Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 49 (1.12.1932)
- Date
- 1932-12-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1. Dezember 1932 Und nun regt man sich in den zionistischen Kreisen über die böse Orthodoxie auf, die es wagt, einem Betrieb unter der Leitung des Herrn Jehuda Krinker und sonst ohne jegliche rabbinische Aufsicht das religiöse Vertrauen zu versagen ... Der Prozeß wurde vertagt, aber die öffentliche Meinung hat wohl das Urteil über die „Tnurvoh" gesprochen. Wie eine Groteske hört sich auch die Entschuldigung des Oberbürgermeisters von Tel-Awiw, Dizengoff, an, die er für seine öffentliche Sabbatentweihung in Warschau (er hatte sich dort, wie berichtet, am Sabbat im Museum in das goldene Buch eingetragen) anführt. Misrächi- Korrefpondenten, die sich bei seiner Heimkehr beeilten, ihn darüber zu interpellieren, drückte er sein tiefes Bedauern über das „Versehen" aus. Er hatte in jenem Momente vollkommen vergessen, daß es Sabbatsei Klar: In der großen Wüste, Warschau genannt, kann ein jüdischer Bürgermeister den Sabbat auf der Straße schon leicht vergessen ... Personalien. Rabbi Mosche Gerson Movschowih Wilna, 29. Nov. In Dubrowo bei Grodno verstarb im Alter von 80 Jahren Rabbi Mosche Gerson Mooschowitz, der zu den ältesten und größten Gaonim Litauens zählte. Er wirkte mit seiner partiarchalischen Gestalt wie eine Verkörperung von Thora, Mussar und nvr». Er gehörte in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts zu der Edelblüte der damals neugegründeten Kownoer Kolal und Slabodkoer Jeschiwa unter Rabbi Israel Salanter und Rabbi Jizchok Elchonon Spektor. So war er auch der iiitimfte Freund des „Alten" (Rabbi Nathan Zwi Finkel). Ein Sohn des Heimgegangenen, als Kind schon ein Jllui, ist Leiter der K e l m e r Jeschiwa, der Schöpfung von Rabbi Simcho Sissel. Die anderen Söhne und Schwiegersöhne wirken alle als Rabbiner in verschiedenen Städten. Eine Säule des alten litauischen Thorajudentums ist mit diesem Tode gefallen. »"'7- Vermischtes. Lodz, 29. Nov. Das zehnjährige Jubiläum der Poale Agudas Jisroel wurde in feierlicher und erhebender Weife begangen. Ein tausendköpfiges Publikum füllte den Festsaal. Der Vorsitzende, Herr Landenberg, eräffnete die Feier mit einer kurzen Rede, worauf das warme Geleitwort des Radomer Raw, Rabbi Kestenberg, folgte. Nach Chorgesängen erfolgten die Begrüßungen im Namen der Lodzer Kehilla und vieler Organisationen und Vereine im In- und Ausland. Ein zweites Referat des „Radomer Raw" löst große Begeisterung aus. Mit einem Schlußworte des Parnes, Herrn Silber st ein, und Chorgesängen ging die Feier zu Ende, die am Abend noch mit einem Bankett ihre Fortsetzung fand. Warschau, 29. Nov. Aus Initiative einiger orthodoxer Jugendführer wurde in Warschau eine Gesellschaft für S e l b st e r z i e h u n g 'im Geiste von S. R. H i r s ch gegründet. Das Programm umfaßt das Studium der Hirschwerke und die Organisierung von Kursen und Referaten auf religiös-wissenschaftlicher Grundlage. Unter der orthodoxen Jugend Warschaus hat die Neugründung das größte Interesse hervorgerusen. Haifa (Palästina), 24. Nov. Ein fachmännisch geleitetes, streng rituell geführtes Hotel ersten Ranges ist es wert, in der ganzen religiösen Judenheit bekanntgemacht zu werden. Hotelier Hermann Groß, ein Wiener, hat jetzt für sein Hotel „ Ha dar Hakarmel" neben dem neuen Gerichtsgebäude einen dreistöckigen Bau errichtet, der auch verwöhnten Ansprüchen gerecht wird. Vom Dachgarten wird überdies ein wunderbarer Rundblick Mer Haifa, Karmel und das Meer bis zum Libanon gewährt. Bei der großen wirtschaftlichen Entwicklung, die Haifa jetzt bei Vollendung seines Hafens zu erwarten hat, sind auch die Aussichten eines solchen Hotels die besten. Sprechsaal. Warnung. Im Namen der Sekelyhider Thora-Anstalt teilt uns Herr Oberrabbiner I. Rosner mit, daß ein gewisser Abraham Malek in ihrem Namen Geld sammelt. Der Herr Oberrabbiner macht daraus aufmerksam,' daß Quittung und Siegel falsch sind. mKD Ton1? Die heutige Mode des Haarschneidens gibt Veranlassung, auf folgende wichtige Gesetzesbestimmung hinzuweisen. Laut Leviticus 19, 27 ist es ein Verbot der Thora, die Ecken des. Haupthaares rund abzuschneiden Oa 'D via») ivnivi>i in« v>jnx nwan Der Israelit und zwar, wie aus den Deziforen zu ersehen ist, nicht nur mit dem Rasiermesser, sondern auch mit der Schere (mit der Schere ist es jedenfalls ein nv"ii«T iiv'« pso.) Ueber dieses Abschneiden der win rm*s setzen sich viele Gesetzestreue gedankenlos hinweg. Man geht zum Friseur, läßt sein Haar nach allen Regeln der- Kunst schneiden, ohne speziell auf die zu beobachtenden Gesetzesbestimmungen aufmerksam zu machen. Diese Nichtbeachtung des is'pn beruht zweifellos auf einer Verwechslung. Die rni'vn in Polen und Galizien lassen bekanntlich sehr lange nirrvstehen. Dieses beruht nur aufm-non nw- Aber ein Verbot, nicht nur frommer Brauch, ist es, die Ecken des Haupthaares ganz abzuschneiden und zwar auf der Schläfe gegenüber dem Ohr. dort wo das Schläfenbein mit dem Kinnbacken sich verbindet mp» ]»•>» 'n^ rvnn. Es sei darauf hingewiesen, daß die Väter verpflichtet sind, auch bei ihren noch nicht großjährigen Knaben dieses Verbot des 'impn zu beachten, siehe a"D rr>a 'ni ,n"o rr"sp s-v .'i Tn -vn r. Die Woche. Israelitische Volksschule. Die Aufnahme in die Grundschule der Israelitischen Volksschule findet statt von Sonntag, den 4. Dezember bis Freitag, den 9. Dezember, vormittags von 12—1 Uhr in dem Amtszimmer der Israelitischen Volksschule, Röderbergweg 77. Das Synagogenkonzert von £. Ainkelstein. Vor gut besuchtem Hause in der Frankfurt-Loge ließ Herr Lasar F i n k e l st e i n am Samstag abend seinen klangvollen und bestens geschulten Tenor in verschiedenen Synagogengesängen und jüdischen Volksliedern erklingen. Herr Finkelstein hat sich schon längst in unsere Herzen hineingesungen. Zu bemerken ist nur, daß er an diesem Abend in guter Form, bestens bei Stimme und Stimmung war, und daß großer und ehrlicher Beifall feine ausgezeichneten Leistungen belohnte. Herr F i r n - b e r g am Klavier paßte sich ganz dem Sänger an und gab auch ein paar eigene Musikstücke zum besten, die große Aufmerksamkeit fanden' Jüdischer Sport. Der Wert des Turnens kann als körperliche Ertüchtigung gerade in der heutigen Zeit nicht hoch genug eingeschätzt werden. Der Jüdische Turnerbund E. V., der auf ein fast siebenjähriges Bestehen bei einer Mitgliederzahl von ca. 250 Erwachsenen und Jugendliche zurückblicken kann, hat getreu seinem Prinzip den Sport unter strenger Beachtung der religiösen Belange getrieben und jede Rekordsucht abgelehnt. Er bedarf daher noch weit mehr der Unterstützung seitens der religiösen Kreise, um' so mehr als infolge der allgemeinen wirtschaftlichen Lage die finanzielle Lage des Vereins sich verschlechtert hat. Es ergeht insbesondere an die Jugendverbände sowie auch an die Institutionen der Aufruf, bei ihren Hörern bezw. Mitgliedern für unseren Verein Propaganda zu machen. Die Beiträge haben wir, wie schon öfters mitgeteilt, erheblich gesenkt, so daß die Mitgliedschaft jedem ermöglicht wird. Auskunft erteilt bereitwilligst unser Vorsitzender, Herr Dr. E. Freimann, Hanauerlandstr. 14, Telefon: 47 715. verein zur Aussteuerung hiesiger israelitischer vürgerslöchler E. v. Wohl eine der ältesten Frankfurter jüdischen Wohlfahrtseinrichtungen ist der im Jahre 1790 gegründete „Verein zur Aussteuerung hiesiger israelitischer Bürgerstöchter". Der Verein darf daraus Hinweisen, daß er in den vielen Jahrzehnten seines Bestehens in zahlreichen Fällen wesentlich mitgeholfen hat, weniger bemittelten Vürgerstöchtern ihre Verheiratung zu ermöglichen. Alljährlich vergibt der Verein aus den Erträgnissen des vergangenen Jahres eine Aussteuer erster Klasse und je nach seinen verfügbaren Mitteln mehrere Aussteuern zweiter Klaffe. Aus den Erträgnissen von 1931 wurden anfangs ds. Js. eine Aussteuer erster Klasse von Mk. 4000 und sieben Aussteuern zweiter Klasse von je Mk. 4000 bedürftigen. Mädchen Werteilt. Satzungsgemäß wird die Aussteuer Erster Klasse nur unter den Mitgliedern verlost: das Mitglied, dessen Beteiligungsnummer gezogen wird, gewinnt das Recht, das Mädchen zu bestimmen, dem die Aussteuer überwiesen werden soll. Zur Bewerbung um die Aussteuern zweiter Klasse ist jedes jüdische Mädchen, das den Bestimmungen der Satzung genügt, ohne irgend eine Zahlung zugelassen. Das Los entscheidet hier unmittelbar, wer die glücklichen Gewinnerinnen sind. Durch die Verlosung der Aussteuer erster Klasse ist den Mitgliedern des Vereins eine ganz besondere Chance geboten. Während bei jeder -anderen Verlosung nur ein Teil der eingezahlten Beträge verlost wird, ist der Betrag der Aussteuer erster Klasse immer bedeutend höher, als die Summe der Mitgliederbeiträge, weil der Verein aus den Zinsen seines Kapitalvermögens einen wesentlichen Betrag hinzufügt. Deshalb sollten Eltern und alle, die für die Verheiratung eines Mädchens Sorge tragen, nicht versäumen, dem Verein als Mitglied beizutreten. Die Verlosung der Aussteuer erster Klasse aus 1932, die voraussichtlich wieder Mk. 4000 beträgt ,wird im Nr. 49 Seite 7 IKKI Ob Sie viel oder wenig ausgeben filsSl wollen, ein schönes CHANUKKA-GESCHENK finden Sie bei B8^. Fra™ unDSOHn nur ZEIL 95 u. TONGESGASSE 25-27 Februar k. Js. stattfinden. Die Aufforderung zur Bewerbung um Aussteuern zweiter Klasse wird erst im März n. I. erfolgen. (Siehe auch Anzeige in diesem Blatte.) konservativer Indischer Iugendverein. Der Konservativ Jüdische Jugendverein begann seine diesjährige Winterarbeit mit einem Reisebericht des Herrn Hacker aus Wien über feine Fahrt durch Spanien, Marokko und Portugal. Seine interessanten und spannenden Ausführungen fesselten die zahlreich erschienenen Zuhörer in größtem Maße. Den Abend eröffnete Herr Akiba Hosfmann, der die Anwesenden begrüßte: am Schlüsse dankte der Vorsitzende, Herr Rechtsanwalt I. Klibansky, dem Redner und forderte die Anwesenden zur eifrigen Teilnahme und Mitarbeit an den folgenden Veranstaltungen des Vereins auf. Franz Werfel bekennt . . . In der Westendsynagoge referierte am Sonntag der bekannte Schriftsteller Franz Werfel vor einem tausendköpfigen Publikum über die Frage: „Kann man ohne G'tt leben?" Ueber die von Werfel entwickelten Gedankengänge wird uns berichtet: Werfel entwarf ein eindringliches Bild des Durchschnittsmenschen von heute, des Mannes der Menge, der fein bißchen Bildung bestenfalls aus Häckels „Welträtseln" bezogen hat und bei einem naturalistischen Nihilismus gelandet ist, diesem massiven Volksunglauben, der sich, wenn überhaupt an etwas, nur an die sinnliche Erfahrung hält. Vor allem in der Großstadt gedeiht der von jeder Religion, und das heißt All-Verbundenheit, entblößte Mensch; die Weltstädte, meint Werfel geistreich, sind Schlupfwinkel, in denen man sich am ehesten vor der tieferen Lebenswirklichkeit komfortabel verkriechen kann. Die Kinder solch eines namen- und wesenlosen Großstadtmenschen drängt es zu irgendeiner höheren Ordnung, sie schließen sich dem Radikalismus rechts oder links an,'die aber doch auch nur „primitive Stufen der Jch-Ueberwindung, Ersatzreligionen" sind. Wir haben heute vergessen, daß es außer rechts und links auch ein Oben und Unten gibt; wenn aber alle Wege verschlossen sind, so bleibt nur der Weg nach oben noch. Auch der ungläubigste Mensch kann nun. je älter er wird, eine gewisse Schwermut nicht überwinden: es ist die Furcht vor dem Tode, die Angst, sein liebes Ich, fei es noch so armselig, zu verlieren. Nein, bekennt Werfel, menschliches Leben ohne transzendente, übersinnliche, g'ttliche Verbundenheit kann es nicht geben. Auch die modernen Naturwissenschaftler müssen zugestehen, daß die Idee eines Allgeistes sich mit den heutigen Ergebnissen physikalischer Forschung sehr wohl vereinbaren läßt. Diese Welt kann seelisch nur geheilt werden, wenn sie den Weg zu einer echten Gläubigkeit wiederfindet. Warum sollte ich brav und ehrlich sein, wenn alles, was von meinem Tun ausgeht, nach dem Tode null und nichtig wäre? Die Ehrfurcht allein kann zur Brüderlichkeit führen, zu einer Verwandlung der Welt, deren letztes Ziel die Freude ist. Werfel glaubt nicht, daß es gänzlich unreligiöse Menschen gibt. Die Grundwerte des Lebens sind nur verschüttet oder nicht gehoben. Daß wir uns aus dem Schutt des Tages, aus dem Plakatgeschrei der niedrigen Lockungen Stunden der Einsamkeit und der Selbstbegegnung retten, darauf kommt es an.- Solche Bekenntnisse, die für uns offene Türen einrennen, könnten in den Kreisen, für die sie bestimmt sind, eine gute Wirkung ausüben — wenn sie auch die praktischen Konsequenzen aus all dem zögen. Zeigt man Wege zu G'tt, so muh man auch zeigen, w i e diese zu gehen sind... Da innerhalb unserer Jugend die von Werfel aufgeworfene Frage keine Frage ist und die' Wege zu G'tt nicht nur -gezeigt, sondern auch effektiv geebnet werden, so ist es kaum gerechtfertigt, daß ihrer Viele — wie uns berichtet wird — zu solchen Veranstaltungen hinströmen und damit ihre Reverenz auch der Orgelsynagoge selbst erweisen. Die Niederhofheim'sche Schul — das Erbe Rabbi Rofson Adlers Von befreundeter Seite wird uns geschrieben: Die sehr ineressanten Ausführungen des Herrn Redakteurs S. Schachnowitz am letzten Sonntag nachmittag in seinem Vortrage über ‘jvnn -renn Reb Nosson Adler und den über ihn — wie wir jetzt wissen — in Wirklichkeit niemals verhängten o»n, ferner die in Schachnowitz's neuen Roman „Licht aus dem Westen" bis jetzt über Reb Nosson Adler erschienenen Kapitel, veranlassen mich, der Redaktion des „Israelit" folgende Ausführungen zu unterbreiten, deren Veröffentlichung ich Ihnen anheimstelle. Die Niederhofheim'sche Schul, welche unstreitig die Fortsetzung des im Hause Reb Nossen Adlers abgehaltenen Minjan ist, (Löb Emmerich, Beer Dann, Vinjamin Niederhofheim) hält noch jetzt treu an den von