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Der Israelit · 1932-12-01 · Heft 49 (1.12.1932) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
73 (1932)
Issue
Heft 49 (1.12.1932)
Date
1932-12-01
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
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Seite 10 Nr. 49 Rabbi Schmuels, des Vaters, und pitsch patsch landete die flache Hand auf des Jungen Wange. Dem folgte leises Aufweinen des Getroffenen und -dumpfe, verlegene Stille der Schüler und Gäste. Auf der Schwelle erschien Rabbi Rosson. „Sprich weiter, Mosche, hast die Frage nicht beantwortet ..." Unter leisem Schluchzen nahm Mosche das wort wieder auf, beschämt, tonlos, aber im Reden wieder wachsend. Cr batte den Gedanken klar zu Ende geführt und meinte zum Schluß stotternd, ein wenig von Schluckweh geplagt, so könnte man vielleicht die vom Urgroßvater gestellte Frage beantworten. Rabbi Rosson umarmte seinen Schüler und küßte ihn aufs Haupt. „Dein Urgroßvater, Rabbi Schmuel Schotten, fein Andenken fei uns zum Segen, freut sich im Gan Cdcn ..." Draußen höre man ein Geräusch. Ls kam von Reise!, der Mutter, die sich leise von dannen schlich. Auf den brennenden Schmerz folgte mit den Worten des Rabbi so viel Glück, daß es sie zu erdrücken drohte. Sie mußte ihm entrinnen. Roch vor Beginn des Sabbatausgangsgebetes hatte Rabbi Rosson in seinem Lernzimmer eine kurze ernste Aussprache mit Rabbi Schmuel, dem Sofer. (Fortsetzung folgt.) Rinderecke. Kaiser Ankomnus und Rabbi Zehuda Hanaßi. I. Wundert Ihr Luch, wieso es mir gerade heute cinfällt, Luch ausgerechnet von diesen beiden Männern zu erzählen? Ja, da müßt Ihr nur Nachlesen, was Rafchi zu Beginn der heutigen Sidrah sagt» da wird Luch der Zusammenhang gleich klar werden: Als Rivkah zum Lehrhaus des greisen Ahnen Schein gegangen war, um sich von dem uralten Weisen über die Zukunft ihrer Rinder prophezeien zu lassen, da wurde ihr verkündet, daß von ihr abstammen werden, ena Völker ist wohl gemeint; doch es steht B"ä so wie B'8> das heißt: Große, vornehme werde unter deinen Rachkommen sein! Auf. wen mag sich dies Wort wohl beziehen? Run könnt Ihr es ja schon erraten! Der große Kaiser Antoninus aus dem Stamme Ldom und der große Rabbi Iehuda Hanaßi aus dein Volke Jakobs, die sollen damit gemeint sein. Rnd weshalb gerade diese beiden? Weil sie Zeitgenossen waren und jeder hochangesehen und geehrt war in seinem Volke und weil eine große und echte Freundschaft den Kaiser und den Rabbi verband . . . II. Ls war in der trüben Zeit kurz nach dem Lar Kochba-Aufstand, da hatte der Kaiser einen strengen Befehl erlassen, daß kein Jude mehr sein Kind beschneiden dürfe. Alle kaiserlichen Beamten mußten scharf auspassen, daß das verbot nicht übertreten wurde. Ls war ein großes Klagen in allen Häusern Israels und vergebens suchte man eine Aufhebung dieses schrecklichen Verbotes zu erreichen — es war alles umsonst. In dieser Zeit — cs war am Sterbetage des Rabbi Akiba — wurde dem Rabbi Schimon ben Gamliel ein Sohn geboren. Da sprach Rabbi Schimon: „Ich soll übertreten das Gebot des Heiligen, gelobt sei er, um ein Gebot dieses bösen Kaisers zu erfüllen? Rein, und soll es mein Leben kosten, ich tue so, wie G'tt unserm Vater Abraham geboten hat!" Und er ging hin und beschnitt seinen Sohn und nannte seinen Ramen Iehudah. Aber es blieb nicht verborgen, daß Rabbi Schimon seinen Sohn beschnitten hatte und es drang auch dem Statthalter zu Ohren; der rief den Rabbi Schimon sofort zu sich. i „Du wußtest wohl," sagte der Fürst, „daß es aufs strengste verboten ist, ein Kind zu beschneiden. Warum hast du den Befehl deines Kaisers mißachtet?" Da erwiderte Rabbi Schimon: „Ich glaube, es ist besser, das Gebot, des Allmächtigen zu halten, der Himmel und Lrde erschuf, als das Gebot deines Kaisers, eines Menschen aus Fleisch und Blut!" Diese mutige Antwort gefiel dem Stadtsürst und er sprach: „Ich würde-dich-gerne schonen, Rabbi, denn ich verehre dich sehr und du genießt auch großes Ansehen als Oberhaupt deines Volkes. Aber wie kann ich es machen? Dein Tun ist nicht geheim geblieben, man flüj'tert darüber in allen Gassen und ich fürchte, i ch werde es büßen müssen, wenn ich mich deiner erbarme und dich nicht anzeige." „Also was verlangst du von mir?" fragte R. Schimon. „Dein Kind muß zum Kaiser gebracht werden," sagte der Statthalter, „und wie er dann entscheiden wird, so soll es sein. Du magst es zum kaiserlichen Hof bringen — oder deine Frau, wenn das kleine Kind die Mutter nicht entbehren kann." So machte sich schweren Herzens die Frau des Rabbi Schimon mit dem kleinen Iehuda auf den Weg zum Kaiser. Sie reiste den ganzen Tag und kehrte am Abend müde und traurig in einer Herberge ein. Die Wirtin, die auch gerade einen kleinen Knaben bekommen hatte und sehr erfreut darüber war, wunderte sich über das bekümmerte Aussehen der Frau. „was ist der Grund deiner Trauer, du Arme," fragte sie, „und wohin willst du denn mit diesem kleinen Kinde so allein?" Da erzählte ihr die Frau des R. Schimon, von dem grausamen Verhängnis, -das alle Juden betroffen hatte — „wir sollen unsre Kinder nicht beschneiden, haben sie befohlen, und siehst du, meinen kleinen Sohn — wir haben ihn doch beschnitten, und nun müssen wir vor dem Kaiser erscheinen und ich habe schreckliche Angst, daß wir sterben müssen!" Die Wirtin hatte großes Mitleid mit der armen Mutter und sprach: „Ich weiß einen guten Rat: Rimm du m e i n Kind mit dir, das nicht beschnitten ist und laß nur dein Kind hier, bis du zurückkehrst, so kannst du dein Leben und das deines Kindes retten." Und also tat die Frau des Rabbi Schimon. Sie ließ ihr Kind bei der guten Wirtin und zog mit dem fremden Kinde weiter bis zum Hofe des Kaisers. Dort waren alle Fürsten und Diener im Palast versammelt und auch der Statthalter war schon angekommen. Cr führte die Frau vor den Kaiser und sprach: „Diese Frau und ihr Mann haben übertreten das Gebot meines Herrn, des Kaisers und haben ihren Sohn beschnitten. Bestimme du nun, was mit ihnen geschehen habe." Da schrie die Frau: „Schaut Luch doch mein Kind an, ob es beschnitten ist, bevor Ihr Luer Urteil fällt!" Und man wickelte das Kind auf und siehe — es war unbeschnitten! Da war der Kaiser sehr zornig über den Statthalter und rief: „Was fällt dir ein, mit solchen falschen Behauptungen vor mich zu kommen?" Aber der Statthalter sagte: „Ich weiß gewiß, daß das Kind beschnitten wurde und auch manche der Fürsten können es bezeugen, daß ich die Wahrheit gesprochen habe" Da sagten die Diener des Kaisers: „Herr, es ist sicher, daß das Kind beschnitten wurde; aber die Juden haben einen so getreuen G'tt, wenn sie ihn anrufen aus ganzem Herzen, so erhört er sie und tut ihren Willen." „Was hilft es mir dann, wenn ich ein solches Gebot erlasse?", rief der Kaiser und bestimmte sofort, daß das Gesetz wieder aufgehoben werden sollte. Den Statthalter aber ließ er strenge bestrafen. Die Frau des Rabbi Schimon durfte nun mit dem kleinen Knaben wieder nach Haufe ziehen. Voll Freude und Dankbarkeit kehrte sie in die Herberge zurück und brachte. der Wirtin ihr Kind wieder. Da sagte die Wirtin: „Weil dir G'tt so ein Wunder getan hat durch mein Kind für das deine, so sollen dein Sohn und mein Sohn, G'tt möge sie beschützen, gute Freunde werden für ihr ganzes Leben." Und so geschah es auch. Die Kinder wuchsen heran und wurden zwei mächtige Fürsten. Der eine war Rabbi Iehuda Hanaß, Rabbenu Hakodesch, der andere war Antoninus, der später unter dem Ramen Marc Aurel ein 1. Dezember 1932 großer römischer Kaiser wurde. Aber trotz dieser trennenden Unterschiede waren die'beiden Männer wirki lich treue Freunde, wie es die Mutter des Antoninus! sich erbeten hatte. Ul. Antoninus zeichnete sich durch große Freigebigkeit aus; täglich speiste er viele Reiche und Arme au seiner Tafel und weder zur Zeit des Sommers noch in der.Regenzeit fehlten würzige Speisen und Leckerbissen auf seinem Tische. Dem Rabbi Iehudah machte er kostbare Geschenke, Landgüter verehrte er ihm und tagtäglich sandte er ihm einen ganzen Sack voll Gold! Oben an die Oefsnung legte er Weizenkörner, damit der Reid der Römer nicht erweckt würde und befahl dann einem Diener: „Trage den Weizen zu Rabbi Iehuda Hanaßi!" Rabbi aber bat ihn eines Tages, ihm doch kein Gold mehr zu senden, er sei, G'tt sei Dank, selbst reich, und nun habe ihm noch der Kaiser solche Schätze geschenkt. Doch der Kaiser erwiderte: „Du brauchst das Gold nicht, mein Freund. Aber sorge vor, Rabbi Iehudah, denn der, welcher nach dir kommt, wird Gold gebrauchen für den, der nach mir kommt, als Lösegeld für Cure Seelen. Denn nicht immer werden die römischen Kaiser den Juden gnädig sein!" IV. Antoninus hielt Rabbi Iehuda Hanaßi hoch in Chren und bei allen wichtigen Anlässen holte ec. zuerst den Rat dieses treuen Freundes ein. Freilich durfte Rabbi seine Atnworten nicht offen geben, denn es sollte niemand am Hofe wissen, daß der Rabbi Iehuda den Kaiser belehrte, aber dieser verstand es doch, Antoninus seine Meinung wissen zu lassen. So sandte eines Tages der Kaiser einen Boten mit der Anfrage: „Meine Staatskassen sind fast leer; was kann ich tun, um sie zu füllen, und um sie stets voll zu erhalten?" Rabbi Iehudah führte den Gesandten in den Garten und, ohne ein Wort dabei zu sprechen, riß er einige alte Rettiche aus und setzte ein paar junge Pflänzchen dafür ein. Dann sagte er dem kaiserlichen Loten, er könne wieder zum palaste zurückkehren. „Und was soll ich dem Kaiser melden?" fragte der Gesandte. „Berichte ihm nur, was du gesehen hast," antwortete der Rabbi. . Und Antoninus verstand den weisen Rat: er entfernte seine bisherigen Schatzmeister, die mehr daran dachten, ihre eigenen Taschen zu füllen, als die Kassen des Kaisers und ersetzte sie durch neue-zuverlässige Beamte, die bald auch die Zustände besserten. V. Täglich kam Antoninus im Geheimen zu Rabbi Iehudah zum Lernen.. Lr hatte einen unterirdischen Gang von seinem Palast zum Haus von Rebbe; auf diese Weise konnte er zum Lernen gehen, ohne daß es jemand merkte. Außerdem bat er den Rabbi, er möge Sorge tragen, daß niemand bei ihm sei, um die Zeit, da der Kaiser zu kommen pflege. Cinmal nahm Antoninus zwei Knechte mit auf den Weg, weil er in dem dunklen Gang nicht allein sein wollte und er tötete den einen, bevor er zu Rabbi hineinging und den andern wollte er bei der Heimkehr töten, damit niemand sein Geheimnis erfahre. Als Antoninus bei Rabbi Iehudah eintrat, fand er den Rabbr Chanina bei Chama bei,ihm im Zimmer. Da sagte der Kaiser: „Ich habe dich doch gebeten, du sollst es so einrichten, daß kein Mensch um diese Stunde bei dir ist." Doch Rabbi Iehudah antwortete: „Sei unbesorgt, das ist kein Mensch, das ist ein Cngel!" „Run, wenn es ein Cngel ist, so soll er hinausgehen und den Knecht herernschrcken, der vor der Türe schläft," sagte der Kaiser. Da ging Rabbi Thanina hinaus und sah, daß der Mann tot war. Da war er sehr bestürzt und dachte: „Was soll ich tun? Melde ich dem Kaiser, daß der Knecht tot ist — er wird zürnen, wenn ich ihm solche böse Nachricht bringe. Soll ich den Toten liegen lassen und fortgehen — das kann ich auch nicht tun! So betete Rabbi Chanina für den Knecht und flehe — er ward wieder lebendig und stand auf und ging hinein zum Kaiser. Der Kaiser , erschrak sehr und sagte: „Ich sehe nun wohl, daß Ihr Tote lebendig machen könnt und nicht seid wie gewöhnliche Menschen. Trotzdem bitte

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