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Der Israelit · 1932-11-03 · Heft 45 (3.11.1932) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
73 (1932)
Issue
Heft 45 (3.11.1932)
Date
1932-11-03
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Z. November 1932 :r* unter Wahrung einer eigenen verschwommenen reli-. giös liberalen Rote, innerhalb des sogenannten i» Virtsvolkes beanspruchen. Aber nicht darauf zielt :ii die Zeitung hin. Sie möchte dabei der Orthon, 5 o 5 i e, der A g u d a, eins versetzen. Das läßt sich bei einigem Scharfsinn auf dem Wege über die lx „Union österreichischer Juden" bewerkstelligen. Uämtt sich.' ein führendes Mitglied der Union, Dr. p a a s e, und ein von der Kultusgemeinde beschäftigter Gtudienrat, Professor Dr. R e d i s ch, haben sich mit als perolde der Reformsendboten in Wien betätigt. Mi der Union hätte aber einmal bei bestimmter Gelegenheit die Aguda ein Wahlabkommen gegen den radikalen Zionismus getroffen. Also wird die Aguda mit der Union, die Union mit Dr. paase, und Paase mit der liberalen Bewegung identifiziert. Cndergebnis: Auf dem Wege über paase und „Union" ist die Aguda mit dem Liberalismus mindestens verschwägert . . ." Wer das nicht versteht, dem ist nicht zu helfen! Die „Union", das fei zur Orientierung unserer deutschen Leser bemerkt, erfüllt in Oesterreich ungefähr die Aufgaben des Z e n t r a l v e r e i n e s in Deutschland. Ideologisch tritt sie als solche nicht hervor, mit Dingen des'Glaubens und Denkens hat sie nicht das Geringste zu tun, für einzelne Mitglieder, die sich in anderen Gremien irgendwie exponieren, trägt sie keine Verantwortung. Wir wären sehr dafür, daß sie den perrn Dr. paase, sollte er den Rainen der „Union^ für seine liberale Betätigung mißbraucht haben, in die Schranken oder sogar gleich zur Türe weist. Kraft dieser Privatangelegenheit paases aber die Union zum Vorspann der Reform und die Aguda zum geistigen Bruder der Union zu machen, dazu gehört mehr als Scharfsinn, dazu gehört die Gabe, die Dinge einfach auf den Kopf zu stellen. Die „Stimme" aus dem zionistischen Hintergründe müßte ja am besten aus eigener Erfahrung wissen, das; Wahlpakte keine Wahlverwandtschaft e n sind, und daß, will man schon Verwandtschaften konstruieren, gar viele Fädenvon derReform zum U ationalismus hinüberspinnen. Patte nicht die „Jüdische Rundschau" scinerzeÜ dem Berliner Weltkongreß des liberalen Judentums eine eigene Sondernummer gewidmet? Und was sagt die „Stimme" zu der Personalunion, wie sie zwischen Reform und Zionismus in Stefen W i f e, dem legitimen Gestnnungsbruder Tlauöe Montefiores, so lückenlos vertreten ist? In Wahrheit ist das österreichische zionistische Organ gar nicht darauf aus, mit dem Artikel die Kreise der Reform zu stören. Die Reform. gibt nur die Angriffsbasis ab. Der Angriff selbst richtet sich gegen die ihm verhaßte „Union" und die ihm mißliebige Agudas Jisroel. Jedenfalls ein Neisterftückvielen Gebieten des religiösen Lebens einer bisher vielfach herrschenden Unsicherheit ein Ende zu machen geeignet ist. Daß bei den mannigfachsten Gelegenheiten der gesetzestreue Jude auf die Feststellung genauer Maße angewiesen ist und daß diese Maße, die nach der Ueberlieferung zu den unserem Lehrer Mosche auf dem Sinai offenbarten Grundgesetzen gehören, in'vielen Fällen die gewissenhafte Verwirklichung des Gesetzeswillens bedingen, ist allgemein bekannt. Man braucht nur auf die Vorschriften über die Gefäße zum Händewaschen, über Zizis, Tefilin, auf Eruwm, Sukko und Mikwe zu verweisen. Auch im täglichen Leben bei Speise und Trank, insbesondere bei Nachberochaus, bei denen es ja leicht zu einer n^va*> n:nn kommen kann, spielt die Feststellung des Maßes oder der Größe der einzelnen Früchte und Speisemengen eine Rolle. Ueber die halachisch korrekte Größe der Hohlmaße und Längenmaße haben sich nun unter den späteren Dezisoren gewisse Meinungsverschiedenheiten herausgebildet, insbesondere hat Rabbi Jecheskel Landau und in Uebereinstimmung mit ihm der Chatham Sofer in Bezug auf die Größe der Hohlmaße ganz neue Gesichtspunkte in die halachische Diskussion eingeführt. Herr Rabbiner Ganz hat nun bei den von ihm konstruierten Längen- und Hohlmaßen auf die verschiedenen Aissichten Rücksicht genommen und ihre Konsequenzen in nebeneinander liegenden Rubriken graphisch dargestellt. Infolgedessen ist jeder in der Lage, je nachdem' es sich um biblische oder rabbinische Ge- und Verbote handelt, die Maßangaben erschwerenden oder erleichternden Charakters zu benutzen. ' , Herr Rabbiner Ganz hat sein Längen-und Hohlmaß, (das erstere kostet Mk. 1.50, das Hohlmaß allein Mk. 2.50, beide zusammen Mß 3.50) dem Büro der Freren Vereinigung,für die Interessen des o r t hodoxen Juden tum S' in Frankfurt a. M., Rechneigrabenstr. 10 zum Vertriebe übergeben, wohin man Bestellungen richten kann. Auch Herr Rabbiner Ganz selbst DerJsraelit * , chen zionistischer, sagen wir, Balanzierkunst: von einer Kritik der Reformbewegung zu einem Ausfall auf die Orthodoxie zu gelangen. Sludenkenausfchreikttngen und kein Ende. Am 26. Oktober fanden die jüdischen Studenten an der Wiener Universität wiederum den Eingang zu den Pallen der Wissenschaft durch einen Kordon von Rationalsozialisten versperrt. Bei der unvermeidlichen Schlägerei wurden 19 jüdische Studenten mehr oder weniger schwer verletzt, aber auch einige Rationalsozialisten bekamen zu spüren, daß „Fremdstämmige" ebenfalls eine gute Faust haben können. Ls regnete piebe, wenn auch in diesem Falle keine „deutschen, piebe". So trug man auch einige Rationalsozialisten vom Platze. Die Universität mußte für unbestimmte Zeit geschlossen werden. Wieder protestierte eine Abordnung jüdischer Studenten beim Senat, wieder intervenierte das Präsidium der Kultusgemeinde beim Mnistcrpräsidenten. So geht es lustig weiter, und es ist kein Lnde abzusehen. Da unter den jüdischen Verletzten auch Angehörige anderer Staaten sich befinden, wird die Sache nachgerade zu einer internationalen Angelegenheit. Der Rektor der Universität begab sich persönlich auf verschiedene Gesandtschaften, um im Aufträge der Regierung sein Bedauern über die Vorfälle zum Ausdruck zu bringen. Was weiter geschehen soll, darüber schweben Beratungen zwischen dem Mnisterrat und den Universttätsbehörden. Das Rektorat kündigt schwere Strafen für alle Schuldigen an. In der Technischen pochschule, an der es nicht minder unruhig zugeht, wurden strengste Maßnahmen getroffen. Line geladene Atmosphäre herrscht besonders in der p o ch s ch u l e für Welthandel, die ebenfalls geschloffen werden mußte. Die Tatsache, daß der Rektor der Universität, Professor Abel, wie das führende Mitglied tm Senate, Professor Gle! sbach, beide Exponenten des Arier- und pakenkreuzprogrammes sind, ist wenig dazu angetan, bessere Perspektiven für die Zukunft zu eröffnen. Freilich baten beide perren in einer Versammlung der nationalsozialistischen Studentenschaft die jungen perren, statt mit Gummiknüppel lieber mit geistigen Waffen zu kämpfen und durch Mehrleistungen „die Fremden aus dem Felde zu schlagen". Das wird aber bei der Mentalität der akademischen Radaubrüder nicht gut möglich sein. Protest reichten bisher der amerikanische, der rumänische, der p o'l n'i s ch e und der j u - g o s l a v i s ch e Gesandte ein. Dem Protest? der a m e r i k ä n i s ch e n Regierung begegnet die antisemitische Presse mit der Be- (Adresser Gelsenkirchen, Florastr. 76a, Postscheckkonto Nr. 11065) nimmt Bestellungen entgegen. Für Rabbinen und Rabbinatsassessoren dürfen die Ganz'schen Maß-Instrumente fortan unentbehrlich sein. Aber auch mancher gewissenhafte gesetzestreue Privatmann wird , sich freuen, sein nvrwn ]nep durch die Benutzung dieser neuen Hilfsmittel steigern zu können. Zwischen Ruinen und Aufbau in Erez Israel. Die Reiseberichte des bekannten orthodoxen Schriftstellers haben bereits, als sie in Fortsetzungen im „Israelit" erschienen, berechtigtes Aussehen erregt, ebenso wie die Vorträge, die der Verfasser in verschiedenen Städten gehalten hat. Es ist dankbar zu begrüßen, daß die Palästina-Zentrale, die die Gesellschaftsreise organisiert hat, deren geistiger Führer Red. Schachnowitz war, die Aussätze nunmehr in einem kleinen Bande herausgibt, der durch seinen billigen Preis in viele Hände kommen kann.*) Man merkt an den Schilderungen des Verfassers, — wie die Fahrtgenossen bereits während der Reise bemerken konnten —, daß ihm die Fahrt in das Land der Väter die Erfüllung eines 50jährigen Traumes bedeutet. Das Erez Jisroel der Vergangenheit, das Land jüdischer Glückes- und Leidensgeschichte, das Land der Historie und die Wiege der jüdischen Geistestradition^ sie waren ihm bekannt und vertraut, ehe er den Schauplatz dieser *) Zwischen Ruinen und Aufbau in Erez Israel. Eindrücke einer Erez Israel-Reise mit der Palästina-Zentrale der Agudas Jisroel, von S. Schachnowitz. Herausgegeben von der Palästina-Zentrale der Agudas Jisroel, Frankfurt a. M., 1932. Nr. 43 Seite 3 hauptung, von den 120 amerikanischen Studenten in Wien seien' gut 78 Proz. Juden. Wegen des päufleins wirklicher Amerikaner, denen weiter nichts geschehen sei, lohne sich für die Regierung der Union nicht, einzuschreiten! Der Protest solle daher von der Regierung Dollfus nicht ernst genommen werden. Ueber" diese Darstellung herrscht bei der amerikanischen Kolonie in Wien, zumeist Richtjuden, größte Empörung. Der amerikanische Gesandte versprach einer bei ihm erschienenen, ans Juden und Richtjuden bestehenden Abordnung amerikanischer Studenten weitgehenden Schutz feiner Regierung. Im Anschluß daran hielten die Amerikaner eine Versammlung ab und beschlossen, für den Fall weiterer perausforderungcn in corpore Wien zu verlassen und die Universitäten anderer Länder anfzusuchen. Wan sieht, die Skandale an der Wiener Universität schreien zum Pimmel, wirklich zum Pimmel, d e r s i ch ü b e r ä l l e L ä n d e r wölbt. Die Proteste des Auslandes hatten nun zur Folge, daß zuni Schutz der ausländischen S t u d c n - t e n wirksame Rlaßnahmen getroffen wurden. Darin liegt aber die Gefahr, daß die einheimischen jüdischen Studenten erst recht Zielscheibe der antisemitischen pöbeleien und schutzlos dem nationalsozialistischen Knüppel ausgeliefert sind. Dieser Gefahr sucht das Präsidium der W i e n e r ,I s r a e l i t i - s ch e n Kultusgemeinde mit einer Intervention zu begegnen, in der für inländische Studenten genau der gleiche S ch u tz wie für ausländische verlangt wird. Daß das Beispiel Wiens auch auf Budapest wirkt, ist eine alte Tatsache. Auch dort gab es Krawalle an der Universität, die sich auf die Straßen übertrugen. Im Parlamente versprach der Kultusminister, Dr. p o m a n , strenge Bestrafung der Unruhestifter. Die jüdischen Abgeordneten bemühten sich nachzuweisen, daß die Unruhen in den Praktiken der Regierung begründet sind, die auf eine versteckte Anwendung des Numerus clausus Hinausliesen. Alles in allem: Das nationalsozialistische Unheil ist ein Wel.t unheil, gegen das nun die Kulturwelt Europas und Amerikas sich zu regen beginnt. Zu hoffen wäre allerdings, daß der Protest der polnischen Regierung in Wien seine Rückwirkung in Warschau selbst nicht verfehle, wo in letzterer Zeit die Pallen der Wissenschaft ebenfalls durch schwere Iudenkrawalle entweiht wurden. Zigarren ACk ZeiS Wolf Tel. Hansa 27930 Vergangenheit betrat: und gerade deshalb fühlt er die Weihe und heilige Atmosphäre, die von dem Boden ausströmt, auf dem die Urväter gewandelt, den G'ttesgebot und Prophetemoort geadelt haben, spürt das Leben, das aus alten Steinen zu jüdischen Herzen spricht. Ist ihm Jerusalem der Leben gewordene Ort der heiligen Berufung und der Königs- und Volksgefchichte, so wandelt er in Tiberias in den Spuren der Geistesheroen aus Mischna und Talmud und der großen Denker der Kabbala. Diese Schilderung des Sabbats in der „Wunöerstadt am Kinerethsee" gehört zu den schönsten Stellen des Buches. Wohltuend wurde in weitesten Kreisen die Art und Weise empfunden, mit der der Vers, den Problemen des Aufbaus, des neuen Jischuw, sein Herz erschlossen hat. Er bemüht sich mit suchender Seele die Zukunftskeime zu entdecken, aus denen in späterer Zeit durch tätigen Einsatz thoratreuer Kräfte — sie werden und müssen kommen! — Früchte reifen können, die dem heiligen, den Heiligkeitscharakter nie verlierenden Boden adäquat sein werden. In diesem Sinne ist besonders die Schilderung eines jüdischen Purim in rein jüdischer Umgebung zu werten, trotz mancher Auswüchse ein Symptom für die Möglichkeiten jüdischen Erlebens , in jüdischem Lande! Plastisch treten die Pioniere altjüdsscher Erez Jisroelüiebe vor unser Auge — angefangen bei jenem Größten, dessen Segensworte der Vers, noch hören durfte (Nabb. Sonnenseld s. A.) bis zur mutigen und in ihrer Aufgabe ausgehenden jungen Schulleiterin der Aguda- Schule in Tiberias. Das Büchlein ist den Fahrtgenossen eine bleibende Erinnerung, den Kennern des Landes eine wertvolle Bereicherung, den anderen aber, die die Sehnsucht noch ungestillt im Herzen tragen, ein Ansporn, selbst das Land zu erleben, mitzuarbeiten an seiner Erhaltung als snp nmx- Manfred Neuberger.

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