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Der Israelit · 1932-12-08 · Heft 50 (8.12.1932) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
73 (1932)
Issue
Heft 50 (8.12.1932)
Date
1932-12-08
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 10 Nr. 50 Der Israelit 8. Dezember 1932 Lächeln für die Gasse und ihre Bewohner und all das, was diese beschäftigte, zurückkehrte, gab man verloren. Wan quittierte den Verlust mit einem Worte der vei> wünschung, wie sie für Renegaten, deren es damals — und eigentlich zu jeder Zeit — viele gab, üblich war. Mer ahnte, daß diese vordrängenden nur kleine Stoßtrupps waren, die mit Allgewalt einer neuen Zeit Türen und Fenster aufrissen?! Cs gärte und kochte in allen Gassen und Gäßchen, und man verstand den Sinn dieses Zifchcns nicht. So hakte sich der Streit fest an einer dunklen Gassenecke, an einem stillen Lehrhause, darin ein Meister mit seinen Jüngern, Ausgeschiedenen und Auserwählten, sich ihre eigene kleine Welt errichteten. Unten im Chassunohause hatte männliche Jugend, Kauflcutc und Handwerker, am Sabbat, zuweilen auch an Abenden des Werktages ihre Zusammenkünfte, die nicht immer gesittet und in sänftiglicher Ruhe verliefen. Die weite kahle Halle, Cigentum der Gemeinde und für Festlichkeiten bestimmt, konnte den Söhnen der Steuerzahler nicht vorenthalten werden. War Anlaß gegeben, so wuchs sich die Geselligkeit bei Bier, Apfelwein, lautem Gerede und Gesang zu einem Höllenlärm aus, der den Lerngesang oben in der Schule Rabbi Uossons weit übectönte. Leise und auch dringende Mahnungen reizten zum Widerspruch und verschlimmerten die Situation. Anlaß genug war heute gegeben. Löbchen Drach, Sohn des angesehenen Fosef Drach, Buchhalter eines Handelshauses, mit modernen Neigungen, hatte Verlobung mit Rösle, der einzigen Tochter des reichen Jonas Sichel, der Geliebten seines Herzens seit der Kindheit her, gefeiert. Cs war üblich, daß außer der Hausfeier der Bräutigam an einem Abend seine Kameraden und Jugendfreunde im Chassunohause um sich versammelte und bewirtete. So setzte an einem Donnerstag abend schon früh der laute Jubel unten in der Festhalle ein und setzte sich in wachsender Lautstärke tief in die Rächt fort, just die Rächt, in der man oben im Lehrhause beim eifrigsten Studium zur Wiederholung des Wochenpensums bis zum Morgengrauen zu durchwachen pflegte. Als gegen Mitternacht von unten wüster Gesang, auch weltliche Lieder, herauftönten und einige der Schüler hinlauschten oder selbstquälerisch gegen die Ablenkung ankämpften, wagten sich der langgewachsene Mosche Hollischau und der kurze, dickliche Löb Emmerich, wohl die ältesten der Jünger, hinunter, um Ruhe zu bitten oder zu gebieten. Sie wurden mit höhnischem Hallo empfangen. Marum Chofez, den man allgemein lieber umgekehrt Warum E h o z e f nannte, ein Fleischergeselle mit Riesenfäusten, hielt ihnen den Krug entgegen und gröhlte: „Trinkt, ihr Duckmäuser, ihr verstaubten Stubenhocker, ihr Büchermotten und singt mit uns . . . Trinkt und singt, sage ich, sonst heben wir euer ganzes Rachteulennest oben aus ..." „Wißt ihr-nicht, daß oben Rabbi Rosson . . Sie ließen ihn nicht ausreden. Während der Thozef wortlos und vielsagend seine wuchtige Faust fuchtelte, schrie der Bräutigam und Gastgeber, Löbchen Drach: „Schweiget mir nur mit eurem Rabbi Rosson, er, der ..." Mosche Hollischau und Löb Emmerich hielten sich die Ohren zu. Sie selbst hatten sich, indem sie hinuntergingen, den Beschimpfungen ausgesetzt. Rabbi Rosson! das ging doch zu weit . . . Sie wandten sich mit einer Verwünschung ab. Ein paar Fruchtschalen, auch einige, härtere Gegenstände flogen ihnen an den Hinterkopf. Von ohrenbetäubendem Gejohle begleitet, keuchten sie die Stiege hinaus. (Fortsetzung folgt.) Gin religionsphilosophisches Standard-Werk. ' Eine Auseinandersetzung zwischen Eduard v. Hartmanns Philosophie des Unbewußten und dem kritischen Theismus nennt Dr. Luc. Braun sein großes zweibändiges Werk über die „Persönlichkeit G' t t e s ", das vor drei Jahren in den Schriften der Elsaß-Lothringischen wissenschaftlichen Gesellschaft zu Straßburg und im Verlag von Carl Winters Universltütsbuchhandlung in Heidelberg erschienen ist. Das Buch ist aber mehr als eine bloße Polemik gegen die Grundgedanken eines einzelnen modernen Religionsphilosophen. weil sich nicht verkennen läßt, daß kaum irgend einer der großen philosophischen Systematiker der neueren Philosophie mit solcher Gründlichkeit und Vielseitigkeit die pantheistischen Einwände gegen den persönlichen G'ttesbegriss der theistischen Religionen durchdacht und ausgeführt hat, wie gerade Eduard von Hartmann. Diesem gegenüber für den theistischen Persönlichkeitsbegriff in die Schranken zu treten und Hartmanns Argumentation ohne irgend welches Ausweichen oder Verschleiern auf Schritt und Tritt nachzugehen, bedeutet in Wirklichkeit einen E n t s ch e i d u n gs k« m p f für die Grundlage des überlieferten G'ttesbegrifses. Diesen Entscheidungskampf führt der Verfasser des vorliegenden Werkes mit bemerkenswerter Energie und sein Buch vürfte deshalb auch in den Kreisen der orthodox gerichteten jüdischen Religionsphilosophie nicht unbeachtet bleiben. Während der erste Teil des Werkes das Problem der Persönlichkeit G'ttes im Lichte der theoretischen Philosophie im allgemeinen betrachtet, rückt der zweite Teil dem Problem vom Standpunkte der speziellen Religionsphilosophie zuleide. Wie aktuell der Kamps des Verfassers gegen das pantheistifche System ist, beweist ein Blick in die unzähligen Festartikel, die auch in jüdischen Zeitungen und Zeitschriften zum Spinoza-Jubiläum erschienen sind. Braun zeigt, wie die Leugnung der Persönlichkeit G'ttes in der Konsequenz des Pantheismus liegt, wie aber jede eindringliche und ernsthafte Würdigung dieser pantheistischen Gedankengänge ihre verhängnisvolle Einseitigkeit und Voreingenommenheit erweist. Voraussetzung der ganzen Darstellung ist natürlich eine kritische Klärung des Begriffes der Persönlichkeit im Geiste der überlieferten Religionsphilosophie. Dabei bleibt der Verfasser durchaus im Rahmen der Anschauungen, die auch in der jüdischen Religionsphilosophie des Alterüims und des Mittelalters als dogmatische Grundlage des jüdischen Glaubensstandpunktes festgelegt worden sind. Glänzend ist die Beweisführung des Verfassers, die an allen Punkten der Darstellung wiederkehrt, daß der kritische Theismus alle metaphysischen, ethischen und religionspsychologischen Vorzüge des pantheistischen G'ttesbegrifses in sich schließt. Der persönliche G'tt des kritischen Theismus vereinigt die Transzendenz des deistischen und die Immanenz des pantheistischen G'ttes in einer höheren Einheit in sich. Ebenso überwindet auch der persönliche G'tt des krnfchen Theismus den durch die Wesensverschiedenheit von G'tt und Welt sich ergebenden substantiellen Pluralismus durch die Allwirksamkeit der g'ttlichen Weltimmanenz. wie er den einseitigen Monismus durch die Anerkennung einer Vielheit von Substanzen überwindet. Der Theismus ist somit die höhere Synthese zwischen Monismus und Pluralismus. Im. zweiten Teil wird dieses Ergebnis der grundsätzlichen Untersuchunen in feinsinniger Weise angewendet auf die religionspsychologischen. religionsmetaphysischen, religionsethischen und religionsasthetischen Probleme. Wir können das Buch allen jüdisch-theologischen Kreisen, denen es um die geistige Durchdringung der grundlegenden Probleme der religiösen Metaphysik ernst ist, nur aufs wämste empfehlen. Die Juden in Kurdistan. Anläßlich der Ausnahme des Irak in den Völkerbund teilt der Dozent an der Hebräischen Universität Jerusalem, Dr. Walter Fischel, einer der besten Kenner der orientalischen Judenheit, der die Länder des vorderen und mittleren Orients auf einer Forschungsreise aus eigenen Anschauungen kennengelernt hat, der ITA. folgende Einzelheiten über die im Irak lebenden kurdischen Iuöen mit: Auf Grund einer i. I. 1920 durch die britischen Okkupationsbehörden in Bagdad oorgenommenen Bevölkerungsschätzung wurde bisher die -Gesamtbevölkerung des Irak mit 2,850.000 angenommen. Von dieser Zahl rechnete man 2,640.000 auf die Mohammedaner (Sunniten und Schiiten je etwa die Hälfte), 88.000 auf die Juden, 79.000 auf die Christen und 43.000 auf andere Religionsgemeinschaften (Jeziden, Mandäer usw.). Seither dürfte sich die Bevölkerungszahl des Irak im Zusammenhang mit der Konsolidierung der politischen und -wirtschaftlichen Verhältnisse bedeutend erhöht haben. Nach zuverlässigen Angaben rechnet man heute mit einer -jüdischen Bevölkerungszahl von über 100.000. Etwa 70.000 Juden dürften in der Provinz Bagdad, 12.000 in der Provinz Basra und 18.000 in der Provinz Mofful leben. Der Irak stellt somit das Land mit der größten jüdischen Bevölkerungszahl im vorderen Orient — von Palästina abgesehen — dar; Bagdad ist die größte Judengemeinde im ganzen Orient überhaupt. Die staatsrechtliche Stellung dieser Juden ist die einer mit allen Rechten aus gestatteten religiös-nationalen Minorität. Gleich den anderen Minoritäten im Irak, wie Kurden. Assyrer usw., entsenden auch die Juden ihre Abgeordneten (4) ins Parlament und genießen in kultureller und religiöser Beziehung fast völlige Autonomie. Das Gemeindeverfassungsgesetz (Law of the Jewifh Community) gewährt den Juden eigene Gerichtsbarkeit -in Men Fragen religionsgesetzlicher, ehe- und vermögensrechtlicher Art, die Möglichkeit autonomer Gestaltungihres Schulwesens usw. Zwischen den Juden in Bagdad und Basra einerseits und den Juden in Mossul und Umgebung andererseits bestehen weitgehende Unterschiede, so daß man geradezu von zwei Judenheiten im Irak, den babylonischen Juden in Bagdad -und Basra und den kurdischen Juden in Mossul und dem nordöstlich davon sich hinstreckenden Kurdistan, sprechen kann. Infolge der Unzugänglichkeit des Gebirgslandes Kurdistan ist von diesen kurdischen Juden bisher nur sehr wenig bekannt geworden. Die 15.000 bis 18.000 Juden dieses Gebietes verteilen sich auf Hunderte von kleinen Dörfern und Städtchen. In. einem Dorf leben häufig nicht mehr als 5 bis 10 Familien völlig isoliert und ohne Zusammenhang mit einer anderen Gemeinde. In den meisten Dörfern gibt es keine Synagoge, keine Talmud-Thora, kein Minjan, nur von Zeit zu Zeit kommt ein Schochet. Mohel oder Dajan, als eine Art „Wanderrabbi" dahin. Der kurdische Jude 'ist völlig ungebildet, sein Judentum besteht meist nur noch -aus abergläubischen Vorstellungen. Er wird völlig vom Glauben an Dämone, Schejdim,^>en-bösen Blick, usw. beherrscht.. Die Aeltesten unter den kurdischen^Juden befassen sich mit Traumdeutung. Talismanen, Goarloth, Amuletten, praktischer Kabbala. In Tracht und Sitten haben sie sich an die Kurden angeglichen, auch die jüdischen Frauen gehen nach kurdischer Art gekleidet mit einem Turban als Kopfbedeckung, Nasen- und Ohrringen, Arm- und Fußbändern und sogar mit tätowiertem Gesicht. Neben den Landessprachen, kurdisch, türkisch, arabisch, persisch usw. sprechen diese Juden — als einzige jüdische Gruppe der Erde — noch den heute als „Targumfprache" bekannten aramäischen Dialekt, den sie auch „Laschon Hagaluth" nennen. In sozialer Beziehung sind sie im Gegensatz zu den Juden von Bagdad und Basra ausgesprochene Parias. Diese Pariastellung ist soziologisch bedingt durch die noch immer stark betonre Stammesorganis-ation der Kurden. Der nach Rasse, Sprache und Religion von seiner Umgebung verschiedene und außerhalb -ihrer Stammesverbände stehende Jude empfindet sich als geächtet und verachtet. Die kurdischen Juden beschäftigen sich mit Kleinurrd Althandel und verrichten die schwersten und niedrigsten Arbeiten. Sie sind Lastträger, Färber. Gerber, Weber, üben somit Berufe aus, die schon zur Zeit Benjamin von Tudelas für siecharakteristisch waren. Die Zubereitung von Arrak ist ihr Monopol, auch der Verkauf von Gewürzen, Drogen und Heilkräutern' bleibt ihnen überlassen. - . Der Jude in seiner verachteten Stellung erscheint dem Kurden allzuleicht als Blitzableiter, auf den sich sein Zorn entladen kann. Wie gefährdet selbst heute, trotz Irak- Regierung und englischem Mandat, die Lage der als- Minorität unter der Minorität der Kurden lebenden Juden ist, erfuhr Dr. Fischel in Rowandus, einem der landschaftlich schönsten Plätze dieser Gebirgsgegend. Als die Nachrichten von -den Unruhen in Palästina 1929 nach Kurdistan kamen, die natürlich in der arabischen Presse als ein Ueberfall der Juden auf ArMer dargestellt wurden. wollten sich auch die Kurden, die sonst in den Arabern ihre Feinde sehen, an den Juden rächen und es bedurfte der ganzen Anstrengung der Polizei und der englischen Truppen, um die Kurden zu verhindern, in die jüdischen Häuser .einzudringen. Die Gefahr einer großen Judenmetzelei wurde nur in letzter Minute durch das Eingreifen englisch-irakischer Truppen verhütet. Durch den Eintritt Iraks in den Völkerbund und den damit verbundenen Rückzug Englands aus dem Irak wird die Frage -akut, inwieweit genügende Garantien gegeben sind, um die Minoritäten in Mesopotamien, von denen die Juden einen zahlenmäßig besonders wichtigen Faktor darstellen, zu schützen. Daß die kurdischen Juden, schreibt Dozent Dr. Fischel, angesichts dieser Verhältnisse und ihrer abhängigen Stellung überhaupt auch nicht einen Tag länger in Kurdistan leben würden, wenn sie nach Palästina auswandern könnten, wurde mir von fast allen Seiten zum Ausdruck gebracht. Schwer lastet auf ihnen dlc doppelte Galuth, „Galuth Jschmael und Galuth Kurd", wie sie sagten: kein Wunder, daß sich bereits feit Jahrzehnten ein dauernder Strom von Auswanderern nach Palästina ergießt und Tausende auf die Gelegenheit warten, in das Land ihrer Sehnsucht zu kommen. Meine Fahrt durch Kurdistan, die bloße Tatsache, daß ein „Jehudi" aus „Zion" in diese abgelegenen wilden Gegenden überhaupt sich hineinwagte, hat sie in ihrer Absicht nur bestärkt und schien ihnen ein Vorzeichen ihrer baldigen Umsiedlung zu sein. Die kurdische Judenfrage ist in der Tat eine Umschichtungsfrage und da die Kurden infolge ihrer körperlichen Tüchtigkeit, Anspruchslosigkeit und zähen Natur neben den jemenitischen Juden wohl mit die geeignetsten Elemente für die Aufbauarbeit Palästinas darstellen. sollte man an eine Lösung ihrer traurigen Lage in diesem Sinne Herangehen. Wochenkaleuder. vom ro. - 17. Dez. 1332 11. - 18. Kislssw 5693 ' I ’OV tp mivll Samstag 10 11 n KS’l Sonntag 11 12 v Montag 12 13 ' Dienstag Dez. l3 li>02 14 8' Mittwoch 14 15 2' Donnerstag 15 16 J’ Freitag ' 16 17 r> Samstag 17 18 iv Verantwortlich für den allgemeinen Teil und das Feuilleton S. S ch a ch n o w i tz, Frankfurt a. M.; Inserate t. B.: S. Schachnowttz, ebenda. — Für die pädagogische Beilage: Lehrer L. Kaufmann, in Sprendlingen (Kr. Offenbach). — Verlag t es Israelit und Hermon ®. m. b. H., Frankfurt a. M. — Druck Hermon Druckerei, Frankfurt a. M.

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