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Der Israelit · 1932-11-03 · Heft 45 (3.11.1932) · page 9

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
73 (1932)
Issue
Heft 45 (3.11.1932)
Date
1932-11-03
Page
– (sequence 9)
Language
German
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»J I *JI : 45 W2 Licht aus dem Westen. Erzählung aus der Zeit der Ghettodämmerung. ' 1* Ein Diener des Lichtes. In der Altneuschul, die mit ihrem reingefegten Vorhof sich äußerlich kaum von einem anderen Haus in der Frankfurter I u d e n g a f f e abhob, brannten die Lichter. Noch nicht alle, aber sie blitzten rasch auf, eines nach dem andern,, in den blankgepützten Wesstngleuchtern an den blauweißen Wänden, in den Kandelabern an der Decke, in den Röhrchen auf den Pulten und Ständern. Von Bank zu Bank hüpfte Iokew Schammes, wie ein Zwerglein im Wärchentraume, die brennende Talgkerze so. kunstvoll in der Rechten balanzierend, daß kein Tröpfchen der schmelzenden gelblichen Waffe auf den Ständer, auf den saubccgescheuerten Boden oder auf seinen langschößigen, etwas grünlich schimmernden, aber immer noch schwarzen und fleckenlosen Sabbatrock kam.; . Wo Iokew behutsam mit. der Flammenkrone seines Kerzenstockes hintupfte, ging ein neües Licht auf. Licht auf Licht, auf Bänken und Ständern, an Decke und Wänden, ein wachsendes Meer von Lichtern. Und er, Iokew Schammes, war der Schöpfer dieses Lichtes, er konnte sie meistern, mehren und mindern, schneuzte hie und dg ein Dochtlein zurecht, mit liebevoller Hand, wie eine Mutter ihrem Kindlein das Raschen putzt, wies anderswo ein vorwitziges Kerzlein in die rechte Reihe. Cr war. Herr und Vater all dieser Lichtkinder. Sein Gesicht im pechschwarzen Rahmen des vom Tauchbade noch tropfenden Backen- und Kinnbartes flammte, als entzündeten sich all die Kerzen nicht an seinein langen Kerzenstocke, sondern an diesem Gesichte. Dieses Lichtanzünden des Iokew Schammes war nicht Vorbereitung einer Handlung, sondern schon an sich heilige Handlung, des G'ttesöienstes erster Akt. Und viele Beter kamen früher in die Schul, nur um sich diesen Auftakt, das Entzünden durch den kunstvoll balanzieccnöen kleinen Mann mit dem flammenden Gesichte, nicht entgehen zu lassen,,. Cs war ein ganz anderes Zünden, als wenn etwa die drei Nachtwächter an mondlosen Abenden die an drei Stellen der Stadt angebrachten Raphtalaternen anzündeten, .oder wenn Igck, der Schflbbosöiener, sel- ' ten nüchtern, mir wackelndem Körper die Leiter, hinausstieg, uWchie Oellampen im'Schulhofe in Funktion zü setzen. .Sie arbeiteten mit Leiter und Stange, mit Funzel und Feuerstein und gingen von dannen, hatten mit dem Lichte weiter nichts zu tun. Sie brachten das Licht nicht mit sich und trugen es nicht davon, und es war ihnen egal, ob es, wenn .es einmal brannte, denn Guten auf 'den rechtem' Weg oder dem Bösen ins Verderben leuchtete. Iokew schuf Licht, heiliges Lichts'leuchtete dem Sabbat entgegen ... Cs war kein Licht, um die.Rächt zu vertreiben, denn es war noch lange Heller Tag. Cs war darum eine kultische Handlung, ihrer selbst wegen. Und je possierlicher der kleine Wann, gnomenartig, sich von Bank zu Bank schwang, den brennenden Kerzenstock wie Kommando- und Dirigentenstab gerade in der Hand, jede Bewegung ein Befehl: „es werde Licht!", um so erhebender der Anblick. Keiner hätte es gewagt, ihn in diesem Womente anzureöen, ihn zu stören, oder ihm gar helfen zu wollen. Kinder sahen ehrerbietig mit offenem Wunde zu, wie ein seltsames Wesen — es konnte vom Himmel durch das Dach gekommen fein— Strahl auf Strahl aus unsichtbaren Höhen herabholte,' für das G'tteshaus, für den Sabbat ... Werkwürdig genug war dieser Iokew Schammes, auch wenn die Lichter abgebrannt, wem: der Sabbat vorüber war und die Iudengaffe im grauen Alltage verharrte. Cin ganz kleines Wännchen, hatte er einen Kopf tief im Racken sitzen, der für einen Riesen ausgereicht hätte. Der Körper war, da ihm. der Weg zur Höhe versperrt blieb, mehr in die Breite'gegangen, hatte aber keine Rundung bekommen. Denn während die Brust flach und etwas eingefallen blieb, schob sich der Unterleib weit hervor, und schien im Gehen immer um ein paar Schritte weiter zu sein als Iokew selbst. In den wulstigen Haar- und Bartsträhnen war kein Silberfäöchen zu sehen, obwohl er nach aller Berechnung nicht mehr zu den Jungen gehörte. .Cr sagte nicht, wie alt er war. Den großen Ghettobrand hatte er.in allen Cinzelheiten in lebhaftester Crinnerung, und es waren doch seitdem immerhin über fünfzig Jahre verstrichen. Cr hatte noch andere Brände miterlebt, aber die waren nichts für einen, der das große Feuer von 1711 gesehen und seit früher Kindheit in der Seele trug; es lohnte gar nicht, von ihnen zu reden ... Cr hatte noch gute Crinnernngcn an Rabbi Raftali Cohen, Rabbi Schmnel Schotten und andere und versah seinen Dienst schon unter Rabbi Jakob Kohen, der bereits seit zwanzig Jahren die Chrönreihe auf dem Friedhofe abschloß. Cr schwelgte in den Erinnerungen an jene „schönen Zeiten" und er war selbst eine Verkörperung jener Zeiten. » Cr war daher nicht allein, obwohl er weder Frau noch Kind noch sonstigen verwandtschaftlichen Anhang hatte. Keines Wenschen Seelenleben in der Gemeinde war so bewegt und bevölkert wie das feinige. Cr gehörte allen, redete alle mit „Du" an. Cr war der Diener aller und beherrschte in Wahrheit alle. Wer konnte es ermessen, ob er Gelehrter oder Ungelehrter war? Aber sicher war, daß keiner die Traditionen der Gemeinde so treulich hütete wie er. Ueber Bräuche in Schul und Haus erkundigte man' sich nicht beim Oberrabbiner, sondern bei Iokew Schammes. Ueber frühere Creigniffe auch. Cr brauchte nicht lange zu suchen. Seine Taschen steckten voll von Dokumenten, Aufzeichnungen, Memoiren. Cr mußte nur hineingreifen, und alles stand schwarz auf weiß da. Rur über seine Leiche hätte man zu irgend einer Abweichung von einem altgeheiligtcn, noch so unwesentlichen Brauche gelangen können. Die Chronik eines jeden Witgliedes lag wohl geschichtet und registriert in den Falten seines Gehirns, keiner wie er kannte sich auf dem Labyrinth des Friedhofes aus. „Du hast Donnerstag Iahrzeit!" verfügte er schon am Sabbat vorher. Und indes der Angeredete noch nachdächte, ob die Angabe, auch stimme, . erzählt ihm gleich Iokew alle näheren Umstände beim Tode des Vaters oder der Mutter ,an welchem Tag, zu welcher Stunde es geschah, und'wie der und jener noch dabei war, der um die und die Zeit, zu der und der Stunde, in dem und dem.Jahre,- ihm nachfolgte: Da war alles Rachdenken überflüssig, alle Widerrede 'vergebens. Iokew Schammes behielt immer recht. Cr war ein Despot, ohne Tyrann zu fein. Cr war dienender Freund aller, aber die dienende Freundschaft ging nie bis zum Dovotismus. Bekam er eine Gabe in die Hand gedrückt, eine ihm schuldige Gebühr, sagte er „Iascherkochoach", aber mit nicht weniger Würde und nicht mehr Höflichkeit als ein Kaufmann den für verkaufte Ware eingenommenen Betrag quittiert. Cr war Diener, aber ein Diener G'ttes und seiner Gemeinde, so wichtig für die Schul wie die vier Säulen des Almemor, wie der vielverzweigte Hängeleuchter an der Decke. Draußen im und vor dem Schulhofe spielten sabbatlich gekleidete Jungen. Cinzeln kamen die Männer im Dreimast und in frackartigem, langschößigem Rocke, in kurzen Schnabelschuhen und weißen Strümpfen bis zu den Kniehosen, in die Schul. Cs war für die Jahreszeit (September 1763, am Cingang des Schuwohsabbats) eigentlich zu sommerlich. Cin recht warmer Tag endete mit einer dumpfen Schwüle, als hielte die Luft den Atem an. Cs war noch ganz Heller Tag, und die Lichter aus der Synagoge geisterten in den Hof blaß, als wollten sie sagen: „wir sind nicht für die Rächt da." Die Synggogenbesucher sahen zum Himmel hinauf. Während er über dem Schulhofe wie eine hellblaue Glocke gespannt lag, nahm er im Westen immer mehr graue und schwarze Farbe an. Cs zogen Molkenrisse daher, die im Fluge gen Osten sich immer dunkler zusammenballtcn. Geputzte Knaben tollten von der Straße her aus und ein, spielten vecsteckens und Rachlaus, was ihnen den Verweis strenger Schulengänger eintrug. „Gassenjungen, wissen' nicht, daß der Schuwohsabbat naht!" Das wußten die Jungen wohl, aber sie hatten es längst heraus, daß sich die Menschen in der Schul schon eine gute Stunde vor dem Zeitpunkt, der auf dem schwarzen Brett im Vorhofe angekündigt stand, einfanden, und daß selbst bei Beginn des G'ttesdienstes noch eine gute Stunde bis zum Nachtanbruch war. Und solange man zum Fenster hineinsehen könne, wie Iokew Schammes katzcnartig sich von Bank zu Bank schwang, und immer noch neue Lichter aufstrahlen ließ, hatte cs schließlich keine Eile. Ueber den Grund dieses so frühen Cinbruchs in den Sabbat wußte nur Iokew Schammes authentisch aufzuklären. Die Anderen, besonders die Jüngeren, hatten es längst vergessen, oder nie gewußt. Wußten gar nicht, daß man noch vor hundert Jahren in der Gemeinde um den neuen Brauch, der aus Palästina kam, den Sabbat mit einer Serie von psallngesängen und einem Liede von Salomon Alkabez: „Komm Geliebter" zu empfangen, heftig stritt. Wußten nicht, daß sich im Für und Wider eine Gesellschaft bildete, die schon eine Weile früher ins G'tteshaus kam und auf eigene Faust, gleichsam inoffiziell, all die Psalmen und Lieder heruntersang, um nachher mit der nachkommenden Gemeinde in ältester Weise weiterznbeten. Wer wußte noch außer dem Schammes, daß vor hundert Jahren Rabbi Iufpho Hahn (Iokew Schammes befaß ein handgeschriebenes Manuskript von dessen Werk „Iosiph Omez") den schönen Sabbatgesängen von Safed seinerseits einen Lobgesang anstimmtc und ihre Einführung empfahl? Längst hatten sie sich schließlich durchgesctzt, die Psalmen sowohl wie dag „Lied vom Geliebten", aber die frühe Stunde des Anfangs blieb. Cine längere Pause setzte nach dem Gesänge ein, die von vielen mit dem Hohenliede und anderen Gebeten außer der Reihe, auch mit Lernen aus dem Traktate Sabbat, ausgcfüll wurde. Wan wartete wohl nicht ganz bis Rächt, aber nie durfte der Vorbeter es wagen, mit dem „Borachu" zu beginnen, als bis der Rabbi auf feinein Ehrenplatz zur Linken der Heiligen Lade seinen Folianten geschloffen und nach dem gewöhnlichen Gebctbuchc gegriffen, hatte. So war es schon immer, so mußte es fein. Rach und nach stellten sich die ältesten Gemeinde- Mitglieder ein. Im Wachsen des Lichtes wuchs auch unten die Gemeinde. -Bald' standen auf ihren Chrenplätzen links der heiligen Lade die Mitglieder des Rabbinates, auf der anderen Seite rechts'all die Vorsteher und Männer von Tat, Verdienst und Namen. Wan sah neben -An gebeugten, greisen Oberrabbiner, Rabbi Abraham (Rabbi Abraham Lissa) die aufrecht ragende Gestalt von Rahbi Nathan Maß, den breitschultrigen Rabbi Weier Schiff, dazwischen, etwas klein und unscheinbar, Rabbi Abraham Trier; in einigem Abstande die Dajaniin Rabbi Sanwel D r a ch und Rabbi Joseph G u n d e r s h e i m e r. vön den Vorstehern auf der anderen Seite stellte sich als erster schon frühzeitig Rabbi Loser Leiter ein, der interessiert, mit* stiller Andacht dem Lichtentzünöen durch den rührigen Schammes znschaute. Cin wenig später kamen, wie immer zusammen Hand in Hand, Gabriel O p p e n h e i m e r und Abele Wimpfen. Als Iokew mit den vorderen Lichtern bis zum Almemor fertig war, traten, wie stets zu diesem Zeitpunkt, Salomo Kohen, Räftalie Herz Bing und, wiederum Hand in Hand, „der Hahn" und „der Haas", wie der Ghettowitz Raphael Hahn und Löb Haas bezeichnete. 2lls letzter in dieser Reihe erschien der Geiger- Salme. Cr konnte zwar nicht geigen, wurde aber so geheißen wegen seiner feinen Fidelstimme, die er gar zu gern hören ließ, -i i :• i k

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