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Der Israelit · 1932-12-01 · Heft 49 (1.12.1932) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
73 (1932)
Issue
Heft 49 (1.12.1932)
Date
1932-12-01
Page
– (sequence 4)
Language
German
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«eite 4 Nr. 49 Der Israelit 1. Dezember 1932 Als der Irre das sägte, applaudierten di R a z i st u ö e n t e n und trampelten mit den Lüsten Leifalt; mühsam nur konnte Professor Rötzel sich Ge hör verschaffen, um den Studenten schonend beizu bringen, daß ein armer Irre ihnen diesen Ratschlag erteilte. Er fügte lächelnd hinzu, das; sich in' dem Kopfe des Wahnsinnigen allerdings politische Pro gramine der Gegenwart spiegelten ... Wo Vernunft als Wahnsinn gilt, muß gelegent lich auch einmal der Wahnsinn als Kathederweisheit bejubelt werden! ■ „Ein solches System,"so schließt Raöbruch, „würde uns zurückführen noch hinter die Carolina des Mittelalters mit allen ihren Schrecken, zu einem Gipfel von Intoleranz, zu -'einer wahren politischen Ketzecinquisition. Solcher Vergottung der Ration, wie sie sich im Rationalsozialismus' gleLch einer Er.fatzreligion breite macht, ist entgegenzustellen das Wort: „Ich liebe mein Vaterland —7höher die Freiheit — am meisten unterallen Dingen aber die Wahrheit!" Vom nationalsozialistischen „Anlerrnenschenlum". Es ist nicht leicht, in eine Auseinandersetzung mit den geistigen Gehalten der national sozialistischen Bewegung einzugehen, — weil solche kaum ersichtlich sind.. Schon politisch wurden die R. S. die „Partei mit dem . wechfelbaren Programm" genannt. Ihr geistiges und ideologisches Programm ist ein Vexierbild, wo ist das Programm? ... Cs schwebt im leeren Raume zwischen Imperia lisinus und Marxismus, zwischen rohem handgreis' lichem Materialismus und bis zum Phantom und Idol verschwommenen Idealismus. Die Strafrechts r e f o c m gibt vielleicht einen dürftigen Startplatz für eine solche geistige 'Auseinandersetzung ab, und der bekannte Professor Raöbruch unternimmt sie auf der Tagung des Republikanischen Juri st e n b u n d e s für Mitteldeutschland in Frankfurt. Radbruchs Fomrulierungsgabe gelingt es, endlich aus dem Tohuwabohu der nationalsozialistischen Verworrenheiten folgende Thesen herauszukriftallisiecen: Erstens: Preisgabe der soziologischen Auffassung des Verbrechens. Es wird nicht mehr als sozial bedingt, sondern als eine Wirkung der Rassenanlage oder Ras senentartung gedeutet. Der Verbrecher ist der „geborene Untermensch". Zweitens: Dieser „geborene Untermensch" ist im Prin zip naturgemäß besserungsunsähig. Das Strafrecht erhält also die Funktion einer gewaltsamen Auslese, sein Charakter wird selektiv und terroristisch. Im besten Falle kann Abschreckung, meist muß .Unschädlichmachung erstrebt werden. Also treten unter den Strafarten Todesstrafe, lebenslängliche Sicherheitsverwahrung und Zwangssterilisation auf eine erschreckende Weise in den Vordergrund. Drittens: Die Strafe selbst erhält einen neuen Sinn Sie wird zu einem Symbol des Staates, die Todesstrafe fast zu einem staatlichen „Sakrament". (Mit einem Blick auf das faschistische Italien: „Das ist trotz Ben Akiba, neu, daß man die Wiedereinführung des Hinrichtens mit Jubel begrüßt, nachdem man noch vor kurzem dem ersten großen italienischen Gegner der Todesstrafe, > Beccaria, ein Denkmal'fetzte!") ' Viertens: Verbrechen und Strafe werden nicht mehr orientiert an den Zwecken der Gesellschaft, sondern - an einem besondere^ einmaligen. Staatsideast welches, mit dem " Nationälsozialistischen.; Parteiideal zusammenfällt. (Schutz der-Ehre'und Wurde des deutschen Volkes, seiner Helden, seiner Rassenkräft insgesamt allein parteimäßig .bestimmte Merkmale.) " Die Folge ist die Vernichtung aller Toleranz und die Zwangserziehung zum Parteiideal. Fünftens: Aufhebung jeder Trennung von Recht und Sittlichkeit. Der Rechtsbrecher soll nicht nur gestraft, sondern auch infamiert werden; die schönste Frucht der Toleranz. der Gedanke des, lseberzeugungstäters 'wird Heseitigt. .. . Sechstens: Die verlüngte ^Berücksichtigung des sittlichen Beweggrundes im Täter" kann überhaupt nur objektiv, gemeint sein. Objektiver, Maßstab aber bleibt allein das Parteiprogramm. Damit, wird zweierlei Recht geschaffen: eines für die gutgesinnten Sünder und eines für die schlechtgesinnten Verbrechet. Alan wäre versucht, beinähe gereizt, mit dein Ethischen diesen Ausflüssen eines.'wahren „Untermenschentums" zu kommen, auch'von öer Jurisprudenz her, vom geheiligten Rechte aller Völker, seitdem es Völker und Staaten gibt. Dem 'Juden drängt sich bei diesem Bekenntnisse dunkler Seelen unwillkürlich der in Thora, Talmud und Dezisoren festgelegte jüdische Rechtsbegriff, der abrahamitische von vswa, der auf bpix aufgebaut ist (iiawi vsVQi njm Aber wir begnügen uns mit dem Rachworte Radbruchs zu diesen „Rechts"-Grundsätzen: Spmoza-Zubiläen. Cs ist erst fünf Jahre her, daß die ganze euro päisch-amerikanifche Kulturwelt den zweihundertfünf zigsten Todestag des Amsterdamer Philosophen feierlich beging; trotzdem hat man es (wer in solchen Dingen die Initiative ergreift, ist schwer festzustellen) für angemessen gehalten, schon nach so kurzer Frist nach genau dem gleichen Schema den dreihun d e r t ft e n Geburtstag Baruch Spinozas zu erneuten Leitartikeln, Festnummern, akademischen Veranstaltungen und Massenversammlungen auszunutzen. Dabei läßt sich schwer etwas wirklich Neues sagen, wenn das Reue zugleich wahr fein soll. Haben wir als thoratreue Juden, als ihre» Sonderheit bewußte „Träger der Geräte G'ttes" Recht und Pflicht, diesenSpinoza-Gedenktag mitzufeiern? Insofern sicherlich, als auf der großen, vom C d e n zur Erlösung führenden geistigen Menschheits- Irrfahrt, die man Kulturprozeß nennt, der Name des von feiner Geineinschaft ausgestoßencn jüdischen Glasschleifers von Amsterdam einen Markstein von unvergänglicher Bedeutung bildet — gleich dem welthistorischen Werk, des Saulus von Tarsus, gleich Immanuel Kants unsterblicher Lebensleistung. M e n f ch h e i t s los und Menfchheits auf gäbe ist uns das Suchen , nach G'tt in der Weltfülle; in dem weitgesteckten,'alle seelischen Kräfte zu viel seitigster Betätigung freilassenden Rahmen der sieben noachidischen Gebote sollen Generationen nach Gene rationen unter den Völkern der Erde den Flug in die Unendlichkeit des Denk- und Fühlbaren in Wissen schaft und Kunst, in Technik und Völkergestaltung unternehmen, bis daß nach tausend Irrfahrten die ganze Fülle des Erdachten und Erfühlten, des Bezwungenen und Gestalteten in höchstgesteigerter Kraft zum Throne der G'ttesherrlichkeit sich vollendet. Des jüdischen Volkes Aufgabe jedoch kann nicht'die Teilnahme an diesem wettlauf der Kraft- 'teigerung sein; um des Zieles willen, dem diese menschheitliche Kraftentfaltung zustrebt, und das ja um der Menschheit selber willen nicht verloren gehen darf, hat dieses Volk Selbstbescheidung zu üben und, in treuer Einordnung seines Denkens, Fuhlens, Wollens in den G'ttespkan, solange Gefäß derrei neu G' t t es w ähr h e i t zu bleiben, bis)ihr erlösendes Licht über die auf anderen Wegen zum glei-? chen Ziele -wandernde Brudermenschheit hinausstrahlt., Wäre Spinoza nicht von. jüdischen -Eltern 'gezeugt, wäre er, Nicht von der gütlichen natura naturans, die dem Keim seines physiH-geistigen stsvefens die unablösbare 'Lebensbestimmung ausgeprägt,^ : in l die Schlachtordnung 'der „G'tteskämpfer", in Israels Reihen gewiesen worden — wir dürften uns seiner als eines erlesenen Trägers der geistigen Entwicklung, der Menschheit freuen. Denn was er in überkonsequenter .Intellektuälisrerung dqs (Anheitstriebes für die Entwicklung des philosophischen Denkens geleistet, was er an geistiger Kraft aufgeboten hat, um die verwirrende Fülle des Seins in einem Retz logisch-, mathematischer Begriffe aufzufangen und zu bezwingen und, darauf) fußond, alle blinde menschliche Cei*; denschäft freilich samt allem. Freiheitsbewußtsein, in die selige Ruhe .siner lächelnd hingenommenen Rotivendigkeit zu) lösen, das alles zusammen.-ist eine Ehrfurcht gebietende ^Leistung konzentrierten ForscheNs und Suchens. nach autonomer Wahrheit, . die a u ch a l s ' I r r t u m ihre ewige relative Geltung in der Geschichte des menschlichen.Geistes-bewahren wird. A der S p i tto za w a r I u ö e. Ueber seiner, wiege war nun einmal der kategorische Imperativ des abrahamitischen, des stnaitischen Gffenbärüngsrufes erklungen und — er blieb diesem Rufe taub; aus den heiligen Büchern leuchtete ihm die Wahrheit. des über seiner Welt wälteMen, o bauch in ihr wirkenden, fr e i e n -G'ttes der "CB e sch ich t e entgegen, und i r r e nd v. e r s ch m ä h t-e er sein .Lich t. . ': )fi| Er ward zum Abtrünnigeit. ) . Richt nur die Inhalte seiner Weltanschauung gestaltete er, als gäbe esfür den Juden'keine g'ttliche Zielweisung, nach eigenem wähnen, sondern er war einer der ersten, die dem Thorawort selber..den gütlichen Charakter absprachen und damit die (Quelle verschütteten, aus der alleiw dem jüdischen Volke ewige Belebung, der Menschheit die einzigö «Gewähr der Erlösung sprudelt. ... ... Je höher man — trotz Kant und trotz Her - m ä n n C o h e n — die Einwirkungen der spinozistischen Philosophie auf die Goistesgeschichte der Menschheit einschätzt, desto gerechtfertigter erscheint objektiv die Härte der Amsterdamer Rabbinen, die — ohne daß es ihnen zum Bewußtsein kommen konnte — mit ihrem Bannstrahl den Kampf der durch die (Offenbarung und durch die Geschichte des jüdischen Volkes gewährleisteten sittlichen Freiheit führten gegen die wesenlose Denkfreiheit inmitten eines Raturmechanismus, den Kampf des freien G'ttes der freien Menschen-Dat gegen, die trostlose Raturgebundenheit der spinozistischcn pseudog'tthett, für die nimmermehr ein ganzes Volk zu. leben und zu sterben, wahrlich kein Märtyrer den Scheiterhaufen der spanischen Inquisition zu besteigen vermocht hätte. Don all den krampfhaften und darum törichten versuchen in den Irrgängen der spinozistischcn Metaphysik und Ethik Anteile jüdischer Seelensubstanz, jüdischer Denkneigungen nachzuweifen, scheint uns höchstens der eine Gedanke gerechtfertigt, daß vielleicht gerade die aus dem sraw geborene flammende Sehnsucht nach Einheit Baruch Spinoza in den einseitigen Wahn Hineintrieb, über den ewigen Dualismus von G'tt und Welt, von Geist und Materie hinwegzustürmen, um so die Grundvoraussetzung alles sittlichen Lebens, die in der Weltgeschichte, sich realisierende g'ttgewollte Freiheit des Menschenwollens, leugnen zu dürfen. Cs war dem abtrünnigen Sohne des G'ttesvolkes nicht vergönnt und konnte ihm, nachdem er das Band mit seinem G'tte zerrissen hatte, nicht vergönnt sein, auch nur die untersten Stufen zum Heiligtum der allumfassenden jüdischen Weltdeutung zu ersteigen. Cr gehört wie so viele andere zu den Trägern des großen Menschheitsringens um selbstgefunöene, autonome Wahrheit, zu den Werkzeugen der. geheimnisvollen Weltentwicklung, die auch Irrende und Sündigende in ihren Dienst stellt und aus den zerbrochenen Scherben-.menschlicher Denkarbeit den Zukunftsbau der G'tteserkenntnis emporsteigen läßt. Korrespondenzen « Nachrichten. Deutsches Neich. Das Hilfswerk des Hilfsvereins. Berlin, 24. Nov. In diesen Tagen fand' in Berlin eine Sitzung des (Zeschäftsführe^den Ausschusses des H i l f s v e r e i n s d e r' de ü t s ch e.n Juden statt... Der Generalsekretär des Hilfsvereins Dr. W if chn itz er gab einen Bericht, in demFer. ausführte. daß die Arbeit des Hilfsvereins trotz der Krise auf allen. Gebieten fortgesetzt wird. Die Auswandererfürsorge in Deutschland nimmt nach wie vor einen großen Teil der Mittel -in Anspruch. Es wurden erner aus dem I a m e s S i m o n - F o n d s soziale und kulturelle Anstalten außerhalb Deutschlands, in Osteuropa und im Orient, unterstützt. Dr. Wischnitzer berichtete über eine Reise nach Rumänien, die er sowohl in Sachen des Külturwerks, das. der Hilfsverein seit Jahrzehnten dort ausübt, als auch, für die H a f f k i n e - S t i f t u rr g im September unternommen hat. Er gab ein Bild von dem furchtbaren Elend der Juden in Rumänien. Die jüdischen Gemeinden, insbesondere im Gebiete von Marmaros-Szighet, gehören zu den ärmsten der . Welt. Die Kinderfürsorge hat wegen Mangels an Mitteln mit

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