERTRAGS- GESELLSCHAFJ DER AGUDAS JISROEL WELTORGANISATION