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Der Israelit · 1932-11-24 · Heft 48 (24.11.1932) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
73 (1932)
Issue
Heft 48 (24.11.1932)
Date
1932-11-24
Page
– (sequence 9)
Language
German
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■P •!' Ji-; - ßr.4$ IM Lichk aus dem Westen. Erzählung; aus der Zeit der Ghettodämmerung. SM* v? ur (Fortsetzung.) Also erzählte Rabbi Schmuel weiter: „Die Boten hatten einen Kurier nach Frankfurt vorausgeschickt» um die Ankunft des neuen Rabbiners anzukündigen» denn ein großer Empfang» würdig der alten reichen Gemeinde und des neuen Führers» war zu erwarten. Wie staunten sie daher» als sie» vor den Toren der Stadt angekonMen» keinen Menschen antrafen. Richts wies auch.in der Iud'enstadt selbst auf das Ereignis hin./ Die Straßen lagen wie ausgestorben da. „Wir. kommen zur trüben Stunde»" sagte der Rabbi und schien alles zu wissen. - Bald erfuhren auch die anderen den Grund der öden Trauer in den Frankfurter Gassen. Im Geemmdehause -empfingen die Vorsteher" die Deputation und den Rabbi mit einem niederschmetternden Berichte. Großes Verhängnis war über die Gemeinde gekommen. Es war kurz vor dem Osterfeste. Man hatte ein totes Lhristenkind gefunden» die Geistlichkeit lud alle Schuld auf die Juden. Feinde und Ankläger holten das unselige Märchen von dem Gebrauch des Christenblutes durch die Juden für die Mazzoth hervor. Das. Hohe Geistliche Gericht habe bereits zu Rate gesessen und den Juden auferlegt» in drei Tagen den Kindesmörder auszuliefern. Rach drei Tagen trete das Hohe Geistliche Gericht mit den Magistratsherrn wieder zusammen, . und man würde zu - entscheiden haben» ob man sich n u r m i t ö e r A u s t r e i b u n g der Juden begnüge .... Der Rabbi ließ die Vorsteher gar nicht ausreöen. „Man reiße nicht Satan den Mund auf»" mahnte er mit einem. Talmudsatz. „Ich werde nach drei. Tagen als V e r t r e t e r d e r F r a n kf u r t e r I u d eit. dem Hohen Tribunal Rede und Antwort stehen." Verwundert sahen die Männer zu dem Rabbi auf. War er nicht ein Prahler» so mußte er ein Heiliger» ein erlösender Engel sein» zur rechten Stunde von einem gütigen G'tt hergeschickt. Cr erkundigte sich nun» ob die Juden den wahren Mörder ahnten. Jawohl» man hatte mehr denn eine Ahnung nur. Cs galt als ausgemacht» daß der Dominikaner. Franzius einerseits den Juden übel wollte» andererseits.'abci « /dem-letzt;ermordeten Knaben» einem Kinde unbestimmter H erkunsts- 'oft-Feschen; wuüde^ ManmunkM. äuckx außerhalb det> Gcisse allerlei Über den-.sotxöerharen»; wenig geachteten Mönch und seine Beziehungen i z'ub Kinöesmutter. Man wüßte auch» daß der Brüde.r Franzius ebenso Grund .hatte» das Kind aus . her Welt zu schaffen» ' wie' alle'''Spuren., des Verbrechens auf - die ihm wethäßten 'Juden zu leiten. Rabbi Schmuel Krakauer horte genau und wußte nun genug. Er wiederholte noch zuversichtlicher als früher: „Ich werde euere Sache vor dem Hohen Tribunal führen." ., RndFo war es: auch. Im-Gerichtssääle erbä't Ft ch der Rabbi nach einer Anklagerede des Bruder Fränzius das Wort u.nd das Recht» den währen Mörder' ausfindig zu machen. Die Bitte wurde ihm gewährt. Er verlangte» daß die Kindesleiche hergeschäfft werde; es geschah. Run - bat er die Richter Um Anrufung eines G ' t t e s u r t e i l s. G'ttesurteile warenzur damaligen Zeih, gang und gäbe und bei der heiligen Gerichtsbarkeit sehr beliebt.. Zum ei st fielen sie so aus» daß der Angeklagte so. oder so überführt wurde. Etwa: Ertrinkt die Angeklagte Ln den Fluten, war sie' un-- schuldig» ertrinkt sie nicht» war sie eine Hexe und wird' verbrannt! . . . „Hier die Leiche» was nun?" fragten, die Richter. .. Sagte darauf» er» der Krakauer: „Ein jeder der Anwesenden trete an die Leiche heran und ergreife ihre kalte Hand» nur füc einpaär' Minuten. Einer würde aber seine Hand, von der des toten Kindes nicht mehr lösen können» und dieser ist der Mörder! Das ermordete Kind wird selbst gegen seinen Mörder zeugen . . ." Den Richtern gefiel das Spiel nicht übel. Alle Gerichtsherren» Zeugen und Angeklagte machten das Experiment» und es ging recht gut ab. Wie Bruder Franzius an die Reihe kam, ging sichtliches Zittern durch feine ganze Gestalt» fein Antlitz färbte sich so bleich, wie das der kleinen Leiche. Cr zauderte».die , Hand auszustrecken und mußte dazu angetrieben werden. Kaum aber war feine Hand mit der des Kindes in Berührung gekommen, als sie sich in die starren Finger der Leiche verkrampfte. Er bekam sie: nicht ckos: Er schrie gellend auf. „Laß' mich!" Zitternd fieler zu Boden und zog die. Leiche nach sich. Sie gab seine Hand nicht frei ... - „Und das Ende?". Franzius kam in Untersuchung und legte ein Geständnis ab; das Verhängnis war von der Iudengememde abgewendet. So fing Rabbi Ioffef Schmuel Krakauer» mein Großvater» der Urgroßvater unseres Kindes» feine-Frankfurter Tätigkeit an. Von feiner Größe in der Thora und der Heiligkeit seines Wesens können die Alten unter, uns noch zeugen .■ . ." Im jRebenztmmer» dessen Türe zum Gästeraume halboffen stgnö» umtosten große» glückliche Mutteraugen das Kindlein» das eben mit dein Abrahamszeichen den Ramen Mosche erhalten hatte. Reiset sah ln die wiege» als wollte sie dem Kinde in der stummen. Sprache» in -der sich nur Mutter und Kind vom ersten Tage.am verständigen, sagen: „Hörst du, mein Sohn» so reden sie vom Urgroßvater und so könnten sie auch vom anderen Ahn» meinem Großvater» Rabbi Schmuel Schotten» erzählen . . ." Und sie sang leise ein Wiegenlied von denen» die handeln Mit Rosinen und Mandeln» Und von der allerbesten S'chaure» Der heiligen» heiligen Taure . . .." III. Das geheimnisvolle Haus. Eine schmale» dunkle Gasse begann mit einem hohlen Toreingange» darüber zwei Hände in Stein zum Segen ausgebreitet waren. Im Hofe führte eine dunkle» brüchige Holzstiege zu einem großen» mit rauhen Bänken und Ständern angefüllten Gemache hinauf» dem sich ein kleinerer Innenraum anschloß. Diese Gemächer samt einer Hinterstube mit eigenem Aufgange bildeten das Bet-, Lehr- und Wohnhaus Rabbi NEons^^.MoßeA^Ms"^Wie. M.^Schü« lEunb'/HHeKtz^üM^aüßerhäjk Frankfurts dezeichnetenFdey,. „ fönderbären. Heiligen^»; wiesiandeMtzossf- '.schüttelnöi sagten. - - ' / ' von ' der' GasseFgesehen, . statte das Haus ■! etwas- Geheimnisvolles, für mancher Äugen sogar Üwas' Utchetmliches.. .Ein wenig spitz -und'' geisterhaft esstob sich.das.pittoreske-Dach' über dirrötlichen Giebe(dächF ringsherum. Ganz frei, wie isoliert Und von den anderen gemieden» stand das Haus da» steil» grau und grämlich» und ließ zwischen sich und dem Hallenbau daneben» den man das C h a f f u tt o f) a u s nannte» eine ganz.engeGasse Frei»,durch öie^sich kaum Jemand beweFest'ckossnte» ohne - mit. den -Ellenbogen an .die. harten» schartigen- Mauern/zu beiden-'Seilen anzustoßen. Da noch zudem am Hülleneckbäu mehrere Stufen zum Geflügelschächthaufe Hinabführten» müßte man sich i'm Dunkel um die Ecke mit Horden Händen tappen»'wollte-man nicht, statt auf die Straße zu treten, in die Tiefe stürzen. - Im-Sommer drang bei Eäg ein elegischer Singsang durch das offene kleine -Fenster ins Gäßchen. An Winterabenden fiel von oben matketz; Licht äuf den - Gespensterweg. zwischen den -Mauern; als käme, es» durch den Singsang ausgelöst, vom HiMmel herab. Cs gab Leute in der Iudenstadt» die eigens den weg gingen» um-diese Lichter!'zu sehen, die Lernstrmmen zu' hören. Ändere wiederum» die dieses Licht; und diese Stimmen scheuten und den Weg in weitem Bogen-umgingem Gerüchte schwirrten - über dieses Lehchaus in der Luft» dteReugierde, Scheu» Verehrung und Unwille zugleich erregten. Der drinnen das Haus beherrschte» wußte und kümmerte sich nicht um Gerüchte und Gerede» um -Verehrung oder Mißgunst der Menschen draußen. Im lnncrn Gemach saß Rabbi Rosson» zu jung» um sich von der weit beugen zu lassen» aber schon zu alt» um ihr herausfordernd Trotz zu bieten. Das Gesicht war faltenreich und alterfahren» die Augen darin aber» trotz starker Kurzsichtigkeit» jung und tieffchauend. Anr tiefsten schienen sie zu dringen» wenn sie halb geschlossen waren. Der schwarze» nach unten breit äuslaufenöc Bart gab. dein hellen Gesicht ein Aussehen, wie man es auf Misrächbildern bei Ahron» dem Hohenpriester» oft sieht. Viel sprach man in der Gasse und darüber hinaus von Rabbi Rosson — weil man so wenig von ihm wußte. Ein Kohen war er, Abkömmling einer alten Priesterfamilie» die bis auf Rabbi S ch i m e o n Hador schon zurücksah. von Kindheit auf war er von Eltern und Lehrern» Rabbi Jakob Iosua Falk und Rabbi David Tewle Schiff in Mainz» priesterlich geweiht. Kaum dreißig zählte ec jetzt und führte Mit seiner frommen Rechte» Tochter des Rabbi Feist Lohen» im dürftigen einzigen Gemache hinter den Lehrräumen ein stilles» zurückgezogenes Leben. An der Türe seiner Wohnung war auf einem Zette! zu lesen: „Alles, was sich an beweglichem und unbeweglichem Gut in meinem Haufe befindet» feien es Rabrungsmittel» Kleider oder andere Bedarfsartikel» steht aller Welt frei („hefker") zur Verfügung". „Cs soll sich in meinem Hause.keiner des Diebstahls schuldig machen können," so begründete er auf Befragen die sonderbare Bekanntinachung. Cr war Kabbalist; die ihn nicht kannten» sagten es am meisten und mit Ueberzengung. Seine Vertrauten konnten sich nicht dessen rühinen» daß er ihnen Tiefen der Geheimlehre aufdeckte. Sie sahen einen Menschen voll strengster Entsagung vor sich» einen Asketen ohne Weltschmerz» weltflüchtling ohne Erbitterung» einen Heiligen ohne Strenge. Das Gesicht war von Milde verklärt, der Milde eines weifen. Eine eigene reiche Welt trug er ln sich» in die er sich vor allem Harten und Häßlichen draußen zu jeder Zeit, flüchten konnte. Und diese seine reiche innere Welt war nicht verschlossen vor dem, der reinen Willens kam» um mit ihm darin unterzutauchen . . . Den weg zu dieser Welt und zugleich die Schlüssel zu ihr ergaben die Folianten» vor denen Rabbi Rosson zu jeder Tageszeit und auch in so mancher Rachtstunde saß. Es konnte ein großer Talmudband ein Flcines' Soharbuch» zuweilen eine .Sein leises Lernenwar begleitet vom Estore der lernenden Schüler im Vorderhausc»--als bewegte';es'sich auf diesem Hintergrund von Tönen. Gänz'in Bücher und Schriften Mgegraben,' ssaß' Rabbi RossonF.ÄstevierWände des Gemaches wären».-von der Döcke bis zum Boden, mit Folianten, Büchern/ Bändess und Manuskripten angefüllt. Unter ihnen Rabbi Rosson» ein Buch unter Büchern» das Buch all dieser Bücher. Er-mochte» wenn er so bei seinen Büchern weilte» nicht gern gestört, sein» aber er wies keinen ad;-nicht den Jünger» der mit der schwierigen Talmuöstelle bei ihm cmklopfte» .und nicht den Besucher, der um' Rat und Hilfe kam. —- ' Wer achtete der Frau, die» ein Kind auf dem Arm, wie ein Schatten in der schmalen Gasse sich - bewegte?! Hochgestreckt zappelte das Büblein auf der Mutter Annen» die kleinen Ohren umsaust von den Lernstimmen oben» das Mimdchen gespitzt zum Rachlallen der Melodien» die Fäustchen klamm an die Mauer gepreßt» als wollte es sich hinaufwinöen. 2lrme Leute warteten hier auf Reiset» die fromnte Sofersfrau» kamen aus allen Ecken gekrochen utrd empfingen unter Segnungen für Mutter und Kind ihre Kupfer-und Rickelgaben. Mosche Höllischau, ein älterer Bachur» der sich etwas herausnehmen durfte» trat leise ins Zimmer Rabbi Rossons. H. „Eine Frau mit Kind» wir sehen sic hier öfters» will zum Rebben." ] I!

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