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Der Israelit · 1932-12-01 · Heft 49 (1.12.1932) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
73 (1932)
Issue
Heft 49 (1.12.1932)
Date
1932-12-01
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 Nr. 49 Der Israelit 1. Dezember 1932 Masur auf der Vorkonferenz zur Vorbereitung des Jüdischen Kongresses in Genf. Nach der Berichterstattung Masurs im Kehillorat über feine Wahrnehmungen in Genf ergoß sich von zionistischer Seite eine Flut von Vorwürfen und Beschimpfungen gegen den Präses, der „die Ehre der größten Gemeinde Europas in Genf vor dem Forum der Wett geschändet hätte". Die Orthodoxie könne sich von der Ma Jofis-Aussassung (in Polen soviel wie Kriecherei) nicht freimachen und fürchte die öffentlichen Anklagen, die Gunst der Regierung zu verlieren. Ratmann K a m i n e r gibt treffliche Antwort, indem er einen dicken Strich zieht zwischen Stimmungspolitik und praktischer Arbeit. Für bloße Stimmungsmache, wie sie die Zionisten wollen, wäre der Preis der guten Beziehungen zu den Regierungen denn doch zu hoch. Präses Masur selbst antwortet aber mit einer Schilderung des taktlosen Verhaltens der polnischen Zionisten auf der Konferenz. Von der Opposition wird ein Mißtrauensantrag gegen Masur eingebracht. Ein Vorschlag Kaminers, die Haltung und Handlung des Präsidiums zu billigen, wird angenommen. Trotzdem besteht Masur darauf, daß auch über den Mißtrauensantrag abgestimmt wird. Er wird mit großer Stimmenmehrheit verworfen. Einige führende Zionisten enthalten sich der Stimme und billigen damit stillschweigend auch iherseits die Haltung der Orthodoxie. Die Zionisten verlassen ostentativ den Saal, und in ihrer Abwesenheit wird fast einstimmig ein Protest gegen die Jntriguen der zionistischen Delegierten in Genf, die in erster Reihe gegen die Person des Herrn Masur gerichtet waren, angenommen. blutige Zusammenstöße zwischen Antisemiten und Juden in Lemberg. Lemberg, 28. Nov. Die unter der studentischen Jugend Lembergs ununterbrochen betriebene antisemitische Hetze, die zu täglichen Ueberfällen auf jüdische Hörer an den Hochschulen führt, hat am Sonntag, den 27. November, weitere traurige Resultate gezeitigt. Vor dem Cafe „Adria" in der Szeynachagasse postierten sich 6 Studenten der Verbindung „Venetia" in Wichs und beschimpften alle vorbeigehenden Juden, die sie zwangen, den Bürgersteig zu verlassen. Drei junge Juden, unte ihnen der Bäckergehilfe K a tz, der eine Frau am Arm führte, und der Zeitungsverkäufer Keller wurden gestellt und als Juden verspottet. Katz erhielt eine schallende Ohrfeige. Das war das Signal für die anderen, iiber Katz und seine Begleiterin herzufallen und unbarmherzig auf sie loszuschlagen. Katz, durch wuchtige Schläge aus seinen Schädel und die Schreie der Frau um jede Besinnung und Beherrschung gekommen, zog ein Messer und stach wie wild um sich. Greczkowsky erlitt tödliche, zwei weitere Studenten erlitten leichte Verletzungen. Die übrigen drei ergriffen die Flucht. Sofort nach diesem Vorfall setzte in den Straßen Lembergs eine gefährliche Judenhetze ein. Agitatoren versuchten, den Straßenmob zu einem Pogrom auf Juden aufzustacheln. In den von Juden bewohnten Straßen wurden zahlreiche jüdische Passanten zu Boden geschlagen und zum Teil erheblich verletzt. Fünf Juden, die sich den Huligans entgegenstellten, wurden von der Polizei in Schutzhaft genommen. Die antisemitische „Kurjer Lwowski" veranstaltete eine Extraausgabe mit gefährlichem Hetzinhalt, sie wurde von der Polizei verboten. Aus Lemberg über Warschau eingetroffene Nachrichten besagen, daß sich am Montag, den 28. November, die judenseindlichen Ausschreitungen in Lemberg in verstärktem Maße wiederholten. Studenten, vom Straßenmob unterstützt, griffen zahlreiche Juden in den Straßen an und schlugen sie nieder. Mitglieder der jüdischen Selbstschutzorganisationen stellten sich mehrfach den Angreifern entgegen. Es gab auf beiden Seiten Verletzte, von denen mehrere in das Krankenhaus gebracht werden mußten. In zahlreichen jüdischen Läden wurden die Fensterscheiben eingeschlagen, im jüdischen Viertel wurden die Läden geplündert. Die meisten Läden wurden geschlossen. Am Abend wurden die hölzernen Gebäude auf dem großen jüdischen Sportplatz angezündet. Der Brand, der weithin sichtbar war, vermehrte die Panik. An der Universität und an sämtlichen Hochschulen wurden die Vorlesungen unterbrochen Der Bäck ergeh ilfe Katz, der den Studenten Greczkowski tödlich verletzt hatte, wird vor ein Standgericht gestellt werden. In Lemberg wurde eine Nachrichten-Sperre eingeführt, es ist sehr schwer, authentische Informationen über die Vorgänge in der Stadt zu erhalten. Man nimmt in Warschau an, daß die Ausschreitungen in Lemberg einen größeren Umfang, als gemeldet, angenommen haben. Litauen. Zur Lage in Litauen, Kowno, 26. Nov. Die Wirtschaftskrise ist hier so schlimm wie überall in Europa, hat aber in dem primitiven kleinen Agrarstaate, in dem Handel und Handwerk fast ausschließlich in Händen der jüdischen Städtebeoölkerung liegen, für die Juden ihre eigene dunkle Note. Der Zusammenbruch jüdischer Existenzen ist leider längst zur täglichen Erscheinung geworden. Der „Ort"-Verband entfaltet in Kowno wie in der Provinz eine große und nützliche Tätigkeit. Wie überall, wo der Handel von der Entwicklung ruiniert wurde, geht auch hier durch die bislang in der Stadlluft vegetierenden Juden derSchrei nach Recht a u f B oden und Arbeit Vor kurzem konnten sich auf einer großen Konferenz in Kowno die Prominenten der litauischen und jüdischen Bevölkerung über dieses Thema eingehend aussprechen. Dr. Singalowsky vom „Ort" referierte über die Lage und wies nach, wie die Umschichtung und der Umbau der jüdischen Bevölkerung einen Segen auch für den jungen litauischen Staat bedeuten würde. Der V i z ebürgermeister der Stadt Kowno stimmte den Ausführungen des Redners bei. Die Solidarität zwischen Litauern und Juden würde durch die Beteiligung der letzteren an der Landarbeit noch mehr gefestigt werden. Professor Salczjus spricht von der schweren Notlage der Bauernschaft im Allgemeinen und meint, die Juden hätten keine günstige Zeit für ihren Anschluß an die Landwirtschaft gewählt. Die derzeitige Krise in der Handelswelt sei von der ökonomischen Entwicklung bedingt und eine vorübergehende Erscheinung. Professor Leonarcz, der Dekan der juristischen Fakultät, bewundert die Energie und den Aufbauwillen der Juden, aber das Vorrecht der litauischen Bauern auf Grund und Boden dürfe durch die Forderungen der Juden nicht geschmälert werden. Dr. Singalowsky setzt sich in seinem Schlußworte mit diesen Bemerkungen sachlich auseinander. Man dürfe bei der Gewährung der Grundrechte keine Unterchiede nach Nationalität und Raffe machen, da die Juden als Staatsbürger genau wie die anderen gute Litauer eien. Beim Eindringen der Litauer in die städtische Geschäftswelt habe man sich auch nicht auf das Vorrecht der Juden auf den Handel berufen. Es gibt in Litauen Boden und Arbeit genug für alle. Die Aussprache bewegte sich in sachlichen und ruhigen Bahnen und ist wohl dazu angetan, eine friedliche Zuammenarbeit beider Bevölkerungsteile zur Milderung der schweren Not anzubahnen. England. Board of Deputier. London, 25. Nov. In der letzten Sitzung des Board of Deputies, in der der Präsident Mr. d'Avigdor Goldsmidt, seine endgültige Amtsniederlegung zum 1. Januar bekannt gab, gelangte als wichtigster Gegenstand ein Bericht des Jewish Foreign Comittee über die Lage der Juden in Polen zur Diskussion. Der Bericht betont insbesondere die schmerzliche Tatsache, daß die polnische Regierung in der lebenswichtigen Frage einer Milderung der Sonntagsruhebestimmungen vor der nationaldemokratischen judenfeindlichen Agitation zurückgewichen und die in Aussicht genommene Verordnung zurückgezogen habe. Die Verordnung solle jetzt als Gesetzentwurf im Parlament eingebracht werden. Im übrigen behandelt der Bericht die Unruhen an den polnischen Universitäten. In der Aussprache wurde von einer Seite angeregt, den Bericht zurückzuoerweisen, weil darin keine endgültigen Anträge zu poitivem Vorgehen im Interesse der polnischen Juden enthalten seien. Mr. H. A. Goodman führte aus, daß die polnischen Juden sehr gut organisiert seien, wahrscheinlich besser als die englischen. Ihre Gemeinschaft sei daher auch ohne fremde Intervention in der Lage, die jüdischen Wünsche bei der Negierung zur Geltung zu bringen, übrigens sei hinsichtlich der Unterdrückung vou Unruhen die polnische Regierung jedenfalls selber bemüht, alles in ihrer Macht Stehende zu tun. Der Bericht würdeangenommen. Man beschäftigte sich dann noch mit dem Unruhen in Aden, dem Schächtgesetz und mit Finanz- und Presse-Fragen. Frankreich. Aus dem Jahresberichte der Alliance Israelite Universelle. P a r i s, 26. Nov. Auf der Jahrestagung der Alliance, diedieser Tage in Paris stattgesunden hat, wurde im Nahmen des Jahresberichtes ein Ueberblick über die Lage deu Juden in der Welt, insbesondere in D euts ch l an d, gegeben. Abgesehen von einigen im Auslände wohl unvermeidlichen Uebertreibungen in den Schilderungen der poliischen Gefahren, zeugt die Darstellung von Kenntnis deu Lage und aufrichtigem Brudergefühl. Dank und Anerkennung werden im Bericht dem C e n t r a l v e r e i n deutscher Staatsangehöriger jüdischen Glaubens für feinenenergischen Kampf zur Verteidigung' des jüdischen Rechtes¬ und der jüdischen Ehre ausgesprochen. In Oesterreichlägen die Dinge ähnlich wie in Deutschland. In U ng ar n mache sich eine Besserung bemerkbra. Der Bericht befaßt? sich auch mit Sowjetrußland. Dem Biro Bidjan-Problem stehe die Alliance mit einiger Skepsisgegenüber. Die Religionsverfolgung in Rußland, die sich besonders auch auf die Zionisten erstreckt, wird verurteilte Ueber positive Taten und Maßnahmen der Alliance ist aus dem Berichte wenig zu erfahren. Palästina. Ein großes Vermächtnis. Jerusalem, 20. Nov. Vom großen Legat der Frau Sima B e l i l i s in-, Honkong in China ist die erste Rate im Betrage vou 25.000 Pfund in Jerusalem eingetroffen. Die Verwaltung, des Legates liegt in der Hand des Vorstandes der fesardischen Synagoge „Rabbi Jochanan ben Sakai". Die Zinsen sind zur Verteilung an Arme und Krüppel, in Jerusalem bestimmt. In einer Zeit, da der Spendenstrom vom Ausland immer mehr versiegt, ist diese ungeahnte- Hilfe von China von größter Bedeutung für die Armensürsorge der heiligen Stadt. Es verstimmt über, daß die Verwaltung des Geldes einzig und allein in sefardische- Hand gelegt ist, uird das Gerücht von einer Art Geheimabkommen, das zwischen den Ssarüim und der Kneffes- Jisroel in dieser Angelegenheit bestehe, vermag -auch Äie- Gemüter nicht zu beruhigen. Es steht leider zu befürchten, daß die vielen Armen, die weder Sfardim sind noch der Kneffes Jisroel angehören, dabei ganz leer ausgehen. Im Sinne der Stifterin müßten die Zinsen allen Armen und Bedürftigen in Jerusalem zugute kommen,., ohne Rücksicht auf Abstammung und Zugehörigkeit. Ganz? unerträglich ist es aber, die Aschkenasim-Gemeinde und Agudas Jisroel, die ihrerseits die Interessen unzähliger- Armen wahrzunehmen haben, dabei ganz auszuschalten- Ein vertrauenswürdiger Beamter. Jerusalem, 20. Nov. Seit Monaten schon geht der Streit in Palästina um die „Tnuwah", die Cooperative für alle Milcherzeugnisse in Palästina. Von orthodoxer Seite wurde beanstandet, daß es in den Molkereien bezüglich des Kaschruth nicht mit rechten Dingen zugehe. Von der anderen Seite wurde dieses als „Verleumdung" und „Hetze" mit größter Entrüstung zurückgewiesen. Es kam auch zu einem Beleidigungsprozeß gegen einige junge Menschen aus der Agudas Jisroel, die ihrem Mißtrauen gegenüber der „Tnuwah" etwas lauten Ausdruck gaben. Vor Gericht spielte ich folgende Szene ab: Ein hoher Beamter, einer der technischen Leiter der „Tnuwah", Herr Jehilda Ärinfer, sollte als Zeuge vereidigt werden und der Richter forderte ihn auf, zu diesem Zwecke den Hut aufzusetzen. „Wozu?" fragt der Zeuge. „Weil es bei uns üblich ist, daß der Jude bei der hebräischen Bibel, wie der Mohammedaner, ebenfalls mit bedecktem Haupte, beim Korane chwört. Krinker: „Ich achte die Bibel, lehne sie aber als Stütze für meinen Eid ab." „Glauben Sie an Gott?" fragt der Richter. „Nein!" lautet die entschiedene Antwort des Zeugen.

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