Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 49 (1.12.1932)
- Date
- 1932-12-01
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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s;: i i I ßr. 49 m w&i Licht aus dem Westen. Erzählung aus der Zeit der Ghettodämmerung. - (Fortsetzung.) n IV. In der Schule Rabbi Rossons. Zeichnete sich Rabbi Rosson auch durch düster ernstes wesen und knapp bemessenes wort aus, so spürte doch dieses großen Herzens warmen Schlag auch der jüngste und geringste der Jünger. Wenigen bevorzugten Schülern gewährte er nicht allein Eintritt in seine Privatgemächer, sondern sogar Einblick in. die Tiefen seiner Seele. Dieser Vorzug war auch einigen Gemeinöenütgliedern, persönlichen Freunden und Anhängern Rabbi Nossons, gegönnt, die sich morgens und abends mit den Jüngern int kleinen Lchrhause zum Gebete versammelten. Gerade die Gebetsübungen bei Rabbi Rosson erregten Reugier, Interesse, Bewunderung, Aerger und Kritik in der Gemeinde. Man betete nach einem Ritus, den man in Frankfurt nicht kannte und der vom Oriente, oder wie andere wegwerfend und unrichtig sagten, von Polen herflammte. Es war die L u r j a n i s ch e G e b e t o rd n u n g, die kleine Abweichungen von der in Frankfurt üblichen Form aufwies. Am meisten wurde bewundernd oder abfällig besprochen, daß Rabbi Rosson als Kohen täglich beim Morgeng'ttesdienste wie an einem Feste laut „ d u ch e n t e " (den Priestersegen sprach). Jünger und Beter bekamen in der Gasse bald den Ramen die „ Ä d l e r - E h a s s i >d i m Das kleine Gehalt, das Rabbi Rosson von einer Familienstiftung als Klausrabbiner bezog, reichte bei weitem nicht aus, das Lehchaus zu erhalten, hätten nicht angesehene Männer seines Anhanges chre beste Kraft und reichen Mittel für diesen etwas abseitigen Thorawinkel in ihrer Vaterstadt eingesetzt. Reben Rabbi Schmuel Sofer. und der Familie Emmerich war es Rabbi Levi Schnapper, der Rabbi Rosson, mit dem er die heilige Handlung der Beschneidung teilte, ein treuer Freund und Anhänger wurde. Ihnen gesellten sich Rabbi Leser w a l l a u , einer der angesehensten Dajamm , und Rabbp Salman E h o s s i d. Die mehr moralische Unterstützung vonfeiten dieser Männer,..W.uvd^MnLg und praktisch er- V Mnzt von einem Mmmch der,. in seiner' Art,''damals!' A öer-Hudengasse fast nicht/,Menigex^ Interesse und ' ^MufmerkfäNikoit' erweMe, ,al^"Räb6i"?löss'öw'in.Feiner stillen Mäuse.- - -v‘ - . ..- :. A-m s..ch e l Ms^dMHD^UJEZ rd'- kest Schilde" in der IudeNgstste^^ln^Ächlviegersohn von LeviSchcMppevj war tzüm'-Mlen Gönner und Förderer Rabbi Rossons geworden, zum „stillen Teilhaber", wie sich sogar manche zuflüsterten. Mit der Teilhaberschaft, die nicht wörtlich genommen werden durfte, mochte es feine eigene Bewandtnis haben. Meier Amschel,' das Kind' äüs deiüF'Haus- - chen Rümmer 148 in'der Iudengasse, lernte als Knabe zusammen mit dein nur um öinige'Jahre älteren Rosson in der gleichen Schule. Ädlch und Rotes Schild standen ohnehin'in der Gasse nicht wÄt voneinander, und Meier Anischels Vater hätte nichts dagegen gehabt, wenn fein vielfach begabter Sohn ein großer Gelehrter, sogar Rabbi von Beruf, geworden wäre. Cr aber, der Vater, starb und'der zwölfjährige Meier Amschel kam in das Haus eines verwandten, in das Bankgeschäft von Oppenheim in Hannover, in die Lehre., Siebzehnjährig kam er nach Frankfurt zurück, ein eleganter, schöner, Jüngling mit guten weltlichen Manieren,- und gründete im alten Paterhaus ein kleines'Bank-/und Wechselgeschäft. Um die inneren Vorgänge der. Gemeinde kümmerte er sich wenig, denn er hatte es gelernt, die Dinge danach zu taxieren, was ' sie ihm einbvachten oder was sie ihn kosteten. Aber mit dem Jugendfreund Rabbi Rosson pflegte er stille Freundschaft. Damals entstand die Mär von der „stillen Teilhaberschaft", etwa auf der Basis des stillen Abkommens zwischen Isachar im Lchrhause und Sebulun in den Häfen der Schiffahrt . . . weder der eine, noch der andere sprach davon. Aber es fiel'doch auf, daß der etwas reservierte, zu-' geknöpfte Meier Amschel, jetzt schon ein Dreißiger, mit einem Blicke im rosigen Kugelgesichte, als dringe er durch dicke Mauern, gleich freundlich und zugänglich wurde und ohne Zögern in die weite Tasche griff, wenn man ihm mit Rabbi Rosson und den Bedürfnissen seines Lehrhauses kam. Etwas mußte doch .mitgewirkt haben, daß der junge Mang,, der 1860, siebzehnjährig, mit wenigen alten Münzen seine Wechselstube eröffnete, so rasch und rapid in die Höhe-stieg, daß er zehn Jahre später. Gudula, die schöne und gebildete Tochter Levi Schnappers, ins alte Vaterhaus heimführen konnte. Cs mußte schon so sein, daß der zusehends wachsende Segen dein Hause „Zum roten Schild" aus anderen, geistigen Sphären, wohl aus denen des Lehrhauses, zufloß, wogegen die Spenden in Gulden und Dukaten, die aus der Wechselbank den weg zum kleinen Lehrhause nahmen, nur eine Kleinigkeit bedeuteten Üeber dem Schreibpulte Meier Amschels hing in schönem Rahmen ein Schriftstück, eine Art Haussegen. Alle erkannten die Schriftzüge Rabbi Rossons. was unter den vielen symbolischen Schnörkeleien geschrieben stand, war ein Bibelsatz aus der' Geschichte und Berufung des Erzvaters Abraham: „Denn ich habe ihn erkoren, auf daß er gebiete seinen Söhnen und seinem Hause nach sich, daß sie hüten den weg G'ttes, zu üben Recht und Gerechtigkeit . . ." Bei all dem sah man Meier Amschel so wenig im kleinen Lehrhause, wie man Rabbi Rosson je im Kontor Meier Amschels gesehen hätte.. Beide waren, jeder in seiner Art, Menschen von strengsten Grundsätzen, und Meier Amschel besonders hielt auf absolute Arbeitsteilung, wenn schon Isachar und Sebulun, dann möge er, Isachar, in seinen „vier Ellen" weilen, während er selbst, Sebulun — Meier Amschel, bei seinen Schiffen zu bleiben hatte ... Bildlich und wörtlich: Denn Meier Amschel schickte sich damals gerade an — man zählte 1775 — aufs Schiff zu gehen und nach London hinüberzusegeln, um dort eine Filiale seines Bankhauses zu gründen. .Fünf gesunde, pausbäckige Buben tollten im Hofe „Zum roten Schilde" herum, die große Begabung im Rechnen zeigten..und. amliebsten nur Mit Münzen spielten. .Meier Amschel - mußte sich a.usb reiten ,. ... ,-\r... . :■ .: - . :! > von ganz anderer Art waren die Beziehungen, die-Rabbi S a l m an E h ö s s i d mit Rabbi Rosson und-seinem-Lehrhause eng Verbanden. > 'Rabbi Salman,' der den ChreNNamen „Ehossid" in''- der--Gemeinde nicht'erst aus der Schule Rabbi Rossons bezog, war ein Mann, der Gelehrsamkeit, Frömmigkeit, Wohlhabenheit und Wohltätigkeitssinn in einem Maße in sich vereinigte, daß ihm die höchsten Ehrenämter sicher gewesen wären, wenn er sich ihnen nicht beharrlich, entzogen hättet C i n Ehrenamt ließ flch'R. SalmäNFnächdem er sich von seinen Geschäften zurückgezogen hatte/nicht nehmen: er führtedie jungen und jüngsten Kinder, wo er sie begabt und aufgeschlossen fand, in sein Haus, versorgte sie mit Speis- und Gewand, wo es nottat, und lernte mit ihnen mit der Liebe eines Vaters Und/der Gewissenhaftigkeit eines Berüfslehrers. Mit zehn Iahten war Mosche, der Söhn Rabbi.Schmuel Söfers, die perle seiner Schule, wie er Jedermann erzählte.. Zwei'Jahre später führte aber Rabbi Salman, nach Rücksprache mit dem Vater,- den Zwölfjährigen ins Lehrhaus Rabbi Rössons, gelangte''gleich ohne Umstände ins Privatgemach, des' Rabbi und übergab ihm den neuen Schüler mit den Worten: - „Er wächst über mich hinaus, der Bengel, werde längst mit ihm nicht mehr fertig. Ist reif für euch, Rabbi Rosson." Er küßte den verlegenen KnabeN auf die Stirn und ging. Einer Antwort oder irgend einer AufnabmeformaUtät bedurfte es nicht. Mosche Sofer wurde Schüler von Rabbi Rosson Adler. * * Es gab in der Schule Rabbi Rossons kein eigentliches gemeinsames Lernen. Die Jünger waren alle fortgeschrittenen Alters und regen, fast reifen Geistes. Jeder lernte selbständig seinen Traktat. Ergaben sich bei einem der Jünger Zweifel und Schwierigkeiten, so trat er leise, ohne anzuklopfen, in das Gemach des Meisters und zeigte stumm iitit dem Finger auf die schwierige Stelle. Rabbi Rosson liebte nicht viele Worte. Selten ließ er auch den Schüler die Frage vortragen. Cr sagte nur: „Run, wollen sehen, wo es fehlt." Dann lernte er den ganzen Zusammenhang vochäuswendig, leise, eindringlich, ruhig, in die Tiefe steigend und' doch auf einer für den Schüler noch gangbaren Fläche bleibend, Wort für Wort betonend, wie es einmal feine Art war, zu reden und zu lehren. Hatte er so den Gegenstand durchgesprochen, schloß er mit der freundlichen Einladung: „Und nun, deine Frage?" In den meisten Fällen gab es aber keine Frage mehr ... Einmal in der Woche, am Donnerstag, kamen die Schüler zur gemeinsamen Aussprache unter Führung des Lehrers zusammen. Je am Sabbat nachmittag referierte einer vor der Corona der Mitschüler und vieler gelehrter Gäste aus der Betgemeinde Rabbi Rossons in zusammenhängendem vortrage über fcitt Wochenpensum. Die durch den Vortrag ausgelöste Diskussion klang zumeist mit den Psalmen zum Sabbatausgang aus. Als zum ersten-Male die Reihe an den jungen Mosche kam, das Podium zu besteigen, sah man mehr Leute als sonst, auch neue Gesichter, im Lehrraume. Einige Freunde des Sofers kamen, um am Glücke des Vaters tellzuhaben. Es fehlte nicht Rabbi Salmau, der erste Lehrer Mosches, der die Entwicklung des Knaben im Auge bchielt. Draußen vor der halbgeöffneten Türe lauschte Reisel, das Muttergeflcht unter der breiten, kronenartigen Sabbathaube mit den vielen perlen, verklärt von Glück und Sabbatfrieden. Sie schlürfte jedes wort aus dem Munde ihres Kindes ein wie Offenbarung, Verheißung — und verstand doch kein einziges davon. Leise, natürlich,, kindlich heiter, mit wohllautender Stimme Hub der Knabe an, und sic wuchs, die Stimme, bekam Kraft und Klang, und er, der kleine Sprecher, wuchs mit ihr. Cr kam, ins Feuer, immer mehr angefacht und. angetrieben durch Bemerkungen und Zwischenfragen,- Einwendungen und Zustimmun- - gen der Hörer, die schon längst, vergessen hattest,, daß sie einen dreizebnjährjgM,Dchttlep vor / sich hatten. Rabbi Rosson blieb >> dabei in seinem Innengemach» horchte! vielleicht .wie draußen die Mutter! durch den Tinspalt. -Er tat es immer,' um mit dem Gewicht feiner Person die Selbständigkeit und Gedankenfreiheit der Jünger nicht zu erdrücken, war aber jetzt, angezogen von dem Gehörten, immer näher zur Türe gerückt. Man konnte int Höcerraume beobachten, wie sich der Spalt zur Inn.entüre immer weiter auftat. plötzlich ein Zwischenfall, der den Jungen mit leisem Weinen abbrechen und alle Anwesenden in starrer Verblüffung verstummen ließ. Mosche war mitten im Zuge, führte eine „schwere Frage" (Kaschje). seines Urgroßvaters Rabbi. Schmuel Schöllen,, äst, so klar,und anschaulich, -als hätte er sie selbst aus dessen Mun!> vernommen. Cr war in diesem Momente geistiger Verzückung, «dieser kleine Knabe, dem großen Ahn so nahe vertraut, als säße er auf seinem Schoße und zupfte spielend an seinem Barte. „Du Urgroßvater, was du da sagst, ist nicht 8." „Stuß" lag ihm auf «der Zunge, aber er, sagte nur: „Da hat . sich aber der verehrte Urgroßvater tüchtig geirrt ..." j,Chozuf (Frechling)" fiel ein hartes, schrilles Wort in des Jungen frische Ausführung und brach sie mittendrin ab. Man sah die ansgestreckte Hand