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Der Israelit · 1932-12-08 · Heft 50 (8.12.1932) · page 9

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
73 (1932)
Issue
Heft 50 (8.12.1932)
Date
1932-12-08
Page
– (sequence 9)
Language
German
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£id)f aus dem Westen. Erzählung aus der Zeit der Ghettodämmerung. (Fortsetzung.) „Luch hat der liebe G'tt ein kostbares Kleinod für Israel anvertraut," sagte Rabbi Boston mit sanftem Vorwurf, „wir schleifen daran, das; der Glanz hell aufleuchte, und ihr faßt es.mit harten fänden an, daß es, G'tt.verhüte es, sein Licht verliere." „Der Junge spricht von Rabbi Schmuel Schotten, als wäre er sein Schulkamerad," suchte sich Rabbi Schmuel zu entschuldigen. Ein leiser Stolz klang in dieser väterlchen Anklage auch mit. „Und woher wißt ihr, Reb Schmuel, das; er es nicht in Wahrheit ist? . . ." „wie? ."7 ." staunte Und stammelte der Sofer verwirrt. , . ■ ..." „Mosche, unser Lehrer, hat uns die Thora gegeben in allen ihren Ausstrahlungen, bis zum letzten Punkte, den der letzte Schüler, scheinbar selbständig, schöpferisch und in Wahrheit aus der alten Materie heraus, hinzufügt, wir alle, die früheren und späteren, die Ahnen und die Enkel, von Mosche, unserem Lehrer, bis auf eueren „Iüngel" (Jungen), die wir an der Klärung arbeiten, sind S ch u I kamera - den, Kameraden einer Schule . . Rabbi Schmuel schwieg. Cs fiel ihm warm ein, daß er bei den Kronen und Verzierungen, die er beim Thoraschreiben an einzelnen Buchstaben anbrachte, immer denken mußte, es seien darin die tieferen Erklärungen enthalten, die den Später« zur Deutung Vorbehalten sind ... Cr, der Vater, malte die Kronen, und Mosche, der Sohn, deutete sie . . . Cr, Schmuel, in seinem Jähzorn, hätte beinahe eine junge güldene Krone mit roher Hand zerbrochen . ., . Als Hütte Rabbi Boston seine Gedanken Punkt für Punkt erraten, sagte er: „Das ist alles noch nicht so schlimm. Aber es darf nicht mehr geschehen." „Cs w i rd nicht mehr geschehen," beteuerte Rabbi Schmuel. ’ „DäfüiF lieber Reb Schmuel, haben wir, habt ihr selber keine/Gewähr. 'Des Knaben Temperament ist so ungezügelt, wie euer Zorn, den die Welt gerechten Vaterzorn nennen mag, von dein wir aber fürchten, daß er öle gerade Linie, öiö euek Kinö/mit den großen Vätern''Änd''mit Israels Zukunft verbindet, zerreißen könnte. Ihr wißt es, Reb Schmuel, was das heißt, wenn eine''Thorarolle >in ihren Ieriöth (Einzelteilen) auseinanderreißt..." „was soll geschehen?" „Cuer Sohn bleibt ganz bei mir. Meine fromme Rechle wird über sein leibliches Wohl mit gleicher Liebe wachen, wie ich über sein geistiges und seelisches." v ■ ■ Als Schmuel! Sofer nach Sabbatausgang sein Harrs betrat, fragt Reise! besorgt: „wo ist der Jung?" „Cr bleibt ganz bei Rabbi Boston," sagte er kurz. Reisel sagte nichts. Ihr schien, als brannte heute die Häwdolohkerze, die sie selber hochhielt, schöner, Heller, wärmer, als sonst . . . Rabbi Schmuel setzte sich gleich an seine Pergamente, an die Buchstaben und Kronen. * * * .. Cs vergingen wohl zwei Jahre. Mosche gedieh unter i der Obhut Rabbi Bostons und seiner Frau Rechle geistig und körperlich, daß seine Eltern ihre stille Freude an ihm hatten. Stil l war freilich diese Freude, tief empfunden und kaum ausgesprochen. Rabbi Schmuel, wie auch seine fromme Reisel kamen ms Lehrhaus, um ihr Kind zu sehen oder zu segnen. Cs wurde dabei kaum ein Wort gewechselt, wenn auch die zärtlichen Blicke beredt genug sprachen. So wollte es Rabbi Boston, und dessen Wort wurde von Cltern und Kind wie ein höherer g'ttlicher Wille respektiert. . j Um diese Zeit trat in Frankfurt ein Creignis ein, das auf längere Zeit Geschichte und Geschicke der Gemeinde bestimmen sollte.. Rabbi Abraham Lissa, der wie ein heiliger verehrte Oberrabbiner, war heimgegangen, plötzlich, unvermittelt. An einem Freitagmorgen kam der Greis in die Schul, legte , den Talith um und blieb so, an die wand gelehnt, vornübergebeugt, wie gebannt stehen. Man hatte keinen Laut, keinen Seufzer gehört. Als er längere Zeit unbeweglich so verharrte, trat man besorgt an ihn heran und fand im Gebetmantel einen toten, starren Körper. So, in den Talith eingehüllt, trug man ihn hinaus.; Die Gemeinde war, bei allen trefflichen Männern im Rabbinate, ein paar Jahre führerlos, aufgewühlt und wie im Fieber gerüttelt von Hader und Widerstreit' zwischen Fanülien und Gruppen, zwischen Gelehrten und Vorständen, über kleine Dinge des täglichen Daseins.und große Fragen in Lehre und Leben. Ein Scheidebrief, den die Linen als zu Recht bestehend, die Anderen als falsch und nichtig erklärten, erregte die Gemüter weit Über Frankfurt hinaus, bis nach Prag und Altona, bis nach Wien und Wilna, nicht weniger, als,in anderen Zeiten ein „Verhängnis über Israel", eine „Austreibung" oder der Ausbruch einer Baturkatastrophe. Der fragliche Scheidebrief wurde zum g e -- w i ß l i ch e n Scheidebrief für die Geister in der Gemeinde, und trug Zwist in Familien und Parteien. Auch um Rabbi Bostons Schul lebte der Kampf auf, als die ersten Bachrichten und Sendschreiben aus Wilna über die dortigen Vernichtungskämpfe gegen den Chassidismus nach Frankfurt gelangten. Aber gerade in diesem Strome der Zwistigkeiten und Anfeindungen wurde der Kreis des kabbalistischen Lehrers in Frankfurt zu weiteren Erfolgen getragen. Denn viele, angewidert von den Vorgängen und dem sich an sie hängenden kleinen gemeinen Klatsch, fanden jetzt den weg' nach der engen Gaste, flüchteten sich in den stillen Winkel, den sich Rabbi Boston jenseits allen Getriebes, weitab vom Raume, in dem sich hart die Dinge stießen, errichtet hatte. Bie waren die Bet- und Lehrvorträge in Rabbi Bostons Schul so stark besucht wie in jenen Tagen. Aber just um die Zeit, da der dreizehnjährige Mosche in die geistige Obhut Rabbi Bostons kam, gelangte, wie der eines Erlösers, d^r Bame, R a b b i p i nch ö s Hur w i tz. nach. Frankfurt, von einem bisher nie gehörten Städtchen in Polen aus griff er Mit so geschickter Hand, scharfem Geiste und klugem, Feinem Takt in den Frankfurter Scheidebrief-Streit ein, daß dieser bald so gut wie behoben schien. Auf Einladung der Gemesndevorständ.e folgte der Mann selbß seinem geschriebenen Worte nach! Er 7 brachte einen ''Strahl von Weisheit, Liebe und Frieden, wie aus himmlischen Höhen, mit sich. Aus dem Rabbinersitze thronte jetzt als erster geistiger Führer Rabbi pinchos Hurwitz. wie er es verstand, mit -- einem Gemisch von Strenge und Güte, pon Schärfe und Sanftmut, bei Unerbittlichkeit in der Sache, mit Liebe undmildem verstehen Menschen und Dinge zu-behandeln, gewann ec bald aller Herzen. Gewiß trat man auch gleich mit Klagen gegen den „abseitigen" Rabbi Boston an ihn heran. Cr sagte lachend, große Gelehrte und Heilige seien immer etwas abseitig, „geistige Einsiedler", es müsse so sein. 1 „Und der Rabbi selbst?" fragten die Leute, auf den klaren, klugen Weitblick ihres Oberrabbiners anspielend. 7. „Rabbi Boston," sagte der Rabbi und lachte, „ist nur „Höherpriester", nicht aber ans Amt gebundener Rabbiner, und darf es sich leisten, als „Heiliger" zu leben ..." Man beklagte sich bei ihm über die Gepflogenheiten Rabbi Bostons, den abweichenden Ritus in seinem pethause.. . „Dieser abweichende Ritus," belehrte der Rabbi, „ist seit Jahrhunderten, vielleicht noch länger geheiligt, von Männern wie Rabbi Iizchok Luria und vital eingeführt, heute noch, nicht allein im Orient, auch in einem großen Teile von Polen üblich. Der G'tt Israels hört auch auf diese Sprache." „Sollte etwa dieser Ritus auch in unserer großen Schul eingeführt werden?" wagten einige ihre Fühler weiter vorzustrecken. „Daß uns der liebe G'tt davor behüte!" lehnte Rabbi pinchos entschieden ab. „Unser Ritus ist nicht minder von den Jahrhunderten geweiht und geheiligt. Am, königlichen Palaste stehen die Wächter hie und da, jeder mit seinem Ruf und s einer Parole, der König hört sie alle, wer den rechten Ruf am rechten Platz eigenmächtig ändert, begeht Verrat am König. Bicht auf den leisesten Brauch, nicht aust die letzte Melodie werde ich in unserer alten Schul verzichten," schloß Rabbi pinchos. „Und er, Rabbi Boston in seiner Schul, darf es?!" „Cr ist Privatmann, und jeder, der zu ihm kommt, ist es ebenfalls. Cs muß ihnen unbenonunen bleiben, für ihre Stimmung und Sehnsucht nach G'tt d e n Ausdruck zu wählen, der ihnen zusagt, so lange das Ganze jüdisch und altgeheiligt bleibt. In unserer alten Schul aber weinen und beten die abgeschiedenen Seelen der früheren Generationen mit. wir müssen ihre Gebete beten und ihre Melodien singen." Diese Ansichten redeten sich in der Gemeinde rasch herum und wirkten zunächst beruhigend und versöhnend. Um so mehr, als noch bekannt wurdep daß Rabbi pinchos selbst seinen Freund — Rabbi Boston war es vom ersten Tage m — mit gütigen Worten ermahnte, es in Absonderlichkeiten nicht allzuweit zu treiben und an das Verständnis des einfachen Mannes nicht allzu große Einsprüche zu stellen. „Die Thora ist nicht für Cngel gegeben! . . ." Aber es war auch bekannt, daß Rabbi pinchos, der in der großen Schul nicht um ein Iota von den alten Bräuchen adweichen ließ und selber die alten Frankfurter Melodien kräftig mitsang, sich am Sabbat zum Frühg'ttesdienste in feinem Hause ein Dutzend Jünger von Rabbi Boston ausbat, mit denen er nach heimatlich sefardifchem Ritus betete, ganz wie im Bethause von Rabbi Boston selbst. Um die Schule Rabbi Bostons im Auge zu behalten und ihr zugleich Autorität zu sichern, erklärte Rabbi pinchos einige ihrer Schüler auch zu den feinigen und ließ sie an bestimmten Tagen zu sich in f e i n Lehrhaus kommen. So war Mosche, der Sofersohn, mit dreizehn' Jahren Schüler von Rabbi Rosson und zugleich von Rabbi pinchos Hurwitz. ''' V. .; . . Die Stimme der Posaune. Sehr lange konnte der Friede nicht andaucrn. Dafür waren die Alten zu sehr in Parteien gespalten, die Jungen zu sehr mit Widerspruch geladen. Jungvolk wollte leben, frei und froh atmen, und ließ sich durch die Enge der Gasse und den düsteren Ernst ihrer Menschen nicht um das Recht der Jugend auf Lust am Leben bringen. Brummiges Abweisen in.alten finstern Gesichtern steigerte nur noch den Dräng der jungen Menschen nach Welt, Leben und Freiheit. Die Lücken und Löcher in den bröckelnden Ghettomauern waren damals, im letzten viertel des achtzehnten Jahrhunderts, schon groß genug, daß Licht von außen einfiel, daß mancher Kindeskopf von normaler Größe — bildlich gesprochen — bequem durch- und hinausschlüpfen konnte. In großen und kleinen .Zirkeln lernten junge Menschen offen und insgeheim Sprachen und profane Disziplinen. Die Werbetrommel für die Mendelsf 0 h n' s ch e Bibelübers e tz u n g ließ in der Frankfurter Gaste viele gespannt aufhorchen, lange noch bevor sie die treuen Hüter auf der andern Seite zur Abwehr und zur Abwendung der Gefahr aufrief. Manch einen, der aus dem Ghetto hinausörängte und bald, mit fremdem Bamen und einen: höhnischen

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