Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 51 (15.12.1932)
- Date
- 1932-12-15
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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15. Dezember 1982 Der Israelit Nr. 51 Seite 3 Vertretung. Die Zeit kann nicht fern fein, in der es von der Notwendigkeit befreit fein wir-, sich mit äußeren Problemen zu beschäftigen und sich den innere n Problemen d e s j ü d i s ch e n Lebens zuwendm kann." Das ist ganz unsre Meinung. Auch wenn man alle die schweren Befürchtungen in den Wind schlagen wollte, die der jüdische Weltkongreß als sachlich wertlose, außenpolitisch aber höchst gefährliche Scheind e m o nstration jüdischer K ras t erwecken muß, so bleibt dieser ganze versuch einer t h o r a - fremden, religionslosen Dauer-Organisation des jüdischen Volkes unter Führung von Clementen, die man von unsrem Standpunkte aus geradezu als Kulturbolschewisten bezeichnen muß, die schlechtweg s chw erste Gefahr, die dem überlieferten Judentum, die der Thora, seit Jahrhunderten gedroht hat. Pier sollen die relativen Vorzüge der jüdischen Goluszersplitterung — Hp‘TS nianwr j*a prsw —' die doch so oft verhindert hat, daß die Infektion der Entartung und Entjudung allzurasch von Land zu Land sich fortpslanzte, mit cinemSchlage überwunden und es soll die Verweltlichung der ganzen Nation von oben herunter mit Stnrmesgewalt, mehr als durch allen Zionismus und alle Agenc^-Cxpanston, durchgeführt werden. Die (Offenherzigkeit des Herrn Stephen Wise, die den Unterschied zwischen dem Ausgangspunkt und dem Ziel der Weltkongreßler, unverblümt zugibt, gestattet nun glücklicherweise auszusprechen, daß die wahrlich nicht geringen Gefahren des Weltkongresses für L e b c n u n d Sicherheit der Juden in den Golusländern und in Crez Iisroel — der panarabische Weltkongreß würde dem jüdischen rasch folgen — noch übertroffen werden von dem Unheil, das für die geistige Zukunft der jüdischen Gesamtheit durch eine Verwirklichung der Wise - Goldmann'schen Projekte herausbeschworen werden könnte. Nur über die religiöse Wiedervereinigung des jüdischen Volkes kann der Weg zur Einheitsorganisation des Volkskörpers gehn; sonst ertrinkt der Geist in der Schein-Einheit der Materie. Sehr interessant ist auch die große Rede, die Herr Dr. I o ch e l m a n n aus London auf der Genfer Konferenz gehalten hat. Cr plauderte zunächst aus, der Board of Deputies sei heute zionistisch und sein Präsident, Herr ö'Avigdor Golösmid, sei „ein Führer der Iewish Agency und wird nicht versuchen, etwas gegen den Willen der Zionisten zu tun" (siel). Die ablehnende Haltung des Board gegenüber der Weltkongreß-Propaganda entspringe demnach keineswegs assimilatorischen Gedankengängen, sondern sei einfach „ G e w i r o k r a t i e "! Mit anderen Worten: die „ r e i ch e n L e u t e " , die heute die Führer der jüdischen Organisationen und Gemeinden sind, fühlten durch den demokratischen Weltkongreß ihren persönlichen Niachteinfluß bedroht und seien n u r deshalb seine Gegner. Diese „ G e w i r o k r a t i e " aber gelte es schleunigst los zu werden. Wir halten diese Bagatellisierung des geschlossenen Widerstandes, den der Stephen Wise'sche plan bei sämtlichen n i ch t z i o n i st i s ch e n Körperschaften gefunden hat, für geradezu lächerlich. Wäre aber selbst etwas Wahres an der Hypothese, daß hier ein Kampf zwischen Notabelnwirtschaft und Demokratie ausgefochten werden soll, so scheint uns die Führerstellung der zumeist im Geschäftsteben und großen Unternehmertum geschulten, kühl abwägenden Männer der Praxis» die Herrschaft der „ G c w i r o k r a t i c " , um mit Dr. Iochelmann zu reden, noch immer nützlicher und erträglicher für die wahren Interessen der jüdischen Gesamtheit als die der „ A p i k o r s o k r a t i e " , als die geistige Diktatur verantwortungsloser jungzionistischer Advokaten und Literaten, die sich von der Woge einer weltkongreß-wahlbewegung die Führung der unpolitischen jüdischen Masten in die Hände spielen lassen wollen. Cs wäre zu den mannigfachen Bekenntnissen großer und kleiner Geister, die in dem Konferenzprotokoll zu Worte kommen, noch vielerlei Nützliches anzumerken. Dazu wird sich vielleicht noch Gelegenheit finden, falls die Weltkongreß-Propaganda weitergeht und aus dem krisenhaften Elend und der Verzweiflung der jüdischen Volksmassen Kapital für ihre politischen Pläne zu schlagen versuchen wird. Wiener Kuttuswahlen. Wie in der vorigen Nummer gemeldet, haben die Kultusgemeinde-Wahlen in Wien zum ersten Male der Vorherrschaft der Liberalen in dieser nächst Warschau und Berlin bedeutendsten Großgemeinde Europas ein Ende bereitet und — bei einer allerdings höchst geringen Wahlbeteiligung (nur 52 proz.) — die Macht in die Hände der Zionisten gespielt. Dem „Misrachi" ist dabei eines von 21 Mandaten zugefallen. Die gemeindeorthodoxe Liste ist leer ausgegangen, fünfzehn Mandate sind der bisherigen libecal-unronistischen Mehrheit verblieben. Aus der Niederlage des gemeindeorthodoxen Wahlvorschlages, der von einer allgemein verehrten, aufrichtig orthodoxen Persönlichkeit vertreten wurde, darf man schließen, daß der von der Schiffschul ausgegebenen Wahlenthaltungsparole Folge geleistet wurde, daß aber darüber hinaus die polnisch-orthodoxen Kreise, sei es aus Bequemlichkeit, sei es aus Instinkt für die Hoffnungslosigkeit eines wirklichen Durchdringens gegenüber der liberalen oder zionistischen Assimilation, der Wahlurne fern geblieben sind. Käisers|rajje27 Die Frage erhebt sich: Was n u n? Unseres Erachtens kann diese Frage vom Standpunkte der selbständigen Orthodoxie nur durch ein E n t w c d e r — Oder beantwortet werden. Entweder die Wiener agudistische Orthodoxie spürt die Kraft in sich, den gesetzlichen Austritt aus der Gemeinde zu vollziehen und sich auf eigene Füße zu stellen; dann kann sie die Verantwortlichkeit für die weitere Entwicklung nach links, die mit der Umwandlung der Kultusgcmeindc in eine Volksgemeinde areligiöfen Charakters verknüpft ist, ablehncn — oder aber, sie verbleibt, wie bisher, innerhalb des Gemeindeverbandes, dann ist es mit dem Desinteressement an dem Lauf der Dinge und der Konzentration auf die eigenen Institutionen unsrer bescheidenen Meinung nach auf die Dauer nicht getan. Dann müßte endlich der e n g st e A u s a m m c n - schluß aller □•’raxn *>23 wPvnv einerlei ob sie zufällig in Ungarn, in Polen, in Deutschland oder in Wien selbst auf die Welt gekommen sind, auf dem Boden der hierzu erschaffenen „ A g u d a s Iis - r o e l " sich vollziehen, und der Kampf um die Vorherrschaft in der Gemeinde, nicht um ein paar Vorstandsmandate ohne Einfkaß, müßte mit vereinten Kräften aufgenommen werden. Was in Warschau möglich war, liegt bei guter, zäher Arbeit auch in Wien nicht außerhalb des Bereiches der gemeindepolitischen Entwicklung. Äber einen Ozean von Hatz — und drüben? „ Die Internationale des Judenhasses kennt keine Schranken und Grenzen, zu Lande nicht und nicht zu Wasser. Das mußte wieder einmal Albert Einstein erfahren. Bekanntlich begibt sich dieser Tage der gefeierte Gelehrte aus Einladung der Universität p a s a d e n a in Californien nach den vereinigten Staaten, um seine am Mount Wilson-Observatorium begonnenen Forschungen fortzusetzen. Zu einem etwas späteren Zeitpunkt soll er die ihm für lebenslänglich angebotene Leitung des Instituts für Mathematik und theoretische Physik in p r i n c e t o n übernehmen. Aber in Washington gibt es eine patriotische F r a u e n k i g a , und diese unternimmt jetzt den Aumzonenseldzug gegen den Deutschen und Jude n Einstein. In einer Eingabe an die Regierung in Washington erhebt sie die Forderung, daß man Einstein als dem Urheber der „gefährlichen Relativitätstheorie" und als einem „mit TNoskau affiliiertcn der Hand Efaus." Brüder sollten sie uns sein. Esaus Geist des Hasses und der Feindschaft aber beherrschte sie und trübte ihnen den Blick, daß sie nicht sahen, was die Welt den Jakobssprossen gu danken hatten. Wenn so Israels Stimme zum Himmel drang, die Bet- und Lehrhäuser widerhallten von dem, was Herz und Seele der Juden erfüllte, dann wuchsen Mut und Kraft und Widerstandsfähigkeit und G'tt erwies unserem Volke in senier unendlichen Liebe als mvis .imen feine besondere Gnade: irrvrn mrmn '»m warn nnsn ninnrt bx ivs tm’ ns «Kam Esau zu dem einen Lager und schlug es so wurde das übrige Lager zur Rettung." Mußte Israel hier der Not weichen und zum Wanderstabe greifen, so hatte ihm die Liebe G'ttes bereits an anderer Stelle Ruhe und Schutz gesichert. Und so ist Israel geblieben ein Wunder der Geschichte, Hohn sprechend dem Gesetze, daß der Macht der Schwache unterliegen müsse. Israel war eben trotz allem der Starke, weil mit ihm im Bunde G'tt der Herr war, der den Vätern Schutz und Beistand und Sieg für alle Geschlechter verheißen. Unsere Vergangenheit bezeugt auch, daß immer dann der Kamps am gewaltigsten gegen uns tobt, wenn es Nacht auf Erden ist, wenn Sorgen und Leiden den Blick der Menschen trüben und die Not der Stunde und die Unsicherheit der Verhältnisse die finsteren Mächte in der Menschenbrust leicht entfesseln. Hierfür sind die Worte der hl. Schrift wie ein im ein förmlicher Hinweis: invnni>V'n'ini-V„Entlasse mich, denn der Morgen ist heraufgezogen." Das finden wir doch auch in unseren Tagen voll bestätigt. Das gemeinsame Leid, das die Welt überall in tiefe dunkle Nacht hüllt, sollte doch — so würde man meinen — die Menschen alle enger aneinander- Ichließen. Was erfahren wir aber? Ueberall sehen wir, wie sie sich gegen uns zusammenschließen, als ob wir Tür die Not verantwortlich wären, unter der wir nicht i weniger als sie selbst leiden. Und doch kargen wir gewiß nicht mit pmi. mit unfern Gaben, um dem Leid zu wehren, wo und wann wir es nur können. Daß wir hierbei aber nicht auch vergessen die jüdische Not. in welcher Gestalt sie sich auch zeigt, daß wir ja dafür sorgen: '\n irrvm minnn daß das andere Lager zur Rettung werde daß unsere jüdischen Ideale nicht zu kürz kommen. Und vergessen wir auch nicht: Esau kann nicht über uns Herr werden, wenn wir zu G'tt unsere Herzen erheben und im Gebet und in Thoraliebe und Treue unsere Kraft stählen. Einmal muh es tagen. Dann kommt die Stunde, wo auch von Jakobswolke gilt: n^v npv nn'i, Jakob kehrt heim in vollendeter Harmonie . . . (Der Ursprung des Wortes „Schnorrer".) Der Redakteur der in Presov erscheinenden „Ostjüdischen Rundschau". Hermann Ehrenfeld, hat ein Buch „Momentaufnahmen" aus dem jüdischen Lebensmarkt" herausgegeben, dem wir nachstehende Stelle über den Ursprung des Wortes Schnorrer entnehmen: Der Teil zwischen Oberlippe und Nase wurde „die Schnurre" genannt. Daher heißt auch jener Teil des Gesichtshaares, der den erwähnten Gesichtsteil ziert, „Schnurrbart". Mit der Zeit nahm das Wort „Schnurre" auch die Bedeutung von „Mund" an. In Deutschland sagt man auch heute noch im derben Dialekte „Halt die Schnurre!" So wurde auch der ambulante Kaufmann und der umherziehende Musikant, welche ihre Ankunft im Dorfe durch Pfeifentöne ümzeigten, „Schnurr-Pfeifer" oder kürzer die „Schnurrer" genannt. Da sich der größte Teil dieser, „Schnurrer" aus Juden rekrutiert, so wurde das Wort „Ein Schnurrer kommt" gleichbedeutend mit „ein Jude kommt". .Im Sprachschmelztiegel des Ghetto wurde dann Schnurrer auf „Schnorrer" umgegossen und bedeutet so viel wie: ein Almosennehmer, der viel | „schnurrt", d. h. viel spricht. Der ambulante Kaufmann,; Hausierer oder „Schnurrpfeifer", war bis zum Ende des j vorigen Jahrhunderts auch in Ungarn eine bekannte! Figur. Er rekrutierte sich auch dort ausschließlich aus ärmeren Juden. Sein Nahen, das er ebenfalls durch ein wohltönendes „Pfeifen" anzeigte, hat besonders bei dem weiblichen Teil der Bewohner ohne Altersunterschied eine große Freude ausgelöst. Noch hatte dieser kaum die Peripherie des Dorfes erreicht, verbreitete sich schon die Kunde über sein Erscheinen wie ein Lauffeuer im ganzen Dorfe: „Es kommt der Pfeiferljud!" Das Buch, das im Verlage der „Ostjüdischen Rundschau" erschienen ist, enthält eine Fülle lesens- und beachtenswerter Essays — und ist beim Verfasser zum Preis von -Mk. 2.50 zu beziehen. (Seelsorge, verdünnt.) Die ITA. berichtet aus Warschau: Das Ehefrabbinat des polnischen Heeres hat mit Zustimmung des Heeresministeriums an jedem Morgen und jedem Abend ein Gemeinschaftsbeten in den Kasernen für die jüdischen Soldaten eingeführt. Während der Andachtsstunde der christlichen Soldaten versammeln sich die jüdischen Soldaten in einem besonderen Raum, um am Morgen das „Maude ani" und am Abend das „ S ch e m a h " gemeinsam zu sprechen. Haben die polnischen jüdischen Soldaten keine Tesillin im Tornister und keine Gebetbücher, die ihnen ermöglichten, noch über „Mode ani" hinaus etwas zu sagen? Wir fürchten, die armen jüdischen Soldaten werden seelisch verhungern bei solch dürftiger Seelsorge .... Verantwortlich für den allgemeinen Teil und das Feuilleton S. Schachnowitz, Frankfurt a. M; Inserate i. V.: S Schachnowitz, ebenda. — Für die pädagogische Beilage: Lehrer L. Kaufmann, in Sprendlingen (Kr. Offenbach). — Verlag oes Israelit und Hermon G. m. b. H., Frankfurt a. M. — Druck Hermon Druckerei, Frankfurt a. M.