Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 45 (3.11.1932)
- Date
- 1932-11-03
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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3. November 1932 -Kr. 45 4. Marcheschwan Gegründet von Dr. Lehmann in Mainz. JS Abonnement ab Juli 1929: Deutschland 1.3V Mark monatlich: Ausland: Vierteljahrpreise (entsprechend dem deutschen Inlandspreis zuzüglich Kosten des Streifband-Versandes) Deutsch-Lfterreich: Schilling 6.—; Amerika 1 Dollar; England 4 sh.; ab 1 Juli Frankreich23 Fr.; Belgien ab 1.7.27. Belga6. Holland 3fl.; Italien ab 1.1.33.18Lire; Jugo» slavien 55 Din.; Litauen 7.50 Sit.; Rumänien ab 1. 7. 37. 15V Lei; Polen 4 deutsche Gold« mark zum Tageskurs oder 7 Zloty:! Schweiz 5 Fr.; Tfchecho-Slowakei 35 Kronen; Ungarn Pengö 5 ab 1. Juli 1937; Dänemark*3.50 Krön.; Norwegen 3.50 Krön.; Schweden 3.50 Krön. Einzelnummer vierzig Goldpfennige.' Der Israelit erscheint jeden Donnerstag. Inserate 50 Goldpf. für die stebengesp altene Nonpareille-Zeile. Abonnenten zahlen bet Stellengesuchen und Famtlienanzeigen nur 40 Pf. 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Filialen Der Gerichtsstand für alle aus Abonnements oder aus Inseraten stch ergebenden Zahlungsverpflichtungen ist Frankfurt a. M. Der Halt des Lebens. Ein Festnachklang. Von Dr. I. Carlebach in Altona. Kehrt zurück zum Halt des Lebens, Ihr- Gefesselten der Hoffnung, auch heute bringe ich Dir den Künder zwiefacher Botschaft wieder. Secharia, 9, 2. Den letzten und den ersten Gang des Jahres taten wir ins G'tteshaus. Darin ist ein Bekenntnis, daß G'tt unser Aleph und Taph, aller Zeiten Anfang und Ende, Hast Er der erste und der letzte auch unsres zeitlichen Daseins ist. Je mehr wir uns der Zeitlichkeit als der Urkategorie alles Menschenlebens bewußt sind, um so gewisser knüpft sich unsre Welt- und Lebensanschauung an unfern G'tt, den überzeitlichen, zeitlosen Hort der Ewigkeiten. Weil das Leben vergänglich, zeitgebunden ist, weil der erste Schritt ins Leben auch der erste zum Tode ist, darum ist Ai e tf f chsei n ohne G'tt ein Unding, ist gewiß I u d e s e. i n ohne diesen ewigen, unveränderlichen Halt sinnlos. Wenn wir daher im Gebete dessen inne wurden: „der Mensch, er stammt vom Staube:und kehrt zum Staube zurück, um seines Brotes willich muß er sein Leben hingeben, der zerbrechlichen SchcsrÜe gleich", dann jubelten wir zugleich im Hinblick aus den alles Menschentum tragenden g'ttlichcn Urgrund: „Du aber, der uns alle in Deinen Dienst nehmende G'tt, bist ewig lebendig, bleibend in Mächt und Herrlichkeit." Alles wird uns für einen'Augenblick zum Nichts: Welt und Menschen, Natur und Geschichte^ Volk und Einzelne. Aber auch dann noch erblicken wir mitten in der Angst des Nichts, in dem Schauder des Zusammenbruchs ragend und gewaltig über dem Staube als den letzten unfern,G'tt, den-jenseits aller Vergänglichkeit und Vernichtung stehenden, und empfangen aus Seiner Hand neu die Erde, die Er auf das Nichts, auf das absolute Bewußtsein' dieser Vergänglichkeit gebaut hat. Indem wir aber also zwiefach geblickt, aus dem Nebel des Nichts un^'das Licht G'ttes wieder aufgelouchtet, das. vergängliche unter dem Fittich G'ttes wieder Zuflucht und Halt gefunden hat, kehren wir uns zu neuem Lebenswillen, trinken'wir neuen Mut des begonnenen neuen Lebensjahres. Die Feste lehrten uns, wie wir die Gespenster der Sorge und der Not, die . uns umdrängen, " den Tag verdüstern, die Mächte der Wirtschaft, die uns versklaven und mechanisteren wollen, zum weichen bringen; wie wir uns wegwenden von diesen graueneinflößenden Götzen und Scheusalen, zum Halt und Hort der Welt und die Stoßkraft und die Siegesgewißheit der Zukunft wiederfinden. Und darum noch einmal: Wendet Euch hin-zum Halt des Lebens, zum Judentum! In allem Wechsel der Zeit und des Schicksals, der Lebensformen und der Geistesströmungen hat es sich immer als stark erwiesen, das kleine, unscheinbare, verspottete und verschmähte, es trotzte seinen Gegnern, es spottete seiner Widersacher. Ganz und unversehrt und fest und groß steht es da, heute so wie ehedem, stark in seinem Optimismus, stark in seiner Geistigkeit, stark in seiner unveränderlichen, allumfassenden Lebensordnung, die immer noch in unserm Kreis die Liebe und Gerechtigkeit des Ideals verwirklicht, Heiligkeit und Reinheit verbreitet. Wieder sahen wir die Menschen von Philosophen! zu Philosophem geistern, Ideale ausgreifen und verwerfen, Kultur gründen, und entwurzeln, sehen in immer neuer Gestalt Barbarei und Verirrung die Seele der Masten vergiften. Keine Zivilisation hat eine Gewähr für die Veredlung des Menschen bieten können, keine Bildung, keine ästhetische Lebensverschönerung hat das Raubtier in ihm zu bändigen vermocht. Kraftlos ist die Ethik eine Gelehrtenangelegenheit geworden, deren Forderung im Leben nicht gilt. Da wenden wir uns der großen Offenbarung Israels zu, der alten lieben Thora, die unsre Familie geadelt, unser Streben erhöht, uns mit der stillen Kraft des Verzichts, der Selbstgenügsamkeit beschenkt hat, um in ihr den neu-alten Halt des Lebens zu finden. Oder zweifeln wir noch? vermag unser Herz zu solcher inneren Gewißheit stch nicht aufzuschwingen? Der Prophet spricht uns, den Zweifel bannend, an: „Ihr Gefesselten der Hoffnung!" Wunderbares Bild Israels. Wir sind gefesselt. Aber was fesselt uns am Abgrund des Nichts, an dem Höllentor der Verzweiflung? Was bindet uns, wo Hunger und Schande und Kampf drohend uns. vor Augen stehen? Ein mächtiges Band fesselt uns, und dies Band heißt H offn ung. Der Jude ist der Mensch der unzerstörbaren Hoffnung. Er hofft und hofft; er hat alle Verirrungen der Welt gesehen,, er hat alles Schreckliche der Geschichte erlebt und steht dabei und hofft. Er haßt nicht, er schmäht nicht, er resigniert nicht, er hofft. Er ist gebunden, gefesselt von Hoffnung! Was trieb uns an den Festen des Jahresbeginnes, der so aussichstlos, ein Medusenhaupt, uns anstarrt, was trieb uns in die G'tteshäuser? weil die Hoffnung uns fesselt ans Leben, an unser Volk, daß es nie verloren sein kann, an die Menschheit, daß, der Tag des Guten dennoch komme, daß es trotz aller Winterstürme doch einen Menschheitsfrühling geben müsse. Ja, wir bekennen es laut und offen: keine Enttäuschung, kein Rückfall und Niedergang können uns den Glauben, die jüdische Hoffnung rauben und zerstören. Keine Nachtansicht des Lebens ringt sie uns aus dem Herzen. Spottet nur des Juden, wir hoffen doch, ja wir hoffen selbst für unsre Feinde, die uns wegen dieser Hoffnung schelten, die uns nicht gebrauchen können, weil wir uns nie mit der Wirklichkeit abfinden, weil wir bessern wollen und müssen, weil wir nie das Heute sanktionieren, weil wir „assire hitäkwah", vom Ideal besessen, von Hoffnung gebunden sind. Wir sind n i ch t f r e i, ohne Hdcal, ohne Hoffnung zu sein. Gam hajaum, auch heute, sogar heute, sind wir von dieser Messiashoffnung nicht frei. Der abtrünnigste Jude, der sich den Ntchtjuden in die Arme stürzt, der seine Vergangenheit vergessen will, er tat es aus Hoffnung, ec glaubte, dort sein Ideal zu erreichen^ aus Hoffnung Wirklichkeit zu.machen; und' dann muß er sehen, daß grade diese Hoffnung ihn dem andern fremd bleiben läßt, einsam steht er, nur eins begleitet ihn wie sein Schatten: seine Hoffnung, sein Streben nach dem Ideal, nack der andersartigen Welt. ‘ ’ ' : Es bleibt in ihm das Echo der Propheten und Weisen, die Sein und Ideal,. Welt und Zukunft einander gegenübergestellt haben. Die predigt des „Maggid mischneh"-- von der Doppeltheit der Seinsaspekte hallt immer in ihm nach. Nicht Weltverneinung, aber auch nicht Wcltergebung, nicht eine Verstiegenheit, die die Wirklichkeit nicht kennt, aber auch nicht Resignation, die auf alle Entwicklung verzichtet, immer ein Zwiefaches, ein mischne, war uns der G'ttcskünder. Er verbindet usts das Hier und Dort, das Zeitliche und Ewige, das Irdische und Himmlische, die nach einander rufen, die einander bedingen und benötigen, die eines aus das andre weisen. Wie es zur Thora eine Mischne Thora, zur raumlösen der Wüste die ans Land sich knüpfende der Gefilde Moabs, wie zu beiden das Galuth eine neue Mischne Thora durch Rambam empfing, so wird uns zu jeder Zeit und jeden Orts ein neuer, dag Alte als den eigensten Ausdruck unseres Jetzt aufweisender Künder. Immer wieder ist dem Judentum sein doppelter Beruf: für G'tt u n d Welt, für Gegenwart u n d Zukunft, für Erhaltung u n d Erfüllung ins Herz geschrieben, wie Tekiah und Terua sich zu einem Doppeleinheitsruf verschmelzen. wo ist aber der Künder heute? wo treffe ich ihn, so fragst Du noch? Ach, Du selbst bist es, „ofchiw loch", Du selbst.