Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 50 (8.12.1932)
- Date
- 1932-12-08
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Nr. 50 __ finanziellen Schaden davon hätte zwar nicht Herr Marschler persönlich, wohl aber., der Thüringer Steuerzahler zu tragen." . > Jüdische Tragödie in Hamburg. Hamburg, 30. Nov. Viel Teilnahme erweckt hier das tragische Schicksal des Arztes und Serum-Erzeugers Dr. E n o ch, der unter der Beschuldigung, Sera verfälscht zu haben, verhaftet wurde und sich in der Haft eine Tetanus Toxin-Einspritzung in Selbstmordabsicht machte und in Starrkrampf verfiel. Es stellt sich nun heraus, daß alle gegen Dr. Enoch erhobenen Beschuldigungen erfunden und erlogen sind und daß er ein Opfer einer antisemitischen Jntrigue geworden war. Es wurde festgestellt, daß kein einziger Benutzer der Enoch'schen Sera irgendwie an den Folgen dieser Benutzung erkrankt sei. Alle Behauptungen, daß Protestschreiben von Krankenhäusern „die verheerende Folgeerscheinungen der Enoch'schen Sera" gebrandmarkt hätten, haben sich als aus der Luft gegriffen herausgestellt, ebenso alle anderen von der antisemitischen Presse aufgestellten Behauptungen. Enoch ist das Opfer eines persönlichen Racheaktes eines entlassenen Angestellten, der seinen früheren Chef bei dem nationalsozialistischen Organ „Hamburger Tageblatt" denunzierte, das den Fall sofort zu einer wüsten antisemitischen Hetze ausnutzte und die Hamburger Staatsanwaltschaft seltsamerweise veranlaßte, kurzerhand aus Grund der von der genannten Zeitung gemachten Mitteilungen zur Verhaftung zu schreiten. Gegen das „Hamburger Tageblatt" ist wegen Verbreitung irreführender Nachrichten Strafantrag gestellt worden. Neue Demonstrationen gegen Professor Ernst Lohn in Breslau. Breslau, 1. Dez. An der Breslauer Universität ist es am Donnerstag, den 1. Dezember, erneut zu Ausschreitungen gegen Prof. Ernst Cohn gekommen. Nazistuüenten, unterstützt durch SA-Leute, zogen randalierend auf dem Korridor umher, stimmten Kampflieder an und versuchten, die Vorlesung Prof. Eohns zu verhindern: Der Rektor sah sich genötigt, Polizei herbeizurufen, die 200 an der Ausschreitung beteiligte Studsnten feststellte und ihnen die Legitimation abnahm. Die- Polizei schloß die eisernen Gittertore im ersten Stock und durchsuchte alle in den Korridoren Anwesenden. Sie konnte auf diese Weise feststellen, daß sich unter den randalierenden Elementen mehrere Nichtstudenten, so auch der Privatsekretär des SA-Führers und Abgeordneten Heines, befanden. : - Der „Völkische Beobachter" teilt aus Breslau mit, daß zur Sicherung der Vorlesungen von Prof. Ernst Cohn auf der zu-seinem Hörsaal führenden Treppe-ein. etwa 3 .Meter langer und 50 Zentimeter breiter Drahtverhau gelegt worden ist. Die wenigen' Studenten, die zu Cohns Vorlesungen wollen — in dem Kolleg am Montag von 11 bis 12 Uhr waren es drei — werden durch einen besonderen- Gang -im dritten Stockwerk in Cohns Hörsaal geleitet, wobei sie mehrere verschlossene Türen passieren müssen, die von Universitätsbeamten bewacht werden. Im juristischen Seminar selbst befinden sich ständig mit Pistolen ausgerüstete Kriminalbeamten in Zivil und zahlreiche Universitätspedelle. Cohn wird jeden Morgen von seiner Wohnung von zwei mit Pistolen ausgerüsteten Kriminalbeamten in Zivil abgeholt und nach den Vorlesungen ebenso nach Hause gebracht. Das berichtet der „Völkische Beobachter" und — schämt sich nicht ... Große und kleine Lichter. Frankfurt a. M., 6. Dez.. Die orthodoxen Mitglieder der Einheitsgemeinden in Nürnberg und in Fürth waren nicht wenig überrascht, als ihnen das „Israelitische Gemeindeblatt" von Nürnberg-Fürth in seiner Nummer vom 1. Dezember einen Leitartikel aus der Feder eines Herrn Dr. Heilbronn als Ehanukähgeschenk^auftischte, der sich mit der „Legende" des Chanukahlichtes beschäftigt und diese zu deuten sucht. Der Artikelschreiber glaubt, daß man sich zur Talmudzeit den wahren Grund des Chanukahlichtes nicht mehr erklären konnte, darum zu einer „Legende" griff, dis symbolisch auch auf die heutige Zeit angewendet werden könne. Es lohnt sich nicht, weiter auf diese geistvollen Exkursionen des Herrn Dr. Heilbronn einzugehen. Wohl aber lohnt es sich, zu fragen, wieso die Verwaltungen _Der Israelit _ der Einheitsgemeinden in Nürnberg und in Fürth es wagen dürfen, solche Kost, die höchstens zu schal und abgeschmackt ist, um als Gift für die Fugend zu wirken, aber doch jedenfalls so ganz abseits von jüdischem Glauben, jüdischer Tradition und jüdischer Auffassung von Chanukah und Talmud zubereitet ist, wie dürfen sie es wagen, ihren konservativen und orthodoxen Mitgliedern solches Zeug noch zudem auf deren eigene Kosten aufzutischen? Es ist nicht anzunehmen, daß sich die Orthodoxie von Nürnberg-Fürth und ihre Führer das einfach bieten lassen.' Es wäre aber vielleicht doch gut, wenn die „großen Lichter" im liberalen Rabbinat von Nürnberg (oder ziert Herr Dr. H. das Rabbinat einer anderen bayrischen Gemeinde?) das kleine winzige Chanukahlicht, das für uns keine „Legende" ist, sondern das Licht unseres jüdischen Lebens, ein lebendiges Faktum der jüdischen Geschichte und der jüdischen Gegenwart ist, aus dem Spiele liehen. Schacht-Verbot. S ch w e r i n, 2. -Dez. Der Landtag von Mecklenburg-Schwerin hat in seiner gestrigen Sitzung einen von den Nationalsozialisten eingebrachten Gesetzentwurf über das Schlachten von Tieren verabschiedet. Das Gesetz verbietet das betäubungslose Schlachten (Schächten). Oesterreich. Die Deutsche Studentenschaft in Oesterreich gesprengt. Wien, 5, Dez. Die Deutsche Studentenschaft in Oesterreich ist gesprngt. Die katholischen Hochschul - Aus - schüsse haben den Austritt aus der Deust - scheu Studentenschaft beschlossen. Damit verliert die „Deutsche Studentenschaft", die das Rastenprinzip nicht nur in den Vertretungen der österreichischen, sondern auch der reichsdeutschen Hochschulen durchzusetzen trachtete, auch den letzten Schein ihres Anspruches auf Alleinvertretung. Damit wird auch die gesetzliche Einführung einr Studentenordnung auf Grund des Raffenprinzips auf längere Zeit erledigt fein. Den Anlaß zu dem Austritt der katholischen Verbindungen boten die blutigen Zusammenstöße, die sich am Freitag und Sonnabend bei dem Wiener Kreistag der Deutschen Studentenschaft ereignetest. Als der Rektor die Ordnung wiederherzustellen suchte, wurde er mit dem alten Kampfruf- „Schönerer!" niedergeschrieen, „Ohne Juda, ohne Rom, bauen wir Alldeutschlands Dom!" Zionistische Mehrheit in der wiener Uultusgcmeindc. Wien, 5.' Dez. Die am Sonntag, den 4. Dezember, in der Israelitischen Kultusgemeined Wien durchgeführten W a h l e n i n die Vorsteherschaft (Repräsentanz) der Gemeinde haben, große Verschiebungen gebracht. Von den zu vergebenden 36 Mandaten im Vorstand hat die Union ö st e r r e i ch i s ch er I u d e n, die in dieser Körperschaft zuletzt 18 Mandate innehatte und mit den ihr angeschlossenen nichtzionistischen Gruppen über eiye sichere Mehr-, heit verfügte, diesmal zusammen mit den werktätigen Juden (Sozialdemokraten) nur 15 Mandate behalten können, während aus den verschiedenen zionistischen Listen insgesamt 20 Kandidaten gewählt wurden. Das 36. Mcnwat ist noch strittig. Holland. Jüdischer Mittelstandskongreß und Sabbat-woche in Holland. Amsterdam, 5. Dez. Unter dem Vorsitz des Präsidenten des jüdischen Mittelstandsverbandes, Louis S n a p p e r, wurde soeben in Amsterdam der erste jüdische Mittelstandskongreß Hollands abgehalten. Oberrabbiner Onderwijzer wurde zum Ehrenpräsidenten des Verbandes gewählt. Der Präsident der holländischen Organisation „Sjemieras Sjabbos", E. A s f ch e r, hielt auf dem Kongreß einen Vortrag über das Problem der Fünf-Tage-Arbeitswoche. Das Mitglied des holländischen Parlaments, Dr. I. H. I. Vos berichtete über seinen Initiativantrag im Parlament betreffend Ossenhaltung jüdischer Läden am Sonntag. Die Leitung der holländischen Organisation „Sjemieras Sjabbos" beschloß, in den ersten Monaten des Jahres 1933 eine Werbewoche für den Sabbat zu veranstal- 8. Dezember 1932 ten. Im Amsterdamer Jüdischen Historischen. .Museum wird eine Sabbat-Ausstellung zu sehen.sein. In ganz Holland werden Sabbat-Werbeversammlungen, besonders für .die Äugend, abgehylten werden. - - Schweiz. . Semester-Eröffnung in der Jeschiwoh Montreux. Montreux, 1. Dez. Am 13. November eröffnete die Jeschiwoh in Montreux ihre Wintersemester. Nach dem taditionellen Jeschiwohlied „Aschrenu ma rauw chelkenü uma norm gaurolenu" begrüßte der Rösch Jeschiwoh die'anwesenden Gäste wie auch seine Schüler in gewohnter Herzlichkeit. Letzteren legt er die Worte des in diesem Semester zu erlernenden Traktates Pefochim ans Herz aiv '22 0»» „Wer mit guten Vorsätzen an das Lernen herangeht, dem wird es auch glücken, aits *aa 022zufrieden und froh das Semester zu beschließem" Das 12. Semester, das die Traktate „Pefochim" und „Chulin" als Lehrprogramm wählte, soll sich nun würdig an die 11 vorangegangenen Semester anschließen. . Unter den Bachurim sind vertreten Schweizer, Deutsche- Franzosen, Tschechen, Litauer, Ungarn usw., die sich alle einträchtig um ihren Rabbi und die von ihm gelehrte Thora scharen. . Nach dem Minchogebete begann der Rosch Jeschiwoh, Rabbi Elijahu Botschko, seine mehrstündige, tiefgründige Eröffnungsrede, in der er zunächst konstatiert, daß die Jeschiwoh trotz der-wachsenden Krise und der fühlbaren Not nicht wankt, sondern sich im Gegenteil immer. mehr verwurzelt und verankert. Die Skeptiker sahen in der Jeschiwoh unaktuelles Altertum, während sie tatsächlich unsere alten Ideale zum Ideal der Neuzeit gestaltet, an der die interessenlose und apathische Jugend sich neu entzündet. In großangelegten Ausführungen erläutert er dann Wege und Ziele der Jeschiwoh und ihr auf Erreichung von Thorawissen und höchstem, sittlichen Lebensstandard abzielendes Lehrprogramm. Ev schließt mit einer hinreißenden Mussardroscho, die größten Eindruck hinterließ. Nach dem Maariw-Gebet und. dem gemeinsamen Abendessen fand die Feier ihre Fortsetzung in einer ge^ mütlichen Unterhaltung. Die Semestereröffnungsfeier in der Jechiwoh Montreux wird vom ernsten Lernen abgelöst, die n-nnn nna® wird bleiben, Landeskonferenz der Agudas Jisroel in Polen. Warschau, 6. Dez. Auf der Sitzung des A. E. der Agudas Jisroel wurde beschlossen, die Landeskonferenz der Agudas Jisroel in Polen. auf Sonntag, den 16. S ch w a t h,. in Warschau ernzuberufen. Zur Beratung tiber Kehillo- Angelegenheiten werden alle orthodoxen Kehillavorsteher zu dieser Konferenz herangezogen. Aus der Sitzung des A. C. wurden auch Berichte über die Lage in Polen, übeedie Tätigkeit der A, ^.-Weltorganisation, über die Palästina-Arbeit und die Beth Jakow-Bewegung erstattet. Das Budget der Warschauer Gemeinde. - -Warschau, 6. Dez. Die B u Ä g e t k 0 m m i s s i 0 n des Kehillorates hat das Budget der Subventionen mit 300 000 Zloty angenommen. Es ist der orthodoxen Fraktion gelungen, aus den für Erez Jisrael bestimmten Geldern 20.000 Zlotys für spezielle orthodoxe Zwecke in P al ä st i n a stcherzustellen. Die Situation in Lemberg und in ganz Polen.;!• : ' Le mb erg, 6. Dez. In Lemberg herrscht noch keine Ruhe. Ein kritischer Tag erster Ordnung war Dienstag, der 29. November, .während und nach der Bestattung des getöteten Studenten Grotkowski. Die große Ausmachung der Bestattungsfeierlichkelten, die Menschenmassen und die Beteiligung vieler politischer Persönlichkeiten, all das wirkte geradezu ausputschend. Trotzdem die jüdischen Geschäfte alle geschlossen waren, kamen bei dem Abmarsch der Massen vielfache Plünderungen vor. Es gab an diesem Tage allein etwa 160 jüdische Verwundete. Am Mittwoch blieben die jüdischen Geschäfte geschlossen. Auch dieser Tag brachte ein paar Mißhandlungen schwerster Art. Jüdische Fahrgäste wurden aus Straßenbahnwagen hinausgeworfen, in der Nähe der Universität wurden zwei jüdische Rechtsanwälte und ein Baumeister