Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 48 (24.11.1932)
- Date
- 1932-11-24
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 Nr. 48 Der Israelit 24. November 1932 „Reisest die Zadekes wohl^" riet R>abdi Rosson, .werbsmöglichkeiten einen raschen wirtschaftlichen Aus- „fle möge nur hereinkommen." „Ihr seid es, Reise!," begrüßte er die Cintrctende, „habe es mir wohl gedacht, Fehlt dem Kinde was?" „Seinem lieben Kamen sei es gedankt, es wächst und gedeiht. Seht, Rabbi, fein Gesicht, es leuchtet wie der wachsende Mond. Sagt auch schon die Segensstieg gewährten. Diese Menschen bewahrten der Heimat ihre Liebe. Reiche Geschenke sandten sie ihren Familienangehörigen und ihren Heimatgcmeinben. Aber ihre Wohlhabenheit wurde gleichzeitig der nächsten Generation ein Anreiz, ebenfalls auszuwandern, obzwar inzwischen die Fesseln der alten Gesetzgebung spräche her. Wenn es in seinem Bettchen singt, so ist gefallen waren. Viele unterlagen der Versuchung, es wie Lernmelodie „Kein Wunder," sagte Rabbi Rosson. „Ihr habt das Kind von den ersten Lebenstagen in und um die Lehchäuser getragen, nun sitzt ihm der Taurohgesang im (Ohr und im Sinne." Reisel wandte beschämt das Gesicht ab, als wäre sie bei einer verbotenen Tat ertappt worden. „Das Kind wird älter," bat sie, „wird bald anfangcn zu lernen. Der Rabbi möge es segnen. wenn sie sich auch sagen mußten, daß dem lockenden Gewinn ein säst sicherer Verlust gegenüberstand. Die Mehrzahl mußte nämlich in Amerika mit der bisherigen religiösen Hebung brechen. Aber der Reichtum blendet. Jahrzehnte sind seitdem vergangen, angefüllt mit Geschehnissen von nie geahntem Ausmaß. Die Verhältnisse haben sich gründlich geändert. Auch in Amerika. Mancher reiche Kaufmann hat seinen Betrieb So konnte Hanna vor Eli gestanden haben, wie schließen müssen; viele, die nicht mehr arbeiten könjetzt die Frau der Frankfurter Iudengasse vor dem! neu, sind jetzt froh, wenn sie von ihren Ersparnissen halbbewunderten, halbgeächteten Rabbi in der dunkel-;so viel retteten, daß ihnen noch im Alter ein bescheisten Ecke dieser Gasse, segenflehend für ihr Kind^denes Auskommen ermöglicht ist. stand. Rabbi Rosion beugte sich zum Kinde herab und nahin es in die Arme. „Cs sind Größere," sagte er, als spräche er zum Kinde, „die dich segnen, große Ahnen von der einen und der anderen Seite. Rabbi Iossef Schmuel Krakauer gab uns mit seinen „Rachweiswerken" den! innerungen an die Jugendzeit ein. Dann wurden Schlüssel zum Talmud. Wie arm wären wir alle im Briese mit den Verwandten gewechselt, und schließlich Unter ihnen ist Mr. Sam Webert. Das arbeitsreiche Leben eines amerikanischen Kaufmannes hat ihn bis vor einem Jahre so sehr in Anspruch genommen, daß er nur selten Zeit fand, seinen Verwandten in der Heimat einen Brief zu schreiben. Rach der Aufgabe seines Geschäftes stellten sich zuerst öfters Cr Besitze jener Schätze, ohne Schlüssel zu deren Kammern. Rabbi Schmuel Schotten reichte uns den K e l ch desHeiles (Titel des Schotten'schen Werkes: „Kos Ieschuos"). Aus diesen Brunnen, die die Väter, „die Fürsten und Adeligen des Volkes" gegraben, wird dem Kinde Heil und Glück zuflicßen. Die heiligen Buchstaben, die euer Mann schreibt, werden seinen wachsenden Geist umspielen. Und auch eure Lichter am Sabbat und eure kleinen Spenden am Werktage, fromme Reise! ..." Reisel bedeckte das Gesicht mit den flachen Händen wie beim Lichtentzünden und weinte in.unsäglichem Mutterglücke. „Darf ich mit meinem Segen jenen Männern Nachkommen?" überlegte Rabbi Rosson in halblautem Selbstgespräche. „Freilich, ich bin C o h e n . . ." Damit legte er beide Hände aufs Haupt des Kindes und sprach laut und geschlossenen Auges, mit der gleichen Andacht, wie er es Morgen für Morgen in seinem Bethause tat, den Priestersegen und noch den Segen Jakobs an Cfrajim und M e n a s ch e dazu. (Fortsetzung folgt.) »Und dies sei dir das Zeichen." Von Heinrich Einftädker. Was man besitzt, -das schätzt man oft nicht. Hat man es aber verloren, dann kommt erst das Bewußtsein des Wertes, den man jetzt missen muß. Wenn ältere Leute, die aus größeren Landgemeinden stammen, miteinander Iugenderinnerungcn austauschen, wie glänzen da ihre Augen! Wie gewinnt ihre Darstellungsfähigkeit von Minute zu Minute an Kraft! Wie treu zeigt sich ihre Erinnerung, wie lebhaft werden ihre Mienen! Menschen, die das Leben zumeist von allen Seiten und von vielen Gesichtspunkten aus betrachtet haben, gewinnen erst recht die Wertschätzung für die kleinen Verhältnisse, denen sie entstammen. Cs ist, als ob sie einen Berg erstiegen hätmeldete sich das Heimweh Heimweh! .Wer hätte das bei Sam Webert für möglich gehalten! Gerade bei ihm, der so gern und so häufig die Bezeichnungen „Gefühlsduselei", „Possen" u. a. für derartige Cmpfindungen gehabt hatte! Aber es war" da, unbestreitbar, richtiges Heimweh, und es wurde so stark, daß er sich am Anfänge des Frühlings auf die Fahrt nach Curopa machte. Der Cifenbahnzug führt ihn der Heimat zu. Cr sitzt am Fenster des Abteils. Keinen Blick verwendet er von der Landschaft. Kein Wort hat ec für die Mitreisenden. Cr ist tief in Gedanken versunken. Sein Geist schweift vierzig Jahre zurück. Mit überraschender Deutlichkeit steht ein Crev peßach vor seinem geistigen Auge, an dem er als junger Handlungsgehilfe die gleiche Strecke durchfuhr, um mit seinen (Eltern zusammen peßach zu feiern. Die Gefühle von damals hatte er nicht vergessen. Die Sehnsucht nach dm Lieben, nach der Heimat, nach den so lang entbehrten trauten verhältniffen und die heiße Erwartung des Seder. Da hält der Zug auf einer Station, wo eine andere Linie die Strecke kreuzt.. Hier war es, wo damals Jugendfreunde, die der gleiche Anlaß in die Heimat führte, zu ihm ins Abteil kamen. In der Art der Begrüßung zeigte sich, daß sie von ähnkchen Cmpfindungen beherrscht wurden wie ihr Kamerad. Fast auf jedem Knotenpunkt kamen noch Bekannte hinzu. War doch die Gemeinde damals sehr stattlich, und fast jede Familie hatte Angehörige in der Fremde, die den peßach in der Heimat verleben wollten. Als Webert in seinem Geburtsorte ankam, mußte er erst mir der Hand über die Augen fahren, um den Traum zu verwischen. Die Begrüßung seiner Angehörigen, die ihn am Bahnhof erwarteten, führte ihn wieder zur Wirklichkeit zurück. Rur war von diesen! Augenblicke an aus dem Sam wieder der Samuel geworden! Und diese Umwandlung war nicht nur eine äußerliche; denn mit Behagen ließ sich der Amerikaner wieder nennen und leiten und behandeln wie ehemals. Wie Samuel vor vierzig Jahren, so verlebte er auch heute unter seinen Bekannten das herrliche ten. Auf der langen Wanderung hatten sie wohl ......... , . manchmal nach der Heimat zurückgeblickt, aber sie war | und die Freude, daß sich so sein Traum in der ihnen immer kleiner erschienen, je weiter sie sich von j Wirklichkeit fortsetzte, überstieg alle Erwartungen^ die ihr entfernt hatten, bis sie zuletzt ihren Augen voll-j er in dm letzten Wochen gehegt hatte, kommen entschwunden war. Aber jetzt, nach so lan-i Samuel Webert blieb den ganzen Sommer über ger Zeit, finden sie wieder die richtigm Maßstäbe für! in seinem Geburtsorte. Mit Innigkeit kehrte der aldie Wiedergabe ihrer Crinnerungm. j ternde Alaun zu dem religiösen Leben zurück, wie es In Süddeutschland war im vorigen Jahrhundert j hier noch pulsierte. Cr nahm jode Gelegenheit wahr, ein Geschlecht herangewachsen, dem die heimischen sich über alle Gepflogenheiten des G'ttesdienstes genau Verhältnisse eng und drückend geworden waren. Eine; zu unterrichten und besonders den geistigen Gehalt der kleinliche Iudengesetzgebung und eine eng- und hart-! Gebete und der Thoravorlefungen zu erfassen, herzige Handhabung ihrer Bestimmungen zwang viele Für das Schowuausfest hatte er die Synagoge junge Menschen, denen man in der Heimat Freizügig-! auf seine Kosten so schön schmücken lassen, wie es die keit, freie Berufswahl und sogar die Gründung eines Einwohner noch nie gesehen hatten. Der erhöhte Aleigenen Hauses versagt hatte, zur Auswanderung' memor in der Mitte bildete einen Blumenberg, aus nach Amerka, woselbst eine freiheitliche Staatsver-' dem die Gestalten der Funktionäre und der Aufgefassung ihnen volles Bürgerrecht und ungeahnte Crrufenen in ihren Festgewändern sich in malerischen Stellungen hervorhoben, während die Sonne durch die farbigen Fenster hindurch dem Ganzen einen besonderen Glanz verlieh. Hinter diesem Blumenberge saß in sich Zusammengesunken Sani Webert. Cr hatte soeben in seinem Buche einen Vers entdeckt, über den er gar nicht hinauskam. Immer wieder und immer wieder mußte er ihn lesen, weil er ihm vorkam wie ein Wegweiser für den Rest seines Lebens^ „Und dies sei dir das Zeichen, daß ich dich geschickt habe: Wenn du das Volk aus Mizraim führst,! werdet ihr G'tt an diesem Berge dienen." Webert überdachte sein vergangenes Leben. Welche Werte hatte er erstrebt? Welche hatte er mißachtet? Was er errungen hatte, war zum größten Teile verloren worden, hatte stch als ein trügerischer Wert herausgestaltet. Und was er und gleich ihm Taufende dort drüben in dem „Mizraim" an der andern Seite des Ozeans als „veraltetes" und „Ruckständges" mißachtet hatte, das erkannte er jetzt in vorgerückten Jahren als eine bleibende Zufluchtsstätte, als rettenden Fels im Strudel der Zeiten. Und von stch weg führte ihn sein Sinnen zu den Genossen seiner Jugend, die zum Teil in Großstädte verzogen und ebenfalls Schiffbruch erlitten hatten, und zu ihren Rachkommen, die vor einer aussichtslosen Zukunft standen. Cr wünschte sie hierher zurück, in diese einfachen Verhältnisse, in diesen Frieden der selbstlosen Pflichterfüllung, von dem er einen Wiederaufstieg erhoffte; denn nur bescheidene Lebensführung und treues Wandeln in der Thora Lahnen kann Israels Kindern Glück bringen. Angriff, Abwehr, Ehrfurcht. Line Umschau von V. Lohen. Die unruhige Zeit bringt charakteristische Literatur- Erzeugnisse hervor. Aus. den Reihen von Freund und Feind sei Einiges herausgegrissen, das die heutige, verfahrene Situation um uns am grellsten beleuchtet 1. Moralbiologie. Judenfrage und Volkswirtschaft. Von Dr. Franz Haiser. Selbstverlag, Scheibbs in Niederösterreich. 4° 88 o. I. Diese Schrift erscheint im Selbstverläge. Das ist eine Ehre für alle Verlage, einschließlich -der judenfeindlichen. Sie ist Juden und Judenfeinden gleichmäßig zur Lektüre anzuömpfehlen. Hier wirb nämlich ohne -jede Verstellung klar, wohin der menschliche Geist aus dem Wege der Rassenlehre gelangt. Das Recht des Stärkeren ist für Haiser das allein gültige. Aerzte sollten, wenn es nach ihm geht, nur hochrassische Kranken behandeln. Wer nicht zur nordischen Rasse gehört, heißt bei Haiser „Köter". „In'Berlin und Wien sind heute tatsächlich alle reichen Leute Köter und die Edelrassigen versklavt." Die Auslese soll durch „Erziehung, Religion und Kaserne" geschehen. Das Christentum schneidet bei Haiser fast noch schlechter ab als bei seinem Halbgott Nietzsche. Die ganze Lehre vom Uebermenschen wird hier zu einer solchen vom Unmenschen potenziert. Alles Jüdische ist bei H. selbstredend kulturvernichtend. Es dürfte zwecklos sein, die Haiser'schen Argumente im Einzelnen zu entkräften. Hier ist schon nicht mehr von Argumenten die Rede, sondern der Bruch mit der Wirklichkeit vollzogen. Die Wahnideen, denen kein wirklicher Jude als Gegenstand entspricht, sind hier gar nicht mehr in Bilder gekleidet. Wenn ruhigere Zeiten kommen, wird man solche Schriften wie die vorliegende zur Analyse und, womöglich, zur Heilung des Haßkomplexes auswerten können, der als Epidemie zur Zeit überall unser Dasein bedroht. Das bißchen Anbiederung (42) bei irgendwelchen angeblichen Zionisten, die den Hitlerleuten die Hände reichen wollen, ändert nichts an diesem Befund, — trotz des freundlichen Rates, das Zweiströmeland zu kultivieren. Man kann angesichts solcher Verbohrtheiten es gar nicht genug anerkennen, daß jüdische Gelehrte und Verlage nicht die Geduld zur Abwehr verlieren. Um so inniger muß es uns befriedigen, daß diese Abwehr, auch soweit sie sich auf das nur für die gesetzestreuen Juden maßgebliche talmudische Gesetz bezieht, jetzt die ganze Judenheit geeinigt findet. Dies ist die allgemeine Empfindung, von der wir bei Lektüre des Goldmann'schen Buches über den Talmud erfüllt sind. 2. Der Talmud, sein Werden, sein Wesen, sein Wert. Von Felix Goldmann. Leipzig (Kaufmann) kl. 4°, 7 t. Doch auch im Einzelnen entspricht diese Schrift in fast allen Teilen ihrem Zweck. Leider gibt es selbst in der Judenheit weite Kreise, die einer Aufklärung über Sinn und Wesen des Talmud bedürfen, und auch diese werden in dieser Schrift sachgemäß bedient. Wenn wir trotz alledem im Folgenden einzelne Bemerkungen zu machen haben, so beruht das teils auf Verschiedenheiten der Grundauffassung. teils auf andersartiger Beobachtung der Umweltansicht und soll an unserer Freude über diese Schrift an sich nichts ändern. Hören wir doch hier zum ersten Male aus dem nicht orthodoxen Lager die Anerkennung des Gedankens, daß Recht und Räigiösität miteinander verbunden sind. Nun treibt aber G. den Vergleich zwischen Thora und anderen Rechtslehren zu weit, wenn er (8/9) das Werden des Talmud daraus