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Der Israelit · 1932-11-03 · Heft 45 (3.11.1932) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
73 (1932)
Issue
Heft 45 (3.11.1932)
Date
1932-11-03
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Nr. 45 Seite 5 3. November 1932 Der Israelit auch die feindlichen Brüder heute schwer in den 'Haaren liegen. ft Auch in Versammlungen und auf Plakaten der Deutschen Volkspartei wird um Stimmen der Juden geworben, und zwar mit Hinweis darauf, daß diese Partei die einzige sei, die das Wirtschaftsprögramm vor Papen-Regierung unterstütze, ohne judenfleindliche Politik zu treiben. Daß diese Partei in all den Jahren init den Rechtsradikalen auf Gedeih und Verderb eng verbunden war, wird in diesem Zusammenhänge verschwiegen. ° In den politisch führenden jüdischen Kreisen''wird keine klare Wahlparole ausgegeben. Klarist die Lo sung nur in ihrem negativen Teile. Man dar' all die Parteien, die uns ausgesprochen oder unaus gesprochen übel wollen und unser Recht bedrohen, auch nicht durch Wahlenthaltung unterstützen. Man helfe den Parteien, bei denen Schutz und Sicherheit des,, jüdischen Rechtes, auch Fr eih eit d er j üdisch e n;! R eligion, eine'selbstoeMändliche Sache der Weltanschauung und des Programmes ist. Das ist vor allem beim Zentrum der Fall. Es wird aber auch die Meinung vertreten, daß man die Staatspartei trotz ihrer numerischen Bedeutungslosigkeit dennoch unterstützen könne, mit Rücksicht auf die Zukunft, die vielleicht der gerechten Mitte gehört, wenn die erwartete Ernüchterung einmal eingetreten ist und den deutschen Parlamentarismus gesunden läßt. Der C. V. erklärt einen in Pommern zirkulierenden Brief, wonach der „Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" eine Wahlunterstützung der Deutschnational e n Volkspartei empfiehlt, als eine dreiste Wahllüge. Gefälschte Flugblätter mit ähnlicher Tendenz sind unterzeichnet von einer „Jüdischen Glaubensgemeinschaft", einer Organisation, die gar nicht existiert. Bei einem Ausspracheabend, den der Reichsbunö jüdischer Frontsoldaten am 1. November in Berlin für Nichtjuden veranstaltete, waren Vertreter des Re i ch sw e h r m i n i st e r iu ms, der Schutzpolizei. und der Krieger verbände anwesend. Die Diskussion, an der sich u. a. auch Graf Zedlidg beteiligte, verlies in ruhigem Rahmen und trug manches zur Aufklärung bei. Unser Recht auf Arbeit. Berlin, 1. Nov. Unter dem Titel „Unser Recht auf Arbeit" erläßt die „Vereinigte Zentrale für jüdische Arbeitsnachweise in Deutschland" einen Aufruf an die jüdische Öffentlichkeit, den Monat November als Werbemonat f ü r d i e I d e e d e r jüdischen Arbeitsvermittlu-ng und Erwerbsbeschaffung zu proklamieren. Es soll keine Hilfsaktion im üblichen Sinne sein, es gehe vielmehr darum, durch eine Zusammenfassung aller Kräfte, dem jüdischen Erwebrslosen Arbeit und Brot zu verschaffen. Der Plan ist auf Grund der Vorschläge, die im Wirtschaftsausschuß des Preußischen Landesverbandes gemacht worden find, ausgearbeitet und geht darauf hinaus, daß sämtliche jüdische Veranstaltungen und Versammlungen, die im Laufe des November stattfinden. der Werbung vom Arbeitsplätzen für jüdische Erwerbslose nutzbar gemacht werden. Die Reichs- und Staatsbehörden werden aufgefordert, mit allen Machtmitteln des Staates gegen den Wirtschaftsboykott und seinen üblen Auswirkungen anzukämpfen. Semester-Eröffnungsfeier am Berliner Rabbiner- Seminar. Berlin, 28. Okt. Am 27. Oktober abends fand im Hildesheimer'fchen Rabbiner-Seminar eine akademische Feier zur Eröffnung des Wintersemesters statt. Das Institut geht jetzt in sein 119. Semester und 'wird demnächst sein 60jähriges Bestehen feiern können. Neu -eingetreten sind 9. Hörer (6 Deutsche und 3 Ausländer), so daß das Seminar jetzt insgesamt etwa 90 Studenten hat. Der Eröffnungsfeier wohnten sämtliche Dozenten und Hörer, mehrere Mitglieder des Kuratoriums und ehemalige Schüler bei. Nach einleitenden Vegrüßungsworten an die neu eintretenden Hörer, in denen er die Erhaltung des Seminars angesichts der herrschenden Not als eine Ruhmestat der deutschen Judenheit bezeichnete, hielt der derzeitige Vorsitzende des Dozentenkollegiums, Dr. G r ü n b e r g (Präsident ' des Weltoerbandes Schomre Die Woche. Berlin. Mit eins Folge des in Leipzig verkündeten Urteils in. der Klage der Preußischen Regierung gegen die Reichsregierung ist die, daß der vom,. Stellvertretenden Reichskommissar, Herrn Brecht, ab gesetzte Ministerialdirektor Dr. Hermarl Badt in seine in Amte verbleibt. Dr. Badt ist bekanntlich einer der 'drei Vertreter Preußens im Reichsrat. — In der Synagoge Prinzregentenstraße hält am Sonntag, den 19. November Professor Albert E i n st e i n einen Vortrag über: Das Raumproblem der moderne nA st ronomie, und zwar zugunsten der Jüdischen Studentenhilfc Berlin. Den ersten „religiösen" Vortrag in der gleichen Synagoge hält am 13. November Heinrich Mann über das Thema: Nach der Wahrheit leben. Heinrich Mann ist Nichtjude. Die Synagoge Prinzreregentenstraße entwickelt sich somit amerikanisch. — Aus Anlaß des Erscheinens des Gedenkbuches „Die jüdischen Gefallenen des deutschen Heeres, der deutschen Marine und deutschen Schutztruppen 1914 —1918" (herausgegeben vom Neichsbund jüdischer Frontsoldaten), veranstaltete der Verein Jüdische Presse im Hause der Deutschen Presse zu Berlin einen Presse - Tee. bei welchem der Bundesvorsitzende des R. I. F, Häuptm. d. R. Dr. Leo Löwen st ein und Syndikus Dr. Ludwig Freund über dis Arbeit des Bundes in Vergangenheit und Zukunft sprachen' — In der Generalversammlung des Deutschen Bäderverbandes in Bad Kreuznach erklärte der Vertreter des Auswärtigen Amtes, daß viele vermögende Amerikaner, insbesondere amerikanische Juden, infolge der antisemitischen Hetze geflissentlich Deutschland' meiden, woraus die Not der deutschen Bäder in. erster .Reihe resuliert. München. Dr. Carl Joseph Melchior, Mitglied der Firma M: M. Marburg in Hamburg, ist zum Senator der Deutschen Akademie in München ernannt worden. Bcdapest. Ernst Mezei, der Nestor der ungarischen Publizisten, der seinerzeit an der Spitze des Abwehrkampfes gegen die R i t u a I m o r d l ü g e von T i s z a E sz I a r gestanden hat, ist im Alter von 81 Jahren gestorben. Bukarest. In Kischinew drangen am Simchas Thora „Kommunisten" während des E'ttesdienstes in der Synagoge ein, mißhandelten die Beter und versuchten, die Thorarollen zu schänden, was noch verhindert werden konnte. In Bukarest traut man der Nachricht nicht recht und nimmt an, daß die Angreifer nicht Kommunisten, sondern Euzisten waren. Es hat sich wiederholt erwiesen, daß derartige Telegramme aus der Provinz, so war es beim Pogrome in R a d o a l a , von der Post entweder zu spät oder „korrigiert" nach der Hauptstadt befördert werden. Prag. Der blinde jüdische Dichter Oskar Baum erhielt den tschechoslowakischen Staatspreis für Literatur für das Jahr 1932 für seinen in deutscher Sprache erschienenen Roman „Die Schrift, die nicht log." Er ist bisher der einzige Sudeteirdeutsche, dem der Staatspreis für Literatur zuerkaimt worden ist. — In dem neuen tschechoslowakischen Kabinett, das unter Führung des früheren Vorsitzenden des Abgeordnetenhauses Malypetr gebildet wurde, sind Dr. A. Meißner als Minister für Justiz und Dr. Ludwig Ezech als Minister für soziale Fürsorge verblieben. Die beiden Minister sind Juden. Warschau. In den nächsten zwei Monaten werden sich 1400 Inden aus Polen auf den Weg nach P a l ä st i n a machen. Damit wird die polnische Auswanderung nach Palästina im Jahre 1932 die Ziffer 3200, erreicht haben. Lemberg. In Z l o c z o w bei Lemberg fand man einen älteren Juden, Samuel Bloch, an de^ Schwelle der Synagoge tot aus. Er hatte in Anschluß an Jom Kippur^ aus Grund eines Gelübdes, 12 Tage lang keine Nahrung zu sich genommen. Er wollte durch Fasten und Beten den Erlöser herbeirufen. London. Im Unterhaus fragte Colonel Wedgewood, ob in Palästina die Kommunisten anders behandelt werden als dies in England nach der garantierten Freiheit derpolitischen Gesinnung der Fall ist. Anlaß zu der Frage boten die letzten Verhaftungen in Palästina. Der Kolonien-Minister Sir Philip Cunliffe-Lister berief sich auf die neben der Gewissensfreiheit auch garantierte Ansrechterhaltung der öffentlichen Ruhe und Moral in Palästina. Schabbos) die Eröffnungsvorlesung über „Ein unbeachtetes Hilfsmittel zur Erforschung des Buches Jesaja". Ausgehend von der durch die moderne Bibelkritik vertretenen Auffassung, das Buch Jesaja habe mehrere Autoren: der Referent führt den Nachweis, daß diese auch in jüdische Kreise gedrungene These verfehlt sei. Mit einzelnen Beispielen belegte er seine Anschauung. daß das. Buch Jesaja nur einen Verfasser hat in der Person des „ersten Jesaja". Dr. Grimberg bekämpft die von der Vibelkritik angebrachten Textärkderungen und meint, daß sich die angeblich schwierigen Stellen mühelos als „Antiphrasis" bezw. „Euphemismen" erklären. Die antiphrastifchen Spracheigentümlichkeiten finden sich in bestimmter Form nur bei Jesaja, andererseits aber auch an den verschiedensten Stellen weit über das 40. Kapitel hinaus, das die Bibelkritik als Beginn des „Deutero-Jefaja" annimmt. Anschließend appellierte Dr. Grünberg an die jüdische Wissenschaft, sich durch die kühnen Hypohesen der Vibelkritik sticht in der' Treue zur Ueberlieserung wankend zu machen: sich auch durch Nichtbeachtung seitens der zünftigen Wissenschaft nicht beirren zu lassen. Dr. Grünberg gedenkt, diese Vorlesung nächstens in erweiterter Form, mit wissenschaftlichem^Apparat versehen ,der Oeffentlichkeit zu übergeben. Schächtverbotsantrag auch in Mecklenburg. Rostock, 27. Okt. Die nationalsozialistische Landtagsfraktion hat einen Gefetzentwuf eingebracht, der ein Schächtverbot für Mecklenburg-Schwerin vorsteht. Zuwiderhandlungen sollen mit Gefängnisstrafen bis zu sechs Monaten oder mit entsprechender Geldbuße geahndet werdne. Oesterreich. Universitätswache in Wien. Wien, 31. Okt. Eine spezielle Polizeiwache von 40 Mann (zivil gekleidet, aber mit polizeilichen Dienstkennzeichen versehen) wird nunmehr in der Universität Dienst leisten und dem Rektor zur Feststellung von Schuldigen und deren Berhafung an Ort und Stelle unterstellt werden. Diese Spezialwache wird auch direkte Brbindung mit dem Polizeipräsidium unterhalten ,und jederzeit Verstärkungen in die Gefahrenzone herbeirufen können. Sollte diese „zivile" Wache nicht ausreichen zur Erhaltung von Ruhe und Ordnung, so wird die Regierung gezwungen sein, die sogenannte Autonomie an den Hochschulen aufzuheben und mindestens vorübergehend die Polizei mit der Ueberwachung von Ordnung und Ruhe in den Hochschulen zu betreuen. — Die antisemitische Presse erklärt, die Universitätswache werde eine „Iudenfchutztruppe" auf Kosten des österreichischen Steuerzahlers fein. Die agudistifchen Deputierten und die Sonntagsruhe. Warschau, 30. Okt. Nachdem in politischen Kreisen die Nachricht ventiliert wurde, daß infolge der wütenden Agitation der nationalsozialistischen antisemitischen Presse und Kreise gegen eine Abänderung des Zwangssonntagsruhegesetzes die Regierung die von ihr ausgearbeitete Novelle zum Sonntagsruhegesetz dem Sejm nicht mehr unterbreiten wird, erschien ene von den agudistifchen Deputierten Wyszl i ck i, M i n z b e r g und Rabbiner L e w i n geführte Abordnung des jüdischen kaufmännischen Verbandes beim Innenminister und überreichte ihm Vorschläge über Aenderung des Zwangssonntagsruhegesetzes in der Weife, daß jüdischen Kaufleuten und Handwerkern,, deren Gewerbe an den Sabbattagen ruht, ermöglicht werden soll, an den Sonntagen wenigstens für einige Sunden ihrer Beschäftigung nachzugehen. Der Minister erklärte, er werde dem Sejm demnächst eine Novelle zum Sonntagsruhegesetz unterbreiten, in der die Postulate aller interesierten Kreise berücksichtigt werden sollen. Scharfe Maßnahmen gegen antisemitische Studentenunruhen in Lemberg und Warschau. Lemberg, 31. Okt. Nationaldemokratische Studenten verbreiteten in den Straßen Lembergs Aufrufe zum Boykott der Juden. Als ich eine große Gruppe antisemitischer Studenten zu einem Demonstrationszug formierte, wurde sie durch Polizei zerstreut. Sofort verbreiteten sich Gerüchte, daß nationaldsmokratischs Studenten durch junge Juden mißhandelt worden sind. Obwohl es sich bald herausstellte daß diese Gerüchte grundlos waren, zogen am Abend Gruppen

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