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Der Israelit · 1932-12-08 · Heft 50 (8.12.1932) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
73 (1932)
Issue
Heft 50 (8.12.1932)
Date
1932-12-08
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite- 2 Nr. 50 Der Israelit " ,8. Dezember.1932 queme nationale Majorität ausspielen^ bald diese sie als willkommenen Bundesgenossen gegen die Intrigucn der Souveräne politisch mißbrauchen. Heule sollten sie der Russifizierung, morgen der polonisierung dienen; eben als Stoßtrupp der Deutschen, dann für die Aspirationen der Magyaren mißbraucht wer- ' den; jetzt wurden sie als Stimmvieh der nationalen Clubs in den Parlamenten mit Versprechungen umschmeichelt und später von den Mehrheiten als Störenfriede und Hemmnisse ihrer ehrgeizig-egoistischen Berebungen geprügelt und verfolgt. Wie ein Handelsobjekt wurden sie von den sich ablösenden Helden aus der Bühne der Geschichte hin- und hergetauscht, immer andere Aspekte des historischen Geschehens sehen sic an sich vorübergehen. Aber keine Macht der Welt konnte die innere Struktur, die Eigengesetzlichkeit ihrer Entwicklung erschüttern; nicht die phantastischen Reformpläne Josefs des Zweiten, nicht die ausgeklügelten Grausamkeiten der russischen Zaren. Wohl hatten auch in diesen vier Ländern die Lockungen und Drohungen von außen einzelne jüdische Geister zu dem versuch verwirrt, als Bannerträger der fremden Kultur von innen heraus die Masse zu beeinflussen, den Juden die „Wohltaten" einer neuen Daseinsform und eines gehobenen Lebens, der Befreiung und Aufklärung zuteil werden zu lassn. Ihre Spuren sind in Schulen und Synagogen moderner Form allenthalben zu treffen. Aber sie blieben alle Episode, pseudomorphe Fremdbildungen an der Peripherie, ohne tiefgehende Wirkung, historische Karrikaturen mit dem Kajinszeichen brudermörderischer Verirrung behaftet, ein Menetekel für alle unjüöischc Volksbeglückung. Kernig und geschlossen steht demgegenüber die breite Phalanx der Frommen und Treuen, der Unbesiegten und Unbesiegbaren, die darum alle die große Geduld, den langen geschichtlichen Atem des Zeitlosen, Ewigen besitzen. Selbst wo das historische Martyrium seine schrecklichen Spuren hinterlassen hat, wo sich in Massenquartiercn Hunger, Verkrüppelung, Wirtschaftsnot, Bettelei und Luftmenschentum breitmacht, ist das zivilisationsarme Chaos des Elends vom Geiste G'ttes überbriitet, voll Gehalt an Seele, voll Sehnsucht nach Großem, voll Bewußtsein innerer Wahrhaftigkeit. Cs blickt zukunftsgewiß über die Gegenwart hinweg. Das Geheimnis aber dieser jüdischen Energie, der Schlüssel zum Verständnis ihrer Ueberlegenheit über die Macht der Bajonette und der Knute, der Eleganz! und der Mode, des High-life und des Komforts, der! schillernden Zivilisation und der sozialen Einflußsphäre ist in allen vier Ländern das Gleiche: 5ic. Tauroh , das Lernen. Jung und Alt, Reiche und j Arme, alles lernt, lernt dauernd und hingebend, lebt und webt in der Bibel und der rabbinischen Schrift-! weit. Wie ihre jüdische Sprache, ja selbst das ge-. reinigtere Hochdeutsch der Tschechen durchsetzt und , durchflochten ist von den Wendungen des Talmud,; so ist auch ihr Leben durchhaucht und durchpulst vom ^Ccho des heiligen Schrifttums. Alles lernt und trinkt ' an den Duellen, nicht von den destillierten, auf Flaschen gezogenen, in Teelöffeln zu verabreichenden Exzerpten und Essenzen, die wir unserer Jugend reichen, sondern von dem frischen, breiten, nährsalzhaltigcn, quellkräftigen Strom jüdischen Wissens. Für uns ist Hebräisch Fremdsprache, sie ist uns, was dem VERLAG DES ISRAELIT U. HERMON In unserem Verlag erschien soeben: KOSBI SALONAe Eine Erzählung ans biblischer Urzeit Von Sanon Preis brosch. RM.l.— geb. RM-1.30 Das schmuck aussehende Büchlein eignet sich vorzüglich für Schüler- und Jugendbibliotheken sowie als Prämie und Geschenk für Religions- Schüler und -Schülerinnen. Zu beziehen durch alle besseren Buchhandlungen sowie direkt vom Verlag. VERLAG DES ISRAELIT II. HERMON GMBH. FRANKFURT A. M., RECHNEIGRABENSTR. 7 Franzosen das Deutsche ist, schwer erarbeitet, aus Bruchstücken fleißig zusammengesetzt; dort ist sie Mutterlaut, das der Bauer ohne Grammatik und Rachdenken spricht, das das natürliche Lallen des Kindes wie die volle Sprache des Erwachsenen ausmacht. Dort ist deshalb die Thora nicht Religionslehre, sondern Lebenswissenschaft, lebendiger Geist, der alles durchflutet, aus dem die Seele sich erbaut, in der man denkt und Begriffe bildet, die Herz und Hirn erfüllt, die Stab und Stütze fürs Leben Ist in seiner ganzen Breite, die darum schöpferisch wirkt, kulturbildend, seelenverankernd. Sie ist der Maßstab für Wert und Unwert des Einzelnen, sie adelt ihren Träger, sie schändet den Verächter. Sie durchbricht alle Ständeeinteilung, alle soziale Gliederung, ist der Marschallstab im Tornister der Aermsten, ist die stille Angst des besitzstolzen Amhoorez. Sie hat sich in herrlichen Talmud Thora-Schulen, Klausen und Ieschr- , waus ihre ragenden Stätten geschaffen, gegenüber j denen die z. ,T. einzig schönen und mächtigen Syna-! gogen im Leben und Denken der Menschen fast völlig:! verschwinden. Besonders wo. eine I e s ch i w a ich,.; bildet sie den unausgesprochenen Mittelpunkt des Leidens. Sie ist die Volksuniversttät, zu der nicht : irgendein Diplom den Eingang gewährt, sondern nur j die wirkliche Vorbildung, wo jederein- und ausgehen i kann, der in der hohen Republik jüdischen Geistes atmet 'und mit Abaje und Rowo in Gedankenaustausch„$u j treten fähig ist. Selige Welt der Jeschrwa, deine! würzige, kräftige Luft läßt meine Brust mir schweli len, meinen puls höher schlagen. Du Burg der Thora j mit offenen Toren und weiten Fenstern, du große Trösterin Israels. Wer fühlt in deinen Bezirken die Rot der Welt, die Dürftigkeit des eigenen Crdendaseins! Wer fragt in dir nach Wiege und Elternhaus/ nach Stand und Alter, nach Ramen und Herkunft! Alle Verschiedenheit der Menschen fällt hier ab wie -wertlose Schuppen; als gingen die Seelen nackt hier!ein, so binden deine Zauber, was die Mode streng! geteilt. Du Paradies' der Freude, wo man sich so i reich, so ganz erfüllt, so weltüberlegen fühlt, wo die i Geister der jüdischen Klassik raunen, und die großen Probleme der Menschheit den Mund auftnn; wo nur eins gilt: die Wahrheit, nur eins Erfolg bringt: das Forschen, nur ein Ziel alle erfüllt: Verstehenwollen. Alles Edle und Beste im Menschen fühlt sich aufgerufen, kein Neid und eitler Ehrgeiz trübt die Atmosphäre; die Forschenden und Lernenden, sie sind nur ein einziger lauter, weithin tönender Chor, der Wellengesang des jüdischen Geistesmeeres, das brauset und zischt. In diesem Chorus gilt keine einzelne und doch jede einzelne Stimme, denn in ihn hinein tönt die alle bezwingende, alle demütigend erhebende- Stinnne Mosches, Rabbi Akibas, Rambams und Raschis. Roch immer klingt er mir ins Ohr, dieser' rauschende, stürmische Singsang, diese Brandung am Felsen der Lehre, und die Sehnsucht erwacht nach der Stätte weltbejahender Weltvergessenheit, der Glücklichen, die sich ohne Haß vor der Welt verschließen und in Gemeinschaft der Gleichen still genießen, was von andren nicht gewußt und nicht bedacht das ‘ Labyrinth der jüdischen Brust erleuchtet und durchstrahlt. Jm Lernen liegt der Schlüssel zur Seele der vier jüdischen Lanömannschaften, die wir kennen lernten. Cs sind wissende Juden, die des Westens unwissende. Der Drang zum Lernen, zur analytisch kritischen Forschung der ethischen und religiösen Fragen, es bleibt die Prägung dieser Juden, sogar wenn sie sich scheinbar längst von ihr losgesagt. Selbst ein Bialik, Buber, Achad Haam sind ganz davon beherrscht, denn die Sterne leuchten noch am Himmel, wenn sie längst erloschen sind. Diese feste Verankerung in der Thora als dem Lebenselixier der Seele hat diese vier Iudenschaften mit der Kraft erfüllt, sich mit Leiden- Eine Schriftdeutung R. Akibas. mMiM: Von Rabbiner Dr. Ksatz in Hindrnbnrg O. T. In dem reichen Kranz der talmudischen Agadot ist eine besonders köstliche und schöne die den Schluß des Traktats Makkot bildende Erzählung, die folgendermaßen lautet: „Einst zogen sie (R. Akiba und seine Genossen) nach Jerusalem hinaus. Als sie auf den Berg Zofim kamen, zerrissen sie ihre Gewänder, und als sie zum Tempelberg gelangten, sahen sie einen Fuchs, der aus der Trümmerstätte des Allerheiligsten hervorkam. Da begannen jene zu weinen. R. Akiba aber war fröhlich. Und da sie ihn fragten: „Warum freust du dich?", erwiderte er ihnen: „Warum weint ihr?" Sie antworteten: „An der Stätte, von der geschrieben steht: „Ein Fremder, der herantritt, soll getötet werden" (4. M. 1. 51), schleichen nun Füchse umher, und wir sollten nicht weinen?" Da antwortete ihnen R. Akiba: „Gerade deshalb bin ich fröhlich: denn es steht geschrieben: „Und ich sollte mir zuverlässige Zeugen nehmen, den Priester Uria und den Secharja, den Sohn des Jeberechja." (Jes. 8, 2). Was hat denn Uria mit Secharja zu tun? Uriä lebte doch zur Zeit des ersten Tempels und Secharja zur Zeit des zweiten Tempels? Aber die Schrift macht die Weissagung des Secharja abhängig von der Weissagung des Uria. Bei Uria heißt es: „Darum soll euretwegen Zion zum Felde umgepflügt werden . . (Micha 3, 12). Bei Secharja heißt es: „Noch werden Greise und Greisinnen aus den Plätzen Jerusalems fitzen." (Sech. 8, 4). Solange die Weissagung Uvias nicht in Erfüllung gegangen ist, fürchtete ich, daß die Weissagung Secharjas nicht in Erfüllung gehen würde. Nun aber, da die Weissagung Urias sich erfüllt hat, ist es gewiß, daß auch die Weissagung Secharjas sich erfüllen wird. Da sprachen sie zu ihm: „Akiba. du hast uns getröstet. Akiba, du hast uns getröstet." Diese sinnreiche Deutung, die R. Akiba mit agadischer Freiheit unter Bezugnahme auf Jesaja 8, 2 sowie auf Jeremia 26. 18 und den damit zusammenhängenden Satz Jer. 26, 20 den Schriftversen gibt, ist so in die Seele Israels eingedrungen, daß das Targum den Satz Jef. 8, 2 folgendermaßen überträgt: „Und ich sollte mir zuverlässige Zeugen nehmen, das Unheil, dessen Eintreffen in der Weissagung des Priesters Uria angedroht wurde und das eingetroffen ist. In gleicher Weise will ich auch allen Trost, dessen Eintreffen in der Weissagung des Secharja, Sohnes Jeberechjas verkündet wurde, einst in Erfüllung bringen." Sowohl die Kommentatoren des Talmuds auch die der Parallelstellen in Sisre zu 5. M. 11, 15 (Abschnitt 43) und in Echa r. zu 5, 18 zeigen im einzelnen auf, wie das Trosteswort Sech. 8, 4 das kongruente Gegenstück zu der Unheilsverkündigung des Satzes Micha 3, 12 bildet. , Aber die Erläuterungen der Kommentatoren können meines Erachtens noch durch einen Texthinweis ergänzt; werden. Ist es doch gerade R. Akiba, der, wie es Mej nächst 29 b heißt, aus jedem „Pünktchen" des Textes Berge von Lehren deutet. Zahlreiche Beispiele könnten angeführt werden, welche diese charakeristische Besonderheit der Schristauslegung R. Akibas zeigen. Ich vermute daher, daß auch hier eine Besonderheit des Schristtextes mitgewirkt hat, daß R. Akiba von allen in Frage kommenden Sätzen Secharjas gerade den zitierten Satz; wählte, um ihn als „Zeugen" zu bringen. Und zwar ist dies meines Erachtens die defektive Schreibung des Wortes mit dem der Satz Sech. 8, 4 beginnt. Den Hunderten von Bibelstellen, an denen das Wort ms plene geschrieben wird, stehen, wie die Massora angibt, nur 14 Stellen gegenüber, an denen es defektiv ns geschrieben ist, darunter Sech. 8, 4. Der Konsonantentext kann hier also nicht nur od, sondern auch ed „Zeuge" gelesen werden. Diese Textbesonderheit dürfte bei der Akiba'schen Schriftauslegung mitgewirkt haben, deren Methode sich auf die unerschöpfliche Fülle und Tiefe des heiligen Textes gründet. Aleines Feuilleton. Ein „jüdischer" Führer. Zum Tods Solomon Reinachs. Bon Saly Geis in Tel-Awrw. Veranlaßt durch eine Polemik gegen ihn als Verfasse!' des „Orpheus, Allgemeine Geschichte der Religion", eines Werkes, das von Unkenntnis des Judentums strotzt, es aber in den Schmutz zieht, schrieb mir Salomon Reinach im August 1910: „ . . Es wäre ja jammerschade, wen?' nur dumme Mönche und beschränkte chauvinistische Th^o logen gegen mein Buch Orpheus als Verteidiger iL't' Religionen.auftreten sollten. Ein fanatischer Jude hörte in diese Gesellschaft . . . Was kann ein Freisinniger eifriger wünschen, wenn er zur Feder greift, als daß die Dunkelmänner jeden Nockes sich gefährdet stich len? Nun find die jüdischen Dunkelmänner wohl am leichtesten zu erregen, und wenn die Herren einmal schimpfen, so tun sie es bekanntlich ohne jede Rücksicht 42

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