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Der Israelit · 1932-12-08 · Heft 50 (8.12.1932) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
73 (1932)
Issue
Heft 50 (8.12.1932)
Date
1932-12-08
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 4 Nr. 50 Der Israelit Weit übsr 1000 sobrsibfsrtigs Füllfederhalter mit 14 Karat Goldfeder ab RM. 2.50. zur Auswahl Hausmarken Ceka u. Juwel, sowie die bek. Markenhalter AADI Ifg IDDCI KAISERSTRASSE 75 (VwrrbL Schreibwaren jeder Art Eisenbahnzügen vor Lemberg werden Juden schwer mißhandelt. All diese Berichte sind nur kleine Bruchstücke,.,die die Lage bei weitem nicht zeichnen, da die jüdischen Zeitungen in den Tagen der Unruhen verboten und die anderen Zeitungen und Rachrichtcnstellen einer strengen Zensur unterworfen sind. Das geschieht nicht aus .bösem Willen, denn nach übereinstimmenden Meldungen war die Polizei überall auf dem Platz und tat auf höhere Weisung ihre Pflicht. Die Regierungsbehörden haben den Ernst der Situation erfaßt, wollen ihn aber durch Aufbauschung und aus.erhitzter Leidenschaft geborene Glossierung der Vorkommnisse nicht noch vergrößern. Aber eines hat PRm und hat die Welt, bei allen Zensurschranken, doch gleich erfahren müssen: Tin junger Jude, bedroht und bedrängt von allen Seiten, zog in seinder sinnlosen Verzweiflung das Messer und stp,ch auf seine Gegner ein. Der auf diese weise' getötete Student erhielt dann ein Märtyrerbegräbnis unter Teilnahme von 60 000 nationalistischen Polen, geführt von den früheren Ministern Stanislaw G c a b s k i und Professor G l o mb i n s k i. Der Begräbnistag wurde gekrönt von einem „kleinen" Pogrom, bei dem nur 146 Juden verwundet wurden. Diese Nachrichten zu unterdrücken, die aufreizende Ausmalung des Begräbnisses, seiner Folgen und Konsequenzen den nationalpolnischen Zeitungen zu versagen, hatten die Behörden kein Interesse. Jener jüdische Messerheld hat uns und seinem Lande keinen guten Dienst geleistet. Daß die beste Parade der Hieb ist, ist eine Doktrin, die nicht auf jüdischem Grunde gewachsen ist. Uns wurde es in den jüdischen Grundschulen, wo wir Pentateuch lernten, anders boigebracht: *n"i» Jakob fürchtete doppelt; er fürchtete, angegriffen und erschlagen zu werden, er fürchtete noch mehr, in Notwehr zu- und erschlagen zu müssen. Jener junge Mensch soll, wie uns berichtet wird, einer von denen sein, die längst alle Beziehungen zu Juden und Judentum gelöst haben. Allein, haben wir Juden nicht auch ein Anrecht darauf, Wahnsinnige in unserer Mitte zu haben? Darf es nicht in einer Zeit der seelischen Entwurzelung und der Gottlosenpropaganda auch entartete Söhne jüdischer Mütter geben, die, bar des inneren Kaltes und von außen bedroht.und bedrängt, nach des GegnersWaffe greifen? . . . Daß es unter den fielen Hunderten verwundeten Juden bis jetzt nur einen Toten gibt (drei Juden ringen mit dem Tode), ist genau so ein „glücklicher" Zufall, wie die Tötung des polnischen Studenten durch jüdische Hand ein unglücklicher Zufall ist. Dieser jüdische Jüngling hat ab.pr jetzt, neben seinem Opfer, auch das noch auf dem Gewissen, daß das ganze Bild verschoben und vertuscht wird und die Augen der Welt von dem Skandal an sich und den unzähligen unschuldigen jüdischen Opfern auf den einen zufällig tödlich Getroffenen in den Reihen der Skandalurheber abgelenkt wird. Ein warnender Fingerzeig sei Lemberg heute für die anderen Städte Europas,. Es bleibt nirgends bei der Verprügelung einiger jüdischer Kommilitonen. In Wien haben die Studentenkrawalle zu einem wahren Konfessionskrieg gegen die katholischen Studenten und zu einer Sprengung der Deutschen Studentenschaft geführt. Das energische Durchgreifen von Rektor und Senat in Breslau müßte beispielhaft für alle anderen Universitäten Deutschlands, Oesterreichs, Ungarns und auch Polens sein, für alle Hochschulen in Ost- und Mitteleuropa, die nationaler Dünkel unreifer Jungen zu Tiefschulen engherzigster Unkultur heräbzerrt. Wer heute, noch unter den bestellten Hütern der Wissenschaft und Kultur die „Dummejungenstreiche" mit einem Lächeln des Verstehens für die liebe akademische Jugend toleriert oder ignoriert, der behalte das Wort Lemberg im Sinne. Jiut der Glaube mschr es . . Franz W,e r'f e l s Vortragsreisen durch die deutschen Städte lenken unser Augenmerk aus sein vor einiger Zeit unter dem Titel Können, wir ohne G'tt und Glauben leben?" erschienenes Büchlein, das die Grundlage seiner Referate bildet. Wie man zu Werfel und seinen zu wenig bestimmten Forderungen und Aufforderungen steht, als Symptom unserer- Zeit müssen diese Bekenntnisse einer schönen Seele — wir sagen es ohne Ironie — gewertet werden. Franz Werfel, der ganz jenseits von religiösem Gut und Böse seine bekannten Meisterwerke geschaffen hat, ist, ähnlich wie Jakob Wassermann, auf die Religion gestoßen, auf G'tt und Glauben. Bei Wassermann ist der Grund ersichtlich und zugegeben: Der Haß der Außenwelt zwingt ihn, s e i n e n W e g als Deutscher und Jude in aller Offenheit zu zeigen. Werfel scheint nicht allein von den Windstößen des Antisemitismus, sondern mehr von inneren S t ü r m e n zum Metaphysischen geworfen zu werden. Darum spricht er auch nichts-von Judentum und nichts von Christentum, er spricht von Religion, von G'tt und Glauben schlechthin. Das mag seinen Bekenntnissen eine höhere Warte sichern, nimmt ihnen aber den praktischen Sinn und erzieherischen Wert. Immerhin interessant und bezeichnend, daß der Dichter nicht vom Aesthetischen, vom lyrisch umnebelten Unterbewusstsein des Poeten zu G'tt findet, sondern 'vom Denkecischen, vom Wissenschaftlichen, mit klaren, sehenden Augen. Die Sicherheit, mit der früher die Wissenschaft G'tt negierte, hat diese längst verloren. „Die moderne physikalische Theorie, zitiert Werfel, zwingt uns zu denken, daß der Schöpfer außerhalb von Raum und Zeit tätig ist, genau wie der Künstler losgelöst von der Leinwand sein Meisterwerk schafft". Die naturalistische. Verschwörung gegen den Glauben ist zusammengebrochen. Hatte die Physik geglaubt, mit Hilfe tüchtiger Ingenieure ein Modell der ganzen Welt herzustellen, so mußte sie einsehen ,daß sie es nicht kann, daß alle Naturwissenschaften nicht einmal auf die Rätselfragen über den Menschen und sein Leben Antwort geben können. Man wollte uns einreden, der inenfchliche Intellekt habe sich aus dem Selbsterhaltungstrieb des Geschöpfes herausgebilöet, das ohne Hörner und Klauen und Reißzähne zur Welt gekommen ist und sich doch seiner Haut wehren mußte . . . Werfel möchte aber nicht glauben, daß alle philosophischen Systeme, alle großen Kunstwerke, Platos Dialoge, die Neunte Symphonie, daß all das aus dem Zufall entstanden ist, daß eine gewisse Affensorte ohne körperliche Abwehrmittel zur Welt gekommen ist. Absurd auch die Auffassung, die Lösung und Erlösung könne aus dem Kampf für oder gegen den ökonomischen M ä t e r i a I i s nr u s kqmMen. : Werfel geht noch einen Schritt weiter und wagt es 'auszusprechen, daß in der W e l t v o.n N i h i l i s m u s , Materia - l i 's m usünöG' t t e s l e u g n u n g kein p l atz fü't die Moral ha sei. Diese könne nur auf dem Grunde der Religion gedeihen. Was sollen all die moralischen'Forderungen, wozu bräv und ehrlich sein, das Böse meiden und sich der Verantwortung bewußt sein, wenn alles im Menschen und inr Leben dem Prozeß der Auflösung für alle Zeiten zustrebte? Wie gäbe es bei solcher Anschauung ein höheres Ideal, als den Aügenblick nutzen, das Leben genießen; was wäre dann noch die Zukunft, die Menschheit, was die persönliche Verantwortung dieser gegenüber? Nur die Verwurzelung unserer Seele im Ewigen, Geistigen und G'ttlichen gibt unserem Leben Zweck, Sinn und Ziel. Cs ist, interessant, solche Dinge, für u n s B i n - sen Wahrheiten, in schöner Formulierung aus dem Munde eines gefeierten modernen Dichters, Wortführer einer neuen literarischen Schule zu hören. Wenn er aber vornehmlich diese Grundwahrheiten vor liberalen jüdischen Kreisen verkündet, so wird sich doch den Hörern die Frage auförängen: Welche Religion ist es, der der Dichter das Wort redet? Die Glückseligkeits- und Aufklärungsperioöe mit' ihren „drei Ringen" hat sich doch wohl ebenfalls überlebt; und auch damals, in der Lesstng'schen Epoche, war doch wirklich echt unö vom Vater gegeben nur einer der R i n g e! Jüdische Hörer müssen die __ 8. Dezember 1932 werfel'fchen Gedanken, weiter denken, zu Ende denken, qls Saatkörner in ihre Seele aufnehmen und sie betreuen, daß sie keimen und Früchte, tragen, wahrhaft jüdische Früchte.- Erst dann"erhalten sie ihren vollen. Wert.. .. Die neue Form der Emanzipation der Juden in Osteuropa, Dr. Bernhard Kahn, Generaldirektordes American Joint Distribution Committee und Direktor der Joint Reconstruction Foundation, der in den letzten Wochen eine Reise durch Polen, Litauen, Lettland.unö Rußland gemacht hat, referierte vor Vertretern der jüdischen Presse über jüdische W i r t s ch a f t s - und U m f ch i ch tun gsprobleme in den Ländern Osteuropas. - Dr. Bernhard Kahn führte aus, seine Reise sei. lediglich eine Informationstour gewesen, bedingt durch die „Atempause", die sich das, American Joint Distribution Committee in seiner finanziellen Unterstützung der jüdischen Aufbauarbeit in Osteuropa ge- , genwärtig auferlegen muß. Um den Faden nicht abreißen zu lassen und damit nach Beendigung der Atempause genauere Informationen bezw^ Vorschläge für eine verstärkte Wetterführung der Arbeit vorhanden seien, ' hat Dr. Kahn die Herbstreise unternommen; zwischendurch hat er das Notwendige zur Fortführung der dringendsten Arbeit veranlaßt. Das-I. D. C. war ursprünglich eine Organisation zur Unterstützung der durch die Kriegswirren in Not geratenen jüdischen Massen und sollte sich nach Kriegsende auflösen. Ihm, Dr. Bernhard Kahn, sei es gelungen, die maßgebenden kreise zu der Auffassung zu bringen, daß dem Rettungswerk während des Krieges ein Aufbauwerk nach dem Kriege folgen müsse. In den letzten Krisenjahren konnte dieses Werk freilich nicht mit den gleichen reichen Mitteln wie in den vorangegangenen Jahren gespeist werden. Immerhin hat Joint in den letzten drei Jahren zwischen 200 000 und 500 000 Dollar (außerhalb Rußlands und Palästinas) ausgeben können. Während seiner letzten Abwesenheit in Polen konnte Dr. Kahn den Kreditgenossenschaften Mitteilen, daß die „Foundation" und Joint allein für Polen l 75.000 Dollar an neuen Krediten bewilligt haben. An diese Mitteilungen knüpft Dr. Kahn eine Bemerkung, wie sich das I. D. C. die Fortführung des Aufbauwerkes mit den jetzt spärlicher fließenden Mitteln denkt. Eigentlicher Zweck der Kreditgenossenschaften sei es, den Selbsthilfe- und Umschichtungsprozeß der jüdischen Massen zu fördern und in gewissem Sinne auch zu leiten. Die durch die wirtschaftliche Entwicklung in den Gstländecn aus ihren bisherigen Handelsbernfen hinausgestoßenen und, an die- Produktion Anschluß suchenden -Elementesosteri nicht nur durch Gewährung von Darlehen gefördert, sondern auch in -der Wahl des neuen Berufes beraten werden, damit nicht, .wieder manche.Berufszweige durch Ueberfüllung verelenden- und andere, vielversprechendere, unbesetzt bleioen.h',. i -,.. - Dr. Kahn gab einen Ueberblick überdie, allgemeine Lage der jüdischen Massen, die furchtbar, aber nicht hoffnungslos ist. Man solle mit dem Wort hoffnungslos überhaupt nicht so leichtfertig operieren, eine solche Anschauung lähmt jede Tatkraft. Er, Dr. Kahn, habe Hoffnungslosigkeit mehr bei den Führern als bei den Massen angetroffen. Es ist wohl entmutigend, Zusehen zu müssen, wie im wirtschaftlichen Konkurrenzkampf die jüdische Mittelschicht niedergeht und ein nichtjüdischer Mittelstand emporsteigt, und wie. bei den maßgebenden Stellen der Regierungen, wenn auch kein Antisemitismus, so doch eine Interessenlosigkeit. an dem jüdischen wirtschaftlichen Schicksal sestzustellen ist: Was tun? Selbsthilfe, Umschichtung, Umstellung, Eroberung der wirklichen jüdischen Gleichberechtigung in der Form des Mitvertretenseins in der staatlichen Beamten- und Angestelltenschicht. Heraus aus dem zuj rückgebliebenen Handwerk und hinein in das Industrie- Handwerk. Dieser Umstellungsprozeß muß ' .aber kon- 1 trolliert und geregelt werden. Und hierin liegt der eigentliche Zweck der Kreditgenossenschaften, denen Joint in dm letzten Jahren 300.000 Dollar allein für diesen Umschichtungsprozeß zur Verfügung gestellt hatte.; . ..... ..

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