Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 50 (8.12.1932)
- Date
- 1932-12-08
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2450704-2450752--79236-2536975- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Der Israelit Nr. 50 .Seite 3 8. Dezember 1932 .schaft und Energie ohnegleichen gegen die geistige Vergewaltigung der gleichmacherischen europäischen Jugenderziehung zu stemmen. Sie wollten das Linsengericht der Emanzipation nicht mit der geistigen -Erstgeburt bezahlen, wollten sich jüdisch-geistige Zeugungskraft nicht um den Preis einer aufgezwungenen, , becechtigungsträchtigen „Bildung" kastrieren lassen. Bis jetzt haben sie darin durchweg bewundernswerten -Erfolg gehabt. Dennoch wäre nichts irriger, als daraus auf „Bilöungsfeindlichkeit" als Prinzip zu schließen. Die Kontvastierung von Thora und Bildung ist überhaupt höchst unglücklich, ist im Kern falsch und eine Erniedrigung des jüdischen Bildungsguts. Aber wenn die Fanatiker und Inquisitoren, der Moderne schon ein banges Entweder-Oder dem Judentum aufzwingen und die in sich verlogene Alternative eine Entscheidung heischt, dann hat allerdings die jüdische Masse dieser vier Länder mit Todesmut und mit Verachtung aller Gefahren für die Ueberwertigkeit und, wenn es nottat, Cinzigwerligkeit der Thora Zeugnis abgelegt. Die Normalschule Josefs ll. in Galizien scheiterte an dieser Hartnäckigkeit ebenso wie die Kulturpläne des Zaren Paul. Es ist das Kulturproblem natürlich eine der ernstesten Fragen, die der Gegenwart des östlichen Judentums gestellt sind. Für ihre Diskussion aber ist eines gewiß: k e i n e L ö s u n g h a t einenWert, die ein Massenamhaarazus zur Folge h a b e n mn ß. Die endgültige, aus dem wahren Geist des Judentums erfolgende Lösung dieses herben und verantwortungsschweren Problems ist noch nicht gefunden. Aber doch ist eine überraschende innere Wandlung in der jüdischen Welt der vier Länder zu verspüren — s Le i st viel reich, er <*n moderner Bil - du n g als wir es ahnen. Die scharfe Denkarbeit im Talmud hat den Intellekt geweitet, ihm eine Kapazität und Schnelligkeit der Auffassungsgabe, gegeben, daß ohne Drill und Schulbank, ohne systematische und pädagogische Vorbereitung die Bildungselemente fast allgemein ausgenommen worden sind. Die Bildung kommt angeflogen: durch alle Poren und Ritzen des Lebens dringt sie ein, und da sie erzogene denkgewohnte Hirne vorfindet, kann sie leicht angeeignet und assimiliert werden. Ein ausgebreitetes, ganz modern funktionierendes jüdisches Zeitungswesen in jiddischer Sprache, in hebräschen Typen gedruckt, macht jeden ebensosehr zum Miterleber aller poltischen und kulturellen Weltereignisse, wie wir es nicht vollständiger sein können. Ein Vortrags- und versaminlungswesen, das von der Masse getragen ist, vermittelt praktisches Weltdenken dem gemeinen Mann, zugleich hat das unselige Parteiwesen, mit dem unser Judentum durch die Jetztzeit beschenkt wurde, wenigstens das Gute gehabt, daß die Weltfragen in greifbarster Aktualität den Einzelnen packen und ihn zu! bewußter Stellungnahme führen. In Krakau, «Warschau und Wilna veranstaltete man z. B. zu unserer Begrüßung akademische Feiern. Wir waren erstaunt, mit welcher rhetorischen und aus weitem Aspekt genommenen Kraft die Reden der Einheimischen gehalten waren. Besonders die Vertreter der Jugend überraschten durch ihre Reife und Kenntnis. Die Umgangs- und Zeitungssprache ist so durchsetzt von der internationalen Terminologie des gesellschaftlichen, kulturellen Lebens, bat sich die wissenschaftliche Kunstsprache so vollkommen in Lehnwörtern zu eigen gemacht, daß das vielverspottete Jiddisch' ein Kulturinstrument ersten Ranges wurde und daher schon die gesprochene Sprache dem Einzelnen die Elemente allgemeinen Kulturlebens zuträgt. Als ich mit einigen Ieschiwabachurim in chasstdischer Tracht einen Rundgang durch die Kunstherrlichkeit Krakaus machte, war ich erstaunt» welche Fülle kunstgeschichtlichcr und historischer Kenntnisse diese sonst ganz in der Talmudwelt lebenden Jünglinge an den Tag legten. Die Thora erweckt Kulturhunger: bei uns herrscht Kulturübersättigung und Blasiertheit. Seht euch vor, ihr bildungsstolzen Westler, es kann euch passieren, daß ihr eines Tages trotz Gymnasien und Hochschulen den wettlauf nicht mehr aufnehmen könnt. „Mt Fußgängern im Wettlauf Schritt zu halten, hat dich müde gemacht, was tust du beim Ansturm des Jordan?" Wie dieser, wenn er von der Höhe des Hermon mit unendlichem Kraftpotenttal herniederströmt, alles mit sich reißt, so wird der ans der Urgewalt des talmudischen Studiums hervorquellenöe Bildungswille des Ostens auch spielend die Weisheit der Profanbildungsstätten in seiner Strömung in seinem Lauf mit sich reißen. So stellt sich mir das Allgemeinbild der vier Länder dar. Gegenüber dieser großen gemeinsamen Linie zeigen sich natürlich auch grundlegende Differenzen. Wenn man das Unterschiedliche kennzeichnen will, so kann man es nur unter Vorbehalt. Der Fremde, sagt zwar gerade das jüdische Sprichwort, „kommt auf a weil und sieht auf a Meil"; der Abstand von den Dingen und Verhältnissen gestattet ein objektiveres, über die Dinge hinausschauendes Urteil; aber nur ein weiteres, nicht ein tieferes Urteil, nicht eins, das alle psychologischen, inneren Momente besser berücksichtigt. Nur in der Oberfläche sieht >er die Meile; in der horizontalen, nicht in der Tiefendimension. Darin ist der Fremde leicht ungerecht. Nur unter solcher Selbstkritik versuchen wir die nachfolgende Charakteristik. Da ist zunächst interessant, wie die Länder sich in der Haltung zur Autorität fein differenzieren, was ja für die Kennzeichnung des Geisteslebens von entscheidender Bedeutung ist. Diese Haltung steht -ihrerseits in engster Beziehung zu den organisatorischen Formen des jüdischen Lebens, die wieauf Anstand. Wie Schiller schrieb — oder doch hätte schreiben können: Gefährlich ist's, den Goi zu wecken. Verderblich ist des Pfaffen Zahn, . Jedoch der schrecklichste der Schrecken, Das ist der Jud' in seinem Wahn! Doch warum soll es so sein? Judentum heißt heute weder eine Religion noch eine Rasse, noch ein Volk, noch selbst, wie Heine meinte, ein Unglück. Judentum ist eine Tradition, eine sehr glorreiche, die Tradition der hartnäckigen Dulder und Helden, die allein in Europa während Lausend dunkler Jahre sich geweigert haben, an den furchtbaren Unsinn zu glauben, welcher heute bei keinem gebildeten Menschen Glauben findet. Also eine Tradition des Freisinns, des Abscheus gegen Vielgötterei und Götzerei, des gesunden Verstandes gegen alberne Fabeleien und stupide Riten. Warum hat das Judentum selbst, schon im'19. Jahrhundert, nicht die Last seines -eigenen, dreistdummen Ritualismus von' seinen Schultern abgeworfen. um -ein rein menschlicher, sittlicher und sortschrittsliebender Glauben zu werden? . . ." . Der Brief ist noch nicht zu Ende, — doch es genügt. Wäre der Schreiber nur Direktor des Museums für französische Altertümer, Vorsitzender des hellenistischen Verbandes in Frankreich und Mitglied der Akademie der Wissenschaften und Künste von Frankreich gewesen, dann hätte man mit Achselzucken gesagt, daß in diesem Manne selbstzerfleischendes Äffimilantentum eine seiner abschreckendsten Blüten getrieben habe. Er war aber seit Jahrzehnten Vizepräsident der Alliance Jsraelite Universelle, Präsident der Societe des Etudes Juives und in der Leitung der Jewifh Colonisation Association als deren Vizepräsident er in den letzten Jahren fungierte. Diese Tatsache bedeutet eine Um geheüerlichkeit sondergleichen und zwar im Hinblick auf seine Kollegen in diesen Körperschaften und auf die jüdische Öffentlichkeit. Wie durfte der Verfasser des „Orpheus" auf Ehrenposten in der Iudenheit geduldet werden? Man hat seine Führerschaft in einer Iudenheit anerkannt, die von ihren Führern keinen anderen Ausweis als den der angesehenen sozialen Position verlangt. Es gibt keinen treffenderen Maßstab für die Beurteilung der sogenannten religiös liberalen, in Wirklichkeit aber meist indifferenten, assimilierten jüdischen Massen. Gejelllchustlich angejehene Persönlichkeiten werden — häufig geradezu mit Mühe — überredet, jüdische Ehrenämter zu übernehmen, mag ihr Denken und ihre Lebensführung als Juden sie auch als durchaus ungeeignet hinstellen. Eine solche Iudenheit hat sich selbst die Zukunft geraubt. Sie muß Zusammenstürzen. Jedes Paktieren mit ihr ist eine Gefahr für die Iudenheit, die, sich selber bewußt, das. Judentum ihrer Väter treu weiterleben will. (Der famaritanische „Hohepriester" verstorben.) Jsaac Ben Amram, der „Hohepriester" der Samaritaner, der in der Nähe von Nablus (dem biblischen Schechem) am Fuße des Berges Gerizim ansässigen, etwas über 200 Seelen zählenden religiösen Sekte, ist im Alter von 70 Jahren verstorben. Der Bestattung in Nablus wohnten auch Vertreter des Waad Leumi und der Jewifh Agency bei. Jsaac Ben Amram führte in seiner Gemeinde den Titel „Köhen Hagadol" und genoß weit über den Kreis seiner Sekte hinaus in ganz Palästina Popularität. Ihrem ersten Passah-Abend, dem.14. Isar, da die Samaritaner auf dem Äipfel des Berges Geriztm ihr Passahfest durch Opferung, eines Lammes nach dem altbiblischen Gebote feiern, wohnen alljährlich Hunderte jüdische Touristen bei. Jsaac Ben Amram und seine Gemeinde pflegten die Touristen immer gastfreundlich zu empfanderum historische Einflüsse nicht verleugnen können. Denn immer „führt man den Menschen nur den Weg, den er selbst gehen will," ist das historisch Gewordene ebensosehr Folge des äußeren Zwanges wie Ergebnis des eigenen Wollens, ist die Resultante beider. (Fortsetzung folgt.) Wochenrundschau Lemberg. ^Die Nachrichten ans Lemberg überstürzten sich in den letzten Tagen. Sie wirkten um so erschütternder, als man in letzterer Zeit gerade in Polen eine mildere Morgenluft politischer Freiheit und nationaler Versöhnung zu verspüren glaubte, was ist geschehen? Ein. S t u d e n t c n k r a w a l l, wie er leider heute fast auf allen Universitäten Mittel- und Osteuropas sich abspielt. „Dummejungenstreichc!" schüttelt man den Kopf. „Die neue Jugend!" sagen die Anderen. „Aufgcstachelte nationale LeidenschahF mehr eine trübe Perspektive für die Zukunft, als eine Gefahr für dlc Gegenwart." Die jungen aufgeputfchtcn Mn» . scheu sind tatendurstig und toben sich, in Ermangelung eines Schützengrabens, ja eines Kasernenhofes, auf dem Hofe der Hochschule aus. In Lemberg hat es sich aber gezeigt, wohin solche noble studentische Passionen führen. Ein bißchen Komödie wächst sich auf der Straße rasch zu einer blutigen Tragödie aus, die sich längst nicht mehr auf die Szenerie der Hoäifchulenrampe beschränkt. Ein paar Dutzend Studenten von beiden Lagern liegen in den Krankenhäusern. Aber dreimal so hoch ist -die Zahl der auf -den Straßen verwundeten jüdischen Passanten, der ausgcplünderten jüdischen -Geschäfte. Nicht einmal in den Wohnungen fühlten sich die Juden mehr sicher, da große spitze Steine durch die Fenster flogen und die jüdischen Köpfe erreichten. Ein fremder Rabbi, -der zufällig in Lemberg weilt, wird mit seinem Begleiter vom Wagen gerissen und mißhandelt. Ein jüdischer Scjmdcpntterter, auf dem Wege zum Ministerium, um zu intervenieren, kann dort gleich mit einer frischen blutenden Kopfwunde als Indiz erscheinen. In den nui :Für Kör per und Fusse Puder* gen und sich mit ihnen hebräisch zu unterhalten. Bet einer solchen Gelegeenheit äußerte Jsaac Ben Amram die Absicht, -eine Reise nach London zu unternehmen, um im British Museum Quellenstudien zum Zwecke der Abfassung einer Geschichte der Samaritaner zu betreiben. Die Samaritaner führen ihren Ursprung auf das 8. Jahrhundert v. d. übt. Zeit, die Zeit -der Trennung Judas von Israel, zurück. Einst eine mehrtausendköpfige große Sekte, sind sie in den letzten Jahren -auf etwa 200 Seelen zusammengeschmolzen. In den allerletzten Jahren soll ihre Zahl wieder auf 230 gestiegen sein. Die Zionistische Organisation hat für sie in Nablus eine Schule eingerichtet. Die famaritanische Äugend zeigt sich für moderne Landwirtschaft sehr interessiert. Mit den Arabern leben die Samaritaner im allgemeinen in Frieden, jedoch nach den Unruhen im Jahre 1929 wurden auch sie von Arabern aus Nablus, dem Zentrum des -arabischen Nationalismus. schwer belästigt. Jsaac Ben Amram wurde wiederholt beschimpft, die von ihm geleiteten G'ttesdienste wurden gestört, so baß sich die Gemeinde zur Ueberreichung einer Klage bei der Palästina-Regierung veranlaßt gesehen hat. (Ein neues Spiel für Chanuka.) Die Kunstgewerbestube Freu d ent-hal in Breslau bringt zu Chanuka ein Sprüche Salomos - Sp' iel in den Handel, das 48 Spielkarten mit 24 ausgewählten Sprüchen Salomos aus 'bvn enthält. Jeder Spruch setzt sich aus Vorder- und Nachsatz zusammen, die aus zwei Karten verteilt sind. Es ist die Aufgabe des Spiels, die passenden Kartenpaare, die immer den hebräischen Text nebst deutscher und englischer Uebersetzung und der Angabe von Kapitel und Verszahl enthalten, und dadurch die Sprüche selbst zusammenzubringen. Anfänglich wird man die Kapitel und Verszahlen ausrufen, bis die Kinder allmählich dieses Hilfsmittel gar nicht mehr bedürfen, sondern die 'i-vo-Verse selbst gut im Kopfe' haben. Wir sind überzeugt, daß das Spiel viele Freunde finden wird. i