Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 45 (3.11.1932)
- Date
- 1932-11-03
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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p Seite 2 Nr. 45 Jeder Jude ist Künder dieser Doppellehre, von der welterkenntnis und der Welterlösung, der Weltbejahung und der Weltverbesserung. Auch heute noch, trotz allem noch heute, horchen wir auf das stille pochen unseres Herzens, auf die leise G'ttesstimme, die in uns selbst tönt! Die, wollten wir sie aus uns herausjagen, immer wieder sich durch Ritzen einschleicht und bittend, berichtend, kündend und versichernd uns erfüllt. Auch heute! Sonst — sonst wären wir nicht Juden, es hätte sich sonst uns nicht der Kreis des Jahres, sein Anfang und Ende in — G'tt geschlossen! Kehren wir um zur starken jüdischen Seele, wir hoffen in Fesseln und Ketten, auch heute gibt G'tt uns die hohe Losung des doppelten Berufes, die zwiefache Botschaft in die Brust! Wochenrundschau. Jaum Kippur an der Westmauer. Am Jom Kippurausgang dieses Jahres wurde an der Weftmauex von einem jungen Juden S ch o f a r geblasen — trotz behördlichen Verbotes. Hinterher wurde ein Jude mißhandelt, ebenfalls von Juden, von den Freunden des Schofarbläfers — wogegen doch sicherlich auch ein Verbot existiert, wenn auch kein neuer Erlaß von der englischen Administration. Der Bläser dachte nicht daran, dem religiösen Akte am heiligen Tage an der heiligsten Stätte den erforderlichen letzten Ton zu geben, er beabsichtigte nur eine nationale Demonstration. Eben weil es die englische Macht verboten hatte. Hätte die Macht auch das Beten und das Fasten verboten, er hätte sicherlich an dem Tage auch gebetet und gefastet, was jetzt nicht ganz sicher steht (er erschien erst gegen Abend mit dem Schofac in der Hand zur Stelle). TatsacheFst, daß er im Gefängnis, wo er essen sollte, sofort in den Hungerstreik trat . . . Die Sache hat einen ganz ernsten Hintergrund. Man erinnert sich des Skandales an der Kothel am Jom Kippur 1927, als die englische Polizei die Betgemeinde an der heiligen Mauer mit Knüppeln auseinanderjagte, weil einige Greise, entgegen einer alten unverständlichen Gepflogenheit, sich ein paar Stühlchen zum Sitzen am Vorabend mrtbrachten. Cs war neben den nach einigen Jahren erfolgten b l utigen Ausschreitungen die größte Schmach, die uns im Jüdischen Nationalheim in den letzten Jahren widerfahren ist. Rach langen Streitigkeiten und Auseinandersetzungen über unser Recht auf den Gebetplatz vor der Mauer einigte man sich dahin, daß die ungestörte Aufrechterhaltung des Jom Kippur-G'ttesdienstes o h n e SchofarbIasen von der Macht garantiert wird. Man fügte sich darein, und die Rabbinen Jerusalems, das offizielle Dberrabbinat wie Rabbi Chajim Sonnenfeld ^"XT an der Spitze der Thoragelehrten der heiligen Stadt, wußten wohl, warum sie, zur Rettung und Wahrung höherer Güter, auf den Brauch der letzten Tekiah an der Mauer verzichteten. „Heilig ist jeder Stein der Mauer, aber noch heiliger ist ein jüdifches Leb e n " , war ein bekannter Ausspruch Rabbi Chajim Sonnenfelös, der sicherlich auch bei jenem verzichte mit eine Rolle spielte. Die sogenannten „religiösen Ciferer" wissen die Grenze des Möglichen einzuhalten, die nationalen Heißsporne beschwören im blinden Cifer Gefahren über Gefahren herauf. Hinterher wird ein Jude, der von den Rabbinen mit Genehmigung der Behörden bestellte Aufstchtsbeamte, ein gelehrter und frommer Mann, von Juden, Freunden des revisionistischen Tokea, mißhandelt. Warum? Cr hat dem jungen Bläser gewehrt. Das war aber sein gutes.Recht, sogar seine dringende Pflicht. Cr soll den jungen Mann an die durch das Hornsignal auf den plan gerufene Polizei verraten haben. Cr, der Aufsichtsbeamte, bestreitet das. Aber selbstwenn! . . . Müßte ihm da nicht Ausübung einer Amtspflicht zugute gehalten werden; vielleicht auch die Absicht, ja die Notwendigkeit, ein größeres Unheil zu verhüten und Unschuldige vor Gefahren zu bewahren?! Die jüdische Öffentlichkeit müßte sich gegen diejenigen, die aus religiösen Uebungen solchermaßen ein nationales Spiel, und noch dazu kein ungefährliches, machen, entschieden verwahren. Der junge Mann mußte seinen Dummenjungenstreich mit einer viel zu schweren Gefängnisstrafe büßen. Cin völliger St r a f e r l a ß wäre am Platze gewesen; damit aber die Erkenntnis an höherer jüdischer Stelle, wie eine bessere Erziehung der Jugend uns so bitter not täte. Nicht allein Erziehung zur Religion, sondern auch zu Anstand und Sitte, zu Takt und Vernunft. Einbruch der Reform in Oesterreich und was die Zionisten dazu sagen. Der jüdische Liberalismus vom Claude Montefiore'schen Geiste wurde für England ein lukrativer Ausfuhrartikel, echte englisch-amerikanische Ware. Rach .Holland' nunmehr D e st e r r e i ch und U n - g a r n. w i e n und B u d a p e st sollen mit Hilst der Berliner Filiale in der Iohannisstraße erobert werden. Aber Wien sträubt sich. Die w i.e n e r K u l t u s g e m e i n d e ist ei» Gebilde von ganz eigener Prägung. Beim großen Zufammenprall des alten mit dem neuen Geiste im vorigen Jahrhundert, ist Wien, das offizielle jüdische Wien, zwischen der Reform und der alten Schule stehen geblieben. Bis auf den heutigen Tag brausen in Wiener Tempeln keine Orgelpfeifen und, schrillen keine Damenchöre. Ihre Neuerungen bestanden — oder vielmehr bestehen, denn ursprünglich hatte man mit der „Reinigung des Gebetbuchs" von grundlegenden Glaubenslehren begonnen — in der Hauptsache in der Verschiebung des Almemors aus der Mitte nach der heiligen Lade und einigen kleinen Zeremonien, die dem G'ttesdienste im Ganzen keinen Abbruch tun. Mit der Verdrängung der Thorarolle aus der Mitte des Wiener G'tteshauses ging aber auf anderen Gebieten des Gemeinöelebens, vorab imUnterricht,.eine unsichtbare, aber darum um so fühlbarere A usschaltung der Thora aus dem Mittelpunkte des jüdischen Lebens vor sich. An den Früchten hatte es sich gezeigt. Wien ist, nach Budapest, öie"Staöt der Taufe und der Mischehe. Weite Iugenökreise sind in. der Stadi Theodor Herzls geistig im Zionismus beheimatet und religiös desinteressiert. Was aus dem Gemeinöegebilde nach links hinausstrebte, ging weiter, bis zur letzten Grenze, bis zur völligen Assimilation oder zum Taufbecken. Cinen religiösen Liberalismus konnte es dort so wenig geben, wie in den Ländern des Ostens. Hier will der englische Reformexport einsetzen. Cs scheint indes nicht gelingen zu wollen. Nach einem uns aus Wien zugegangenen Berichte war eine Versammlung, in der Miß Lilly M o n t a g u und Frau Dr. Margarete G o l d st e i n die religiös liberale Ideen propagierten, zwar stark besucht, aber von lauten Protesten durchrauscht. Cine Diskussion schwenkte in Bahnen ab, in die die Referentinnen den Rednern nicht folgen konnten. Die Versammlung schloß mit dem H a t r k w a h -Gesang. Dazu waren die Damen gewiß nicht von London nach Wien gekommen. was aber die Zionisten aus diesem Einbruch der Reform in ihre Kreise alles zu machen verstehen, zeigt ein Artikel der Wiener zionistischen „Stimme". Zunächst werden Montefiores Sendlinge und ihre Lehre mit Achaö Haam geschlagen, wobei schämig verschwiegen wird, daß Achaö Haam für das Volk al s Ganzes, d. h. für die Volksaufgaben Israels an der Seite der Völker, eigentlich keine anderen und keine höheren Ideale erstrebte als eben Montefiore und Montagu für die individuelle Assimilation, unter giös Wirb die £ dox bei „Uni sich: und rat, Gero der 1 die ' dikal mit mit nis: Agu gert helfe dcut fahr Deu vor, nichi die träg für, inen brai Zu Hac und mal Ibör! stell kon Zu Ha! Bei d e wik so nis brv Or Kr' die mm Überlebte Reformbegründung. Gin Rückblick. Von Rabbiner Dr. Mchalski in Karlsruhe. In die leuchtende Schilderung, die uns die Mischnah vom Teinpewienst an den Festtagen gibt, fällt düsterer Schatten: An zwei Stellen birgt sie einen Hinweis auf Reformbestrebungen, die sich durchzusetzen versuchten. Die Ablehnung der Wasserspende am Sukkausfeste. die saduzäische Reformsucht durchzuführen gewagt, wurde vom Volke bemerkt und durch den Hinweis auf den Esrog, der dem Wasser seine Blüte verdankt, „schlagend" wüerlegt. (Traktat Sukkoh IV, 9.) Nicht bemerkt werden konnte die Reform, die saduzäischer Zeitgeist ins Allerheiligste hineinzutragen sich vermaß. In jedem Jahre wurden am Rüsttage des Jom hakippurim beim Gedanken an diese Möglichkeit Tränen vergossen. „Wir beschwören dich," so sprachen die Aeltesten der Priesterschaft zum Hohenpriester, bei dem, der Seinen Namen in diesem Tempel ruhen läßt, „daß du nicht etwas änderst an Allem was wir dir gesagt." Er wandte sich ab und weinte darüber, daß sie ihn als Saduzäer verdächtigten, und sie wandten sich ab und weinten darüber, daß sie diesen Verdacht aussprechen mußten. (Traktat Jaumo I, 5.) Eine große Freude empfand der Hohepriester, der Saduzäer war, als er einmal den Dienst im Allerheiligsten reformieren konnte. (Talmud Jaumo 19b.) Nach dem klaren Wortlaut des G'tteswortes: „Er gibt sodann das Räucher-? werk auf das Feuer vor G'tt" (III. V. M. 16, 13) durfte, erst im Allerheiligsten das Räucherwerk auf die Kohlen gestreut werden. Nur im Allerheiligsten, vor der Bundeslade des Gesetzes, auf dem Boden des Gesetzes darf das Feuer der Begeisterung und opferwilligen Hingebung. jeder Willkür fern, sich dem Wohlgefallen G'ttes darbieten. Saduzäische Reform versteifte sich darauf, finrn pm ll'22'i schon außerhalb des Allerheiligsten das Räucherwerk auf die Kohlen zu streuen und mit der bereits dampfenden Pfanne das Allerheiligste zu betreten. Das Allerheiligste muhte zur Neformfynagoge gewandelt werden! In die Stätte des Gesetzes mußte das moderne Empfinden zeitgemäßer Entwicklung hineingetragen werden! (Vgl. Rabbiner S. R. Hirsch Pentateuchkommentar z. St.). „Der Anstand erfordert es," so lehrten die Saduzäer, „das Räucherwerk dampfend hineinzubringen. dn (3"n) oipan -»asb mim p pviV du- Gebietet dies schon die Rücksichtnahme auf den Gast beim Gastmahl der Menschen, so ziemt sich dies doch erst recht vor G'tt." Der Etikette der damaligen Zeit, den konventionellen Formen vergänglichen Zeitgeistes unterwirft saduzäische Lehre liberaler Judentumsreform das überzeitliche Gesetz im Allerheiligsten und vergewaltigt Wortlaut und Vorschrift. Persönliche Willkür zeitgebundener und zeitbedingter Anstandssorm drängt sie der Opferlehre aus, trägt verwesende Zeitvereinbarung ins Gesetz hinein und zwingt sie G'tt aus, daß sie Ihm Wohlgeruch biete, daß sie Sern Wohlgefallen erwirke. Was sagt unsere Zeit und die Reformfreudigkeit unserer Reformer zu jener Reform und zur Hinfälligkeit aller Reformen, die aus ihr sich ergibt?! Unserer Zeit ist jene Reform eine längst vergessene, veraltete und überlebte Erinnerung einer grauen Vergangenheit geworden! Die Resormsucht unseres Zeitgeistes hat kein Verständnis mehr für die unbeschreibliche Freude jenes Reformpriesters, noch weniger für die Tränen der Aeltesten der Priesterschaft! Sinnlos erscheint sie unserer Zeit. Gröbster Verstoß gegen die Anstandslehren unserer Zeit wäre es heute, das Rauchwerk, die Zigarre oder Zigarette. die Quelle der Rauchentwicklung, angezündet beim Gastmahl hineinzubringen und sie dampfend dem Gäst anzubieten! Erst in Gegenwart des Gastes wird, das Feuer herangebracht, sollte nicht heute wieder „erst recht" im Allerhelligsten in Gegenwart des Gesetzes das Feuer herangebracht werden dürfen! Ueberzsitlrch, unantastbar, erhaben über alle Anstandregeln menschlicher Kurzsichtigkeit ruft das Gesetz im Allerheiligsten, ist das Allerheiligste die Stätte des Gesetzes. Zwischen den Stangen der Vundeslade, durch die das Gesetz ins Leben getragen werden soll, durch den Vorsatz, dem Gesetz Träger zu werden und Träger zu werben, wird feurig lohender Hingebungswille zum Ausdruck willkürferner Gesetzestreue! kleines Feuilleton. Längen- und Hohlmaße für religionsgefetztiche Zwecke. geo 21: vie her Da tre ist bei Gr Ve bei Ge wi Le chc kw de' Lö rei inen du dii str Ai ne Ir ur di Herr .Rabbiner I. Ganz in G e l s en ki r ch en, Florastr. 76a hat sich der dankenswerten Mühe unterzogen. ein Längenmaß auf glattem Holz und ein Hohlmaß aus Glas zu konstruieren, deren Verwendung auf