Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 50 (8.12.1932)
- Date
- 1932-12-08
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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8. Dezember 1932 Nr. 50 9. Kislerv 5693 Begründet von Dr. Lehmann in Mainz.. Abonnement ab Juli ISA: Deutschland ILO Mark monatlich: Ausland: Bterteljahrpretfe (entsprechend dem deutschen Inlandspreis zuzüglich Kosten tzes Stkeifband-Ner» sandvs) Deutsch-Österreich: Echilltna 6.—; Amerika 1 Dollar; England 4 sh.; ab 1 Juli Frankreich 28 Fr.; Belgien ab 1.7.37. BelgaS. Holland 3 fl.; Italien ab 1.1.38.18 Lire; Iugo» flavien 85 Din.; Litauen 7.50 Ltt.; Rumänien ab 1. 7. 37. 150 Lei» Polen 4 deutsche Gold« mark zum Tageskurs oder 7, Zloty; Schweiz S Fr.; Tschecho-Slowäket 25 Kronen; Ungarn Pengo 5 ab 1. Ju!i!1937; Dänemark 3.50 Krön.; Norwegen 8.50 Krön.; Schweden 3.50 Krön. * . ■ l Einzelnummer vierzig Goldpfennige. Der Israelit erscheint jeden Donnerstag. Inserate 50 Goldvf. für die stebengesyaltene Nonpareille-Zeile. Abonneuten zahlen bei Stellengesuchen und Familienanzetgen nur 40 Pf. Die 75 am» breite Reklamezeile: letzte Textseito 3.— SRI., vorletzte Textseite 350 SRI.; Thiffregebühr in Höhe eines dopp. Fernbriefportos. Rabatt nach Tarif. Bei laufenden Jnserataufträgen tartfm. Preiserhöhung jeder,. Vorbehalt. Jnferatenannahme durch de« Verlag des Israelit T. m. v. H., Frankfurt a. SR . Rechneiarabenstraße 7. Tel. Hansa 31084 sow. durch sämtl. Annoncen-Exped. d. In- und Auslands. Alleinige Jnferatenann. für Franks. Geschäfts«»«.: Jul. Schmidt, Oftendstratze 83 Tel. 45868. Platzvorschr. ohne Verbindlich!. ' Zahlungen direkt an den Verlag auf Postscheckkonto Frankfurt (Wat») Ne. 19803. — Äutzerdem an: Postsparkasse Wien Nr.79005.—Postsparkassen««! Budapest Nr. 18434.— Postscheckkonto Warschau Nr. 180757. — Postscheckamt Zürich Nr. Vlll7354. — Postscheckamt Amsterdam Nr.34889 — Postscheckamt Prag Nr. 79.W0 — Rumänische Kreditbank Bukarest und ihre samtl. Filialen Der Gerichtsstand für alle aus Abonnements oder aus Inseraten stch ergebenden Zahlungsverpflichtungen ist Frankfurt a. M. Arba Arozaus. Von Oberrabbiner Dr. Larlebach in Altona. I. Vorwort. Ein sommerlicher 2lusflug, eine Studienreise, eine Entdeckungsfahrt, ein Besuch der Thorastätten, eine Wallfahrt, ein G'ttesdienst, was war sie eigentlich die Veranstaltung des Keren Hatora, die 2Ö Menschen aus fünf verschiedenen Ländern, aus fünfzehn verschiedenen geistigen und wirtschaftlichen Berufen durch Tschechien, Galizien, polen und Litauen von Wien bis Wilna führte? Sie war alles und noch mehr. Die ganze Unternehmung war eine geniale Idee. Und wie alles Wertvolle und Echte führte sie weit über alle erste Zielsetzung hinaus und wuchs sich zu einer Art historischen Ereignisses aus, dessen Nachhall und Echo durch Jahre hindurch fruchtbar weiter zu klingen berufen ist. Cs war ein absolutes Novum im jüdischen Gesamtleben: d a ß B r ü d e r r e i s e n, um B r ü ö < r zu suchen und zu s e he n. Es bekam die Reise S^mbolcharakwr. Sie wurde ein Zeichen des Kibbuz Gollaus, des großen Wiedersehens und Wiedererkennens der Zusammengehörigen. Als wenn eine jahrtausendalte Sehnsucht, ein leiser tiefer Wunsch dort im Osten in den jüdischen Kerzen geschlummert.und davon geträumt hätte, daß doch noch einmal viele kommen werden, die keusche, reine Schönheit und schlichte Größe jüdischen Lebens aufznfpüren, wie eine reine Braut des Augenblicks Harri, wo das Auge des Liebenden ste entdeckt, solchen Jubel, solche Beseligung lösten die Gäste aus. Die schlafenden Jahrhunderte jüdischer Geschichte wachten allen, allen zu lebendiger Gegenwart auf, als die fremden Augen ehrfürchtig, demütig die Grabstätten der Geistesheroen streiften und ihre Synagogen' und Schöpfungen staunend betrachteten. Und wunderbar! Die Zum Sehen und Kennenlernen gekommen waren, wurden selbst geschaut und erkannt; die nur hören wollten, wurden selbst gehört und verstanden, ihr wort fand Antwort, die Entdecker wurden selbst Entdeckung. Schließlich war es nicht mehr zu unterscheiden: wollten die Westler den Osten oder die Oestler Vertreter des Westens kennen lernen? Cs war eine große. Zwiesprache , zwischen Ost und West, der lang Getrennten, der „durch Berge und Flüsse und Vorurteiles einander Entfremdeten. Echtes Wtedererkennen bedeutet aber immer: sich selbst im Anderen erkennen. Das war es. Das jüdische -eben in seiner Fülle war es gerade, was uns fehlte und erfüllte; diese weltvergeffenheit des Lernens, diese Inbrunst des Gebets, das war ja eben das, was wir immer und immer in uns getragen als heiliges Verlangen; diese Kleister der Lehre und der Frömmigkeit, das waren die Rabbtnen, nach denen wir alle uns sehnen und Ausschau halten. Aus Schauenden wurden Erlebende, Liebende, und die Liebe machte scharfsichtig zu immer neuer Einfühlung und vollem Einverstehen. Neugierde ward Innerlichkeit, verlangen Seligkeit. Wie taumelnd vor trunke- Erneuern Sie sofort beim Postboten die Bestellung auf den „Israelit" für den Monat Januar Wird dies versäumt, so tritt eine Unterbrechung der Zusendung ein, ohne daß wir selbst Kenntnis davon erhalten. Für verspätete Bestellungen rechnet die Post?inen Aufschlag von 20 Pfg. Verlag des Israelit G.m.b.H., Frankfurt a.M. ner Freude, so zogen wir durch diese Welt des Innenlebens, der Innerlichkeit, zu der eigentlich von außen kein Zugang ist. Der Zauberstab der Verwandlung hatte unsere Herzen angerührt; als wären wir alle Ieschiwabachurim, Gerrer Ehassidim, Kinder des Lubliner oder preßburger Kreises geworden, so gingen alle — ohne Ausnahme — in dem Reuen ganz auf. Obwohl „kaum gegrüßt, gemieden", das Riesenprogramm der Reise kein Ausruben, kein, verweilen, kein Sichselbstbcsinnen zulicß, waren wir schon im Kloment des Kommens verwachsen, zu Hanse; so ganz, daß der Abschied uns und den Gastgebern wie eine Härte und Gefühlsloflgkeit erschien. Me könnt ihr nur so schnell von uns gehen? Das war der immer wiederkehrende Refrain des Abschieds. Klan.verstand nicht, daß wir nur fortreisten, aber nicht Abschied nahmen. Die sich gefunden hatten, wurden einander zum Teil der Seele, zum dauernden Besitz. II. Vier Länder und eine Linie. Durch vier Gebiete führte die Reise, vier Welten, in Geschichte unö Eigenart, im Aeußoren und Seelischen völlig verschieden; durch einen Zipfel der Tschechoslowakei, der, früher zu Ungarn gehörig, in seinem jüdischen Habitus den Zusammenhang mit der Vergangenheit nicht verleugnet hat, durch Galizien, die alte polcnprovinz Oesterreichs, durch K o n g r e ß p o I e n , und durch polnisch Litauen. Gerade darin bestand der große Reiz der Studienfahrt, daß dieser Wechsel das jüdische volköbild^immer von einer andern Seite zeigte und zum Gegeneinanderhalten und vergleichen cinlud. Cs variiert der Menschenschlag, die materiellen Bedingungen, die Landschaft, der religiöse T^pus bei aller Aehnlichkeit und Verwandtschaft. Hier wie dort die Klassensiedlung, das Festhalten am „Ghetto", die betonte Zusammengehörigkeit, das Klit- und Ineinanderlcben, der fruchtbare Nährboden des jüdischen Stolzes, der Solidarität, der kraftvollen Steigerung gemeinsamer Leistung. Hier wie dort bei aller Eigenständigkcü des Einzelnen, der Ablehnung jeder seelischer Knechtschaft dennoch ein unsichtbares Band: die gemeinsaine'Verehrung des Führers, einer geistigen Spitze, des lebendigen Ideals, der den Weg weist und die vielen zusammenkittet, etwas, dessen Klangel die atomisicrte Westjudenheit zermürbt und wehrlos, inaktiv, unfortschrittlich' und spröde macht. Hier wie dort das ganze volle Judentum, erdgewachsen, gerade, ohne Krampf und Gewaltsamkeit, in innerer Harmonie mit dem Gesamtleben, traditlonsreich, darum echt, kulturhaft, zeugungskräftig, nichts schielendes, ängstliches, lcisetceterisches, das sich nicht zu geben wagt, wie es ist, das seine Weltmaßstäbe von außen entlehnt und in seiner Unsicherheit nun gerade anffällt und sich darum am liebsten im Winkel versteckt. Klan merkt diesen Klassen an: sie haben der Gefahr ins Auge geblickt, Iaköbskinder, die mit dem Schicksal und den Klcnschcn gerungen und obgesiegt. Was haben sie nicht alles erlebt, seitdem die Völker begonnen, um ihrer selbst willen oder um seinetwillen sich für den Juden zu interessieren! Ohne Unterlaß haben ans ihnen die Pflüger gepflügt und ihre Furchen in sie eingraben wollen. Bald wollte eine despotische Aufklärung ihnen das Heil der Lebensverbessernng um den Preis der Entjudung auszwlngen. bald sollte ökonomische Auspowerung und polizeiliche Unterdrückung sie physisch vernichten. In ihrer Klinoritätsstellung wollte sie heute die herrschende Staatsgewalt als klittel gegen die ihr unbe-