Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 44 (27.10.1932)
- Date
- 1932-10-27
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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27. Oktober 1932 D e r I s r a el it Nr. 44 Seite 7 Die Woche. Israelitische Volksschule. Wie uns die Verwaltungskommission mitteilt, findet am Sonntag, den 20. November, vorm. 10.30 Uhr, im großen Saale des Volksbildungsheimes eine akademische Feier aus Anlaß. des 50jährigen Bestehens der Schule statt. Hierzu sind die Eltern der die Schule besuchenden Kinder, die ehemaligen Schüler und Schülerinnen, die Gönner und Freunde der Anstalt herzlichst eingeladen. Je 2 Eintrittskarten für jeden Haushalt können — solange Vorrat reicht — ab Montag, den 7. November beim Pedell der Volksschule, im Büro der Israelitischen Religions-Gesellschaft und beim Portier des Volksbildungsheimes unentgeltlich in Empfang genommen werden. Am Vorabend, Samstag den 19. November, findet um 8 Uhr abends in der Aula der Samson Raphael Hirsch- Schule in einem durch die Zeitverhältnisse bedingten, bescheidenen Rahmen eine festliche Veranstaltung statt. Eintrittskarten zu Mk. 1.— und zu Mk. 0.50 können gleichfalls ab Montag den 7. November beim Pedell der Volksschule oder im Büro der Israelitischen Religions-Gesellschaft abgeholt werden. Diese Veranstaltung wird am Mittwoch den 23. November, abends 8 Uhr, im gleichen Saale und mit gleichem Programm wiederholt. Hierzu find Eintrittskarten zu Mk. 0.50 und Mk. 0.30 bei den bereits genannten Stellen erhältlich. Oberkankor Israel Baruch Nach längerem Leiden verstarb am Dienstag o"»nin, Israel Baruch und wurde am Mittwoch in stiller Trauer, wie es die Festtage geboten, auf dem Friedhofe der Israelitischen Religionsgesellschaft unter großer Beteiligung zur letzten Ruhe gebettet. Baruch, der „Gesegnete" — der Name war Symbol und Programm! 43 Jahre amtierte er als Oberkantor der Israelitischen Religionsgesellschaft zu Karlsruhe, nachdem er früher schon in kleineren Gemeinden die erste Weihe für sein heiliges Amt erhalten hatte. Ein halbes Jahrhundert stand er am Omud, ein treuer Diener seines Herrn, ein idealer nax Wie er es verstanden hatte, die Gebete seiner Gemeinde vor G'tt zu verdolmetschen, war er Baumeister, der an der Entwicklung der orthodoxen Gemeinde in Karlsruhe an der Seite großer Männer wie I. H. Ettlinger, Samuel Straus, Rabbiner Dr. Schiffer u. a. zu seinem Teile treulich mitarbeitete. In ganz jungen Jahren kam er, ein tüchtiger rrn, aus einem thoradurchtränkten Milieu im Osten nach Deutschland, und alles, was in seiner reichen Seele an Innigkeit, an G'ttsehnsucht, an Gemütsreichtum saß, lieh er in Melodien hinaus- und hinausklingen, die die Gemeinde zu den Höhen seiner eigenen Jugend mitrissen. Wer denkt nicht in Karlsruhe an die oanu aw'-Gebete des 'Kantor Baruch, wer nicht daran, wie er beim Leinen in Tönen und Tränen Hagar, die Mutter am Lager des schmachtenden Kindes, und Abraham, den Vater am Opferaltare des Sohnes, vor feiner Gemeinde in erschütternder Plastik erstehen ließ. Ja, Tränen, „der Schweiß Ein Freitag-Abend im Heim des Indischen Frauenbundes Neu-Ifenburg. In der Stille des grünen Waldrandes, die Luft durchflutet von dem herben Duft der Tannen, steht ein kleines Giebelhaus, mit weißen Gardinen, die freundlich aus den Fenstern entgegenwinken. Die Fenster sind offen und eine milde Abendsommerluft spielt im Laub der umfriedenden Birken. Ein niedriges weißgestrichenes Gittertor lädt ein zum Nähertreten; ich brauche nur die Klinke zu drücken, und schon bin ich im Garten, schon stehe ich an der Türe des Hauses. Eine Schar fröhlicher Kinder kommt mir aus der Tür, die sich unterdessen wie von elbst geöffnet hat, entgegen und bringt mich aus meinen Erinnerungen in die Gegenwart zurück. „Da ist sie!" rufts durchs Haus. Ich bin erwartet und habe wohl etwas lange auf mich warten lassen. Ich bin eingetreten: die Kinder, alle festlich, mit strahlenden Gesichtern, in weißen Schürzchen und frischen Kleidern, jedes nach seiner Art, stehen längs des feiertagsmäßigen und doch so einfachen Tisches, der sich durch zwei Zimmer hindurch zieht, vom Glanz des letzten Abendschimmers, aus zwei gegenüberstehenden Fensterreihen erhellt. Es wird still, Hannah Karminski drückt liebevoll mütterlich die „Kleinen" an sich; Bertha Pappenheim erhebt die Hände und sagt den Segensspruch über die Schabboslichter; dann ertönt aus 60 frohen Kinderkehlen zart und frisch das L'cho Daudi. Der Schabbos ist eingezogen ins Jsenburger Heim. Hinten im Garten, im anderen kleinen Haus, schlafen ruhig und zufrieden nach dem sonnigen Tag, die'Säuglinge und die Krabbelkinder in ihren weißen Vettchen, in kleinen Zimmern zu dritt, zu viert . . . Draußen ist es dunkel geworden, ganz dunkel und ganz still; desto heller und eindrucksvoller leuchtet die große Schabbosstube in die Nacht und desto inniger und lauter tönt das „Scholaum Alechem" hinaus in die bewegte Luft. Ich schaue mir die frohen Sänger an: kleine Mädchen mjt Zäpfchen und Lockenhaar; kleine Buben mit putzigen schwarzen Käppchen auf dem braunen Kops; schelmische Gesichter der Schuljugend und lustige, stolz auf die Pflegebefohlenen schauende Blicke der „älteren", der arbeitenden Seele", wie sich S. R. Hirsch ausdrückt, zeichneten den Weg und das Werk Israel Varuchs. Wie er in Tränen am Omud feine nach G'tt dürstende Seele a*» Liirm zerfließen ließ, so war außerhalb der Synagoge seine Aufgabe, Tränenzu trocknen. Er war nicht ivn fcxm im gewöhnlichen Sinne, er war der o"ay am« in optima torma. In Karlsruhe wie später in Frankfurt bedeutete der Name Baruch für die Armen — diejenigen im täglichen Kampfe um das kleine -Leben, wie die verschämten mit ihren großen Sorgen — Segen, Trost, Hilfe, Ausweg. Es gehörte schon in den letzten Jahren geradezu zum täglichen Bilde unseres Gemeindelebens: Herr Baruch auf dem Wege zur Synagoge, Herr Baruch auf dem Wege aus der Synagoge, umringt, umschwirrt, umlächelt von den Armen, die von allen Seiten, wie aus der Erde gewachsen, sich um ihn sammelten, um aus seiner Hand die kleine Gabe zu empfangen. Bei Namen nannten sie ihn alle. Von ihrem Danke begleitet, betritt er sein einsames Heim, und schon ist dieses belebt von anderen, „schwereren Fällen", deren Lösung mehr Nachdenken und größere Opfer erheischen, und Baruch ermüdet nicht. Sein Auge lacht und aus dem Munde fließen ruhige tröstende Worte, als würde ihm beim Geben eine große Gnade zuteil ... In den letzten Jahren zog sich Baruch in den Ruhestand zurück und nahm sein Domizil in Frankfurt, wo er sich schon in kürzester Zeit eine Ehrenstellung in der Gemeinde erwarb. Er war nicht zu bewegen, seinen Platz in der Synagoge in den hintersten Reihen mit einem anderen, ihm gebührenden, zu vertauschen. Hier stand der aufrechte schöne Mann, dem man bis zu der letzten Krankheit das Alter kaum ansah. ganz in sich, in sein Gebet versunken, zurückversetzt wohl in jene Zeit, da er nicht allein für sich, sondern für eine ganze große Gemeinde betete. Kein Schiur und keine Lerngelegenheit im Mekor Chajim oder im Liwjath Chen, die er versäumte, und immer hatte er nachher etwas zu bemerken, was dem Dozenten zur Bereicherung diente. Sahen wir den Mann von der Synagoge morgens ins Lehrhaus und von dort über den Synagogenhof auf die Straße gehen, wo „seine Freunde", die Armen, seiner harrten, so hatten wir vor uns eine ideale Verkörperung von rrmi miay min* In den Tagen des Festes, die früher für ihn die Tage der höchsten Erhebung waren, ging er von uns. Der Mund, der ein halbes Jahrhundert um diese Jahreszeit Gebete der Versöhnung und Danklieder des Halle! G'tt anstimmte, schloß sich für immer. Er fühlte auf dem Krankenlager die Neilastunde kommen und ging, mit Dank für das, was ihm G'tt in einem reichen Leben gegeben, auch für das, was er ihm auserlegte, von dannen, zwischen der Weihe und der Freude, die sein Leben stets ausströmte. Er wird uns, indem wir sein Andenken in Liebe und Treue wahren, noch weiterhin zum Segen gereichen. '»§i» jna na. Minterbegmn im Verein Alekor Chajim. Mit n'twm nav beginnt der neue Winterlehrplan. Die während des Sommerhalbjahres durchgeführten Schiurim werden in unveränderter Weise auch während der Wintersaison fortgesetzt. Außerdem aber werden folgende Veranstaltungen neu ausgenommen: Wie in früheren Jahren findet von jetzt ab der Mikroh-Vortrag wieder Freitag abend im Anschluß an die mithelfen dürfen und draußen in die Lehre gehen. Andere Gäste sind unterdessen hinzugekommen: Dr. Käthe Mende (Archiv für Jugendwohlfahrt), Dr. Hildegard Böhme (Deutsches Rotes Kreuz) und Selma Jollowitz „Jetzt zu Tisch!" Die Kinder lassen es sich nicht nochmal sagen, und nehmen jedes, fein sachte und behutsam ihren Platz am Tische. Oben erhebt sich Bertha Pappenheim weihevoll und einfach und spricht klar und deutlich, daß man es auch ganz unten hören kann, den Kiddusch und den Segensspruch über, die Brote. Jedes Kind bekommt feine Mauzi und so ist der Bann gebrochen, das gedämpfte Geplauder kann wieder beginnen. Bis Frl. Karminski aus dem großen Kessel die dampfende Suppe ausgeteilt hat. Wie das schmeckt! Viele verlangen einen zweiten Teller. Ja, man hat hier guten Appetit und die rosigen Gesichter, die runden, drallen Bäckchen und die strammen Gestalten beweisen, daß es im Heim immer gut und reichlich zu essen gibt. Aber heute Abend! Ich staune über die riesigen Fischportionen, die mit beneidenswerter Selbstverständlichkeit bewältigt werden und sehe, daß auch die Kleinen noch mal ihren Teller der unermüdlich austeilenden Hannah Karminski hinreichen, damit wieder Fisch und Kartoffel und Salat drauf gelegt werden. Und ich beobachte mit wachsender Bewunderung, wie nett und ungezwungen all die Großen und Kleinen da sitzen und froh, aber! nicht gefräßig, frei aber nicht ausgelassen, bescheiden aber nicht geduckt sich unterhalten, ohne die Gespräche der Erwachsenen, oben am Tisch zu stören. Manch fragender, neugieriger Blick ist dorthin gerichtet, aber Bertha Pappenheim flößt eine besondere Ehrfurcht ein, so daß alle sich bemühen, recht brav zu sein. Es sind keine „Musterkinder": einmal muß Frl. Pappenheim sanft mahnen: „etwas leiser, liebe Kinder" und sofort gehorchen alle, während stumme Blicke die verehrte, geliebte „Mutter" um Verzeihung bitten. Es hat noch gutes Kirschenkompott gegeben aus dem eigenen Garten; alle sind stolz darauf, denn ein jedes hat dabei geholfen: beim Pflücken, beim Belesen, beim Entkernen. Dann ertönen wieder die Stimmen: Schir Hamaalaus. Eines der Kinder, das eben die Ehre hat, sagt schön und verständnisvoll das Tischgebet, von Anfang bis zu Ende, und alle folgen aufmerksam. den G'ttesdienst im Hörsaal, Friedberger Anlage, statt. Die Vortragsreihe wird diese Woche, iwK'ia«' durch Herrn Redakteur S. Schachnowitz eröffnet. Die weiteren Dozenten werden jeweils durch Anschlag und in der lokalen jüdischen Presse bekanntgegeben. Außerdem finden von jetzt ab wieder die beliebten Sonntag Nachmittags-Vorträge im Vereinslokal statt, und zwar jeweils um 6 Uhr nachm. Es spricht diesen Sonntag Herr I. Soffer über via». Für die weiteren Sonntage haben bereits eine Reihe prominenter Redner ihre Mitwirkung zugesagt. Es wird auf die jeweiligen Veröffentlichungen an dieser Stelle, sowie auf die entsprechenden Anschläge verwiesen. Mit diesemwvnia rav ’Kyi» beginnt wieder unter Leitung des Herrn Dr. Markus Lange der Newiim-Kurs (v,w). Die Veranstaltung, die in den früheren Jahren großen Anklang gefunden hat, findet jeweils Samstag abend 8.30 Uhr im Nereinslokal statt.. Der im Frühjahr infolge Uebernahine des Mikroh- Lernens eingestellte Vortrag über äx-rr des Herrn Dr. Willy H o f m a n n wird nunmehr wieder ausgenommen. Der Vortrag findet je am nav nachmittag V, Stunde vor nm» im Vereinslokal statt. Als eine Erweiterung unseres Lehrprogramms haben wir ein Lernen für Anfänger und Jugendliche unter Leitung des Herrn Julius L e w i n neu ausgenommen. Das Lernen, vmrt mit Raschi, findet von diesem Freitag abend um 8 Uhr in der Wohnung des Herrn Lewin, Uhlandstr. 58. 3. regelmäßig statt. Wir erwarten, daß diese Veranstaltung in den in Frage kommenden Kreisen Anklang findet, um auch weitere derartige Schiurinr für Anfänger ins Auge fasten zu können. Das Iubiläum der Iüdischen Frauenvereinigung E. V. Bezugnehmend auf ihre schriftliche Einladung bringt der Vorstand der I. F. V. den Mitgliedern zur Kenntnis, daß der I u b i l ä u m s - K a f f e e der Jüdischen Frauen Vereinigung am Mittwoch, den 2. November, nachm. 4 Uhr im Großen Saale der Frankfurt-Loge, Eschersheim er Landst r a ß e 2 7 stattfindet. Wir sehen gerne weiteren Anmeldungen von Mitgliedern und Gästen entgegen (Adr. Frau Sofie Blumenthal, Wittelsbacher Allee 7). Ein kleines Komitee ist emsig mit Vorbereitungen beschäftigt, um den Teilnehmerinnen einen gemütlichen Nachmittag zu bereiten. Iubilarinnen der Iüdischen Frauenvereinigung. Zum Berichte „25 Jahre Jüdische Frauenvereinigung" in der Frankfurter Beilage der jüngsten Nummer muß richtiggestellt werden, daß es sich bei der einen Jubilarin um Frau Hedwig Cramer handelt, die die erste Initiative zur Gründung der Jüdischen Frauenvereinigung ergriffen hatte und nun seit 25 Jahren ununterbrochen mit unentwegter Liebe im Vorstande der Vereinigung tätig ist. Agudistische Schülergemeinschaft. Die Vorträge der A. S. G. finden im Winter vierzehntägig im Heim der Jugendgruppe (Schwanenstr. 12) am Mauzoe Schabbos 20.30 Uhr statt. Ausnahmsweise findet der erste Vortrag diese Woche am Sonntag Abend statt. Gemeinschaftlich mit der Jugendgruppe veranstalten wir einen öffentlichen Vortragsabend am Soanntag. den „Wie in einer Familie" bemerke ich. „Es ist ja eine Familie" bestätigen zugleich bestimmt und selbstverständlich die beiden „Mütter"; die ältere, würdevoll Milde und Ernst ausstrahlend; die junge, kraftvoll, frisch, blühend. Und zuletzt, vor dem zu Bette Gehen — heute, am Freitag Abend darf man etwas länger aufbleiben — noch ein Stündchen geistvoller „Fidelitas". Die eine Ausländerin, Frau van Tyn, ist schon seit Mittag hier zu Gast und hat den Kindern viel erzählt aus Holland und all den fremden, weitentfernten Ländern, die sie mit Mann und Kindern bereist hat. Nun kommt die Reihe an mich: ich soll oon Rom erzählen, von dem großen neuen Tempel, der anstelle des alten-Ghetto sich in den „blonden" Wässern des Tiber spiegelt; vom Titusbogen und der Trajanssäule; von den Kindern des jüdischen Waisenhauses, die am Schabbos im schwarzen Hemd und schwarzer Troddelmütze in die Synagoge gehen; von den sieben Hügeln und der alten Insel im Tiber, wo, gegenüber dem. Hospital der Johanniter, das kleine jüdische Krankenhaus steht. Manchmal unterbricht mich Frl. Pappenheim, uni Fragen an die Zuhörer zu stellen, die alle aufmerksam meinem Geplauder gefolgt sind, die aber doch gar 31t gerne auch etwas eigenes dazu sagen möchten. Das hat Frl. Pappenheims mütterlicher Instinkt, ihre lange Erfahrung längst erraten; sie hat es auf den Gesichtern gelesen und darum meinem Eifer gesteuert. „Und nun zu Bett! Morgen bin ich ja auch noch da und kann weiter erzählen und Fragen beantworten." Die Kinder verteilen - sich in ihre Schlafzinuner, die in den oberen Stockwerken liegen und nach und nach wird es still und stiller im Jsenburger Heim. Wir Gäste gehen mit Frl. Pappenheiin sachte aus der Tür in die Sternennacht hinaus. Ich bleibe stehen und schaue das Haus noch einmal an, das mir in kurzen Stunden schon sö lieb und vertraut geworden ist. Hier waltet Liebe, hier wacht jüdische Mütterlichkeit und behütet jüdische Kinder. Hier läßt sichs aut wachsen und gedeihen. Liebe Kinder: gute Nacht! Fanny Dessau.