Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 45 (3.11.1932)
- Date
- 1932-11-03
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2450704-2450747--79173-2536937- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 45 Seite 7 3, November 1932 D e r Israelit Vermischtes. Fürth, 30. Okt. Im vollbesetzten Saale des Logenheimes sprach am 3. Tag Chaul-hamauev Sukkäus der bei uns so beliebte Redner, Herr Direktor Dr. Elias, Frankfurt a. M. Aus seinem reichen Wissen, hervorgehend aus einer selten zielfertigen Beschäftigung mit den Fragen des „Judenproblems" in seiner weitesten Bedeutung, hat er uns eine Fülle von Anregungen an diesem Abend über „Einzigkeit. Einheit und Einigkeit Israels" gegeben. Nur einige Punkte seien als besonders prägnant hier aufgeführt: Isolierung eines Volkes an sich ist noch kein Plus; , erst eine Sonderausgabe kann diese Sonderstellung rechtfertigen. Wie die Griechen das klassische Volk der Kunst, sind wir das Am scheb'ksaw, das klassische Volk der Schrift geworden. Die Tauroh ist die Grundlage aller menschlichen Ethik geworden. Während z. B. die größten Geistesheroen des Griechentums — ein Plato und ein Aristoteles — die Fremden als „Barbaren" bezeichnen, die man auf Sonderrecht stellen muß, gibt das jüdische Gesetz gleiches Recht für den Fremden wie für die Eingesessenen. Fünfhundert Jahre nach der Gesetzgebung hat David, der königliche Sänger, der Welt in den Psalmen ein Buch geschenkt, das so unendlich viel Schmerz gelindert und Hoffnungen erweckt hat. Und so wieder einige hundert Jahre später sind die Propheten von Amos bis Maleachi Künder des mahnenden und verheißenden G'tteswortes gewesen und haben klassische Denkmäler einer unnach ahmbaren Sprache der Nachwelt hinterlassen. Selbst als das jüdische Volk Boden und Selbständigkeit verloren hatte, gab es als Zeichen feiner unbezwungenen Kraft in der Redigierung der Mischna und in der schriftlichen Niederlegung des Talmud noch zwei Werke von ungeheurer Bedeutung heraus. „Mi keamcho Israel gauj echod". Wo gibt es noch ein. zweites Volk, das wie Jisroel alle Schicksalsschläge ohne Schaden an seiner geistigen Volksstärke überdauert hat? Rom hat das bis dahin unbezwungene Juda wohl äußerlich besiegt, aber es ist dieses Sieges nie froh geworden und jüdisches Volk existiert heute noch, wo Rom lange schon zu Staub und Asche geworben ist. Es ist unendlich schwer zu sagen, was es ist, das diese ungebrochene Einheit des Judentums ausmacht, dem Zerstreuung und Inquisition, Reform und Emanzipation nichts 'anhaben konnten. Die Hoffnung auf den Moschiach, die unbeirrt die Hoffnungen der Welt. auf Christentum, Aufklärung und Sozialismus überstanden hat, hat neben der Einheit von Blut gemeinsamer Geschichte und Gesetz, das Judentum allen Golusnöten zum Trotz erhalten. Die Einigkeit Jisroels wird am besten versinnbildlicht im Siddur, dieser prachtvollen Sammlung von Lobreden zu Ehren G'ttes. Dank- und Bittgebeten, Höffens- und Wunschausdrücken. Möge uns heute, da unser Blick durch die unerhörte geistige Drangsal der russischen Juden und der materiellen Not unserer Brüder in Polen schmerzlich getrübt ist, durch unsere Tefillo « eine g'ttliche Hilfsaktion für eine baldige Heimkunft befchieden sein. Personalien. Homburg a. 31. Okt. Herr und Frau Heinrich Levy, hier, begehen am Sonntag, den 6. November, das Fest der Silbernen Hochzeit. Herr Levy. der zu den angesehensten Mitgliedern der hiesigen jüdischen Gemeinde gehört, vertritt seit Jahrzehnten mit großem Ernst die Ideen und die Interessen des überlieferten Judentums in unserem Kreise und ist auch im Hinblick auf seine stets betätigte jüdische Menschenliebe in den weitesten Kreisen beliebt und verehrt. (Weitere Vermischtes und Personalien siehe Seile 11.) Die Woche. Rechtsanwalt Dr. Herbert Brinkmann Betäubend wirkte am Mittwoch morgen die Nachricht, Dr. Herbert Brinkmann sei in der Nacht nach kurzer Krankheit abberusen worden. Ein Mann von Charakter, schlichter Frömmigkeit, unerschöpflicher Liebe für seine Kehilla und unbeugsamem Willen, für seine Ideale und für das, was er in Gemeinde, und Gemeinschaft für gut und förderlich hielt, mit Kraft und Leidenschaft einzutreten, ging mit Brinkmann von uns. In der Vollkraft seiner Jahre, mitten aus dem Leben und freudigen Schaffen wurde er herausgerissen. In dankbarer Erinnerung wird das mannhafte Eintreten Brinkmanns im G e - meinderat unserer Gemeinde für die ihm am Herzen liegenden Belange bleiben. Neben dem tiefen Bedauern um den trefflichen Menschen und Rechtsanwalt, macht sich die aufrichtigste und wärmste Teilnahme in der ganzen Gemeinde mit der Familie bemerkbar, mit der Gattin und den Kindern, die buchstäblich nrr-vni minn '212 *?y vom Vater erzogen wurden. Möge ihnen seinen Trost angedeihen lassen und unserer Gemeinde, bei dem erneuten schweren Schlag, der sie mit diesem Tode traf, beistehen. ♦Vsiet nixisi U'7ii2iv *rm» 'n (Ein Bericht über die Bestattung folgt in nächster Nummer.) Delly Oppenheimer Sie war keine von den Lauten. Still trug sie und verbarg sie in Schule und Haus das furchtbare Geheimnis ihres kurzen Lebens hinter fteundlichem Lächeln in ihrem guten Herzen. Aber sie füllte ihre Tage aus: Betätigte ihre Liebe an Vater und Mutter und Geschwistern, ihre Ehrfurcht vor allem Jüdschen, ihre Dankbarkeit für jede Blume, die sie auf ihrem Wege fand. Die Tiefe chrer Seele erschloß sich nicht jedem. Sie bebte, wo jüdische Lehre und jüdisches Lied erklang und erzitterte, wo ein Nebenmtznfch vom Schicksal betroffen war. Aber sich selbst schätzte sie gering ein und so wurde sie leicht übersehen, und mit ihr wurde auch der düstre Schatten kaum beachtetz in den sie vor Wochen eintrat und unter dem der junge Frühling, der gerade begonnen hatte, liebliche Anmut auf sie auszugießen, jäh erstarb. Für.sie freilich existierte der Schatten nicht, sie sah weiter nur die Liebe ihrer Umgebung, die sie als unverdientes Geschenk betrachtete, sie freute sich weiter kindlich mit jeder kleinen Aufmerksamkeit, nur daran denkend, wie sie zu vergelten wäre. Vis ihre reine Seele sich nicht mehr halten ließ. Schabbos Vereschis kündete neuen Anfang, in der Synagoge hatte man den neuen Monat begrüßt, da neigte sich, es war die Zeit des königlichen Sängers, zu Mincha, ihr junger Tag zum Gehen, um einem anderen Sabbat den Vortritt zu lassen, der ewig Schabbos, ganz Ruhe ist, in der Welt ewiger Zukunft: 'an oVwi «nVi fmn^a® di’V Gedenkfeier für Israel Varuch Am Sonntag, den 6. November, findet, veranstaltet von Freunden und Verehrern, ein Hesped auf Oberkantor Israel Varuch statt, und zwar in der Nrede r h 0 f h e i m' s ch e n Schul, Rechneigrabenstr. 3 (Hofeingang 1. St.) punkt 4 Uhr nachm. Es sprechen die Herren Rabb. Mosche Schneider und Red. S. Sch achnowitz. Um zahlreiches Erscheinen wird gebeten. Eröffnungsabend des Mnlerfemesters der Agudistischen Frauenortsgruppe. _ ■ Wie in, den zwei vorangegangenen Jahren lud die Gruppe ihre Mitglieder zu einem gemütlichen Beisammensein, diesmal bei Aepfelwein und Brezel, ein. Am Mittwochabend, den, 26. Oktober, versammelten sich die Teilnehmerinnen im Hörsaal der I. R. G-, dessen reizende Ausmachung sofort fröhliche Stimmung auslöste. Die Vorsitzende, Frau Meta Posen-Prins, begrüßte die Anwesenden. Sie erstattete Bericht über das abgelaufene Jahr und konnte erfreulicherweise über den Zuwachs sowohl der Mitgliederzahl, als auch über die Zunahme von Gründungen neuer auswärtiger Frauenortsgruppen Mitteilung machen. — Rednerin dankte den Dozenten und Dozentinnen für ihre in selbstloser Weise gegebenen wunderbaren Vorträge. Auch berichtete sie über die im Sommerhalbjahr stattgefundene Arbeitsgemeinschaft unter Leitung des Herrn Konrektors A. Hirschberg über Pirke Omans, dessen tiefgründige Belehrungen Alle bereicherten, sowie über die von Herrn Dr. S. Ehrmann von allen Seiten mit größtem Interesse aufgenommenen Erklärungen zu den Machsorim der Jomim Hanouroim. Frau Posen gedachte mit warmen Worten der leider Heimgegangenen Voichtzenden der Jüdischen Frauenvereinigung, Frau Henriette Besthoff s. A. und forderte hieran anschließend alle jungen Frauen auf. das Werk dieser tatkräftigen Führerin durch praktische Mitarbeit weiter fortsetzen und ausbauen zu helfen. Dann wurde das Programm für das kommende Wintersemester bekanntgegeben. Den Hauptrahmen des Abends bildete das von Frau Agathe E h r m a n n gehaltene Referat über: „Die Hauptpflichten der jüdischen Frau". Rednerin behandelte die drei in „Bame Madlikin" genannten Hauptpflichten der jüdischen Frau: Chadlokas Hauer, Challoh und Nidüoh. Sie erklärte einleitend deren Bedeutung als Wiedergutmachung des von der Menschenmutter Chawo begangenen'Unrechts und wies darauf hin, welche große Bedeutung die drei Pflichten für die jüdischen Frauen, für das jüdische Haus, für das jüdische Volk, und darüber hinaus für die ganze Menschheit haben. Sie sind Wegzeichen, um das verloren gegangene Gan Eden wieder zu finden. Die Bedeutung der drei Mizwaus wurde dann im (einzelnen erörtert und die ganze beglückende Fülle jüdischer Gedanken und Gefühlswerte, die sich an diese drei Mizwaus knüpfen und die das Leben der jüdischen Frau vergeistigen und zu einem geheiligten Leben emporheben, in anschaulicher Weise geschildert. — Die vorzüglichen Ausführungen, die. auf einem geistig hohen Niveau standen, (unterließen eine starke Wirkung bei allen Anwesenden. Programm der Agudistischen Frauengruppe Frankfurt a. IN. für das Wintersemester 1932/33. 26. Oktober: Frau Agathe Ehrmann, „Die Hauptpflichten der' jüdischen Frau". - 30. Oktober: Herr Dr. Willy Hofmann, „Moderne Krankenhauseinrichtung"; anschließend Besichtigunq des Rothschild-Hospitals. 1. November: Frau Dr. Dora Edinger, „Was ich vom jüdischen Leben in Rußland sah". 7. November: Herr Rabbiner Dr. Julius Merzbach, „Volkserzieherische Bedeutung des Minhag". 14. November: Drei Vorträge über verschiedene Turnmethoden; Frau Inge Vrandeis: Mensendieck, Frau Lotte Stern-Marcuse: Loheland. Frl. Bella Stern: Laban. 21. November: Herr Jacob Rosenheim, Tefillaherläuterungen. 28. November: Dr. Karl Landauer, Psychoanalyse und Erziehung. 5. Dezember: Dr. Isaak Breuer. „Die geistigen Grundlagen der Orthodoxie Rabbiner Hirschs". 12. Dezember, Frl. Dr. Anna Philippson, „Mütter und Kinder". 19. Dezember: Herr Dr. Isaak Breuer, Forffetzung. 3. Januar: Herr Rektor Ochsenmann, „Aktuelles aus dem pädagogischen Gebiet". 9. Januar: Herr Dr. Theodor Metz, „Die Grundlage der niederländischen Kolonialpolitik in Ostasien" (Lichtbilder). 16. Januar: Herr Direktor Elias, „Was erwartet die jüdische Schule von den jüdischen Mädchen und Müttern". 23. Januar: Herr Dr. S. Ehrmann, „Die jüdische Gegenwartslage". 30. Januar: Herr Leopold Merzbach, „Nachdenkliches zum Zinsproblem". 6. Februar: Herr Jacob Rofenheim, „Töfillohörläutsrungen". 13. Februar: Frau Vabette Kulp. Jugendfürsorge; Frau Hedy Held: Familienfürsorge. 20. Februar: Herr Heinrich Eisemann, Das Thema wird noch bekanntgegeben. 27. Februar: Herr Jacob Rosenheim, Tefilloherläuterungen. 6. März: Herr Dr. Isaak Breuer, Fortsetzung. Weiter haben Herr Rabb. Dr. Pinchas Kahn und Herr Dr. Leo Deuffchländer Vorträge zugesagt. Zu den Sonntagnachmittagsvorträgen von Herrn Redakteur S. Schachnowitz, Herrn Rektor Ochsenmann und Herrn Dr. Arnold Merzbach, ladet die Agudistische Frauengruppe gemeinsam mit der Jüdischen Frauenvereinigung ein. Geschichlskurs in der Agudas Iisroel-Iugendgruppe. Auf wiederholten Wunsch aus dem Kreise unserer Mitglieder wird Herr Red. S. Schachnowitz im kommenden Wintersemester wiederum eine geschlossene Arbeitsgemeinschaft über „Jüdische Geschichte" leiten. Voraussichtlich wird diese Sonntag Abends im Heim der Jugendgruppe stattfinden. Im Interesse einer ungestörten Arbeit ist es erforderlich, daß sich diejenigen Interessenten, die sich zu einer regelmäßigen Mitarbeit verpflichten wollen, sofort schriftlich (Adresse Schwanenstraße 12) anmelden. Der Beginn der Arbeitsgemeinschaft wird nächste Woche bekanntgegeben. Im Uebrigen wird darauf hingewiesen, daß bereits in der vorigen Woche unter Leitung des Herrn Lehrer S. Adler ein Stenographiekursus für Vorgerückte im Heim begonnen hat. Der Kursus findet jeden Dienstag Abend 20.30 Uhr im Heim statt. Die Teilnahme ist kostenlos. Gefchichtsvorkräge im INekor Ehajim. Die Geschichtsvorträge im Mekor Ehajim beginnen diesen Sonntag mit einem Referat des Herrn Redakteurs S. Schachnowitz, in dem an der Geschichte und dem Schicksal von Süß Oppenheimer (Jud Süß) der aktive und passive Anteil des Ghetto an der Weltpolitik besprochen werden soll. Jud Süß war in den letzten Jahren auch ein beliebtes Thema für die Dichter, und so wurde denn in sein Leben und in die Beziehungen der Juden seinerzeit zur Umwelt vieles hineingeöichtet, was der historischen Wahrheit nicht entspricht und was unter jüdischen Gesichtspunkten richtiggestellt werden muß. Probleme jüdischer Jugenderziehung. Die Veranstaltung der Agudas Iisroel-Iugendgruppe, mit der die Arbeit des Wintersemesters begann, wies einen außerordentlich guten Besuch auf. Rabbiner Dr. Este Munk, Ansbach sprach über „Probleme jüdischer Jugenderziehung". Er ging von der Anschauung der jüdischen Pädagogik aus, nach der sämtliche Charakteranlagen lenkbar und für das religiöse Erziehungsziel verwendbar sind und ging alsdann in fesselnder Darstellung auf.Einzelfragen ein; so wurde die Frage nach Nutzen und Schaden sportlicher Betätigung behandelt, die erzieherische Wirkung des Lernens und die Selbsterziehung durch Beobachtung von Anstands- und Taktregeln besprochen. Den vom Schulchan Aruch vorgeschriebenen Weg der getrennten Erziehung der Geschlechter bezeichnete der Redner als den Höhenweg, während in dem manchmal durch Notwendigkeiten gebotenen Mittelweg nur eine Komrompißlösung erblickt werden könne. Das richtige Verhältnis zwischen Lehrer und Schüler setze aus Seiten des Lehrers innere Autorität, aber auch Achtung vor der Individualität des Schülers voraus. Der rechte Jugenderzieher dürfe auch in der Frage nach der richtigen Stellung des Einzelnen in dem jüdischen Gesamtkörper und nach der Eigenart dieses Gesamtkörpers überhaupt der Entscheidung nicht ausweichen, sondern auch in dieser Hinsicht dem Jugendlichen den richtigen Weg zur thoratreuen Gesamtheit zeigend Die von manchem befürwortete „Neutralität" verkehre sich immer mehr in Gleichgültigkeit gegenüber der Gesamtheit und rufe Angst und Unfähigkeit vor klaren Entscheidungen hervor. Eine rege Aussprache, die allerdings nicht immer der Geschlossenheit und Klarheit des Referates entsprach, befaßte sich mit einer Anzahl von Einzelfragen. Sie gab dem Redner Gelegenheit, in einem Schlußwort auf die Unvereinbarkeit der jüdischen Lehre mit der materialistischen und atheistischen Weltanschauung des Kommunsmus einzugehen sowie zu betonen, daß nur ideale Forderungen die höchste Anstrengung des Erziehers und des Jugendlichen Hervorrufen können. M.R. /