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Der Israelit · 1932-12-08 · Heft 50 (8.12.1932) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
73 (1932)
Issue
Heft 50 (8.12.1932)
Date
1932-12-08
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Nr. 50 Seite 5 8, Dezember 1932 ,, .; _ Nachdem Dr. Kahn,esne parallele zwischen dem spezifischen Iud^nschicksal in Polen» Litauen und Lettland gezogen hatte» gab er einen kurzen Abriß der Entwicklung in Rußland. Cs ist bekannt» daß in Rußland eine Rahrungsmittelkrise ausgebrochen ist» die besonders in der Ukraine schwere Formen annimmt. Aber es gibt dort kaum mehr (?? Red.) jüdische Rechtlose» denn die junge arbeitende Generation zieht die ältere Generation mit sich. Alan steht in den russischen Städten keine herumlungernden Arbeitslosen» keine Bettler. Der Prozeß, der sich für die, russische Judenheit vollzieht» ist von Bedeutung für den ganzen Osten. Hier hat! sich der Eintritt der jüdischen Masse in die Industrie mit scharfer Lindringlichkeit vollzogen. In Rußland ging die Emanzipation der Juden in der Form eines Gesamtanteils an der Inudstrialisterung vc^r sich. Diese Form der Emanzipation ist auch für die Juden überall die gegebene. (Und wie steht es mit der Unterdrückung der religiösen Lebensäußerungen? D. Red.). Trotz des Marsches der Jugendlichen in die Fabriken ist auch die agrikulturelle Entwicklung der Juden in der Sowjetunion von Wichtigkeit; auch im Bauerntum müssen die Juden entsprechend vertreten sein. Hierin, liegt die Bedeutung des Werkes von Agro-Ioint. Nur daß das, was früher als die einzige Lösung erschien, heute nur die Bedeutung einer gleichberechtigten Arbeit hat. Unbeschadet der Kollektivierung der Dörfer.hat sich^ die Idee der jüdischen Siedlung durchgesetzll Wohl sind in der Ukraine Rück-- schläge zu verzeichnen — Rückschläge» die durch die Erleichterung des Verkaufs der Produkte auf den Stadtmärkten und die Milderung der Vorschriften für die Ablieferung an den Staat zum Teil wettgemacht worden sind» — aber auf der Krim geht das landwirtschaftliche Aufbauwerk konstant weiter. Auch auf dem Gebiete der Industrialisierung schreitet Joint voran. Hier besieht die Aufgabe darin» die Jugend für den neuen Beruf vorzubereiten und zu beraten» sie auf die einzelnen Zweige, für die sie sich besonders eignet, zu verteilen und sie von anderen Zweigen fernzuhalten, für die der junge Jude weniger taugt. Dr. Kahn gab einen Ueberblick über die Arbeit der Ioint-Kooperativen und der Ort-Kooperativen» die alle, gute Jahresabschlüsse gehabt haben» so daß ein großer Teil der Arbeit mit Hilfe der Rückzahlungen geführt werden kann. Korrespondenzen « üacbricMcn. Deutsches Reich Für die Falaschas. Frankfurt a. M., 1. Dez. . Herr Dr. Karl Kindermann in Konstanz am Bodensee, Rheingutstr. 6, der in weiteren Kreisen durch seine Erlebnisse in Rußland und sein Buch „In den Toten- Häusern Moskaus" bekannt geworden ist, bittet uns um die Veröffentlichung des nachfolgenden Aufrufs: - Unter den bedeutendsten Aktionen des Weltjudentums zu Gunsten religiös oder wirtschaftlich gefährdeter exotischer Juden steht seit Jahren die von Dr. Jaques Faitlovitch begonnene R e g e.n esr i e r u n g der a b e s s i n i s ch >e n F a l a s ch a an erster' Stelle. Durch seine auf Veranlassung des Baron Rothschild und zahlreicher prominenter Rabbinen aller Länder vor dem Weltkrieg unternommene Expedition nach Abessinien brachte er die Missionstätigkeit unter den Falascha zum Stillstand und stellte gleichzeitig die Verbindung dieser schwarzen Juden mit der europäischen und amerikanischen Judenheit her. Nach langen Vorbereitungen wurde 1923 unter wohlwollender Förderung des Kaisers Ras Tafari ein Falascha-Zentralinstitut in Addis-Abeba begründet, in dem die Falafchakinder Unterricht erhalten und dann einem Berufe zugeführt werden. Bekanntlich besitzen die Falascha allein die Fähigkeit, Handwerke auszuüben, zu denen die anderen Abessinier nicht leicht imstande sind. Ihre Tätigkeit als Schlosser, Schmiede, Schreiner, Buchdrucker usw. wird sehr geschätzt. D e r p s v a e I i t Die Woche. Weimar. Bei den Thüringischen K o m m u n a l w a h l e n am Sonntag, den 4. Dezember, erfuhren die Nationalsozial i st e n einen Stimmenniedergang, der im Vergleich zu den Novemberwahlen 2 0 Prozent ausmacht. Breslau. Vor dem akademischen Senat der Breslauer Universität wurde am Sonnabend disziplinarisch gegen 14 Studenten verhandelt, die bei den Tumulten um Professor Ernst Cohn am 10. und 17. November festgestellt worden waren. Vier Studenten wurden mit einem Verweis, neun mit dr Androhung der Entfernung von der Universität bestraft, einer mit Nichtanrechnung des laufenden Semesters auf die vorgeschriebene Studiendauer. Wien. Der Bund jüdischer Frontsoldaten Oesterreichs veranstaltete auf dem Jüdischen Friedhof in , Baden eine H e lde n ge d e n k f e i e r mit Kranzniederlegung vor dem jüdischen Heldendenkmal. Feldrabbiner Dr. Frankfurter verrichtete das religiöse Zeremoniell, worauf der Bündesführer der jüdischen Frontsoldaten . Oesterreichs. General Emil Sommer, die Gedenkrede hielt. Der Badener Bürgermeister und frühere Minister K o llma nn und Vizebürgermeister Dr. Hahn hielten ebenfalls Ansprachen zu Ehren der im Weltkriege gefallenen Juden. — Mfolge 'authentischer Meldungen der „Christlich-Sozialen Montagsblätter" bereitet Baron Louis Rothschild sein Ausscheiden aus dem Geschäftsleben vor. Das WienerHaus Rothschild will sich künftighin ausschließlich der Verwaltung des Hausvermögens 'widmen. —, In einer Massenversammlung wurde scharfer Protest gegen die systematische Entlassung jüdischer Angestellter in der O e st e r r e i ch i - scheu Kreditanstalt eingelegt und die Ergreifung energischer Gegenmaßnahmen beschlossen. Mindestens 500 jüdische Familien wurden brotlos gemacht. Paris. Mit Unterstützung der Großzügitzksit der Familie K a - d o o r i e hat die Alliance Jsraelite Universelle den Bau moderner jüdischer Schulgebäude in Damaskus, in I st a h e n und in Persien begonnen. Die Familie Kadoorie übernahm auch den Bau der Marranen-Synagoge in Oporto wesentlich aus ihre Kosten. Die Synagoge in Oporto wird voraussichtlich den Namen Kadoorie- S y n a g o g e tragen. Budapest. Der Vorstand der Pester Israelitischen Kultusgemeinde hat den General Martin Zöld von Sioagard zum S t e l l v e r t r e t e r' treter des K u l t u s v o r st e h e r s der Gemeinde, Ministerialrat Dr. Edmund Blum, ernannt. General von Zöld machte den Krieg als . Regimentskommandant mit und wurde in den Adelsstand erhoben und zum General durch Reichsverweser Nikolaus von Horthy befördert. General von Zöld ist seit mehr als zehn Jahren Mitglied der Repräsentanz der Kultusgemeinde und des Vorstandes der Pester Chewra K a d i s ch a. Belgrad. Anläßlich des Nationalfeiertages fanden in sämtlichen Synagogen des Landes Festg'ttesdienste statt. In Belgrad erschienen in der sephardischen Synagoge der Abgesandte des Königs Alexander von Jugoslawen und als Vertreter der Regierung der Unterrichtsminister Dr. Radenko S t a n k o v i c. In der aschkenafischen Synagoge erschien der Minister für Körperkultur, Dr. Ladlslav H a n z e k , zum G'ttesdienst. London. Im „Daily Expreß" ercheint an leitender Stelle ein Artikel von Joseph Goebbels unter der Ueberschrift „Unser Krieg gegen die Juden", in dem das nationalsozialistische Programm entwickelt und alle von dieser Seite gewohnten Gehässigkeiten abgeladen werden. Die Redaktion, die schon öfters hitlerfreundliche Neigungen zeigte, schickt dem Artikel eine Bemerkung voran, daß sie Judenverfolgungen verabscheue und sich! mit dem Artikel nicht identifiziere. Wie nett! . . . Jerusalem. Nach den jetzt bekanntgegebenen Ergebnissen der letzten Volkszählung haben 160 000 Juden Palästinas Hebräisch als ihre Muttersprache angegeben. 4600 Juden betrachten Jiddisch, ein kleiner Rest Deutsch. Englisch, Russisch und Persisch als Muttersprache. — In der Nähe von H a - math am Jordan wurde eine alte Synagoge aus dem 5. Jahrhundert ausgegvaben, mit hebräischen uüd aramäischen Inschriften und vielen Namen von Spendern und Vorstehern. Es wurden auch Reste eines Thoraschreins gefunden. Kaisgrej;ras$V27 Der Unterzeichnete hat sich nach einer kürzlich in Paris stattgefundenen Besprechung mit Dr. Faitlovitch bereit erklärt, zusammen mit dem Begründer der Bewegung das Rettungswerk für die Falascha fortzusetzen. Cr gedenkt im Frühjahr 1933 nach Abessinien zu reisen.- um an der Errichtung der ersten Gewerbeschule für Falascha, die zugleich überhaupt die erste Schule dieser Art in Abessinien sein wird, mitzuarbeiten. Selbstverständlich rechnet man dabei auf die tätige Mitwirkung der Glaubensgenossen in Europa und Amerika. Wir brauchen dringend Werkzeuge und Ausstattungen für die genannten Berufe. Aus diesen! Grunde wendet sich der Unterzeichnete an die Kreise derjenigen Juden, welche gewillt sind, in irgend einer Weise die Falascha-Aktion zu fördern. Insbesondere bittet er die jüdische Jugend, für die sich in >dem noch wenig erschlossenen Abessinien reiche Zukunftsmöglichkeiten bieten, ihm durch eine rege Sammeltätigkeit zu helfen. Wir sind gerne bereit, Beiträge entgegen zu nehmen und auch Mittelungen an Herrn Dr. Kindermann weiterzugeben. Eine Geschichte mit „eingeschmuggelten Gstsuden" vor dem preußischen Landtag. Berlin, 4. Dez. Der Nationalsozialist S ch m i d t - H i lü e s h e i m hat im Preußischen Landtag eine Kleine Anfrage eingebracht, in der behauptet wird, daß der Angestellte des Staatsangehörigkeitsbüros Tscherswitz zahllose Ostjuden ..eingeschmuggelt" habe. Er habe die hierfür erforderliche Unterschrift des verantwortlichen Vorgesetzten gefälscht und sich dafür von den Juden Bestechungsgelder zahlen lassen. Die ITA. erfährt dazu von bestinformierter Seite, daß es sich hier um 4 oder 5 Fälle handelt, in denen tatsächlich der Regierungsbllroangestellte Tscherswitz Urkunden gefälscht hat, durch die Ostjuden diedeutsche Staatsangehörigkeit zuerkannt wurde. In keinem dieser Fälle aber sind diese 4 oder 5 Leute tatsächlich eingebürgert worden. Die Betreffenden haben sich wegen ihrer Einbürgerung an das Staatsangehörigkeitsbüro gewandt und hatten dort auch mit Tscherswitz zu tun. Tscherswitz hat ihnen seine Hilfe zugesagt. Tatsächlich hat er auch in diesen Fällen eine Anzahl von Schreiben persönlich an irgendwelche Stellen, vor allem in Berlin, gerichtet, um die Einbürgerung der Gesuchssteller zu befürworten. Es ist ihm aber in keinem Falle gelungen. Er hat sich dann von den Gesuchsstellern die Unkosten für seine Privatarbeit bezahlen lassen, so daß diese nicht auf den Gedanken konunen konnten, daß daraus eine Bestechung konstruiert werden könnte. Die ganze Angelegenheit ist noch Gegenstand der Untersuchung. Thüringischer Finanzminister Marschler kündigt einen Erlaß zum Iudenboykott an. B e r l i n , 5. Dez. Der thüringische Finanzminister Marschler hielt auf einer Einzelhandelstagung in Weimar eine Rede, in der er bedauerte, keine Steuerermäßigung fiir den Einzelhandel vornehmen zu können. Dagegen werde er aber den Kampf gegen Warenhäuser und Konsumvereine bis aufs Messer führen. Auch werde in den nächsten Tagen durch einen Erlaß der Regierung von den Beamten verlangt werden, „daß sie nicht beim Juden und in jüdischen Warenhäusern einkaufen, sondern beim christlichen Einzelhändler". Zu dieser Ankündigung des Ministers Marschler wird der ITA. vom Central-Vereiu dentscher Staatsbürger jüdischen Glaubens mitgeteilt: „Schon eine derartige Ankündigung von hoher Regierungsstelle aus bedeutet einen unzulässigen Eingriff in die Rechte der deutschen Juden. Kennt der Minister die Rechtsprechung der deutschen Gerichte in Boykottsachen so wenig, daß er nicht die Folgen sieht, denen er die Regierung seines Landes durch solche Reden oder Erlasse aussetzt? Denn es kann keinen! Zweifel unterliegen, daß die Gerichte den Anspruch der so Boykottierten auf Unterlassung und auf Schadenersatz anerkennen würden. Den

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