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Der Israelit · 1932-10-27 · Heft 44 (27.10.1932) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
73 (1932)
Issue
Heft 44 (27.10.1932)
Date
1932-10-27
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
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Seite 10 Nr. 44 Der Jstaelit . 87. Oktober 1932 satz zu England, unter deutschredenden Menschen ein unbekannter, noch dazu älterer Mann kein „Du", sondern ein undefinierbares, bärüeißiges Etwas ist, ein „Sie..." Ich sagte: „Zum Danke für das schöne „Du", das wir natürlich beibehalten, sollst Du gleich eins haben." Und nun ... Es ist schön, wenn man sich nach einem halben Menschenalter wieder für eine Stunde in die Schnee- und Eiszeit seiner Jugend versetzen darf . . . Also hier war das frische, blumige Jungvolk beheimatet? Ich darf eintreten. An kleinen Tischchen unter einem Baume, dessen herbstlich gelichtete Zweige die Sonne in vollem Strome durchließen, sitzen zehn junge Mädchen, jedes hat ein ausgeschlagenes Machsor mit französischer Uedersetzung vor sich, gruppiert um eine Dame, die über Ivmkippur spricht, das Ganze ein Bild von Anmut, Lieblichkeit und Weihe ohnegleichen. Die kleine Engländerin ist auch dabei. Das Du gilt ... Bin ich einmal da, so darf ich mir schon den ganzen Betrieb ansehen, die wundervollen Gartenanlagen, den großen Saal und kleinen Salon, die Halle, den hellen ge' räumigen Speiseraum und nicht zuletzt die saubere Küche, in der ich vier junge Damen in einfacher Kleidung und weißen Kopftüchern mit flammenden Gesichtern am Herde antreffe. Ein Sonnenbad im Garten wird mir gezeigt, das mittags nach der Mahlzeit belebt wird. Die liebenswürdige Leiterin, eine Dame von Geist, Intelligenz und vielfachem Wissen, besessen förmlich von ihrer pädagogischen Mission, erläutert mir alle Einzelheiten der Einrichtung und des Betriebes. Es wird hier gelernt, viel gelernt, aber, wie bei der Fassade herrscht bei aller Gediegenheit der einfache Ton vor. Des Unterrichts und der Erziehung Grundton und letztes Ziel: Charakter, Gesinnung, Lebenseinfachheit, Befestigung des Glaubens durch Kenntnis der Glaubenslehre, mit einem Worte I ü - d i f ch k e i t. Die jungen Damen lernen Sprachen, Musik- Literatur, werden eingesührt in alle Hallen des Wissens und der Schöngeistigkeit, treiben Sport und Spiel, jagen im Garten mit Tennisbällen und bewerfen sich in den Wintermonaten auf dem höchsten Berge vor Montreux mit Schnee. Aber im Kern bleiben sie einfach, bescheiden, hausfraulich, religiös, gläubig gemütsvoll, mit einem Worte Jüdinnen. Am Abend dieses Tages erlebten wir das Jeschiwafest in der Billa Q u i s i s a n a, bei dem herrlichsten Sonnenuntergang, den ich je gesehen habe, bei einer Freude und Gehobenheit, die den Teilnehmernden Tag zu den schönsten, farbigsten Blättern ihres Lebensbuches machten. Aber zum Erleben in Montreux gehörte auch jene jüdische Billa in Clärens, in der jüdische Töchter aus allen Weltgegenden zwischen Rosen und Akazien von Jomkippur sprechen. Eines bedrückte mich ein wenig. Ein elegantes Pensionat. also nur ganz bestimmten Ständen zugänglich. Wer kann sich in den Zeiten, die schlechter und schlechter werden, noch leisten, seine Töchter am Genfer See in Schönheit zu modernen Volljüdinnen heranreifen zu lassen? Da erhalte ich dieser Tage einen Brief von der Leiterin. Sie steht mit glühender Begeisterung zu ihrem Werke und hat eingesehen, daß die Möglichkeit einer guten jüdischen Töchtererziehung nicht das Privileg der Besitzenden fein darf. Sie kennt die Zeit und ihre Nöte und hat sich danach umgestellt. Die Preise, die sie jetzt berechnet, entsprechen mehr der Notzeit als ihrem eigenen Aufwands, und find auch für einen besseren Mittelstand tragbar. Ob ich nicht diese Umstellung in einer Zeit, da eine Beth Jakauw-Bewegung in Ost und West der Erziehung der jüdischen Frau- und Tochter die Wege ebnet, als Dienst an der Oeffentlichkeit in der Zeitung mitteilen wollte! Gewiß wollte ich es. Wollte es mit einfachen wenigen Worten tun. Aber da lebte in mir jener Sonntag vor Jomkippur 1930 wieder auf. und ich schrieb all das nieder, was ich zwei Jahre lang von dem Morgenspaziergang und dem Pensionat in Clärens in meiner Erinnerung herumtrug. —tz. Der r>2V ist geblieben. Von A Mannheimer in Dettelbach. Verrauscht sind die schönen Tischrifeste mit ihrem Reichtum an sinnvollen Zeremonien, mit ihren anheimelnden Melodien, die in ihrer festen Prägung und Eigenart g'ttlob heute immer noch in der weiten jüdischen Diaspora Tradition geblieben und in dem ihnen eigenen Schmelz in jedem neuen Geschlecht sich von neuem Bürgerrecht erwerben. Sie haben den Ansturm der Reform überstanden dank ihrer inneren urwüchsigen Kraft, dank ihrer Verwurzelung in den breiten Massen, dank ihrer Verwachsung mit der jüdischen Volksseele. Noch haben wir den Nachklang im Ohr, noch verspüren wir die seelische Nachwirkung der großen Herbstfeiertage: da streift unwillkürlich der Geist weiter zum nächsten Jomtof, dem fernen Pesachfeste. Eine weite Zeitebene liegt vor uns, nur von wenigen Gedenktagen wie von kleinen Hügeln unterbrochen.. Wir schreiten über eine lange Brücke, deren Bogen von vielen einzelnen Pfeilern getragen sind, dem 02«?. Der na» ist uns geblieben, der rna» leitet uns hinüber durch Winternacht und Not und Sturm, bis des Frühlings milde Tage das heiß ersehnte Erlösungsfest uns bringen. Der na»,, der allwöchentlich« liebe Gast, ist uns geblieben nach den glanzvollen Festzeiten im Tischrimonat. Wie im heiligen Tempel das beständige Opfer stets den Vorrang hatte vor allen Festesopfern, sogar am 7303 dv, so ist auch der na» vor sämtlichen Feiertagen als erster hervorgehoben, '2 »7p 'xipob nbrrn av m.i» „er ist der erste von allen heiligen Berufungstagen." (3. Bch. M. 23). Nicht derjenige Schüler kann als Ideal gelten, der nur auf die Examens, zeit seinen Fleiß verlegt, sondern wer seine alltägliche Pensen gewissenhaft erledigt. Nicht derjenige Jude ist auf dem rechten Wege, der nur „seine Herbstseiertage" absolvieren möchte, den wöchentlichen »7p na» aber mit Füßen tritt. Es kann keinen verhängnisvolleren Wahn und Irrtum geben: der na» ist geblieben, ist geblieben für die lange, bange Winterzeit, der wir entgegensehen, entgegengehen. Er wurde, wie uns der Thoraabschnitt n’»ma dieser Tage wiederum erzählt, als wichtigstes Glied in den großen Schöpfungsbau eingefügt. Nach sechs Tagen sah G'tt sein Werk nochmals an und fand, daß der Welt noch was fehle: nmia, die Ruhe. Da krönte er ein Werk mit der Einsetzung des na»: er sollte den Schlußstein bilden. Arbeit und Ruhe. Zwischen diesen beiden Polen kreist das Menschenleben. Das war der Rahmen, den G'tt selbst schon beim Schöpfungsakt gespannt und in den sich alles einfügen läßt, was im betäubenden Lärm des politischen Tageskampfes uns jetzt um die Ohren rauscht. Schlagwörter wie: Fünftagewoche, Fünfjahresplan, achtundvierzigstündige Arbeitszeit, das zur Weltkrise gewordene Problem der Arbeitslosigkeit, kräftigere Einschränkung beamtlicher Tätigkeit an Sonntagen: gehört viel Scharfsinn dazu, um zu erkennen, daß hier die Welt um die Segnungen des Sabbats ringt, des. jüdischen na»? Ja, der Talmud hat recht: G'tt sah, daß der Welt noch was fehle zur vollkommenen Vollendung, schuf er die Ruhe, den na». Der na» ist uns geblieben auch nach den Feiertagen mit ihrem Reichtum an jüdischen Ideen, deren Wucht sich nicht leicht einer entziehen kann, entziehen konnte.. Der Sabbat ist uns geblieben, nicht in der Gleichgültigkeit und Nüchternheit, die man vielleicht sonst im Leben einem allwöchentlich sich einstellenden Gaste gegenüber an den Tag legt. Nein. Er muß gewertet sein als Stab und Stütze, als Halt und Helfer gerade in der langen und schweren Arbeitszeit des Winters. Möge er eine Winterhilfe seelischer Art sein in jüdischen Häusern. Dort erlebt das Kind den Zauber eines „heiligen Abends" in jeder Woche. Die Welt soll sehen, was wir als Juden mit den beiden Begriffen Arbeit und Ruhe anzufangen wissen. Bei uns haben Knecht und Magd in ihrer Kammer, das Vieh im Stalle Ruhe und selbst auf leblose Dinge wird das strenge Ruhegebot des Sabbat ausgedehnt. 3n»ap'3 na»n 03'ns'n yi3 p „darum segnete der Ewige den Sabbattag und heiligte ihn." Die sechs Werktage haben bei uns ihren Namen nach dem na». Heute ist der erste, der zweite Tag nach Sabbat, nava'»'i>» oi'oirn ufw. Der Sabbat bildet die goldene Achse, um die sich die sechs Werktage drehen. Der jüdische Arbeiter nennt sich na*6» Vsa, d. h. Herr der Arbeit. Er steht als Herr über ihr. läßt sich von ihr nicht versklaven, unterjochen. Es ist nicht so, wie Böswillige behaupten möchten, die Arbeit sei nach dem ersten Sündenfall als Strafe für die ersten Menschen eingeführt worden. Man möchte gerne vergessen machen, daß nach der hl. mm die Arbeit sich wohl mit paradiesischen Zuständen verträgt. Hatte G'tt doch das este Menschenpaar in den Garten Eden geführt, ma»93 ma»S ihn zu bearbeiten und zu hüten. Nach diesem Paradies fahndet die irre gegangene Menschheit, nach Sabbatruhe sehnt sich die Welt, nach Arbeit in jüdisch-idealer Auffassung. Wird sie das Ziel so schnell erreichen? Wenn der na» aus jüdischen Häusern scheidet, halten schwache Kinderärmchen eine kleine Fackel in die Höhe. Sie soll nicht nur den Glanz des Sabbat hinüberretten auf die Werktage. Sie soll ein Feuersignal und ein Fanal bilden für eine auf Irrwege geratene Menschheit. So deutet es bei erhobenem Pokale und vor versammelter Familie der zum Historiker, zum Politiker und Propheten gewordene Hausherr, i>3nä »7p pa *>’7a»rt, daß immer noch eine Scheidelinie besteht, eine Kluft gähnt zwischen! Heiligem und Gemeinem, zwischen Licht und Finsternis, zwischen Israel und den Weltenvölkern, bis G'tt selbst den Riß heilt. Das soll uns jeder na» auch in trüber Winterzeit tröstend, stärkend und erquickend in die Seele rufen. Einsteins „jüdische" Weltanschauung. Der geniale Mathematiker und Physiker Albert E i n - st e i n wagt sich oft, viel öfter, als es seinem wissenschaftlichen Ruhme gut tut, auf Gebiete hinaus, die ihm fremd sind, und — blamiert sich. Es ist in der freien deutschen Republik Jedermann gestattet, sich nach Herzenslust zu blamieren, aber Einstein ist nicht' Jedermann. Auch hier kommt es auf die Relativität an. Je größer der Mann, um so größer die Blamage ... So veröffentlichen verschiedene Zeitschriften eine Aeußerung Einsteins über jüdische Weltanschauung. Judentum ist für ihn der Inbegriff der im jüdischen Volke lebendigen Lebenseinstellung, nicht aber der Inbegriff der in der Thora niedergelegten und im Talmud interpretierten Gesetze. 'Wesen der jüdischen Lebensauffassung ist für ihn Bejahung des Lebens aller Geschöpfe und die Verehrung alles Geistigen. (Das auch, Herr Professor!) Der jüdische G'ttesglaube sei nur eine Verneinung des Aberglaubens, auch ein Versuch, da» Moralgesetz auf Furcht zu gründen, den er für gescheitert hält. G'tt dienen bedeutet für ihn so viel wie dem Lebendigen dienen, wofür er die Propheten — und den Stifter der christlichen Kirche als Zeugen anführt. Im heutigen Judentum verdunkle viel Buchstabenkultus die reine Lehre. Walter Rathenau habe ihm einmal gesagt: „Wenn ein Jude sagt, er gehe aus. Vergnügen auf die Jagd, dann lügt er." .Das scheint Einstein bezeichnend für die Liebe zu allem Lebendigen, die der Kernpunkt der jüdischen G'ttesidee sei. Wir könnten Albert Einstein verraten, daß ein großer jüdischer Ethikep es noch schöner gesagt hat und noch viel weiter gegangen ist als Walter Rathenau. Rabbi Israel Salanter sagte einmal: „Wenn ein Jude behauptet, er begehe gern eine Sünde, er möchte sein Herz dem Gebete, seine Hand der Wohltätigkeit oerschlie. ßen, so lügt er. denn tief in ihm ist G'tt und das Erbe der Väter." Danach ist zu vermuten, daß auch Albert Einstein im tiefsten lügt, wenn er die G'ttesidee in ein paar verschwommene Begriffe und vage Redensarten, die nicht einmal den Reiz der Neuheit haben, auflöst mü> die Propheten, die vornehmsten Interpreten der Thora, gegen Thora und Talmud aufruft. Was weiß schließlich Albert Einstein von unserer Thora und unserem Talmud? Vermutlich doch nicht viel mehr, als die große Masse des Volkes von seiner Relativitätstheorie. Aber die große Masse des Volkes wagt nicht, in.die Hallen der Relativitätstheorie zu dringen. Und er, Einstein? Darf ein Genie mit den Regeln der Kunst auch alle Schranken des Wissens und Könnens über den Haufen werfen? (Anmerkrmgen zu Larlebachs „Die drei großen Propheten.") Der Verfasser des Im Hermon-Verlag erschienenen Buches „Die drei großen Propheten", Herr Oberrabbiner Dr. Joseph C a r l e b a ch^hat eine Reihe von erläuternden und erweiternden „Anmerkungen" zu seinem Buche geschrieben, die auf einem Oktav-, blatte in Format des Buches zusammengestellt wurden und sämtlichen Beziehern vom Verlage auf Wunsch unentgeltlich nachgeliefert werden. Dem noch nicht ausgelieferten Teil der Auflage werden die „Anmerkungen" ohne besonderes Verlangen beigefügt. 75jähriges Geschäfts-Jubiläum feiert am 1. November 1932 die Fa. Th. Sackreuter (Inhaber Fritz Noll u. Georg Heß) Steinweg 12. Spezialgeschäft für echt Silber und versilberte Bestecke und Tafelgeräte. 1857 wurde die Firma Sackreuter, welche sich durch ganz besonders solide Gebrauchsware einen Namen bis weit über die Grenzen Frankfurts erworben hat, gegründet. In rastloser Arbeit gelang es den Inhabern, als hervorragende Fachleute bekannt, durch erstklassige Qualitäten die Kundschaft zufrieden zu stellen. - Außer echtem Silber und allen bewährten versilberten Fabrikaten hat Sackreuter seit 75 Jahren ununterbrochen den Alleinverkauf der unverwüstlichen Ehristofle-Bestecke. Um nun ihrem Kundenkreis etwas besonderes zu bieten, bringt Sackreuter ein Besteckmuster in außerordentlicher Güte mit 100 Gramm Versilberung zu einem äußerst billigen Preise heraus und gibt außerdem — während der Zeit des Jubiläums-Verkaufes vom 1. November bis 1. Dezember — auf dieses Besteck einen Jubiläums-Rabatt von 10 Proz. Auch auf die übrigen Waren, ausgenommen Marken- und Silberbestecke, gibt Sackreuter ebenfalls in dieser Zeit 10 Proz. Rabatt. Damit jedem die Möglichkeit eines Kaufes gegeben ist, werden angezahlte Waren bis Weihnachten retourgelegt. Von dieser Vergünstigung sollte jeder Gebrauch machen, zumal Sackreuter als Spezialgeschäft über eine reiche Auswahl aparter Geschenkartikel verfügt._ Zigarren ACk Wolf Zeil "fr Tel. Hansa 27930 Wochenkalender vom 29. Okt. — 5. Nov. 1933 29. Tischri — 6. Marcheschwan 6693 | '»3' «n nL'a '»03 '373 n’»K73 Samstag Okt. 29 m»n 29 xfy _ „ »7NN 1'373v wamst, ab. 8 U. 303/a M. Sonntag 30 30 » »70 »K77 'K 01' Montag 31 p»m» 1 a nm »7N »877 '3 03' Dienstag 2 1 2 3 Mittwoch S 2 3 7 Donnerstag 3 4 n Freitag 4 5 i Samstag 5 6| r näj Verantwortlich für den allgemeinen Teil und das Feuilleton S. Schachnowitz, Frankfurt a. M.; Inserate i. V.: S. S ch a ch-. nowitz, ebenda. — Für die pädagogische Beilage: Lehrer L. Kaufmann, in Sprendlingen (Kr. Offenbach). — Verlag oes Israelit und Hermon G. m.b. H., Frankfurt a. M. — Druck Hermon Druckerei, Frankfurt a. M

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