Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1932-10-27 · Heft 44 (27.10.1932) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
73 (1932)
Issue
Heft 44 (27.10.1932)
Date
1932-10-27
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2446951-2450704-2450746--79162-2536925
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

s 44 Q'-Yi An zaristischen Rußland pflegte jeder „poritz" (Rittergutsbesitzer), jeder General, jeder Fürst seinen Iu ö en zu haben. Sein Jude war immer der beste, ehrlichste, klügste Jude, wenn nicht der einzige ehrliche und kluge Jude auf der Welt. Alle anderen Juden waren ihnen gleichgültig. Alan verachtete sie zu sehr, um sie zu hassen. So lebte in einem kleinen jüdischen Städtchen ein jüdischer Schneider, sogar „Alilitärschneiöer". Salman hieß er mit Rainen. Dieser Salman war persona gratabei dem General der in Städtchen und Umgebung stationierten Garnison. Cr pflegte für das Heer die Uniformen und die Aläntel, oft sogar für Offiziere und den General selbst auszubessern und herzurichten. Die Beziehungen zum General erbte er von seinem Vater, und dieser von s einem Vater. Ls war ein Erbrecht, das von Vater auf Sohn überging. Auf diese weise war Salman schon beinahe selbst ein hoher Würdenträger im Städtchen. Cs erschienen Deputationen bei ihm, er möge sich beim General für diese und jene Sache, für Koscherverpflegung oder Festurlaub der jüdischen Soldaten verwenden. Salman pflegte, wie alle Würdenträger, böse aufzubegehren: - „was, schon wieder? Ich kann nicht immer und immer seiner Exzellenz das Haus einlaufen!" Aber er ging dennoch hin und richtete wirklich alles aus. Zum Lohne dafür hatte Salman, der Schneider, einen Ehrenplatz in der Synagoge und pflegte oft mit Chrenfunktionen bedacht zu werden, die sonst gerade nicht zu den Privilegien von Schneidern gehören. Einmal geschah es, daß Salman in die Kanzlei des Generals kam, um Arbeit abzuliefern. Der General stand am Tisch mit seinem Adjutanten, über eine große Landkarte gebeugt, ganz vertieft in Studien der einzelnen Striche, die sie mit Radeln und Fähnchen absteckten. Unbeachtet stand der Schneider etwa zehn Almuten lang da, bis daß er sich durch dreimaliges Duften bemerkbar machte. „So, so, der Salman," entdeckte ihn der General, wohlwollend, etwas erschöpft. „Zu Befehl," bestätigte der Schneider und nahm, so gut er konnte, militärische Haltung an. „Ra, komm' mal her, Salman," wurde der General noch herablassender. „Du beklagst dich beständig über schwere Arbeit und glaubst wohl, unsereiner tut gar nichts. Jetzt sieh mal da, wie wir schon feit langen Stunden arbeiten und schwitzen. Vielleicht kannst du uns helfen, bist ja ein kluger, jüdischer Kopf, ^Salman." „Gehorsamst zu Befehl," stellte sich Salman dem Vaterlande zur Verfügung. „Also höre, dcc kommt ein Befehl vom Hauptquartier, das U l a n e n r e g i m e n t von hier schleunigst nach Irkutschk zu verlegen, dagegen sollen die Dragoner von Irkutschk hierher nach dem Städtchen dirigiert werden. Cs muß aber rasch, sehr rasch gehen und ohne große Kosten. Ich bin persönlich für die prompte, billige Ausführung.verantwortlich. Jetzt bedenke einmal, Salman, ein ganzes Regiment, tausend Menschen, Pferde und Bagage dazu, machen sich auf den weg nach Irkutschk. Die Eisenbahnen sind verstopft. Ebenso viele Menschen und Pferde marschieren und traben von Irkutschk hierher, weite schlechte Wege. Ich bin doch kein Hexenmeister, daß ich so etwas in ganz kurzer Frist und auch noch billig bewerkstellige. Die Menschen müssen doch unterwegs ruhen, die Pferde auch. Offiziere wollen trinken . ..." „Rasch und billig?" fragte der Schneider nachdenklich. ' „Jawohl, rasch und billig." „Da weiß auch ich keinen Rat," gestand der Schneider das Ende feiner Staatskunst ein. „Oder warten Exzellenz. Eine Frage . . ." „Ra?" „Kennt der Zar die Soldaten von Irkutschk und die Soldaten von unserem Städtchen alle nach Aussehen und Ramen?" Der General schüttelte sich vor Lachen. „Richt einmal die Offiziere kennen alle ihre Mannschaften von Angesicht und bei Ramen." „Haben die Dragoner in Irkutschk andere Gäule, einen anderen Cid geleistet?," forschte der Schneider weiter. „Rein, mein Lieber, alle Soldaten haben den gleichen Cid für den Zaren geleistet. Die Gäule sind bei der Kavallerie überall die gleichen. „Und der Dienst, Exzellenz?" „Bei der Reiterei so ziemlich überall der gleiche." „Und wag macht dann also den Unterschied zwischen den Ulanen und den Dragonern?" „Die Ulanen hier tragen ja, wie du am besten weißt, rote Hosen und weiße Kappen, die Dragoner in Irkutschk dagegen blaue Hosen und rote Kappen." . „Ist das alles, Exzellenz?" „was denn sonst?" „Dann weiß ich Rat." „Sprich, Salman." Der Schneider kratzte sich ganz unmilitärisch am Hinterkopfe und begann: „Ich komme morgen mit hundert großen Kisten, — soviel werden wir im Lager und in der Kantine aufbringen — dann packen wir alle roten Hosen und weißen Kappen in die Kisten und schicken sie unter Bewachung von zwei Soldaten mit der Bahn expreß nach Irkutchk. Dort werden die Sachen ausgepackt und die bläuen Hosen und roten Kappen in die Kisten gepackt. Die Kisten kommen auf dem schnellsten Wege mit der Bahn hierher. Dann haben wir in einigen Tagen ganz nach Wunsch des Hauptquartiers h i e r d i e D r a g o n e r und in I r k u t s ch k d i e U l a n e n. Der General überlegte eine weile und lachte. „wirklich ein kluger jüdischer Kopf, wie würden manche schwierigen Probleme, über die sich die Menschen und Völker den Kopf zerbrachen, an denen sie sich gelegentlich auch die Köpfe blutig zerschlagen, glatt und spielend auf die einfachste Art nach dein Rate von Salman, dem Schneider, gelöst werden können! ..." Ein Alädchenpenfiovak, und mehr als das ... Es war im Jahre 1930, in den Tagen zwischen Rosch-Haschono und Jom Kippur. Sabbatnacht: war ich/ von Basel kommend, in Montreux angelangt, wo ich ein Fest in der Jeschiwa mitfeiern sollte. Es war nach Mitternacht, als mich mein Freund, Rabbi Elijahu Botfchko, mit dem Stabe seiner Getreuen aus dem dunklen französischen Wagen herausholten. Wer je ein Mitternachtbild am Genfer See erlebt hat, weiß, daß man, plötzlich zwischen das dunkelleuchtende Wasser und die nächtliche Felsenwand verzaubert, sich eine Weile Zeit lassen muß, um sich vom Banne zu lösen. In einen der größten und modernsten Hotelpaläste, für mondäne Engländer und .Amerikaner berechnet, hat dort ein jüngerer tüchtiger jüdischer Restaurateur, Herr Reisler, einen Koscherbetrieb hineingebaut, so harmonisch, daß man im ersten Augenblicke glaubt, die lichtumflossenen Flure und Hallen, all die luxuriösen Fremdenzimmer mit den'Blumenbalkonen nach dem See seien nur Peripherie zu dem kleinen Gemach im Souterrain, in dem das rituelle Essen verabreicht wird. Ich fand die Idee, auf diese weise, dem jüdischen Reisepublikum, bei allem schönen Komfort, sozusagen mitten in der erlesenen Pracht und Eleganz eines großen Hotels eine kleine Insel der Jüdischkeit, mit Mesusa und Thorarolle, mit Bohnensuppe und Koscherwein, mit Seder am Pessach und Laubhütte am Sukkaus, ganz köstlich und nachahmenswert. Nach kurzem Schlaf weckte mich ein Morgen, der von drüben, den französischen Bergen, in nie erlebter Schönheit über den glatten Wasserspiegel näher und näher rückte. Richtiger, ich weckte ihn, den Morgen, mit Slichausgebeten. Dort, wo es blutrot am östlichen Horizont leuchtet: der Thron des Erbarmens, auf dem der Vater und Richter sitzt. Und der Strahl, der steil wie eine Feuersäule in den See hinuntersteigt, um sich greift und immer breiter und heller wird: der Strahl der väterlichen Liebe und des Erbarmens, der sich von oben auf die Erde herabläßt. Was da über dem Wasser fliegt und im Chore schreiend sich der aufsprießenden Sonne entgegenbewegt: die Engel des Erbarmens, die Träger des Gebetes, vollbeladen mit den jüdischen Tränen und Seufzern . . . Nie habe ich solchen Morgen erlebt, nie solche Gebete dem Morgen entgegengeschickt. Ich war nicht allein im Zwielicht des Vlumenbalkons. Eine ganze Natur betete mit mir, Berge, Seen, Möwen, und auch Sirenen im Hafen, letzte Signale für Abfahrt . . . Und dann war der Morgen ganz da, ein schillernder Herbstmorgen, wie man ihn nur im mildesten Winkel am Genfer See erleben kann, bei kristallklarer Luft, die die Bergspitzen bis zur höchsten Höhe greifbar nahe erscheinen läßt, die das blaue Wasser wie ein Becken voll fließenden Stahls in allen Farben glitzern läßt. Hinaus in den jungen Tag, ins Freie, in die Landschaft, in die Pracht, egal wohin. Das schien mir in diesem Momente Gebot, Pflicht, eine natürliche Fortsetzung der' Slichaus . . . Ich wandele den See entlang, so jung wie der Morgen, innerlich mit all dieser Pracht, die zu groß ist, um nur zu erheitern, aber zu prächtig ist, um zu bedrücken, vermählt. Ich bin allein, aber umvölkert von Dingen, umrauscht von Farben, die alle für mich lebendiges Leben haben. Der Sonnenregen auf dem blauen Wasser, die feuerrote Blume aus dem herbstsatten Grün am Ufer, die schreiende Möwe, sie zeigen den Weg an. Hotelpaläste werden von herrlichen Parkanlagen abgelöst. Wenig Menschen, denn es ist Sonntag Morgen Alle paar Meter eine Landungsstelle mit einer weit ins Wasser hineinlangenden Holzbrücke. Dampfer, große und kleine, weiße und bunte, fauchen vorbei, mit wehenden Fahnen und fröhlichen Menschen. Sie kommen von Genf und segeln weit ins Französische hinein. Ich merke kaum, wie die Stadt hinter mir längst verschwunden ist. Abgemähte Felder, dunkle Wiesen, grüne Rübenäcker. Blauschwarze Trauben in grünem Kranze leuchten auf den sanften Hängen, im Tale bis zum Wasser, Wiesen, Gärten, Blumen, Fischerhäuschen. Dazwischen der schmale weiße Kiesweg, auf dem ich wandele, immer weiter in den sonnigen hellen Herbstmorgen. Kleine Häusergruppe, einzelne Villen am Wege. Hier sogar ein Dörfchen, ein Weiler. Ich frage nicht, wie die Ortschaften heißen, was jenes und dieses Gebäude bedeuten. Namen und Ortsbezeichnungen hätten meine Illusion gestört. Berg und Wasser und Vlumenlandschast. und darüber ein hellblauer Himmel, und höher oben „Er, der thront auf dem Stuhle des Erbarmens . . ." Grandiose Slichaus, darin der See die Tränen, die Berge den Aufstieg und die Sonne die g'ttliche Gnade bedeuten. Ortsnamen wären Ablenkung. Andachtsstörung gewesen. Da bleibe ich wie gebannt vor einem schönen Garten stehen, dessen Akazien und Zypressen zwischen weit gespreizten Edeltannen hoch über die eisernen Gitterstäbe hinausragen. Ein Park wie viele andere hier am See. Was mich bannt, ist die breite, helle Fassade hinter den Bäumen, die bei aller massiven Größe Traulichkeit eines Familienheimes hinter sich ahnen läßt, und Stimmen, helle Mädchenstimmen, die in den sonnigen, duftenden Morgen hineinklingen, als gehörten sie dazu. Und aus dem munteren Stimmengewirr vertraute Laute, bekannte Worte. Die Stimmen erlöschen, weil durch die offene Türe zu einem Salon Klavierspiel dringt, die Musik ist Kol n i d r e . . . Als hätte meine Wanderung hier ihr Ziel erreicht, schaue ich durch das niedere Gartentor und lese die Aufschrift über dem Hauseingang: „Pensionat de Jeunes Filles. Maria Marcus, Montreux-Claren s." . Eine Weile bleibe ich sinnend stehen. Wo war ich dem Namen schon einmal begegnet? Nichtig, es war im Winter des Vorjahres, da ich zum ersten Male Gast der Jeschiwah zu Montreux war, und am Freitag vormittag zum C a u x hinauffuhr, wo ich das gleiche Pensionat beim Wintersport antraf. Eine Schneeballenschlacht tobte, und ich erinnere mich jetzt klar, wie die kleine Engländerin sich an mich heranpirschte und zwischen Englisch und Deutsch holperig herausbrachte, sie hätte eine Bitte an mich, eine ganz große Bitte. „Eine Bitte? Gewiß/ bis zum halben Königreich." Nein, soviel wollte sie nicht, .nur ein wenig Schnee sollte ich nach ihr oder den anderen werfen. „So ein ganz klein wenig, bitte, bitte, damit ..." „Damit?" „Damit wir auch d i ch abwerfen können." „Abwerfen, den Berg hinunterwerfen?" „Bewerfen," berichtigte ihre deutsche Freundin. Und als diese ihrer englischen Kameradin noch einen sanften Rückenstoß versetzte, wurde die Engländerin schamrot. Sie schämte sich — nicht etwa wegen der Zumutung, auch nicht wegen des schlechten Deutsch, aber es fiel ihr nun zu ihrem Entsetzen ein, daß, im Gegen-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.